Fred Rist, Leiter der Psychotherapie-Ambulanz an der Universität Münster, meint jedoch: "Die Theorie mit dem strengen Elternhaus ist nur sehr schwach gestützt. Das ist einer unter vielen Einflussfaktoren und trifft vielleicht für zehn Prozent zu. Man kann nicht so ohne weiteres eine einheitliche Theorie darunter legen. Der richtige Ansatzpunkt ist: Warum werden mir andere Tätigkeiten wichtiger? Dafür gibt es die unterschiedlichsten Gründe."

Rist und seine Kollegin Margarita Engberding arbeiten seit über zwei Jahren intensiver am Thema Prokrastination. Sie hören sich gemeinsam mit ihrer Studentin Julia Patzelt meine unendliche Steuer-Geschichte an, lächeln wissend und sagen hin und wieder Sachen wie: "Ihr Ärger über sich selbst hat ja auch eine Funktion: Er bestraft Sie. Sie haben also dafür gelitten, dass Sie es nicht gemacht haben, insofern ist wieder Gerechtigkeit hergestellt." Oder: "Sie lassen die Möglichkeiten, etwas anderes zu tun, viel stärker zu. Ihr Vorhaben, an der Steuer zu arbeiten, ist überhaupt nicht gegen andere Absichten abgeschirmt." Die Absicht, kurz noch die E-Mails zu checken, zum Beispiel. Fred Rist ruft seine nur noch einmal pro Tag ab. Und ich hatte auf Lobeshymnen gewartet, als ich mein Programm von "minütlich" auf "alle vier Minuten abfragen" umstellte! (Im Moment läuft mein Mail-Programm übrigens überhaupt nicht! Ich fürchte die ersten kalten Schweißausbrüche.)

Und dann sagt Margarita Engberding den wunderbaren Satz: "Wenn es um unangenehme Tätigkeiten geht, ist es natürlicher aufzuschieben. Warum sollten Kinder bei den Hausaufgaben sitzen? Es gibt auch keinen Grund, wieso Sie an Ihrer Steuererklärung sitzen sollten. Es ist nicht angeboren, und es ist keine sich natürlich verstärkende Tätigkeit. Deshalb haben viele andere Dinge eine größere Chance."

Im Prinzip ist also jeder Mensch ein geborener Aufschieber! Es kommt nur auf die Schmerzgrenze an. "Wir nennen das den avoidance - avoidance -Konflikt", erklärt Rist. "Einerseits wollen Sie die unangenehme Arbeit vermeiden, andererseits aber auch die unangenehmen Folgen. Je näher die Deadline kommt, desto mehr antizipieren Sie die negativen Konsequenzen, wenn Sie sie nicht einhalten. Das eine Unangenehme überwiegt das andere."

In Münster werden gerade drei Module getestet, die prokrastinierenden Studenten helfen sollen: "Pünktlich anfangen", "Realistisch planen" und die Methode der "Lernrestriktion". "In zwei von fünf Sitzungen wird nur daran gearbeitet, wie man sich einen ganz konkreten Zeitpunkt setzt und ob man es tatsächlich geschafft hat, genau zu diesem Zeitpunkt zu beginnen", erklärt Engberding. "›Realistisch planen‹ zielt auf die Selbstüberschätzung ab. Viele glauben, man könnte Dinge in viel kürzerer Zeit schaffen." (Wenige Minuten zuvor hatte ich im Brustton der Überzeugung versichert, ich könne ein komplettes Steuerjahr locker in drei oder vier Stunden abarbeiten.)

Bei der Lernrestriktion wird den Studenten ein bestimmtes, zunächst eher kurzes Lernfenster zugestanden. Zu Beginn liegt es bei mindestens 20 Minuten pro Tag. Davor und danach gilt ein striktes Lernverbot. Nur wenn sie dieses Fenster eingehalten haben, dürfen sie am nächsten Tag etwas länger arbeiten. "Man denkt beim Aufschieben ja immer, dass man es auch später noch machen kann", sagt Engberding, "und verdirbt sich damit eigentlich auch die Zeit. Wir wollten schauen, wie weit sich dadurch die motivationale Dynamik etwas mehr verstärkt."

Karotte vor der Nase statt Peitsche am Hintern. Hatte nicht auch ein Kollege mit Hang zu technischen Spielereien erzählt, er versüße sich die Buchhaltungsarbeit, indem er sie mit der neuesten Software erledige?