Medizin Dein Bauch gehört uns
Chirurgen können ein halbes Dutzend verschiedener Organe verpflanzen. Und helfen so jedes Jahr Tausenden. Die Zahl der Überlebenden könnte höher sein - mangelte es nicht an Spenderorganen, aus Unvernunft oder Ignoranz.
Die Wahrscheinlichkeit ist ungleich größer als jene auf einen Lotto-Sechser: Eine Krankheit legt einen lebenswichtigen Teil unseres Körpers lahm. Ersatz muss her, ein Organ zur Transplantation. Im Labor gezüchtete Ersatzteile sind aber noch ebenso eine Forschervision wie zweckentfremdete Tierinnereien. Ob wir sterben oder leben werden, kann davon abhängen, ob es einen menschlichen Spender gibt. Einen Hirntoten, meist ein Unfallopfer. Jemanden, dessen wichtigste Körperfunktionen nur noch die Herz-Lungen-Maschine antreibt. Jemanden, dessen Herz oder Niere, Bauchspeicheldrüse, Leber, Lunge oder Dünndarm wir zum Überleben brauchen. Wer heute in seinen Dreißigern ist und noch vierzig Jahre leben wird, dessen Risiko, selbst ein Spenderorgan zu benötigen, liegt - ganz grob hochgerechnet - weit über einem Promille. Im Klartext: Mehr als einen von tausend wird es treffen.
Und da gibt es weitere schlechte Nachrichten: Zwar stieg die Zahl der Organspenden zuletzt leicht an, bleibt aber unstet. Doch die Wartelisten wachsen, da die Zahl der Verpflanzungen nicht mithält. Immer mehr Menschen gehen leer aus - und sterben.
In einer repräsentativen Umfrage für ZeitWissen zeigten sich drei von fünf Befragten einverstanden, dass ihre Organe nach ihrem eigenen Tod anderen Menschen zugute kommen sollen (siehe Grafik). Tatsächlich besitzen viel weniger Deutsche einen Spenderausweis: bloß zwölf Prozent. Und die Differenz?
Trüge ich keinen Spenderausweis bei mir, ich würde meine Lieben (und die behandelnden Ärzte) im Unglücksfall vor eine quälerische Entscheidung stellen: Im Hintergrund läge mein Körper auf der Intensivstation, nur noch von Geräten am Leben erhalten, der Hirntod längst diagnostiziert. Kein schöner Moment für Angehörige, um gefragt zu werden: Dürfen wertvolle Teile an fremde Menschen verteilt werden, denen sie das Leben retten könnten? Eine unnötige Tortur.
Wenn die Hirnströme auf null sind, die Durchblutung steht - ist es nicht denkbar, auch dann noch aufzuwachen? Höchst unwahrscheinlich wohl, ganz auszuschließen nicht. Nach aller Erfahrung aber ist diese Wahrscheinlichkeit zu vernachlässigen. Wem dieses Restrisiko nicht vertretbar erscheint, der sollte einer Organspende widersprechen können. Wie etwa in Spanien und Österreich, zwei Ländern, in denen rund doppelt so viele Organe pro Einwohner gespendet werden wie hierzulande.
Oberbayern sind eigentlich zivilisatorisch nicht wesentlich hinter den Salzburgern zurückgeblieben, Ostwestfalen nicht hinter den Niederösterreichern. Oder hinter den Argentiniern, die seit Dezember 2005 allesamt Organspender sind, generell und per Gesetz ab dem 18. Lebensjahr. Wem das unheimlich ist, der kann beim Meldeamt widersprechen. Australien, Neuseeland und einige US-Bundesstaaten verleihen den Organspenderstatus mit dem Erwerb des Führerscheins: Wer die Unfallgefahr in einer Gesellschaft erhöht, sollte auch der kollektiven Gesundheit zur Verfügung stehen. In der Mehrheit der EU-Staaten hat sich eine Widerspruchsregelung durchgesetzt: Wer nichts Gegenteiliges kundtut, gilt als potenzieller Organspender. Auch in der ZeitWissen-Umfrage stimmten einer solchen Regelung knapp 50 Prozent der Befragten zu.
Diskurs ist nötig. Bloß Unwillen hält uns Deutsche von einer Systemänderung ab. Der Unwillen, über unseren Tod nachzudenken. Der Unwillen, die fatale Fiktion vom Körper als Gefäß und Ausdruck unseres Individualismus zu hinterfragen. Denn was sehe ich morgens im Spiegel wirklich? Das Ergebnis von Dauerlauf, regelmäßigem Kosmetikeinsatz, gar von gesunder Ernährung? Mein Körper speichert alte Narben, Lachfalten, Jugendsünden, die Gesichtszüge meiner Familie, klar.
Aber was kommt nach dem Moment, den wir so gerne verdrängen? Religiöse Menschen glauben an die Seele als Sitz der Persönlichkeit, die unabhängig von der profanen materiellen und damit vergänglichen Welt existiert. Sicher, auch religiöse Bestattungsrituale sind Ausdruck menschlicher Kultur. Aber wer die Sache mit der Seele ernst nimmt, für den darf auch ein unvollständiger Leichnam nicht dem Begräbnis, der Seebestattung oder Einäscherung Abbruch tun.
Und Ungläubigen bleibt die ungleich kühler klingende Konsequenz aus der Einsicht, dass die Persönlichkeit im Großhirn konfiguriert ist - jenem Gewebe, das beim Tod als Erstes irreversibel zerstört wird. Wenn der Hirntod eingetreten, die Persönlichkeit eines Menschen unwiederbringlich verloren ist, sollten dessen lebensrettende Organe der Allgemeinheit gehören. Eine Widerspruchsregelung für die Organspende in Deutschland ist längst überfällig.
Herz, Leber und Lunge aus unserer Galerie der Leben rettenden Ersatzteile stammen von einem einzigen Spender. Die Leber wurde auf zwei Empfänger aufgeteilt, auch seine Nieren wurden transplantiert. Ein Mensch rettete sechs anderen das Leben! Es mag zynisch klingen, aber: Was für eine Verschwendung wäre das gewesen.
Das macht ihn kein Stück lebendiger, lindert den Verlust für seine Familie kein bisschen. Es ist nur einfach vernünftig. Der Tod ist traurig und trivial, gleich wie man ihn privat verarbeitet. Aber die Organe Toter sollten allen gehören.
Ein Organspendeausweis ist wichtig, solange es noch keine Widerspruchsregelung gibt.
Den Vordruck finden Sie hier zum Herunterladen.
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Braucht Deutschland die Widerspruchsregelung? Was hält die Deutschen davon ab, ihre Organe zu spenden? Diskutieren Sie mit.
Donor Organs - Spenderorgane heißt die Bilderserie des Fotografen Holger Keifel.
- Datum
- Quelle ZeitWissen 02/2006
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