Psychologie Kein Gefühl, nirgendsSeite 4/4

Warum werden Alexithymen Gefühle nicht bewusst wahr? Vieles spricht dafür, dass in ihren Gehirnen das limbische System (siehe Kasten auf Seite 18) nicht richtig mit dem präfrontalen Cortex vernetzt ist. Entdecken wir etwa eine Schlange, schlagen die für Angst zuständigen Mandelkerne Alarm: Das Herz schlägt schneller, Adrenalin wird ausgeschüttet - wir machen uns aus dem Staub, noch bevor uns die Gefahr bewusst ist. Im präfrontalen Cortex nehmen wir die Gefühle dann bewusst wahr. Dort erleben wir die Angst als Angst - und reflektieren, warum wir sie empfinden. Wird uns klar, dass die Schlange eigentlich nur ein großer Regenwurm ist, gibt diese Region Entwarnung. Ein Ventil wird geöffnet, der Dampf abgelassen, der Affekt gedämpft. Bei Alexithymen funktioniert das offenbar nicht. Deswegen stehen sie ständig unter Druck und werden oft krank.

Die Hoffnungen ruhen derzeit auf - langwierigen - Gesprächs-, Körper- oder Gruppentherapien, um den Patienten das Tor zur Welt der Gefühle wieder zu öffnen. »Auch die Gehirne Erwachsener sind noch unglaublich wandlungsfähig«, sagt Matthias Franz, Professor für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uniklinik Düsseldorf. Mit dem Psychologen Ralf Schäfer wertete er in einer Studie EEGs von Personen aus, denen abwechselnd Gegenstände sowie unterschiedlich emotionale Gesichter gezeigt wurden. Nach zwei Zehntelsekunden zeigt eine deutliche Zacke, wenn das Gehirn ein Gesicht erkennt. »Weil das Gesicht eben zentral für das Wahrnehmen von Emotionen ist«, sagt Franz. Und nach drei Zehntelsekunden beginnt das unbewusste Einordnen und Bewerten des Bildes im limbischen System. 

Die Ergebnisse der Studie: »Gehirne von Alexithymen reagieren nicht nur auf alle Bilder mit schwächeren Signalen, sie beschäftigen sich auch kürzer und weniger intensiv mit Gesichtern«, erklärt Franz, der zwei Gruppen mit je 20 Alexithymen betreut.

Hannes Roth geht bereits seit langem zu einer Therapeutin und hat zum ersten Mal das Grab seiner Mutter besucht. »Ich erfahre viel, was man mit Kommunikation so machen kann, soll, muss, darf«, sagt er. »Das Wichtigste ist, dass ich jetzt selbst an mir arbeite.« Ob am Ende nur sein Verstand lernt oder er bewusst nachfühlen können wird, was andere fühlen - niemand weiß es.

Für seine Ehe würde das ohnehin zu spät kommen. Vor zwei Jahren beschloss Rita Roth, noch einmal von vorn anzufangen - und zog aus dem kleinen weißen Haus mit den drei Satellitenschüsseln auf dem Dach aus.

* Namen aller Patienten geändert

 
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