Es gibt keine Couch. Stattdessen steht eine blaue Sitzgruppe mit gelben Kissen im Gesprächszimmer des Sportpsychologen. Ein großes Schwarzweißfoto prägt den nüchternen Raum: Muhammad Ali schaut grimmig auf einen Gegner hinunter, den er gerade auf die Bretter geschickt hat. Mit breiter Brust steht er da, sein Gesicht spiegelt noch die Wucht des Schlages.

"Dieses Foto haben wir aufgehängt, damit es hier nicht zu therapeutisch aussieht", sagt Hans-Dieter Hermann. "Außerdem hat Ali die Sportpsychologie populär gemacht: Er hat vor dem Kampf angekündigt, das Kinn seines Gegners in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Damit hat er sich stark geredet und den Gegner geschwächt."

Eine ähnliche Strategie beschäftigt Hermann. Als Jürgen Klinsmann ankündigte, er wolle mit der deutschen Mannschaft Fußballweltmeister werden, holte er den promovierten Sportpsychologen aus Schwetzingen bei Heidelberg in sein Team. Der 45-Jährige lächelt gequält, wenn man ihn auf die damaligen Schlagzeilen anspricht. Als er sich im Dezember 2004 der Nationalelf vorstellte, fragte Bild: "Kahn zum Psycho-Doc?"

Schon in den 20er Jahren wurde an der Preußischen Hochschule für Leibesübungen in Berlin ein sportpsychologisches Forschungslabor eingerichtet. Als der Kalte Krieg auch den Wettkampf um olympische Medaillen erfasste, holte sich der Osten die Hilfe von Psychologen, und der Westen zog nach. Mittlerweile gibt es an deutschen Universitäten 26 Professuren für Sportpsychologie. In der Praxis betreuen gut 30 Psychologen Spitzensportler in zwei Dutzend olympischen Disziplinen, vom Eishockey bis zum Trampolinturnen. Doch noch immer haben die Mentaltrainer einen zweifelhaften Ruf. Dazu hat zum Beispiel Jürgen Höller beigetragen, der als Motivationstrainer von Bayer Leverkusen die Fußballspieler barfuß über Glasscherben laufen ließ.

"Wir arbeiten nicht mit Handauflegen, und wir betreiben keine Zauberei", sagt Hans-Dieter Hermann, "was wir machen, ist richtiges Training der kognitiven Fähigkeiten. Wir arbeiten daran, dass der Kopf mitspielt. Damit die psychischen Prozesse die Bewegungsabläufe des Sportlers unterstützen und nicht blockieren."

Beispiele für Aussetzer finden sich in allen Sportarten. Das kurioseste Match der Tennisgeschichte fand 1989 in Paris statt: Im Achtelfinale der French Open spielte Ivan Lendl gegen Michael Chang. Lendl führte die Weltrangliste souverän an, der erst 17 Jahre alte Chang war ein schmächtiger Nobody. Als das Spiel eng wurde, brachte er den hohen Favoriten mit Mitteln aus dem so genannten Hausfrauentennis aus dem Konzept: Er spielte den zweiten Aufschlag aus der Hand, von unten. Normalerweise wird dieser läppische Schlag schon unter Amateuren mit einem unerreichbaren Return bestraft, aber in dieser Ausnahmesituation brachte er Lendl durcheinander: Chang gewann in fünf Sätzen.

"In einer solchen Situation brechen Handlungsmuster auseinander", erklärt Hermann. "Wenn der Favorit Beißhemmung hat, weil der Underdog von Krämpfen geplagt ist, dann verlässt er seine erfolgreiche Strategie, einfach einen Punkt nach dem anderen zu spielen."