Welt 2050

Das Orakel

Roland Belz rät zur Entschleunigung

wir bewegen uns zu schnell. Unsere Zeit ist zu hektisch. Wir machen zu viel zur gleichen Zeit, sind Sklaven unserer Kalender und hetzen von Termin zu Termin. Wir fühlen uns getrieben und drehen doch alle selber mit am Rad. Das hohe Tempo führt zu Raubbau an der eigenen Gesundheit. Eigentlich weiß das jedermann. Und nichts ändert sich. Nichts? Oh doch! Wir entdecken nämlich gerade eines der seltensten Güter unserer Zeit: die Zeit selbst. Wir begegnen der Zeit in der Langsamkeit. Das ist wirklicher Luxus. Wir werden langsamer werden. Die Zukunft unserer Mobilität heißt Langsamkeit.

Ich habe oft Freunde oder Geschäftspartner zu Gast. Die kommen hier, in der schönen Fränkischen Schweiz, mit 250 Kilometer pro Stunde angerast. Ist der Motor abgestellt, hört die Raserei nicht auf. Ruhig werden, runterschalten - das ist fast unmöglich.

Ich lade meine Besucher dann gern zu einer Fahrt mit der Kutsche ein, Kutschfahrten sind seit vielen Jahren mein Hobby. Nun geht es mit fünf Stundenkilometern zum Dorfgasthof oder in den Wald. Und was geschieht? Die kriegen einen Langsamkeitskoller! Das gemächliche Tempo einer Kutsche ist eine echte Quälerei für sie. Doch ich erlebe regelmäßig etwas sehr Schönes: Es dauert vielleicht eine halbe Stunde oder eine ganze, aber irgendwann finden sie es toll und wohltuend. Sie sehen die Landschaft ganz anders. Sie können während der Fahrt aussteigen, ein wenig nebenherlaufen und Blumen pflücken. Die Leute, denen man unterwegs begegnet, freuen sich. Und die Gäste in der Kutsche haben ein Tempo erreicht, das zur Seele des Menschen passt.

Häufig baten meine Gäste darum, wiederkommen und Freunde mitbringen zu dürfen. Immer wieder wollten sie selbst die Zügel in die Hände nehmen, aber das ist für Ungeübte viel zu gefährlich. So kam ich auf die Idee mit dem Aaglander. Das ist ein Fahrzeug in der klassischen Formensprache der Kutsche, filigran, elegant, aber verbunden mit moderner Automobiltechnik. Ich wählte die offene Kutschenform - den Vorläufer der Cabrios, mit Blattfedern und großen Speichenrädern. Ein kleiner Dieselmotor treibt den Aaglander an. Das Besondere: Der Aaglander wird nicht mit einem Lenkrad gesteuert, sondern mit starren Leinen geführt.

Wenn wir in Zukunft langsamer unterwegs sein wollen, brauchen wir entsprechende Fahrzeuge. Und weil wir vergessen haben, wie Langsamkeit geht, brauchen wir dafür eine Schulung. Der Aaglander ist der Prototyp meiner Vision. Und die Schulung geht so: Man fährt die Motorkutsche gemächlich wie eine Pferdekutsche und achtet auf Schlaglöcher. Tut sich ein Loch im Weg auf, dann nimmt man eben das Gas zurück. Langsam geht es ins Schlagloch hinein, dann beschleunigt man wieder ein bisschen.

So beginnt man mit dem Weg zu kommunizieren und erlebt den Rhythmus des Weges. Man lernt das Langsamfahren. Anfänger sind zuerst verkrampft und fahren viel zu schnell. Doch nach einer Stunde haben die meisten ihre Wohlfühlgeschwindigkeit gefunden. Die liegt in aller Regel zwischen 5 und 12 Stundenkilometern. 20 Stundenkilometer würde die Maschine schaffen, aber das macht man dann nicht mehr freiwillig. Das hieße ja zu rasen.

Zu behaupten, dieses Fahrzeug sei das Automobil der Zukunft, wäre zu weit gesprungen. Eine solche Fortbewegungsart wird sicherlich nie zur Massenbewegung werden. Der Aaglander ist ganz bewusst als Fahrzeug für den Freizeit- und Genussbereich konzipiert.

Doch ich bin mir ganz sicher, dass es eine Nische für Fahrzeuge wie dieses geben wird. Eine Nische, die immer größer wird, für Genießer, die den Luxus der Langsamkeit vielleicht schon kennen und mögen. Menschen, die Kreuzfahrten unternehmen oder mit einer Segelyacht übers Meer schippern oder gern im Wald spazieren gehen. Die endlich mal wieder drei Stufen herunterschalten wollen, in den Gang, der ihnen spürbar gut tut.

Roland Belz produziert recycelbare Kunststoffe und bekämpft das Monopol des Dualen Systems. Die Aagland Manufaktur gründete er 2003, sie beschäftigt acht Mitarbeiter.

Aufgezeichnet von Burkhard Strassmann

Zu Teil 5 der ZEIT Wissen Serie: Welt 2050:Mobilität»

Hier finden Sie alle Themen der Serie auf einen Blick»

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  • Von Burkhard Strassmann
  • Datum 19.10.2007 - 12:00 Uhr
  • Quelle ZEIT Wissen 06/2006
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