Doc macht Inventur. Eigentlich hat er die schon zweimal gemacht. Aber als könne er seinen Augen nicht trauen, macht er sie noch einmal. Er läuft durch das Parlamentsgebäude in Monrovia. Seine Schultern hängen herab, und die Aktentasche pendelt an seinem Bein entlang. »Nichts«, ruft Doc mit seinem Schleswiger Akzent, »rein gar nichts.« Er weist in den leeren Sitzungsraum, in dem alle Stühle fehlen, ebenso die Steckdosen, Türgriffe und viele Deckenpaneele - gestohlen von Plünderern oder mitgenommen von Bediensteten als Ersatz für nicht gezahlte Gehälter. Stille. Einzig unten im Archiv klappert eine Schreibmaschine, eine abgegriffene Olivetti Linea 198, auf der eine Sekretärin mit zwei Fingern tippt.

»Man wird verrückt«, sagt Doc, »wie soll hier ein Staat gelenkt werden? Und das schon bald! Ich brauch gar nicht aufzuschreiben, was fehlt. Es fehlt alles.« Er läuft weiter durch den angrenzenden »Temple of Justice«. Wieder nur verwüstete Büros und Säle. In den Ministerien ebenso: alles leer. Und die Zeit drängt. In fünf Tagen wird die alles entscheidende Stichwahl für die Präsidentschaft abgehalten. Zwei Monate darauf, Mitte Januar 2006, soll sich - nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg - das erste richtige Friedensparlament Liberias zusammenfinden. »Die fangen nicht bei null an, sondern irgendwo bei minus-minus«, resümiert Doc, »das kann alles noch leicht kippen.«

Doc heißt eigentlich Dr. Heinz Jockers, aber unter diesem Namen kennt ihn hier kaum jemand. Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung soll er Liberia auf den Weg zur Demokratie bringen. Doch er ist für die gesamte EU hier, die das auf zunächst zwei Jahre angelegte Projekt mit zwei Millionen Euro bezahlt. Dass mit Doc ein Afrikanist und nicht ein Politologe diesen Auftrag bekommen hat, liegt an seinen profunden Kenntnissen der örtlichen Gegebenheiten. Er kann mit den Leuten hier so sprechen und umgehen, als sei er einer von ihnen. Über ein Jahrzehnt lang hat Doc in Nigeria an der Universität gelehrt. Und demokratische Geburtswehen hat er als Langzeit-Wahlbeobachter der EU bereits in etlichen afrikanischen Staaten miterlebt, allerdings in keinem von Warlords dermaßen ruinierten Land.

Immer noch ist Monrovia Kriegszone. Das völlig geplünderte Stadttheater wirkt wie eine Bauruine. Der Präsidentenpalast im Zentrum steht ebenso leer und dient fliegenden Händlern als Markthalle. Wasserschlepper zerren mit Kanistern hoch beladene Karren voran, da das Leitungssystem unterbrochen ist. Im einst besten Hotel auf dem Hügel an der Küste leben jetzt Vertriebene, hier kurz IDPs, Internal Displaced People, genannt. Der Gestank des den Hang hinuntergekippten Mülls von Hunderten Familien hüllt den ganzen Berg ein.

Mit Stacheldrahtverhauen und Betonbarrieren an neuralgischen Punkten wollen die UN-Friedenstruppen jeden Gewaltausbruch verhindern. 15 000 Soldaten aus 49 Nationen sind in der weltweit teuersten UN-Mission im Land stationiert. Ein paar Mal am Tag patrouillieren schwedische Infanteristen im Gänsemarsch bei Gluthitze auf den Hauptstraßen Monrovias. Nepalesische Gurkhas haben sich mit ihren meterlangen hölzernen Schlagstöcken vor dem Gebäude der nationalen Wahlkommission aufgebaut. Pakistanische Panzer kurven mit ratternden Ketten regelmäßig durch die Stadt - auch nachts, wenn alles im Dunkeln versinkt, weil im Krieg die gesamte Stromversorgung zerstört wurde.

Tabula rasa in Liberia - die Warlords haben einen Staat hinterlassen, der eigentlich keiner mehr ist. Weil alle Strukturen und Institutionen schnellstens neu errichtet werden müssen, gilt Liberia als Demokratie-Labor. Während sich etwa die USA auf technische Hilfe beschränken, geht es allein in Docs EU-Projekt darum, zu demokratischem Denken und Handeln anzuleiten und für funktionierende Institutionen mitzusorgen. Zum ersten Mal trägt die EU in einem Bürgerkriegsland quasi allein den Prozess solcher Demokratisierung.