Berlin-Mahlsdorf, Hultschiner Damm 335. Die Halle sieht nicht danach aus, als gäbe es hier was zu holen. Ein Müllwagen nach dem anderen biegt in die Einfahrt ein, Alba Recycling steht an der Mauer. Und doch gab es da vor einiger Zeit einen denkwürdigen Zwischenfall. Ein Lkw fuhr vor. Er solle einige Gebinde abholen, sagte der Fahrer dem Pförtner. Fuhr auf den Hof, lud ein paar Ballen zusammengepresster Plastikflaschen auf und machte sich aus dem Staub. Der Mann war ein Dieb. Er hat Müll geklaut.

Der Müll gehörte Uwe Küber. Früher steuerte er selbst einen Müllwagen durch Berlin, heute ist Küber Deutschlands bester Sortierer. Im Osten Berlins hat er für das Entsorgungsunternehmen Alba die modernste Sortieranlage Europas für Abfälle aus dem Gelben Sack und der Gelben Tonne aufgebaut. 85 Fahrer liefern hier jeden Tag ihre Fracht ab, tagsüber kommen sie aus Berlin, nachts aus Wolfsburg oder Güstrow. Mit der neuen Anlage kann Alba den Verpackungsmüll von 4,4 Millionen Menschen sortieren, das sind alle Berliner plus eine Million Menschen aus dem Umland.

Seit dem Müllklau kommt kein Wagen mehr ohne Papiere durchs Tor. Uwe Küber hat sich geärgert über den Dieb, aber er hat auch Grund zur Freude: Müll ist plötzlich was wert. Früher musste man draufzahlen, damit jemand die alten Plastikflaschen und gepressten Jogurtbecher und Folien abholte, heute bekommt Küber Geld dafür. Denn im Müll stecken Rohstoffe, und die werden teurer. Nicht nur die Stahl- und Kupferpreise ziehen an, mit dem Ölpreis steigt auch der Preis von Secondhand-Plastik. China kauft alte PET-Flaschen aus Deutschland - für die Herstellung von Fleece-Pullovern. »Wir sind keine Müllwerker mehr«, sagt Uwe Küber. »Wir sind ein Industrieunternehmen, das Sekundärrohstoffe produziert.«

Müll-Deutschland steht vor dem radikalsten Umbruch seit der Einführung des Gelben Sacks vor 15 Jahren. Das Ende der Wegwerfgesellschaft rückt in Sicht. Und ausgerechnet der Gelbe Sack, das Symbol für Mülltrennungswahn und Recyclingträume, könnte unterwegs auf der Strecke bleiben:

- Bis vor einem Jahr war es am billigsten, Müll einfach auf eine Deponie zu packen. Recycelt wurde nur, weil das politisch gewollt und gesetzlich so vorgeschrieben war. Seit Juni 2005 gilt in Deutschland ein Deponieverbot für Hausmüll, nun staut sich der Abfall vor den Verbrennungsanlagen. Die Kapazitäten reichen nicht, die Preise für die Müllbeseitigung haben sich dadurch verdoppelt bis verdreifacht. Zusammen mit den steigenden Rohstoffpreisen führt das dazu, dass sich das Sortieren und Verwerten von Müll zunehmend rechnet.

- Wie holt man die Rohstoffe aus dem Abfall? »Der Bürger sortiert vor« lautet die bisherige Philosophie. Gelber Sack, graue Tonne, Altpapier und Altglascontainer, eventuell Biomüll. Doch immer noch landen bis zu 50 Prozent der Abfälle in der falschen Tonne, vor allem in Großstädten. Außerdem ist die Technik automatischer Sortierung gut vorangekommen. Die Trennung in Gelben Sack und Restmüll steht zur Disposition.

- Müllverbrennungsanlagen sind keine Dioxinschleudern mehr. Die Erzeugung von Strom und Wärme durch effiziente Verbrennung beginnt mit dem Recyceln ökologisch zu konkurrieren.