ErnährungUnnützer Ballast für den Darm

Die Legende der Ballaststoffe

Wer noch nie auf drei Esslöffeln Weizenkleie im Müsli herumgekaut hat, sollte es unbedingt einmal ausprobieren. Allein um zu wissen, was ihm erspart geblieben ist. Denn es gab eine Zeit, Anfang der 80er Jahre, da wurden Ballaststoffe als Wundermittel propagiert, das Darmkrebs verhindert. Besorgte Eltern streuten ihren Kindern Kleie ins Müsli, die Industrie versetzte Fertigjogurts mit den unverdaulichen Fasern, und irgendwann schwamm der Ballast sogar in Frühstücksgetränken herum.

Jahrelang blieb es das Mantra aller Ernährungswissenschaftler: Ballaststoffe schützen vor Darmkrebs. Inzwischen weiß man, dass das nicht stimmt.

Schuld an dem falschen Glauben war der Tropenarzt Denis Burkitt. Der hatte zu Beginn der 70er Jahre bei Feldstudien in Afrika beobachtet, dass die Menschen dort viel faserreiche Nahrung essen, mehr Stuhlgang haben und kaum an Darmkrebs erkranken. Burkitt und andere Wissenschaftler schlossen messerscharf auf einen Zusammenhang: Die unverdaulichen Ballaststoffe, etwa aus Vollkorn, aber auch in Gemüse oder Obst, quellen während der Verdauung auf. Dadurch erhöht sich die Stuhlmenge, Krebs erregende Substanzen werden verdünnt, die Verweildauer möglicherweise schädlicher Stoffe im Darm verkürzt, und der Darmkrebs hat keine Chance. So weit die Theorie. »Esst mehr Ballaststoffe!«, war fortan der Schlachtruf der Darmkrebsbekämpfer.

Beobachtungsstudien wie die von Burkitt sind jedoch methodisch sehr fragwürdig. Wer sagt, dass die niedrigere Darmkrebsrate tatsächlich durch die Ballaststoffe verursacht war - und nicht etwa durch mehr Bewegung, bessere Luft oder gar genetische Veranlagung?

Um das herauszufinden, erstellten Wissenschaftler so genannte Fall-Kontroll-Studien. Sie fragten Menschen mit und ohne Darmkrebs nach ihren früheren Ernährungsgewohnheiten. Und schon erschien das Bild ganz schön verschwommen: Zwar stützten einige Studien die These von den segensreichen Ballaststoffen, viele brachten aber auch völlig gegensätzliche Ergebnisse.

Fall-Kontroll-Studien sind allerdings auch noch nicht sehr aussagekräftig. Wer kann sich schon genau erinnern, was er die letzten paar Jahre alles gegessen hat? Die Empfehlungen aber blieben erst mal bestehen, die Kleie kam weiter ins Müsli.

Der nächste Schritt waren Kohorten-Studien. Dafür wird eine große Gruppe von Menschen über einen längeren Zeitraum beobachtet, ihre Lebens- und Essgewohnheiten werden möglichst genau dokumentiert, und am Ende der Beobachtungszeit schaut man, wer krank geworden ist und wer nicht. Die bekannte Nurses-Health-Studie in den USA verfolgte 76 947 Krankenschwestern von 1976 an 16 Jahre lang. Die Ergebnisse dieser und ähnlicher Studien in den 90er Jahren waren ziemlich ernüchternd: Wenn es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Ballaststoffaufnahme und Darmkrebs gab, war er ziemlich vage. Eigentlich gab es keinen.

Langsam wurde klar: Burkitt hatte bei seiner Theorie einen großen Fehler gemacht. Er hatte nicht auf das Alter geachtet. Die Menschen, die ihm als Beleg für die Krebs verhütende Wirkung der Ballaststoffe dienten, wurden meist gar nicht so alt, dass sich Darmkrebs bei ihnen überhaupt entwickeln konnte.

Den letzten Schlag versetzten der Ballaststoffthese so genannte randomisierte Studien. So wurden im Jahr 2000 in einer amerikanischen Untersuchung 2079 Versuchspersonen, bei denen schon einmal Darmpolypen (eine Krebsvorform) entfernt worden waren, nach dem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine wurde auf eine ballaststoffreiche Diät gesetzt, während die andere wenig Ballaststoffe aß. Nach vier Jahren wurden beide Gruppen verglichen. Das Ergebnis: Es gab keinen Unterschied.

Das alles heißt nicht, dass Ballaststoffe überhaupt keine Wirkung auf die Gesundheit haben oder dass man ganz darauf verzichten sollte. Vor Darmkrebs schützen sie allerdings nicht.

Die Karriere der Ballaststoffe ist übrigens kein Einzelfall. Die Pendelbewegung zwischen »gesund« und »doch nicht so gesund« lässt sich auch bei Vitaminen oder bestimmten Fetten beobachten.

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  • Quelle ZEIT Wissen 05/2006
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