Drei blau-weiße Bälle wirbeln durch die Luft, einer immer auf Augenhöhe, einer in der Hand, einer irgendwo dazwischen. Rita Rock tänzelt durch das Hamburger Institut für Systemische Neurowissenschaften. Ihren Kopf hat sie tief in den Nacken gelegt, den Blick starr nach oben gerichtet.

Seit drei Monaten jongliert die 54-Jährige für die Wissenschaft. An Anfang musste sie die Bälle wieder und wieder aufsammeln und sich von ihrem Sohn anhören: "Mama, das schaffst du nie!" Jetzt erst recht, dachte sie und übte täglich. Mal mit einer Freundin, mal am Bett der alten Tante, sogar beim Segeln auf schwankenden Schiffsplanken.

Heute jongliert sie für den Neurowissenschaftler Arne May, gemeinsam mit 40 anderen Probanden nimmt sie an einer seiner Studien teil. Sie soll vorführen, ob sich das monatelange Üben gelohnt hat. Und tatsächlich: Minutenlang pflückt sie die Bälle aus der Luft wie reife Früchte von einem Baum. Anschließend wird sie wieder einmal in die glänzende Röhre im Nebenraum geschoben, den Hochleistungs-Kernspintomografen des Instituts. Gestochen scharfe Bilder sollen zeigen, was sich in Rocks Gehirn verändert hat. Und sie sollen, so hofft May, endlich Antworten auf einige der drängendsten Fragen der Neurowissenschaft liefern: Wie lässt sich ein Gehirn am besten trainieren? Wie verändert es sich, wenn wir lernen? Und wie bleiben wir bis ins hohe Alter geistig fit?

Aus Erfahrung weiß man schon lange: Wer viel unternimmt, soziale Kontakte pflegt und seinen Geist fordert, baut nicht so schnell ab wie andere. Unsere biologische Hardware im Kopf will beansprucht werden. Eine neue Sprache, ein Instrument oder auch nur Gedichte auswendig zu lernen mag zwar anstrengend sein; wer seinen Kopf jedoch nicht benutzt, riskiert, auf Dauer zu verblöden.

Schon vor 70 Jahren prägten Psychologen den Spruch: Use it or lose it!, frei übersetzt: Nutze deine grauen Zellen, oder du bist sie los! Frühe Intelligenztests hatten gezeigt, dass das Denkvermögen schnell nachlässt, wenn Menschen geistig unterfordert werden. Das gilt für Patienten, die sich im öden Krankenhausalltag langweilen, ebenso wie für Büroangestellte, die stumpfsinnige Aufgaben zu erledigen haben. Und für Rentner, die den Ruhestand zu wörtlich nehmen.