Gesundheit Wie geht's uns denn morgen?

Jeder Mensch wird eines Tages sterben, das können auch Ärzte nicht verhindern. Aber die Medizin macht uns Hoffnung auf ein immer längeres und gesünderes Leben. Wird es bald möglich sein, den Krebs zu besiegen? Lassen sich die großen Seuchen ausrotten? Werden wir unsere Körper umbauen, mit Gentechnik und Skalpell? Im vierten Teil unserer Serie »Welt 2050« wagen wir einen Blick nach vorn.

1. Wird Krebs heilbar sein?

»Heilung« wäre zu hoch gegriffen, aber die Onkologen sind sehr optimistisch. Manche sprechen von einer neuen Ära, angestoßen von der Entzifferung des menschlichen Genoms und flankiert von einer technologischen Revolution, die es ermöglicht, individuelle Genprofile zu erstellen. »Wir wollen die Lebensspanne bei guter Lebensqualität weiter verlängern, sodass man von Krebs als chronischer Krankheit sprechen kann«, sagt Torsten Strohmeyer, Leiter der medizinischen Forschung beim Pharmakonzern GlaxoSmithKline, »ein Leiden, mit dem man alt werden kann. So wie wir es heute mit Diabetes bereits erreicht haben.«

»Targeted Therapy« heißt das Zauberwort: eine zielgerichtete Therapie mit neuartigen Medikamenten, so genannten Targeted Drugs, die gesunde von krebskranken Zellen unterscheiden können, während die herkömmliche Chemotherapie wahllos alle teilungsaktiven Zellen angreift und dadurch bei einer sehr begrenzten Wirkung auch noch massive Nebenwirkungen mit sich bringt. Jede Tumorzelle hat spezielle genetische Defekte, die sie zu unkontrolliertem Wachstum treiben. Targeted Therapy soll solche »falsch umgelegten Schalter« attackieren, erklärt Jürgen Wolf vom Centrum für Integrierte Onkologie an der Kölner Universitätsklinik.

Probleme gibt es noch genug. Es kann zu einer Vielzahl von Fehlschaltungen kommen, auch gegen Targeted Drugs werden Tumore resistent, und letztlich darf die kombinierte Nebenwirkung, greift man mehrere Ziele gleichzeitig an, nicht noch stärker sein als bei der Chemotherapie. Aber was die Mediziner so zuversichtlich stimmt, ist das Tempo, mit dem sich das neue molekularbiologische Wissen über die Entstehung von Krebs bereits in klinisch geprüften Arzneimitteln niederschlägt. »Und die Firmen haben noch Dutzende in der Pipeline«, sagt Wolf.

Der Kölner Onkologe wagt eine ganz persönliche Prognose. 2016: Es gibt genug Targeted Drugs, um sie - ähnlich wie bei HIV - so intelligent miteinander kombinieren zu können, dass man bei soliden Tumoren auf Chemotherapie weitgehend verzichten kann. 2026: Kaum noch Chemotherapie; in Spezialkliniken lässt sich mit Genchips größtenteils vorhersagen, welche Mittel anschlagen werden; sechs bis sieben Jahre Überlebenszeit selbst beim gefürchteten metastasierten Lungenkrebs. 2036: Die Tests stehen flächendeckend zu einem vernünftigen Preis zur Verfügung; die durchschnittliche Überlebenszeit beim Lungenkrebs hat sich noch einmal verdoppelt. 2050: Durchbruch bei der Krebsverhütung durch präzise Tests zur Ermittlung individueller Risikoprofile. Aber damit bewege er sich, gesteht Wolf, schon an der Grenze zur Science-Fiction.

2. Ist Aids ausgerottet?

Nein. Bis auf das Pockenvirus ließ sich überhaupt noch kein Erreger aus seinem menschlichen Wirt eliminieren. Sir Frank MacFarlane Burnet, australischer Medizin-Nobelpreisträger, irrte gewaltig, als er 1958 prophezeite, bis zur Jahrtausendwende seien die Infektionskrankheiten besiegt. Nach wie vor zählen sie zu den häufigsten Todesursachen. Bei Aids ist nach 25 Millionen Toten und 65 Millionen HIV-Infektionen innerhalb von 25 Jahren nicht einmal der Höhepunkt erreicht.

»Die Krankheit wird sich in jeden Winkel dieses Planeten weiterverbreiten«, sagt Peter Piot, Leiter von UNAids, dem Aids-Bekämpfungs-Programm der Vereinten Nationen. »Es wird nicht so sein, dass wir eines schönen Tages aufwachen und sagen: ›Oh, Aids ist weg.‹ Jetzt müssen wir uns über die nächsten Generationen Gedanken machen.« Jüngste Studien sagen einen dramatischen Anstieg der Infektionsraten in China, Russland, Nigeria, Äthiopien und Indien voraus - Ländern, die gemeinsam über 40 Prozent der Weltbevölkerung stellen.

Medikamente können den Krankheitsverlauf um Jahre, vielleicht Jahrzehnte verzögern. Doch in den Entwicklungsländern ist der Zugang zu den teuren Mitteln begrenzt, auch wird der Erreger schnell resistent dagegen. Und ganz aus dem Körper eliminieren lässt er sich vermutlich nie. »Die spezielle Biologie des Virus, insbesondere seine Fähigkeit, die Zellen des Immunsystems zu befallen und auszuschalten, macht eine Heilung eher unwahrscheinlich«, sagt Jonathan Knowles, Leiter der Pharmaforschung beim Schweizer Konzern Roche.

Bleibt als wirksamstes Mittel: Vorbeugung durch Safer Sex. Und die Hoffnung auf einen Impfstoff, den man uns nun schon seit über 20 Jahren in Aussicht stellt. Viele wären inzwischen selig über eine Wirksamkeit von nur 40 Prozent. »Würde ein solcher HIV-Impfstoff an 20 Prozent der am stärksten betroffenen Bevölkerung in Entwicklungsländern verteilt, ließe sich die Zahl der Neuinfektionen jährlich um 32 Prozent reduzieren«, rechnet die Deutsche Aids-Stiftung vor. »Ein Impfstoff mit dieser Wirksamkeit könnte 29 Millionen Neuinfektionen zwischen 2015 und 2030 vermeiden helfen.«

Vielleicht hilft philanthropischer Beistand: Mittlerweile hat sich die Bill and Melinda Gates Foundation die Entwicklung eines HIV-Impfstoffes auf die Fahnen geschrieben.

3. Gibt es ein Rezept gegen den gemeinen Schnupfen?

Erkältungskrankheiten sind die häufigsten Infektionen des Menschen überhaupt. Bei Erwachsenen gelten zwei bis drei Erkrankungen pro Jahr als normal, bei Kleinkindern noch viel mehr. Und nichts, aber auch rein gar nichts spricht dafür, dass sich daran etwas ändert, bedenkt man, wie wenig man bis heute gegen Rhinitis acuta auszurichten vermag, den gewöhnlichen Schnupfen. Auslöser einer Erkältungskrankheit können mehrere hundert verschiedene Viren sein, vor allem solche aus der Familie der Rhino- und Adenoviren. Vor diesem Hintergrund erscheint zum Beispiel ein Impfstoff absolut illusorisch.

So werden die Menschen beim verzweifelten Versuch, Nase und Atemwege freizuhalten, auch 2050 noch zu ihren Pülverchen, Tinkturen, Sprays und Lösungen greifen, um sich letztlich, von der pharmazeutischen Industrie im Stich gelassen, auf das Sprichwort zurückgeworfen zu fühlen, wonach »ein Schnupfen drei Tage kommt, drei Tage bleibt und drei Tage geht«.

4. Wachsen kranke Organe wieder nach?

Jeder hat mal klein angefangen - auch Leber, Lunge, Niere und Herz. So wie die Organe im Mutterleib aus embryonalen Urzellen heranreifen, will man in Zukunft im Reagenzglas aus frischen Stammzellen neue Körperteile heranzüchten, mit denen man die defekten ersetzt. Toll klingt das, ist derzeit aber noch utopisch. Ob sich die embryonalen Stammzellen jemals unter Kontrolle bringen lassen, ist völlig offen. In Hinblick auf die »adulten«, bereits ausdifferenzierten Stammzellen, mit denen sich manche Organe, so wie die Leber, immer wieder regenerieren, ist die Zuversicht größer: Annähernd 90 Prozent der Experten, die 2004 an einer vom Bundesforschungsministerium unterstützten Delphi-Studie zur Zukunft der Stammzellforschung teilnahmen, rechnen damit, dass es bis 2018 möglich sein wird, solche gewebetypischen Stammzellen in ein »pluripotentes« Stadium rückzuverwandeln. Das bedeutet, dass sie zwar keinen kompletten Organismus mehr erzeugen können, prinzipiell aber noch jeden der mehr als 200 verschiedenen Typen von menschlichen Körperzellen.

Je bescheidener, ethisch weniger umstritten die Ziele, desto günstiger die Prognosen. Bis 2013 soll es im Rahmen einer »Zellersatztherapie« möglich sein, Herzgewebe, das bei einem Infarkt abgestorben ist, aus Stammzellen wieder nachwachsen zu lassen. Bei Diabetes will man durch eine Wiederansiedlung von Inselzellen in der Bauchspeicheldrüse die Dauereinnahme von Insulin überflüssig machen. Bei Parkinson, Querschnittslähmung oder Alzheimer, wo es um zerstörtes Nervengewebe geht, klaffen die Meinungen schon weiter auseinander. 40 Prozent der Delphi-Experten sind überzeugt, dass sich bei einer Stammzellmedizin Nebenwirkungen niemals ausschließen lassen: Aus dem Tausendsassa könnte ein Tumor werden. Oder die Stammzelle wähnt sich gewissermaßen im falschen Film - und im Herzen keimt plötzlich ein Backenzahn. Etwas Ähnliches ist in Tierversuchen schon passiert.

Stammzellmedizin wird auch 2050 ein zweischneidiges Schwert sein. Aber die Zuversicht überwiegt. Und so bunkern besorgte junge Eltern schon fleißig Nabelschnurblut, das qualitativ höherwertige Stammzellen enthalten soll. Gegen teures Geld und vage Versprechungen lassen sie es einfrieren, weil sie ihrem Nachwuchs die Chance offen lassen wollen, sich daraus gegebenenfalls eine neue Leber basteln oder eine Frischzellenkur für den Herzmuskel verpassen zu lassen.

5. Gehört kosmetische Chirurgie zum Alltag?

Vollbusig, stupsnäsig, mit üppigen Lippen: Das scheint das aktuelle Schönheitsideal unter jungen Frauen zu sein. Die Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland (GÄCD) registriert eine wachsende Nachfrage von unter 30-Jährigen, sich Brüste und Lippen vergrößern sowie die Nase verkleinern zu lassen. Von der Botox-Spritze gegen Falten über die Lidplastik bis zur Ohrmuschelkorrektur: Der Markt für Schönheitsoperationen wächst, die jährlichen Steigerungsraten liegen im zweistelligen Bereich, Männer stellen schon 10 bis 15 Prozent der Klientel.

»Es sind nicht nur Frauen über 50 mit hohem Einkommen, die ernsthaft solche Eingriffe erwägen«, sagte Walter Erhardt, Sprecher der Amerikanischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie, anlässlich der Veröffentlichung einer Studie über Kundenprofile. »Es ist die junge Mutter von nebenan, der Kellner, der Ihnen am Morgen den Kaffee servierte, sogar Ihr Arbeitskollege.« Jugendwahn, optischer Leistungsdruck in einer Mediengesellschaft, der Wunsch, sich selbst erschaffen zu wollen: Setzt der Trend sich in nur annähernd gleichem Tempo fort, ist die neue Nase 2050 tatsächlich so normal wie heute die Zahnspange oder das Erotik-Tattoo.

Kaum zu glauben, dass vor 50 Jahren ein simples Facelifting noch eine Monstrosität war. Fragt sich, wohin das alles noch führen soll. Gesichts- und Handtransplantationen werden gerade als Pioniertaten gefeiert. Sobald sie ohne permanente Unterdrückung des Immunsystems möglich sind, bestellen wir uns das Gesicht von Claudia Schiffer. Oder ein Paar hübsche Flügel? Joe Rosen, ein renommierter plastischer Chirurg vom britischen Dartmouth Medical Centre, liebt es, mit futuristischen Ideen zu provozieren. Die Techniken, mit denen sich Fettpolster und Rippenknochen etwa zu Flügeln strecken und verformen ließen, gibt es. Nur unser »jüdisch-christlicher Konservatismus« hindere uns daran, Menschen ein engelsgleiches Aussehen zu verleihen, meint Rosen. »Denken Sie an meine Worte: Menschen mit Flügeln wird es geben.«

6. Wird Fernheilung möglich sein?

Aber ja! Allerdings nicht so esoterisch, wie man den Begriff gemeinhin versteht. Fernheilung im Jahre 2050 beginnt mit T: Telediagnostik, Telemonitoring, Telechirurgie - ärztliche Diagnose und Behandlung über eine prinzipiell beliebig große Distanz. T-Medizin soll Kosten sparen, unnötige Arztbesuche und Patiententransporte vermeiden. Beispiel Tele-EKG: Der Herzrhythmus wird drahtlos oder per Telefon an den behandelnden Arzt übermittelt. Der Patient bleibt mobil und muss nur bei Bedarf in die Praxis oder Klinik. Mittels Teleradiologie tauschen Ärzte über Hochleistungsnetze Röntgenbilder aus, sodass mit Telekonsultationen und Telekonferenzen selbst noch während einer OP Zweit- und Drittmeinungen von räumlich entfernten Spezialisten eingeholt werden können.

Die Telechirurgie bestand ihre Feuertaufe im September 2001, als in Straßburg einer 68-jährigen Patientin mit Hilfe eines ferngesteuerten OP-Roboters die Gallenblase entfernt wurde. Der Chirurg saß in New York am Joystick, die Verzögerung beim Datenaustausch über 13.000 Kilometer auf dem Hin- und Rückweg betrug nur 155 Millisekunden.

Nach Angaben der EU-Kommission, die seit den 90er Jahren mehr als eine halbe Milliarde Euro in elektronische Gesundheitsdienste investierte, könnte sich dieser Markt - neben Arzneimitteln und Medizintechnik - zur drittgrößten Gesundheitsbranche entwickeln. Die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt den Trend zur T-Medizin »unausweichlich«. In den USA sind einige Psychiater heute schon auf Fernbehandlung spezialisiert und kennen ihre Patienten nur noch vom Bildschirm. Nutznießer sind Menschen in dünn besiedelten Regionen, denen sich eine Chance eröffnet, wenigstens via Internet in den Genuss fachärztlicher Therapien zu kommen. Nebenwirkungen inklusive: Die elektronische Krankenakte des gläsernen Patienten kurvt womöglich unkontrolliert durch elektronische Kanäle. Werden Biosensoren in den Körper implantiert, die pausenlos Blutwerte und Organfunktionen aufzeichnen, bleibt dem überwachenden Arzt kein Winkel des Leibes mehr verborgen, auch nicht die lässlichste »Sünde« im gesunden Lebenswandel. Manche fürchten schon eine ganz neue Art der Zweiklassenmedizin, in der nur der betuchte Patient seinen Arzt noch leibhaftig zu sehen bekommt.

7. Lassen sich Erbkrankheiten heilen?

Schwere Leiden an ihrer genetischen Wurzel packen zu können, das klingt verlockend. So schwer kann es doch wohl nicht sein, ein gesundes Gen in ein anderes Lebewesen einzuschleusen, denkt sich der Laie - als brauchte man nur eine winzig kleine Pinzette. Aber so simpel und elegant, wie man es sich lange vorgestellt hat, funktioniert die Methode nicht. Herbe Rückschläge ließen viele hochfliegende Träume zerplatzen.

French Anderson, der 1990 an einem kleinen Mädchen mit ADA-Mangel, einer lebensbedrohlichen Immunschwäche, den ersten Gentherapieversuch unternahm, hat die Vision, Erbleiden noch im Mutterleib zu heilen. Am ehesten behandelbar wären Krankheiten, die auf einem einzigen Gendefekt beruhen. Doch die sind äußerst selten und kommerziell nicht sehr interessant.

Bei einem Volksleiden wie Krebs hingegen wäre eine Gentherapie zwar lukrativ, doch Tumore werden von Hunderten verschiedener Gene und dazu auch noch von Umweltfaktoren beeinflusst, wodurch sie sich einer Gen-Reparatur entziehen. Denkbar wären Erfolge nicht bei der Heilung von Krebskranken, sondern bei der Verbesserung ihrer Lebensqualität. »Von welchen Forschungs- und Behandlungsansätzen erhoffen Sie sich insgesamt die größten Erfolge bei der Krebstherapie?«, fragte 2005 der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) 100 Experten aus Wissenschaft und Industrie. Nur zwei Prozent nannten die Gentherapie.

8. Können Blinde wieder sehen ...?

Der Cyborg steht schon vor der Tür. Und künstliche Augen werden ein Teil von ihm sein. Dank rasanter Fortschritte bei der Miniaturisierung von Technik, der Entwicklung von lernfähigen Chips, nanoelektronischen Bauteilen und hauchdünnen, bioverträglichen Folien wird es bald die künstliche Netzhaut geben. Oder, als Alternative zum vollimplantierbaren Chip, die so genannten Kortikal-Implantate, bei denen visuelle Informationen von einer winzigen externen Digitalkamera an Elektroden weitergeleitet werden, die sich im Gehirn direkt in der Sehrinde platzieren lassen.

Ziel des feinstmechanischen Zaubers ist es, blinden Menschen zumindest ein »naturnahes Sehen« zu ermöglichen - und sei es nur, dass sie wieder, je nach Grundleiden, Bewegungen, Kontraste, Konturen, Lichtpunkte, Hell und Dunkel voneinander unterscheiden können. Aber hinter der Technik steckt noch viel mehr. Durch geeigneten Input kann die Kortikal-Kamera Menschen auch befähigen, Infrarotstrahlung oder Gerüche zu »sehen«. Die Neuroprothese wird zum Sinnesverstärker für Gesunde.

Soldaten mit Adleraugen oder dem Hörvermögen einer Eule? Viele Projekte zur Exploration von Hirn-Maschine-Schnittstellen stehen unter Obhut der Darpa, der Forschungsabteilung des amerikanischen Verteidigungsministeriums, bis hin zum künstlichen Hippocampus, der das Gedächtnis von Schlaganfall- oder Alzheimerpatienten wieder verbessern soll. Aufgrund seiner Vernetzungsfähigkeit würden aber auch Tür und Tor geöffnet »für alle möglichen Formen der sozialen Überwachung und Manipulation«, wie im März 2005 eine von der EU-Kommission eingesetzte Beratergruppe befürchtete. Die Grenzen verschwimmen, letztlich geht es gar nicht mehr nur um den menschlichen Cyborg, sondern auch um unseren künftigen Lebenspartner, den humanoiden Roboter, der durch die Einsicht in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns bis 2050 garantiert noch ungeahnte Fertigkeiten und Sinnesleistungen entwickeln wird.

9. ... und Gelähmte gehen?

Futuristische Technik hat Sex-Appeal. Doch manchmal hilft auch die gute alte Knochenarbeit im Labor - vereint mit der Bereitschaft, medizinische Dogmen hinter sich zu lassen. Martin E. Schwab, Hirnforscher an der Universität Zürich, will bald die Früchte seiner mehr als 20-jährigen Grundlagenforschung ernten. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass verletztes Rückenmark vernarbt, statt zu verheilen - anders als bei den peripheren Nerven etwa in Armen und Beinen.

Auf der Suche nach einem Hemmstoff, der Nervenzellen im Rückenmark offenbar daran hindert, neue Verbindungen einzugehen, wurde der Schweizer Forscher fündig. In Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern Novartis entwickelte er einen Antikörper gegen dieses körpereigene Stoppsignal namens »Nogo-A«. Nach erfolgreichen Versuchen mit gelähmten Ratten und Affen soll das Mittel nun in der Schweiz und in verschiedenen europäischen Kliniken an 50 bis 100 Patienten erprobt werden - wegen der größeren Erfolgschancen vorerst nur an Frischverletzten mit teilweiser Durchtrennung des Rückenmarks, die etwa zu einer Lähmung der unteren Extremitäten und innerer Organe führt. Schwab dämpft zu hohe Erwartungen. »Eine komplette Heilung wird es vermutlich nie geben.« Aber wenn es zu spontaner Bildung neuer »Schaltkreise« kommen und sich dadurch die Bewegungsfähigkeit verbessern sollte, sodass Patienten wieder selbstständig atmen, Schultern und Hände bewegen, womöglich wieder alleine stehen können, wäre das auch 2050 noch ein fantastischer Erfolg.

10. Werden die Menschen überhaupt noch krank?

Deutschland 2020. Der Au-pair-Junge Han aus China kommt in ein Land, in dem gesundheitsbewusstes Verhalten zur »verinnerlichten Überzeugung« geworden ist. Und er staunt. Schon am Flughafen erwartet ihn eine »McCheck«-Kabine. Jeder kann dort seinen Gesundheitszustand testen lassen. Rollt das Diagnosemobil vor die Schule, stehen die i-Dötzchen Schlange. Ein Ganzkörper-Kernspin ist für Theo und Luise, die Kinder seiner Gastfamilie, längst Routine. Das Unterrichtsfach »Körperkompetenz« vermittelt Wertschätzung von Gesundheit und bewusstem Lebensstil.

So ähnlich könnte es laut einem von vier Szenarien aussehen, die im Rahmen von »Futur« entstanden sind, einem Forschungsdialog, der 2001 vom Bundesforschungsministerium angestoßen wurde. Als »erzählerische Momentaufnahme« beschreibt es eine mögliche künftige Alltagssituation - wie eben den Tagesablauf in der Gastfamilie des jungen Han, wo das tägliche »Familien-Diner« zum Pflichtprogramm gehört, weil es der psychischen Gesundheit dient, wo alle Lebensmittel »intelligente Etiketten« haben, die zeigen, wie gesund und ökologisch korrekt sie sind, und wo Gesundheitstage, Sommerfamilienolympiaden und Tischtennis-Dauerturniere auch den »faulsten Bewegungsmuffel« auf Trab bringen sollen.

Ziel der Futur-Szenarien sei es gewesen, eine Diskussion über politische Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten anzuregen, erklärt Robert Gaßner vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT), der an dem Projekt federführend beteiligt war.

Bis zu 30 Prozent der heutigen Gesundheitsausgaben - darunter Kosten für echte Volkskrankheiten wie Diabetes, Herzinfarkt oder Bluthochdruck - sollen sich durch einen gesunden Lebensstil angeblich vermeiden lassen. »Ein Leben lang gesund und vital durch Prävention« wurde die Leitvision betitelt, die diesem Szenario zugrunde liegt. Ein Versprechen, das wohl nicht gehalten werden kann. Denn inwieweit als gesund definiertes Verhalten tatsächlich einzelne Krankheiten vermeiden hilft, ist noch längst nicht restlos erforscht. Eines steht allerdings fest, Menschen werden auch in 50 oder 100 Jahren weiterhin krank werden.

»Der Computer-Arbeitsplatz ist mit einer Miniaturkamera ausgestattet«, lernt der junge Han. Ein »Überarbeitungswarner« verfolgt die Blinzelfrequenz der Augen und schlägt Alarm, sollte die »Work-Life-Balance« gefährdet sein.

Wenn sich eine Arbeitsvorlage der Bundesforschungsministerin schon vom Jahr 2020 solche beklemmenden Vorstellungen macht, will man da an 2050 überhaupt noch denken? ?

ZEIT Wissen Serie: Welt 2050
Gefühlte Zukunftsaussichten: mäßig. Die Stimmung ist nicht gut im Land. Aber wie sehen die Fakten aus? Niemand kann vorhersehen, wie die Welt im Jahr 2050 aussehen wird, aber es gibt Szenarien der Wissenschaftler. Die präsentieren wir Ihnen in diesem Jahr in sechs Folgen.
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Leser-Kommentare
  1. Die hier beschriebenen Fortschritte in der Humanmedizin machen nur Sinn, wenn es gleichzeitig gelingt, Demenz und Alzheimer zu beherrschen.
    Gelingt das nicht, werden die gesellschaftlichen Probleme nicht beherrschbar sein.

  2. Der Kapitalismus ist ein Fluch. Er produziert nicht was Menschen an Gütern und Dienstleistungen brauchen, sondern das wofür Leute die Geld haben, gewillt sind es auazugeben.Wer keins hat den kann der Teufel holen, je er um so besser.

    A. Helmut Fickenwirth
    Durham NH USA
    Entschiedener Christ

  3. ... was die Machbarkeit anbelangt. Über die Bezahlbarkeit wird hier nicht gesprochen.

    Bei der gegenwärtigen demographischen Entwicklung (gegen die man leider noch immer nichts unternimmt) wird es 2050 keine solidarische Krankenversicherung mehr geben. Ein Großteil der Bevölkerung, die wachsende Masse der sozial Schwachen, wird dann von den wichtigsten Segnungen der modernen Medizin faktisch ausgeschlossen sein.

    Eine Leser-Empfehlung
    • rjust
    • 28.08.2006 um 11:06 Uhr

    Für den Menschen ist in erster Linie sauberes Wasser,saubere Luft und eine ebenfalls unvergiftete und vollwertige Nahrung für ein gesundes Leben wichtig.Dann kommen die Wohnverhältnisse, trocken und licht sollten sie sein (Thema Baubiologie).Darüberhinaus sollte die Lebenssituation ausgeglichen und freundlich sein und ein möglichst stressfreies liebevolles Leben ermöglichen.Darauf sollte man sich konzentrieren, wenn man wirklich die Volksgesundheit erhöhen möchte.
    Die Medizin spielt bei der Gesundheit oder Lebensverlängerung des Menschen lediglich eine untergeordnete Rolle.

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  • Quelle ZEIT Wissen 05/2006
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