UmweltSaubere Geschäfte

Mülltrennen ist Breitensport. Über den Sinn wird heftig gestritten. Fest steht: Im Abfall stecken Rohstoffe, die täglich wertvoller werden. Statt auf stinkenden Deponien landet unser Müll in High-Tech-Fabriken. von 

Berlin-Mahlsdorf, Hultschiner Damm 335. Die Halle sieht nicht danach aus, als gäbe es hier was zu holen. Ein Müllwagen nach dem anderen biegt in die Einfahrt ein, Alba Recycling steht an der Mauer. Und doch gab es da vor einiger Zeit einen denkwürdigen Zwischenfall. Ein Lkw fuhr vor. Er solle einige Gebinde abholen, sagte der Fahrer dem Pförtner. Fuhr auf den Hof, lud ein paar Ballen zusammengepresster Plastikflaschen auf und machte sich aus dem Staub. Der Mann war ein Dieb. Er hat Müll geklaut.

Der Müll gehörte Uwe Küber. Früher steuerte er selbst einen Müllwagen durch Berlin, heute ist Küber Deutschlands bester Sortierer. Im Osten Berlins hat er für das Entsorgungsunternehmen Alba die modernste Sortieranlage Europas für Abfälle aus dem Gelben Sack und der Gelben Tonne aufgebaut. 85 Fahrer liefern hier jeden Tag ihre Fracht ab, tagsüber kommen sie aus Berlin, nachts aus Wolfsburg oder Güstrow. Mit der neuen Anlage kann Alba den Verpackungsmüll von 4,4 Millionen Menschen sortieren, das sind alle Berliner plus eine Million Menschen aus dem Umland.

Seit dem Müllklau kommt kein Wagen mehr ohne Papiere durchs Tor. Uwe Küber hat sich geärgert über den Dieb, aber er hat auch Grund zur Freude: Müll ist plötzlich was wert. Früher musste man draufzahlen, damit jemand die alten Plastikflaschen und gepressten Jogurtbecher und Folien abholte, heute bekommt Küber Geld dafür. Denn im Müll stecken Rohstoffe, und die werden teurer. Nicht nur die Stahl- und Kupferpreise ziehen an, mit dem Ölpreis steigt auch der Preis von Secondhand-Plastik. China kauft alte PET-Flaschen aus Deutschland - für die Herstellung von Fleece-Pullovern. »Wir sind keine Müllwerker mehr«, sagt Uwe Küber. »Wir sind ein Industrieunternehmen, das Sekundärrohstoffe produziert.«

Müll-Deutschland steht vor dem radikalsten Umbruch seit der Einführung des Gelben Sacks vor 15 Jahren. Das Ende der Wegwerfgesellschaft rückt in Sicht. Und ausgerechnet der Gelbe Sack, das Symbol für Mülltrennungswahn und Recyclingträume, könnte unterwegs auf der Strecke bleiben:

- Bis vor einem Jahr war es am billigsten, Müll einfach auf eine Deponie zu packen. Recycelt wurde nur, weil das politisch gewollt und gesetzlich so vorgeschrieben war. Seit Juni 2005 gilt in Deutschland ein Deponieverbot für Hausmüll, nun staut sich der Abfall vor den Verbrennungsanlagen. Die Kapazitäten reichen nicht, die Preise für die Müllbeseitigung haben sich dadurch verdoppelt bis verdreifacht. Zusammen mit den steigenden Rohstoffpreisen führt das dazu, dass sich das Sortieren und Verwerten von Müll zunehmend rechnet.

- Wie holt man die Rohstoffe aus dem Abfall? »Der Bürger sortiert vor« lautet die bisherige Philosophie. Gelber Sack, graue Tonne, Altpapier und Altglascontainer, eventuell Biomüll. Doch immer noch landen bis zu 50 Prozent der Abfälle in der falschen Tonne, vor allem in Großstädten. Außerdem ist die Technik automatischer Sortierung gut vorangekommen. Die Trennung in Gelben Sack und Restmüll steht zur Disposition.

- Müllverbrennungsanlagen sind keine Dioxinschleudern mehr. Die Erzeugung von Strom und Wärme durch effiziente Verbrennung beginnt mit dem Recyceln ökologisch zu konkurrieren.

- Ressourcenmanager nehmen nicht nur unsere Hausabfälle (14 Prozent des Abfalls, siehe Grafik auf Seite 72), sondern ganze Städte als potenzielle Rohstofflager ins Visier. Bald wird man auch Bauschutt (61 Prozent des Abfalls) nach verwertbarem Material durchforsten. Und schon beim Bauen eines Hauses werden Ingenieure darüber nachdenken, wie man die Rohstoffe wieder zurückgewinnt.

Der Weg in die Kreislaufwirtschaft ist steinig. Die Frage nach dem ökologisch korrekten Trennungsverhalten kann Ehen entzweien, Wohngemeinschaften spalten, zum Streit zwischen Eltern und Kindern führen. Auch nach 15 Jahren Grüner-Punkt-im-Gelben-Sack herrscht heillose Verwirrung. Warum gehört ein Jogurtbecher aus Plastik in den Gelben Sack (oder die Gelbe Tonne), die Tupper-Dose und die kaputte Playmobil-Figur aber in den Restmüll? Stimmt es, dass Restmüll und Gelber Sack in der Müllverbrennung wieder zusammengekippt werden? Könnte man dank automatischer Sortieranlagen nicht ohnehin alles in eine einzige Tonne werfen?

Als Uwe Küber vor 15 Jahren zu Alba kam, wurde von Hand sortiert. 30 Männer und Frauen klaubten Raviolidosen, Milchtüten, Zahnpastatuben und mehr vom Fließband, natürlich auch Bierflaschen und die Bild-Zeitung, die eigentlich in den Altglascontainer und den Papiermüll gehören. Heute machen Maschinen die Arbeit. Auf 186 Fließbändern rauscht der Müll durch die Halle, Luftdüsen trennen Folien, Magnete saugen Weißblech ab.

Die Schlüsseltechnik der modernen Sortieranlagen stammt von einer kleinen Firma in Andernach am Rhein und hängt in orangefarbenen Kästen über den Fließbändern: Infrarot-Scanner. Am Lichtspektrum, das vom Abfall reflektiert wird, erkennen die Automaten, welches Plastik gerade übers Fließband zischt. Kurz dahinter blasen Luftdüsen PET-Flaschen, Polyethylen-Folie oder Polystyrol-Schalen jeweils auf ein anderes Band. Mehr als zwei Dutzend Plastiksorten lassen sich auf diese Weise trennen.

Küber stützt sich auf ein Geländer und guckt zufrieden auf das ratternde Labyrinth. »Wir sind auf Einzelproduktebene«, brüllt er. Das heißt: Der Abfall häuft sich nicht übereinander, sondern die Verpackungen liegen vereinzelt auf dem Band und werden von den Infrarotscannern erkannt. Stück für Stück wird sortiert.

Mit den Berlinern ist Küber inzwischen ganz zufrieden, die Fehlwürfe, also Restmüllanteile im Gelben Sack, liegen je nach Stadtviertel zwischen 20 und 40 Prozent und sind rückläufig. »Wir fangen mit dem Aufklärungsmanagement schon im Kindergarten an«, sagt Küber. Hochhäuser und Bahnhöfe brauchen noch Nachhilfe.

Im Keller stehen 18 Container. Hier enden die Fließbänder und spucken Margarineschachteln, Folien, Aluminium und Konservendosen, PET-Flaschen und Styropor aus. 95 Prozent des Mülls könne die Anlage sortieren, sagt Küber. Zehn Leute, die in einem hellen und gut belüfteten Raum in der Mitte der Halle arbeiten, machen nur noch Qualitätskontrolle und fischen ab und zu eine platte Flasche raus, die der Scanner übersehen hat. Küber hat seinen Mitarbeitern eine Stereoanlage gekauft, die Popmusik überdröhnt das Müllrauschen. »Ist doch schön, hier zu arbeiten«, sagt er.

Küber ist ein Freund der Gelben Tonne, er lebt von ihr. In Berlin testet Alba jetzt ebenso wie in Leipzig die »Gelbe Tonne Plus«. In die darf man auch Kleingeräte wie Handys, Computer und Föhne werfen. Früher landeten die im Restmüll, seit dem 24. März ist das verboten, für den Elektroschrott gilt eine Rücknahmeverordnung. Ein Abfallgesetz mehr. Küber hat schon eine Idee, wie er die Geräte auf dem Fließband erkennen kann: mit einem Röntgenscanner, wie zur Gepäckdurchleuchtung am Flughafen, nur schneller. In ein paar Wochen will er das Gerät einbauen.

Müll unterm Röntgengerät, ist das dann genial oder pervers?

Heute ist Michael Heyde bei Alba zu Besuch, ein Zopfträger, Abteilungsleiter für Technologie und Entwicklung beim Dualen System Deutschland (DSD).

Das DSD verwaltet den Grünen Punkt, von dem Kritiker sagen, dass er die Welt nicht besser, sondern nur komplizierter gemacht hat. Das Unternehmen kassiert Geld von Verpackungsherstellern, insgesamt 1,6 Milliarden Euro im Jahr. Der Preis einer 1,5-Liter-PET-Flasche im Supermarkt steigt dadurch um fünf Cent. Von diesen Gebühren werden Müllentsorger wie Alba bezahlt, die die Gelben Säcke einsammeln und den Inhalt sortieren. Was dabei rauskommt, geht zur Verwertung zurück an die Industrie.

Heyde sieht die Berliner Sortieranlage zum ersten Mal. Manchmal verharrt er mit Kennerblick an einem Fließband. »Astreine Qualität«, sagt er. Draußen auf dem Hof stapeln sich die Endprodukte der Sortierung: mannshohe Würfel aus gepressten Konservendosen, außerdem Ballen aus PET-Flaschen, Tetrapaks oder Folien. Heyde ist glücklich. Dass man jetzt richtig Geld bekommt für einen Kunststoffballen, dass er nicht mehr draufzahlen muss, damit jemand das müffelnde Zeug verwertet. »Die viel gescholtenen Jogurtbecher lassen wir zu positiven Preisen abholen«, sagt er. »Das ist ökonomisch und ökologisch vernünftig. Alles, was bisher politisch betrieben wurde, wird jetzt plötzlich wirtschaftlich interessant.«

Neulich war Heyde bei einem Hersteller von Baueimern, der verwendet jetzt Gebrauchtplastik und zahlt dafür nur halb so viel wie für frisch produzierten Kunststoff. Auch in Paletten und Transportboxen stecken Plastikmoleküle aus Abfall, ebenso in den sprichwörtlichen Parkbänken.

Sekundärrohstoffe aus Müll sind plötzlich begehrt. 250 bis 400 Euro bringt eine Tonne gebrauchtes PET-Plastik (PET steht für Polyethylenterephthalat). Im Bottle-to-Bottle-Recycling kann man aus dem Kunststoff wieder PET-Flaschen machen, für Getränke. »Das ist die Krone des Recyclings«, sagt Ulrich Schmidt, der in Rostock ein PET-Recycling-Werk leitet. Andere Kunststoffe nehmen den Geschmack des Inhalts an, PET jedoch kann man häckseln, waschen, von Aromastoffen befreien und bis zu sechsmal wieder zu Flaschen machen, danach zu Folien und anderen Non-Food-Verpackungen.

Schmidt kauft PET-Flaschen-Müll aus Schweden (»super Qualität«), von Coca-Cola in den Niederlanden (»gute Qualität«) und von deutschen Entsorgern (kein Kommentar). Rund um die Uhr läuft sein Werk, nur zu Weihnachten und Ostern macht er einen Tag Pause, weil das so vorgeschrieben ist.

Schmidt liefert sich derzeit ein Wettrüsten mit Aldi. Seit der Discounter Bier in braunen PET-Flaschen verkauft, haben Verwerter ein Problem, denn farbige Schnipsel im recycelten PET-Granulat verderben den Preis. Schmidt stellte Leute ein, um die Flaschen auszusortieren, aber als der Anteil auf zehn Prozent der Gebrauchtflaschen stieg, ging das nicht mehr schnell genug.

Jetzt macht ein Farbscanner die Vorsortierung, aber das nächste Problem drängt: Fitness-Drinks, die in PET-Flaschen mit einem weißen, silikonhaltigen Stöpsel verkauft werden, den man mit den Zähnen herausziehen kann. »Da hört der Spaß auf«, sagt Schmidt, Silikon verdirbt die Ware, weil es einen anderen Schmelzpunkt hat als PET und beim Herstellen neuer Flaschen als Krümel im Plastik zu sehen wäre. Weißes Silikon kann man mit einem Farbscanner nicht von hellem PET unterscheiden. Dafür kommt bald ein Laserscanner aus der Schweiz auf den Markt, der die Oberfläche des Plastiks abtastet. Silikon ist glatt, PET etwas rauer. Knapp eine halbe Million Euro soll die Maschine kosten.

In jüngster Zeit muss Schmidt scharf kalkulieren, weil die Nachfrage aus China nach PET-Müll die Preise in die Höhe treibt. Er hat ein Foto gesehen von einer Halle, in der tausend Chinesen in Handarbeit winzige PET-Krümel von Fließbändern pflücken und nach Farbe sortieren. »Die kriegen einen Dollar pro Tag, macht insgesamt 1000 Dollar. So viel zahle ich für unseren Wasserverbrauch.«

Um den Müll tobt ein Verteilungskampf. Jeder will ihn haben, denn Abfall- und Lizenzgebühren sorgen für stete Einnahmen. Restmüll gehört den Kommunen, Industrieabfälle können frei verkauft werden, Verpackungsabfälle mit Grünem Punkt gehören dem Dualen System Deutschland. Und das DSD, früher ein Staatsunternehmen, heute in privater Hand, muss Marktanteile abgeben, hat das Kartellamt entschieden. Außerdem gibt es noch zahlreiche Lobbygruppen wie den Fachverband Kartonverpackungen, die Weißblechindustrie, Entsorgerverbände und die Müllverbrenner.

All das muss im Hinterkopf behalten, wer eine harmlose Frage stellt: Wäre es dank der modernen Sortieranlagen nicht möglich, den Restmüll und die Verpackungen wieder in ein und dieselbe Tonne zu werfen und erst später automatisch sortieren zu lassen? Die Wiedervereinigung von Gelbem Sack und grauer Tonne. Eine Tonne, ein Müllwagen, kein Ehekrach, kein Erziehungsmanagement im Kindergarten, kein Ärger mit Fehlwürfen.

Vor zwei Jahren gab es solch einen Versuch. Einige hundert Tonnen Restmüll und Gelber-Sack-Müll aus Neuss bei Düsseldorf wurden in eine Essener Sortieranlage gebracht und dort auf einen Haufen gekippt. Man wollte wissen, ob die Sortieranlage besser trennt als die Bürger von Neuss.

Was dabei herauskam, hängt davon ab, wen man fragt. Unentschieden der Wissenschaftler: »Vor- und Nachteile halten sich die Waage«, sagt Andreas Detzel vom Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg (ifeu), das an der Studie beteiligt war, »ökonomisch und ökologisch war das ein Nullsummenspiel.« Man brauche zwar nur noch einen Müllwagen zum Abholen, aber das Sortieren sei aufwändiger, weil der Müll insgesamt feuchter sei.

Anders interpretiert Michael Heyde vom DSD die Ergebnisse. Der Versuch habe gezeigt, dass die Einheitstonne keine Lösung sei: »Wenn Restmüll in der Tonne liegt, hat man bis zu 40 Prozent Feuchtegehalt. Feuchte klebt den Müll zusammen, das ist der Tod jeder Sortierung.«

Jürgen Hahn dagegen, Abteilungsleiter für Abfall im Umweltbundesamt, würde sofort Restmüll und Gelben Sack zusammenlegen: »Die Ergebnisse waren fantastisch!« Abfall zu feucht? Man könne den Müll vor der Sortierung trocknen und anschließend für weniger Geld mehr Wertstoffe aus dem Müll rausholen als durch »das ganze Getrennthaltungsgewusel«.

Im Umweltbundesamt ficht Hahn für effiziente Müllverbrennungsanlagen. Der Bürger solle Papier und Glas weiterhin trennen und alles andere in eine Tonne werfen, meint er. Sortieranlagen vor der Verbrennung könnten dann wertvolle Plastiksorten und Metalle aussortieren, der Rest werde durch Verbrennung in Strom, Fernwärme und Schlacke umgewandelt.

Hahn ist ein prominenter Querdenker in der Szene, der zum Leidwesen seiner Vorgesetzten nicht immer die offizielle Linie des Umweltbundesamtes vertritt. Die Bürger würden über den Unsinn der Mülltrennung nicht informiert, kritisiert er. »Im Gelben Sack findet eine mentale Entsorgung des schlechten Gewissens statt.«

Auch der Wiener Abfallexperte Paul Brunner, Gutachter des deutschen Umweltrats, hält wenig vom Gelben Sack. Das System sei »volkswirtschaftlich nicht vertretbar«, weil man kleine Mengen zu hohen Kosten aus dem Müll hole.

2,8 Millionen Tonnen Verpackungsmüll fallen der jüngsten Erhebung des ifeu zufolge jährlich an, 2,1 Millionen Tonnen werden im Gelben Sack oder der Gelben Tonne gesammelt. Davon werden aber 0,9 Millionen Tonnen als so genannte Sortierreste deklariert - das sind Fehlwürfe oder von den Entsorgern heimlich aussortierte Verpackungen. In der Gesamtbilanz landet also weniger als die Hälfte im Recycling. Der Rest wird zum großen Teil verbrannt.

Müllverbrennung war einmal etwas ganz Böses, wegen der Dioxine, fast so schlimm wie Atomkraft. Aber es ist ruhig geworden um die Verbrenner. Sie haben bessere Techniken entwickelt und die Schadstoffe reduziert. Jetzt planen sie ihr Comeback.

Die Hamburger Müllverwertungsanlage Rugenberger Damm (MVR) ist das große Vorbild, sie gilt als europäischer Referenzbetrieb. »Wir sind so etwas wie die Streber«, sagt der Umweltbeauftragte, Karl Lüder. Und deshalb hat man das Vorzeigeobjekt auch Verwertungsanlage genannt. Von 1000 Kilogramm Müll bleiben am Ende nur noch 19 Kilogramm giftige Stäube und 7 Kilo Mischsalz übrig, die in Salzstöcken vergraben werden. Der Rest wird verwertet: zu Schlacke für den Straßenbau, Fernwärme für 5000 Hamburger Wohnungen, heißem Dampf für eine benachbarte Raffinerie.

Karl Lüder und der Geschäftsführer Martin Mineur führen durch die MVR. Sind Müllverbrennungsanlagen Dioxinschleudern? »Schnee von gestern«, sagt Mineur. Und rechnet vor, dass die MVR weit unter den strengen deutschen Grenzwerten operiere, dicht an der Nachweisgrenze. »In der Gesamtbilanz sind wir eine gigantische Dioxinvernichtungsmaschine.«

Lüder spricht vom Gürtel-Hosenträger-Prinzip. Gute Verbrennung, das sind die Hosenträger. Aber wenn die mal reißen, gibt es noch den Gürtel, das sind die Filter. Sogar Ex-Umweltminister Jürgen Trittin schloss gegen Ende seiner Amtszeit Frieden mit den Verbrennern: Krebserregende Stoffe aus Müllverbrennungsanlagen spielten heute »praktisch keine Rolle mehr«, sagte er im März 2005 vor Abfallexperten in Berlin.

In 30 Meter Höhe thront die Krankanzel der MVR, ein Raum mit Glasscheiben und einer ganz eigenen Ansicht der Hansestadt. Kranführer Jörg Hansen blickt in einen Betonbunker mit einer dampfenden Masse: Hamburgs Restmüll, von der Reeperbahn, aus Altona, von der Mönckebergstraße.

Unten kippt ein Wagen frischen Abfall durch ein Tor. Gewerbemüll, Hansen sieht das an den vielen Plastikschnipseln. Mit Joysticks lässt er den fünf Tonnen schweren Greifer durch den Bunker schweben und wirft den Frischmüll oben auf den Berg. Zwei Trichter führen zu den beiden Brennöfen der MVR, die muss der Kranführer mit Müll füttern. Die Kunst ist es, eine gute Mischung zusammenzustellen: Holz, ein paar Folien, eine Prise Frischmüll und etwas Altmüll, der schon seit ein paar Tagen trocknet.

Auch Plastikflaschen, die hier eigentlich nicht hingehören, sieht man im Bunker. Schlecht getrennt, liebe Hamburger. Oder die Entsorger haben schlecht sortiert. Dass die Müllverbrenner brennbares Material zukaufen müssten, sei jedenfalls Quatsch, sagt Mineur. »Restmüll brennt von alleine.« Verpackungsabfälle mit Grünem Punkt brennen zwar doppelt so gut wie Restmüll, machen aber weniger als zehn Prozent des Hausmülls aus. Ob sie in der MVR landen oder nicht, merken die Verbrenner kaum.

Wie kostbarer Rohstoff sieht der graue Berg vor der Krankanzel nicht aus. Und doch verkauft Martin Mineur inzwischen die meisten Endprodukte der Anlage: Salzsäure für 100 Euro, Schrott für 40 bis 200 Euro und sogar die Schlacke für ein paar Euro pro Tonne. »Reich wird man vom Müllverbrennen aber nicht«, sagt Mineur, »hundert Leute arbeiten bei uns, irgendwoher muss ich deren Lohn nehmen.« Dafür zahlen die Hamburger Müllgebühren.

In der geplanten Abfallrahmenrichtlinie der EU soll die Verbrennung erstmals als Müllverwertung akzeptiert werden, unter der Bedingung, dass mehr als 60 Prozent der im Müll steckenden Heizenergie in Wärme und Strom nach draußen gehen. Das wäre die Müllverbrennungsanlage mit Umweltsiegel. Die MVR in Hamburg erreicht 63 Prozent, der Bundesdurchschnitt liegt bei 56. Über die korrekte Formel zur Berechnung dieser Energieeffizienz wird noch gestritten.

Das Dilemma: Nur durch die Ausnutzung von Fernwärme ist die Müllverbrennung effizient, und das geht da am besten, wo das nächste Wohngebiet nicht weit ist. Dort ist aber auch der Widerstand am größten. Hamburg ist mit seinen vier Anlagen eine Ausnahme. Hier hat es der ehemalige Umweltsenator Fritz Vahrenholt in den 1990er Jahren geschafft, den Bau neuer Verbrennungsanlagen durchzusetzen - was ihm den Spitznamen »Feuer-Fritze« eintrug. Die Entscheidung erweist sich nach dem Deponieverbot als Glücksfall.

Wie geht es weiter mit Deutschland und dem Müll? Klein-Klein ist angesagt in den kommenden Monaten: Lobbyisten werden mit Politikern über das Pfand streiten, und irgendwer wird den Müllnotstand ausrufen. Denn nach dem Deponieverbot fehlen, Berechnungen der Unternehmensberatung Prognos zufolge, für sieben Millionen Tonnen Müll die Kapazitäten. Die Abfälle stapeln sich in Zwischenlagern, die nach einem Jahr wieder aufgelöst werden müssen.

»Wir sollten der Branche ein paar Jahre Ruhe gönnen und nicht schon wieder eine neue Sau durchs Dorf treiben«, sagt Jochen Hoffmeister von Prognos in Düsseldorf. Nach dem Deponieverbot müsse sich der Markt erst mal einpendeln.

Ressourcenmanager denken schon ein paar Schritte weiter. »Wir müssen einen anderen Weg einschlagen«, sagt der Wiener Abfallexperte Paul Brunner: weniger separat sammeln und den Großteil des Abfalls in eine hoch technisierte Spezialbehandlung geben. Wie in der Erzgewinnung werde man aus dem Müll eines Tages Eisen, Silikate, Kupfer, Zink, Kunststoffe und anderes herausholen, und zwar nicht durch rein mechanische Sortierung wie heute, sondern durch physikalische, chemische und thermische Verfahren.

In Wien müsste Brunner rund 20 verschiedene Abfälle sammeln, würde er das Gesetz ernst nehmen. »Das macht keiner«, sagt der Professor. Er ist überzeugt: Die Mülltrennung durch den Bürger gehört der Vergangenheit an.

Brunner betrachtet bereits ganze Städte als potenzielle Materiallager. »Das ist ein riesiges Rohstoffpotenzial. In einer Großstadt wie Hamburg oder München kommen 200 bis 400 Tonnen Material auf einen Einwohner«, Beton, Stahl, Kupfer, Kunststoff, verbaut in Gebäuden, Abflussrohren, Telefonleitungen und Straßenlaternen. Jedes Jahr kommen acht Tonnen pro Einwohner hinzu und werden acht Tonnen wieder abgerissen (etwas weniger, wenn die Stadt noch wächst). Urban mining heißt die Vision von der Stadt als sich ewig erneuerndem Materialsteinbruch.

»Bauingenieure werden schon während der Konstruktion von Gebäuden an die Rückgewinnung der Materialien denken«, sagt Brunner. So wie man heute in einem Altauto mit ein paar Handgriffen die Kupferkabel entfernen könne, werde man Häuser am Ende ihrer Lebensdauer wieder ausnehmen. »Das muss in den Designprozess einfließen.«

Wir sollten uns darauf einstellen: Müll zum Wegwerfen wird eines Tages die Ausnahme sein.

Und wie trennen Sie Ihren Müll? Schicken Sie uns ein Foto an muelltrennung@zeit.de

Links zu diesem Thema:
Abfall A bis Z
http://www.abfallwirtschaft.wittmund.de

Infos des Umweltbundesamtes zur Kreislaufwirtschaft
http://www.umweltbundesamt.de

Das Bundesumweltministerium über Abfall
http://www.umweltministerium.de

Die Website des Dualen Systems
http://www.gruener-punkt.de/

Müllverwertungsanlage Rugenberger Damm
http://www.mvr-hh.de/

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Wermutstropfen ist nur, das der Verbraucher immer mehrfach zur Kasse gebeten wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte
Service