Ernährung »Das Problem steckt im Hirn, nicht im Darm«

Die Köchin Sarah Wiener über die Diäten der Filmstars, Sonderwünsche im Restaurant - und Stierhoden.

Sarah Wiener betreibt in Berlin drei Restaurants und ist außerdem auf Film-Caterings spezialisiert. Bekannt wurde sie als »Mamsell« in der ARD-Serie »1900 - Leben auf dem Gutshof«. Zurzeit dreht sie in Frankreich für Arte.

Was ist Ihre Ernährungsphilosophie?

Sarah Wiener: Ich will keine Fertigprodukte, die chemisch behandelt worden sind. Künstliche Aromen, Farbstoffe, Emulgatoren - offensichtlich tut uns das nicht gut. Abgesehen davon: Nimm von jedem etwas, iss wenig Fleisch und lass es nicht in Völlerei ausarten!

Ist es teurer, sich gesund zu ernähren?

Natürlich ist Biofleisch teurer, man muss aber auch nicht jeden Tag Fleisch essen. Und wer sich jede Woche eine DVD kaufen kann, der kann sich auch Bioeier leisten. Für mich fängt gute Ernährung nicht bei teuren Lebensmitteln an.

Gibt es immer mehr Menschen, die »speziell« essen?

Spinner gab's schon immer. Ich habe einmal nach einer Schlachtung einen Stierhoden geschenkt bekommen. Ich wollte den schon in die Küche tragen, um ihn zu braten. Da kommt ein Mädchen angaloppiert, reißt mir diesen Stierhoden aus der Hand, beißt hinein und sagt: »Weißt, ich bin nämlich Rohköstlerin.«

Welche Sonderwünsche beim Essen erfüllen Sie?

Man weiß ja heute, dass die meisten Lebensmittelallergien Modekrankheiten sind. Das nehme ich alles hin. Ich habe auch ein Herz für Vegetarier und Veganer. Wahrer Freigeist sollte offen sein für andere Genussarten - was nur leider die meisten, die einer strikten Ernährungsphilosophie folgen, nicht sind. Sie katapultieren sich damit oft aus der Gesellschaft heraus. Eigentlich halte ich es auch für eine Zumutung, wenn ich jemanden zum Essen einlade und erst einmal eine Liste von Dingen bekomme, die ich nicht kochen darf. Wenn der Dalai Lama aus Höflichkeit dem Gastgeber gegenüber Fleisch isst, dann sollte Fritzchen Müller das auch können. Oder sich mit den Beilagen begnügen.

Sie haben viel mit Filmstars zu tun - warum reden die so oft von Diäten?

Vielleicht haben sie nichts anderes zu sagen? Natürlich gibt es gerade unter Schauspielern besonders viele Essgestörte. Ich bin absolut gegen jede Art von Diät, es sei denn, jemand ist krank oder wiegt 200 Kilo. All das mit »nur Fleisch« oder »nur Kohlenhydrate« ist in meinen Augen großer Mist. Das ist wirklich Religionsersatz, da werden ganze Philosophien drumherum gestrickt. Das Problem steckt eher im Hirn als im Darm.

Aber alle sagen, es geht ihnen mit ihren persönlichen Ernährungsstilen besser.

Das sagt auch jedes Sektenmitglied.

Wird sich das wieder normalisieren?

Mit der starken Individualisierung der Gesellschaft wird es auch immer mehr Leute geben, die meinen, sich kasteien zu müssen. Ich glaube, in diesen Menschen steckt eine tiefe Angst, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Vegetariertum ist natürlich auch eine Luxuserscheinung. Alle armen Völker würden sich über uns wundern.

Das Interview führte Sigrid Neudecker

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Leser-Kommentare
  1. Ich habe auch nicht davon gesprochen, dass man den Armen den Fleischkonsum verbieten soll, sondern den Fleischkonsum in den reichen Ländern drastisch einschränken sollte.

    Über die negativen Folgen der derzeitigen Agrarwirtschaft gibt es ausreichend Literatur, auf die ich auch auch bereits verwiesen habe. Ein Blick ins Internet ist auch bereits sehr aufschlussreich!

    Wenn alle Menschen soviel Fleisch essen würden, wie in Europa oder Nordamerika, würde die Anbau- und Weideflächen unseres Planeten hierfür bei weitem nicht ausreichen.

    Auch bei uns sind die Schäden durch die Landwirtschaft inzwischen enorm! Wenn auch nicht so offensichtlich wie z.B. die Ausdehnung der Sahara!

  2. Die Meinung von Frau Wiener, dass Vegetariertum eine Luxuserscheinung ist, ist absolut verkehrt. Sie sollte mal das Buch des WorldWatch-Institutes "Zur Lage der Welt 2004" lesen.

    Wie daraus ersichtlich, ist der Fleischkonsum eines der größten Probleme in Bezug auf Umweltzerstörung und Nahrungsverteilung auf der Welt.

    50 % der weltweiten Getreideernte und 90 % der gesamten Sojaproduktion wird an Vieh verfüttert. Anbau meist in armen Ländern Afrikas, Südamerika und Asien. Export dann nach Europa oder Nordamerika. Den armen Ländern fehlen somit Anbauflächen für die Ernährung der eigenen Bevölkerung.

    Die Abholzung des Amazonasgebietes ist insbesondere durch die Viehhaltung begründet.

    Eine ineffektivere Verschwendung von Kalorien als der Umweg über die Ernährung mit Fleisch gibt es nicht.

    Wenn die reichen Länder ihren Fleischkonsum drastisch einschränken würden, wäre das weltweite Ernährungsproblem und sehr viele Umweltprobleme sehr schnell gelöst.

    • Barock
    • 16.08.2006 um 14:43 Uhr

    Sehr geehrte Vorrednerin,

    wenn Sie korrekt im Interview nachlesen, werden Sie feststellen, dass Frau Wiener eben das Vegetariertum aus Luxus unter Beschuss nimmt. Sie sieht durchaus die Problematik, dass Bewohner der dritten Welt gerne mehr Fleisch essen würden, es aber aus Einkommensgründen nicht können.

    Und außerdem halte ich eine Lösung eines Gutteils der Umweltproblematik durch eine Reduktion des Fleischkonsums für vermessen: Als Gegenbeispiel ist die zunehmende Ausdehnung der Sahara eine Folge einer vermehrten Tierhaltung zu nennen, da dort eine große Herde als Prestigesymbol gesehen wird. Abgesehen von kulturellen Differenzen können Sie diesen Leuten nicht vorschlagen, zu Gunsten unseres Paneten in einer eher kargen Region ihre Ernährung umzustellen. Ganz davon zu schweigen, dass Ziegen-oder Schaffleisch aus diesen Regionen ganz bestimmt nicht auf unseren Tellern landet.

    Lassen wir also jedem Tierchen sein Pläsierchen und essen das, was uns am ehesten zusagt.

  3. vegetarismus als luxuserscheinung abzutun und damit in die ecke des albernen, kurzlebigen ernährungswahnsinns zu stellen, verkennt diese ernährungsform. sich vegetarisch ernähren zu wollen, ist ein seit tausenden von jahren bestehender wunsch, der durch verschiedene religiöse, philosophische oder eben moralische gründe motiviert ist.

    à propos: die desertifizierung in den nördlichen regionen vieler westafrikanischer länder schlicht auf viehhaltung zurückzuführen, halte ich, ebenso wie viele andere monokausale erklärungsmuster, für mehr als fragwürdig!

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  • Serie -
  • Quelle ZEIT Wissen 05/2006
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