Vielleicht verschafft mir ja ein Gang in die Höhle des Löwen endlich den nötigen Druck, um die Steuersache zu erledigen. Dieter Hantzsch, der Vorsteher meines Finanzamts, zeigt sich verständnisvoll: "Wenn man seine Steuer macht, wird einem ja auch vor Augen geführt: Wie viel ist meine Tätigkeit wert? Vielleicht kommen dann ja auch Wertschätzungsfragen dazu." Es stellt sich heraus, dass ich in guter Gesellschaft bin: Bis zum ersten Abgabetermin (für alle, die keinen Steuerberater haben) am 31. Mai hatten im vergangenen Jahr gerade mal 22 Prozent der Hamburger Gewerbetreibenden und Selbstständigen ihre Einkommensteuererklärung abgegeben. Zum zweiten Abgabetermin am 30. September (für alle "steuerlich Beratenen") waren es 2005 immer noch erst 44 Prozent. In den anderen Bundesländern liegen diese Zahlen höchstens 5 bis 10 Prozent darüber. Anreize, pünktlich abzugeben, gibt es wieder nur in Peitschenform. "Es gilt der wilhelminische Grundsatz", erklärt Hantzsch, "wer die Fristen einhält, wird nicht bestraft. Das ist vielleicht heutzutage, wo der Kunde üblicherweise für Wohlverhalten belohnt wird, überprüfungsbedürftig, aber so ist es." Dabei sind die Fristen tatsächlich durchaus gnädig. Fünf volle Monate, um ein paar Belege zusammenzusuchen? Was ist daran so schwierig? "Es kann ja geradezu ein lustvolles Sammeln werden", lockt der Vorsteher, "wenn Sie daran denken, dass Sie mit diesen Ausgaben Ihre Steuerlast mindern können. Sie sollten mal ausprobieren, wie Sie sich fühlen, wenn Sie mal alles abgeschlossen haben! Steuererklärung als Wellness-Programm!"

"Gerade bei der Steuer kommen ein paar Faktoren zusammen, die das Aufschieben massiv vorantreiben", sagt Hans-Werner Rückert. "Intelligente Menschen neigen dazu, renitent zu werden, wenn man ihnen mit Forderungen und Strafandrohungen kommt. Das heißt in der Psychologie Reaktanz und bedeutet, dass man sich gegen die Einschränkung der subjektiven Freiheiten wehrt. Aber ich kenne auch viele Leute, die vom Fiskus was zurückkriegen und ihre Erklärung trotzdem vor sich herschieben."

Sollte die Finanzbehörde also strenger mit Leuten wie mir umgehen? Keine Nachfristen gewähren, uns Deadline-Junkies die Knarre vor die Nase halten? Wenn es nach Joe Ferrari ginge, dann ja. "Meine italienische Großmutter pflegte zu sagen: Manche Menschen verlassen den Strand erst, wenn ihnen das Wasser bereits an den Hintern klatscht. Und was tun wir? Wir helfen ihnen und verrücken das Handtuch für sie. Das bedeutet, dass wir es vielen erst ermöglichen zu prokrastinieren. Wir lassen sie davonkommen." In vielen Ländern sei Aufschieben geradezu ein Kavaliersdelikt, sogar seine Studenten fragten immer wieder nach dem "wirklichen Abgabetermin. Nein, dem wirklich echten." Das System der Belohnung, in der Psychologie ein wichtiges Element zur positiven Verstärkung, würde viel besser funktionieren. "Wir bestrafen die, die zu spät sind. Wir geben dem frühen Vogel zu selten seinen Wurm." Fred Rist stimmt Ferrari zu: "Erinnern Sie sich, welche Erleichterung Sie verspürt haben, als Sie erfuhren, dass es doch noch eine Möglichkeit gibt, die Steuer nachzureichen? Man wird dafür belohnt, dass man versucht aufzuschieben!"

Den genialen Aufschieber, der im letzten Moment ja dann doch noch alles schafft, umgeben auch immer noch bewundernde Legenden: "Diese Kriegsberichte von der Front intellektueller Arbeit, dass man nach drei durchgearbeiteten Nächten schweißüberströmt das Manuskript in den Briefkasten geschmissen hat, hören die Studierenden ja auch heute noch von Hochschullehrern", sagt Hans-Werner Rückert. "Vor allem in den Geistes- und Naturwissenschaften war man doch gar kein richtiger Mensch, wenn man nicht einen Berg hatte, den man vor sich herschob."

Ab einem gewissen Stadium darf Prokrastination nicht unterschätzt werden. "Unsere Untersuchung hat ergeben: Mit hohem Prokrastinationskurs geht depressive Verstimmung einher", sagt Fred Rist. "Wer die Regelstudienzeit hinter sich hat und auch noch prokrastiniert, ist in aller Regel depressiv. Ich denke schon, dass man das als eigenständige Störung ernst nehmen muss."

So weit soll es nicht kommen. Zu all meinen guten Vorsätzen kommen hiermit einige neue, konkrete dazu:

- Große Projekte in kleine, überschaubare Happen unterteilen. Nicht "die Steuer" machen, sondern "Einnahmen 2005".