Psychologie Ich fühle, also bin ichSeite 5/5
Ihnen sprang, wie der Forscher vermutet, das Unbewusste zur Seite. Während der Verstand an der Sprachaufgabe knabberte, konnten die Eindrücke der Poster in aller Ruhe zu den tieferen Schichten des Gehirns hinabsteigen, wo unbewusste Prozesse eine Bewertung vornahmen. Und da die Rechenleistung des Unbewussten weitaus größer ist als die des Bewusstseins, war es den Probanden möglich, zahlreiche Aspekte des Posters in Betracht zu ziehen.
Umgekehrt gerieten jene, die bewusst über die Poster nachdenken sollten, schnell an die natürlichen Kapazitätsgrenzen, klammerten sich in ihrer Not an einige ausgewählte Details - und trafen dadurch eine schlechtere Entscheidung. »Das Unbewusste«, sagt Dijksterhuis, dessen Studie Ende dieses Jahres erscheinen wird, »ist manchmal rationaler als der bewusste Verstand.«
Mr. Spock, der gefühllose Halbvulkanier aus Raumschiff Enterprise, wäre im richtigen Leben ganz schön aufgeschmissen. Gerade jemand, der im Alltag nicht von seinen Gefühlen abgelenkt und verwirrt wird, könnte man meinen, müsste in der Lage sein, besonders rationale, besonders gute Entscheidungen zu treffen. Genau das Gegenteil trifft zu, wie auch die bekannteste Fallgeschichte des Neurologen Damasio unterstreicht: die Geschichte von Elliot.
Elliot, ein erfolgreicher Jurist, war ein Vorbild für seine Kollegen, ein liebevoller Ehemann und Vater. Bis ein Tumor von der Größe einer Zitrone sein vorderes Stirnhirn zerstörte. Das Geschwür wurde entfernt, doch Elliot war nicht mehr Elliot.
Verblüffenderweise war sein IQ völlig intakt geblieben. Dafür war seine Gefühlswelt zutiefst gestört: Elliot empfand so gut wie nichts mehr. Und mit diesem Verlust der Gefühle, schien es, ging auch Elliots Sinn für das Wesentliche im Leben verloren. Während der Arbeit konnte er stundenlang grübeln, wie er die Papiere auf seinem Schreibtisch ordnen sollte. Ständig verzettelte er sich. Elliot wurde gekündigt, und schließlich ging auch seine Ehe in die Brüche.
Damasio ließ Elliot und weitere Patienten mit ähnlichen Schäden des vorderen Stirnhirns ebenfalls an dem Kartenspiel teilnehmen. Dabei zeigte sich: Weder schlug bei ihnen der Lügendetektor aus, sobald sie nach den Stapeln mit den gefährlichen Karten griffen, noch änderten sie im Laufe des Spiels ihr Verhalten. Selbst als sie das System durchschaut hatten - was bei dem hoch intelligenten Elliot nach wenigen Runden der Fall war -, bedienten sie sich weiterhin von den riskanten Karten. Es war, als könne der Verstand ohne das warnende Gefühl die Patienten nicht zu einer vernünftigen Entscheidung veranlassen.
Lange hat man das Gefühl gegen den Verstand ausgespielt. »Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Geist ein treuer Diener«, sagte Einstein und kritisierte: »Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.« Allmählich aber, so scheint es, weiß man das Geschenk, von dem Einstein sprach, wieder etwas mehr zu würdigen. Nun jedoch den Verstand zu verteufeln und die Gefühle kritiklos zu verehren hieße allerdings, in den umgekehrten Fehler zu verfallen. Verstand und Gefühl haben beide ihre Stärken. Wann also sollte man sich auf sein Gespür verlassen - und wann den Kopf einschalten?
Regel Nummer eins: Wer bereits Erfahrung auf einem Gebiet hat, kann sich meist auf sein Bauchgefühl verlassen. Ist man dagegen ein blutiger Laie, profitiert man oft davon, sich mehr Zeit zu lassen, sich ausführlicher und bewusst mit der Situation auseinander zu setzen.
Untersuchungen, in denen man die Leistung von Experten mit der von Novizen verglichen hat, untermauern diese Regel. So hat die Psychologin Sian Leah Beilock von der Universität von Chicago kürzlich beobachtet: Profi-Golfspieler schlagen den Ball dann am besten, wenn man ihnen keine Zeit lässt, um über ihren Schlag nachzudenken; bei Anfängern verhält es sich genau umgekehrt. Regel Nummer zwei: Je unübersichtlicher die Situation, desto öfter versagt die Analyse - und die Intuition entwickelt Vorteile.
Einen Hinweis erbrachte Gerd Gigerenzer mit einem kühnen Versuch. Er fragte Passanten in München und Chicago anhand einer Liste mit den Namen von Aktienunternehmen, welche davon sie kannten. Dann investierte er 50 000 Euro in jene Firmen, die fast allen geläufig waren. Ein halbes Jahr später hatte sein Portfolio nahezu alle Analysen hochinformierter Investmentanalysten geschlagen. Er hatte nach einer Faustregel, die wir oft intuitiv anwenden, gehandelt: Nimm das Bekannte!
Vernünftige Erwägungen in den Wind zu schlagen und seinen Gefühlen blind zu folgen kann jedoch ebenso ins Verderben führen wie Analysewut und Hyperrationalität. Vor wenigen Jahren berechnete Gigerenzer anhand von Daten des US-Verkehrsministeriums die Zahl der Verkehrstoten nach dem 11. September 2001 in den USA, als die Menschen aus Angst vorm Fliegen aufs Auto umgestiegen waren. Die Zahl der Todesopfer in den drei Monaten nach 9/11 lag um 350 über dem langjährigen Durchschnitt und überstieg damit die Zahl derjenigen, die in den abgestürzten Flugzeugen ums Leben gekommen waren.
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Wie fühlen wir?
Hirnstamm, cortex, mandelkern
Langsam entdecken Neurowissenschaftler derzeit jene Hirnstrukturen, die uns fühlen lassen. Im Mittelpunkt steht das so genannte limbische System, ein Netzwerk aus zahlreichen Hirnregionen, die stammesgeschichtlich zu den älteren gehören und unter der Großhirnrinde liegen. Es ist vor allem für das unbewusste Verarbeiten und Bewerten von Emotionen zuständig. Die bewusste Verarbeitung findet vorwiegend im präfrontalen Cortex statt. Zum limbischen System zählen auch die beiden Mandelkerne nahe der Ohren ebenso wie der insuläre Cortex und ein Gebiet im Hirnstamm, das man als »Belohnungssystem« bezeichnet und dessen Aktivität mit guten Gefühlen einhergeht. Im Mandelkern werden überwiegend negative Gefühle wie Ekel, Angst und Ärger ausgelöst. Aber nicht nur: Ist zugleich das Belohnungssystem erregt, stellt sich ein Gefühl freudiger Überraschung ein. »Der Mandelkern wühlt uns emotional auf«, sagt der Hirnforscher Gerhard Roth - wie wir uns dabei genau fühlen, ob verängstigt, verärgert oder glücklich, hängt von der Aktivität weiterer Areale des limbischen Systems ab.
- Datum 23.04.1998 - 06:23 Uhr
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- Quelle ZEIT Wissen 2/2006
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