Hirnforschung Denken hilft
Nach der Kindheit ist das Hirn fertig verdrahtet, glaubten Neurowissenschaftler lange Zeit. Jetzt entdecken sie: Auch im Alter sprießen noch graue Zellen - wenn man den Geist nicht aufgibt.
Drei blau-weiße Bälle wirbeln durch die Luft, einer immer auf Augenhöhe, einer in der Hand, einer irgendwo dazwischen. Rita Rock tänzelt durch das Hamburger Institut für Systemische Neurowissenschaften. Ihren Kopf hat sie tief in den Nacken gelegt, den Blick starr nach oben gerichtet.
Seit drei Monaten jongliert die 54-Jährige für die Wissenschaft. An Anfang musste sie die Bälle wieder und wieder aufsammeln und sich von ihrem Sohn anhören: »Mama, das schaffst du nie!« Jetzt erst recht, dachte sie und übte täglich. Mal mit einer Freundin, mal am Bett der alten Tante, sogar beim Segeln auf schwankenden Schiffsplanken.
Heute jongliert sie für den Neurowissenschaftler Arne May, gemeinsam mit 40 anderen Probanden nimmt sie an einer seiner Studien teil. Sie soll vorführen, ob sich das monatelange Üben gelohnt hat. Und tatsächlich: Minutenlang pflückt sie die Bälle aus der Luft wie reife Früchte von einem Baum. Anschließend wird sie wieder einmal in die glänzende Röhre im Nebenraum geschoben, den Hochleistungs-Kernspintomografen des Instituts. Gestochen scharfe Bilder sollen zeigen, was sich in Rocks Gehirn verändert hat. Und sie sollen, so hofft May, endlich Antworten auf einige der drängendsten Fragen der Neurowissenschaft liefern: Wie lässt sich ein Gehirn am besten trainieren? Wie verändert es sich, wenn wir lernen? Und wie bleiben wir bis ins hohe Alter geistig fit?
Aus Erfahrung weiß man schon lange: Wer viel unternimmt, soziale Kontakte pflegt und seinen Geist fordert, baut nicht so schnell ab wie andere. Unsere biologische Hardware im Kopf will beansprucht werden. Eine neue Sprache, ein Instrument oder auch nur Gedichte auswendig zu lernen mag zwar anstrengend sein; wer seinen Kopf jedoch nicht benutzt, riskiert, auf Dauer zu verblöden.
Schon vor 70 Jahren prägten Psychologen den Spruch: Use it or lose it!, frei übersetzt: Nutze deine grauen Zellen, oder du bist sie los! Frühe Intelligenztests hatten gezeigt, dass das Denkvermögen schnell nachlässt, wenn Menschen geistig unterfordert werden. Das gilt für Patienten, die sich im öden Krankenhausalltag langweilen, ebenso wie für Büroangestellte, die stumpfsinnige Aufgaben zu erledigen haben. Und für Rentner, die den Ruhestand zu wörtlich nehmen.
Heute wird das, was Neurowissenschaftler und Psychologen salopp unter dem Begriff »Hirnaktivität« zusammenfassen, in viele Einzeldisziplinen unterteilt. Dazu zählen das Erinnerungsvermögen, die Wahrnehmungs- und Reaktionsgeschwindigkeit, die Konzentration, die Bewegungskoordination sowie die Orientierung.
Im Zentrum steht das Arbeitsgedächtnis. Es speichert für kurze Zeit alle auf uns einströmenden Informationen. Nur so können wir Dinge bewerten und einordnen. »Jeder bewusste Prozess, ob Denken, Erinnern oder Handeln, setzt dieses Arbeitsgedächtnis voraus«, erklärt der Intelligenzforscher Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen. Viele Wissenschaftler summieren die Fähigkeiten, die auf seiner Arbeit beruhen, auch unter »fluider Intelligenz« . Diese wird nicht nur von den meisten Intelligenztests gemessen, sondern lässt sich auch am einfachsten trainieren.
Lehrl hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den IQ von weiten Teilen der Bevölkerung zu steigern. Mit einem Team aus Psychologen, Neurologen und Internisten erfand er das »Gehirnjogging«, einen Aufgaben-Mix, der den Charme eines Rätselheftes zu haben scheint. Doch das genügt, argumentiert Lehrl. »Immer, wenn wir etwas bewusst tun, fördert das das Arbeitsgedächtnis.« Zum Beispiel, in diesem Artikel sämtliche Wörter mit »ei« einzukringeln und zu zählen oder den Text einfach laut zu lesen. Es hilft auch, Plakatwände konzentriert anzuschauen oder als Rechtshänder die Zähne mit links zu putzen.
Mehrere Studien bescheinigen Lehrl die Wirksamkeit seiner Aufgaben: 90 Reha-Patienten aus allen Bildungsschichten, die sich zwei Wochen lang seinem Gehirnjogging unterzogen, steigerten ihren Intelligenzquotienten im Schnitt um 15 Punkte. Lehrls Rezept: »Die Übungen müssen so einfach sein, dass niemand Angst vor ihnen hat.« Ein paar lockere Trainingsminuten täglich genügen dann, »um den Kopf für den Alltag aufzuwärmen«.
Was genau im Gehirn vorgeht, wenn wir etwas lernen oder auch wieder verlernen, das konnte allerdings auch Lehrl lange Zeit nur vermuten. Erst seit kurzem können Neuroforscher dank neuer bildgebender Verfahren wie der Kernspintomografie dem Organ beim Denken zusehen. Dabei tasten sie es mit magnetischen Feldern ab und machen auf dem Bildschirm sichtbar, welche Zonen besser durchblutet und damit aktiver sind als vorher - und welche durch mühsames Lernen sogar wachsen oder sich sonstwie verändern.
Auf diese Weise konnte Arne May mit Kollegen aus Regensburg und Jena vor drei Jahren erstmals nachweisen, dass sich auch die Hirnstruktur junger Erwachsener verändert, sobald sie etwas lernen. Ein sensationeller Befund. Bislang hatten die meisten Forscher angenommen, das Gehirn sei am Ende der Pubertät fertig verdrahtet.
Für seine Entdeckung ließ May schon damals Probanden jonglieren. Bälle oder Keulen in der Luft zu halten ist eine Herausforderung für das Gehirn; für seine visuelle Wahrnehmung, sein räumliches Vorstellungsvermögen sowie seine Reaktions- und Koordinationsfähigkeit. Ein Vorher/Nachher-Vergleich von Kernspinaufnahmen zeigte, dass im Training die so genannte graue Substanz zugenommen hatte, und zwar in einer ganz bestimmten Hirnfurche am Hinterkopf. Diese ist darauf spezialisiert, Objekte im Raum wahrzunehmen.
Nach einem Vierteljahr Jonglierpause war die Masse allerdings teilweise wieder verschwunden. »Was genau da gewachsen und geschrumpft ist, wissen wir noch nicht«, sagt May. Das Experiment zeige aber, dass das Hirn nie vollständig vergesse, selbst wenn wir etwas zu verlernen scheinen. »Was wir einmal beherrscht haben, können wir deshalb schnell wieder reaktivieren.«
Was May an den Hobbyjongleuren beobachtet hat, ist unter anderem von Berufsmusikern, Taxifahrern, Schachprofis bekannt: Sie alle haben Gehirne, die sich eindrucksvoll von denen der Normalbürger unterscheiden. So wie Schwimmer muskulöse Arme und Fußballer stramme Waden aufweisen, so haben sie die für sie wichtigen Hirnareale trainiert und vergrößert. »Es sieht so aus«, sagt May, »als würden wir mit praktisch allem, was wir neu lernen, unsere Gehirnstruktur verändern.« Das könnte bedeuten, dass Hirne so individuell wie Fingerabdrücke sind. Dass jede Vorliebe, jede Lernphase, jede noch so kleine Erfahrung Spuren hinterlässt.
Jetzt will May herausfinden, ob seine Beobachtungen nur für junge Menschen gelten oder auch für ältere Jahrgänge und welche Hirnareale bei Probanden ab Mitte 50 besonders gefordert sind. Rita Rock und die 40 anderen Jongleure sollen helfen, das Rätsel zu lösen.
Eine ähnliche Spur verfolgen Forscher in einem alten DDR-Plattenbau in Berlin-Mitte. Hier sitzt Ingo Kleinert seit Wochen jeden Morgen vor einem Bildschirm, auf dem 30 Wörter für jeweils drei Sekunden aufleuchten. Er soll sie alle im Gedächtnis behalten. An diesem Tag beginnt der Computer mit »Kimono«, »Garten« und »Wächter«. Er erfinde kleine Geschichten, um sich die Wörter zu merken, sagt Kleinert: »Die Frau im Kimono läuft durch den Garten und sieht den Wächter.« Keine Poesie, zugegeben, aber es müsse halt schnell gehen. Immerhin blieben auf diese Weise um die 20 Wörter hängen.
Kleinert ist einer von 200 Probanden des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, die hier ihre Intelligenz testen lassen. Ein Reihe von Denkaufgaben sollen sie zu diesem Zweck am Computerbildschirm lösen, eine Stunde täglich, hundert Tage lang. Außerdem müssen sie in Windeseile Zahlen- oder Buchstabenkombinationen miteinander vergleichen oder die vorletzte Position eines bewegten Punktes in einem Koordinatensystem bestimmen und gleichzeitig seine neue im Gedächtnis behalten. Besonders gefürchtet sind die Flamingos, Birnen und Kneifzangen, die kurz in einem Raster aufblinken und an deren Position sich die Teilnehmer später erinnern sollen.
Das Memory für Fortgeschrittene gehört zu einer Studie, die weltweit einmalig ist: Hundert Junge und hundert Alte betreiben unter Aufsicht Hochleistungssport fürs Hirn. »Die Intelligenz schwankt von Tag zu Tag«, sagt der Psychologe und Studienleiter Florian Schmiedek. »Wir wollen herausfinden, warum.«
Vor den Tests müssen die Teilnehmer Fragebögen ausfüllen: Wie viele Stunden haben Sie geschlafen? Haben Sie gesundheitliche Beschwerden? Sind Sie verängstigt oder gestresst? Die Max-Planck-Forscher lassen selbst die kleinste Befindlichkeit nicht aus. »Da steht auch: Fühlen Sie sich stark? Was für eine komische Frage«, sagt der 77-jährige Werner Grosche, der mit seiner Frau an der Studie teilnimmt. Ihn interessiert: »Wie weit denken wir noch, und was können wir in unserem Alter noch so alles lernen?« Schmiedeks Trainingsstudie kann diese Fragen wohl derzeit am besten beantworten, sie ist eine der größten und intensivsten überhaupt. Nach den hundert Trainingseinheiten will auch Schmiedek die Hirne einiger Teilnehmer mit dem Kernspintomografen untersuchen.
Mit der Technik des 21. Jahrhunderts lüften Forscher wie May und Schmiedek allmählich die Geheimnisse des menschlichen Gehirns. Schon jetzt steht fest: In unserem Kopf sitzt ein Verwandlungskünstler. Das Hirn ist keine starre Masse, es ist formbar wie Knete. Seine Zellen sind nicht von Kindheit an abgezählt, sondern in manchen Arealen bis ins Greisenalter erneuerbar. Und die Nervenzellen vernetzen sich nicht nur bis zum Ende der Pubertät, sondern auch noch Jahrzehnte danach.
»Erst jetzt können wir genau herausfinden, wie sich unser Verhalten auf das Gehirn auswirkt«, sagt Gerd Kempermann, Neurowissenschaftler am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin, »auf seine Funktionen, auf seine anatomische Struktur, bis hin zu den einzelnen Zellen.«
Nach derzeitigem Wissen haben wir Kulturleistungen wie höhere Mathematik und bildende Kunst dem aus zwei Hälften zusammengesetzten Großhirn zu verdanken; genauer, seiner gefurchten, grauen Oberfläche, der Großhirnrinde. Sie besteht hauptsächlich aus Nervenzellen und Synapsen. Beide Großhirnhälften lassen sich in jeweils vier so genannte Hirnlappen mit unterschiedlichen Aufgaben unterteilen. Teile der Scheitellappen sind zum Beispiel für die Bewegungskoordination verantwortlich, in den Hinterhauptlappen liegen Zentren für visuelle Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Bestimmte Furchen der Schläfenlappen beherbergen das Langzeitgedächtnis. Und in den Frontallappen, direkt hinter der Stirn, liegt unter anderem das Präfrontalhirn, ein unter Säugetieren einzigartiger Wissensmanager des Menschen. Es bündelt alle Informationen, die von außen auf uns einströmen, und beherbergt die fluide Intelligenz.
Mit jedem Lernprozess werden neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen geknüpft und alte verstärkt. Nicht nur bei Kindern, sondern eben auch noch bei Erwachsenen, wie Mays Jonglierstudien zeigen. Durch die zusätzlichen Nervenbahnen werden Informationen offenbar schneller verarbeitet. Auch die Konzentration der Botenstoffe steigt, mit deren Hilfe die Zellen kommunizieren. Das Großhirn passt sich neuen Ansprüchen an. Manchmal dauert das Monate, manchmal nur Tage, Stunden oder gar Minuten. »Plastizität« nennen Neurowissenschaftler dieses kleine Wunder, das sich jeden Tag in unserem Kopf abspielt.
Am meisten fasziniert die Forscher derzeit die »adulte Neurogenese«, die Neugeburt von Nervenzellen bei Erwachsenen. Offenbar vernetzen sich die Neuronen nämlich nicht nur neu, sondern es kommen auch noch weitere hinzu - und das sogar im hohen Alter. Darauf weist eine spektakuläre Untersuchung an ausgewachsenen Mäusen hin, die Gerd Kempermann mit Kollegen bereits 1997 veröffentlicht hat. Zwar entwickeln sich demnach bei Erwachsenen nicht mehr in allen Hirnregionen neue Nervenzellen, dafür aber in einer der wichtigsten: im Hippocampus, einem fingerkuppengroßen Areal im Schläfenlappen, das als Zentrum für bewusstes Lernen und das Langzeitgedächtnis gilt.
Der Hippocampus hat die Funktion eines Türstehers. Er bestimmt, welche der unzähligen Sinneseindrücke von außen in die Hirnrinde gelangen und gespeichert werden. Was auch immer wir für erinnerungswürdig erachten, vom Zoobesuch mit der Tochter bis hin zu Lateinvokabeln, muss an ihm vorbei. Menschen, deren Hippocampi in beiden Gehirnhälften wegen eines Tumors oder einer Kopfverletzung keine Information mehr durchlassen, sind nicht mehr in der Lage, Eindrücke für die Ewigkeit abzuspeichern.
Im Alter wird das Nervennetzwerk im Hippocampus wie in anderen Arealen löchrig. »Diese Verluste werden wahrscheinlich durch die neuen Nervenzellen kompensiert, sodass wir im Alter noch in der Lage sind zu lernen«, sagt Kempermann. Was die Neuronen sprießen und gedeihen lässt, welche Rolle Genetik und Umwelt, körperliche und geistige Betätigung spielen, will er mit Hilfe von Labormäusen untersuchen. Deren Hippocampus ist dem menschlichen sehr ähnlich, hat aber den Vorteil, dass »wir ihn in Scheiben schneiden können«.
Das Entstehen neuer Neuronen im Hippocampus sei nur der Anfang, glaubt Kempermann, die erste einer Reihe von Entdeckungen, die unsere bisherige Vorstellung vom Gehirn dramatisch verändern werden: »Wir können uns noch auf viele Überraschungen einstellen.«
Wenn im Hippocampus noch im Seniorenalter neue Nervenzellen wachsen, wie Kempermann herausgefunden hat, und wenn durch Hirntraining neue Synapsen, also Nervenverbindungen, entstehen, wie Arne May gezeigt hat, wie sieht es dann in den anderen Bereichen des Gehirns aus? Lassen sich alle Fertigkeiten gleichermaßen trainieren? Für jeden und in jedem Alter? Oder hat die Natur manche Menschen, Altersgruppen oder Generationen mit einem besonders flexiblen Denkorgan ausgestattet und andere nicht?
Psychologen am Berliner Max-Planck- Institut für Bildungsforschung wissen, dass die verschiedenen Großhirnareale eines Menschen in seiner Jugend nacheinander reifen. Erst Mitte 20, also zuletzt, erreicht das für die fluide Intelligenz essenzielle Präfrontalhirn seine Leistungsspitze.
Dafür schwächelt es dann im Alter als Erstes. Einerseits sinkt die Konzentration von Botenstoffen, vor allem von Dopamin und Noradrenalin, die verantwortlich für die schnelle Informationsverarbeitung sind. Andererseits schrumpft die graue Substanz von 30 an rapide. Durch beständiges Nichtstun kann die Region sogar schmelzen wie Eis in der Sonne: Als ein Lübecker Pathologe vor 20 Jahren Rentnerhirne sezierte, fehlte bei einigen ein Drittel des Präfrontalhirns.
Dass Menschen alt werden, hat die Biologie offenbar nicht einkalkuliert. Die gute Nachricht lautet: Niemand muss sich in sein Schicksal fügen. Schon wenige Wochen Hirntraining lohnen sich auch für Ältere, »auch wenn der Effekt vergleichsweise klein ist«, sagt Ulman Lindenberger, Direktor am MPI für Bildungsforschung.
Trainieren lässt sich zum Beispiel mit Übungen zur Wahrnehmungs- und Reaktionsgeschwindigkeit wie dem Papier-und-Bleistift-Test. Dabei müssen die Probanden Buchstabenreihen fortsetzen oder Zahlen so schnell wie möglich vorgegebenen Symbolen aus einer Liste zuordnen. Erwachsene zwischen 20 und 30 schneiden besonders gut ab, sie machen die größten Fortschritte. Rentner dagegen erreichen selbst nach einem Monat Training normalerweise nur das Ausgangsniveau der Jungen.
Allerdings gibt es Ausnahmen. Immer wieder stechen Senioren jenseits der 70 Mittzwanziger aus, schieben ihre Leistungskurven in der Auswertung trotzig zwischen die Zickzacklinien Jüngerer. Jene 87-jährige Schneiderin aus Berlin zum Beispiel. Bei der Wahrnehmungs- und Reaktionsgeschwindigkeit hängte sie Konkurrenten ab, die ihre Enkel sein könnten. Sie habe die Volksschule abgeschlossen, könne nach wie vor gut hören und sei noch gut zu Fuß, erzählte die Frau den verdutzten Wissenschaftlern. Und das Schönste in ihrem Leben seien die kleinen Urenkel. »Ihre mentale Geschwindigkeit hat im Alter kaum nachgelassen«, diagnostiziert Ulman Lindenberger. »Man sollte also nicht nur fragen, was das Hirn von älteren Menschen schwächeln lässt, sondern auch, was Ausnahmetalente zu geistigen Spitzenleistungen treibt.«
Zwar setzen unsere Gene unserer geistigen Leistungsfähigkeit Grenzen, doch innerhalb dieser natürlichen Bandbreite schwankt sie im Laufe eines Tages, eines Lebens, vermutlich sogar über Generationen hinweg.
Der Mensch war nicht immer mit einem hohen IQ gesegnet. Unsere Gehirne funktionieren zwar schon lange nach denselben Prinzipien. Jahrhundertelang liefen sie aber wahrscheinlich nur auf Sparflamme. Die meisten Menschen kamen wohl mit 70 IQ-Punkten aus, nach heutigen Maßstäben standen sie damit am Rande des Schwachsinns. Das änderte sich vermutlich erst vor 200 Jahren während der industriellen Revolution. Plötzlich mussten unsere Vorfahren Maschinen bedienen und in wachsenden Städten zurechtkommen, und sie konnten große Strecken mit der Eisenbahn überbrücken. Das Leben wurde schneller und mit ihm das Gehirn.
Seit 1920 stieg die geistige Fitness in den Industrienationen noch einmal rapide. »Schätzungsweise vier IQ-Punkte pro Jahrzehnt«, sagt der Intelligenzforscher Siegfried Lehrl. Das zeigen Metastudien mit Daten aus Intelligenztests, die Psychologen seit Beginn des 20. Jahrhunderts durchgeführt haben. Über die Ursachen spekulieren sie: Vielleicht hängt der Leistungsschub mit der besseren Ernährung zusammen, auch Ärmere konnten sich Fleisch leisten und ihr Gehirn mit mehr Eiweiß auf Touren bringen. Außerdem wurde die Schulpflicht eingeführt, und nachdem die Prügelstrafe abgeschafft war, lernten Kinder wesentlich stressfreier. Frauen profitierten angeblich vom Aufkommen öffentlicher Toiletten. »Frauen haben in den Nachkriegsjahren viel zu wenig getrunken«, sagt Lehrl, »aus Angst, sich unterwegs in die Büsche setzen zu müssen.« Das Hirn brauche aber viel Flüssigkeit zum Denken.
Noch in den 30ern erreichten Bergbewohner aus dem US-Bundesstaat Kentucky nur schwache 60 IQ-Punkte, bewältigten damit ihr Leben aber ganz gut. »Das wäre heute undenkbar«, sagt Lehrl. Massenmedien, Mikrowellen, Computer und Handys: Das Gehirn muss permanent neue Fertigkeiten lernen und steigert seine Leistung damit ganz von allein.
In den vergangenen Jahren ging es hierzulande allerdings wieder bergab. Lehrl hat einen Intelligenz-Atlas von Deutschland gezeichnet, aus dem hervorgeht: Der IQ der Deutschen ist von 107 Punkten im Jahr 1979 mittlerweile auf 99 Punkte gesunken. Schlampige Lebensführung, vor allem schlechte Ernährung und zu wenig Bewegung seien dafür verantwortlich. Derzeit arbeitet er an Fitness-Programmen für intelligenzschwache Regionen, etwa Teile von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Nordbayern. 25 Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Gehirnjogging-Aufgaben ist Lehrl überzeugter denn je: »Wir können die geistigen Fähigkeiten der Masse mit wenig Aufwand steigern.«
Doch was bringt es den Übungswilligen, sich neue Fähigkeiten anzutrainieren? Heißt eine höhere Punktzahl im IQ-Test oder ein besseres Gedächtnis, dass sie schneller begreifen, eloquenter sind, leichter lernen, dass sie insgesamt schlauer werden? Immerhin lässt sich der IQ durch stetiges Training um bis zu 15 Punkte steigern. »Der Transfer von Hirntrainings schien bislang aber sehr begrenzt«, sagt MPI-Studienleiter Schmiedek. Verwandte Aufgaben könnten die Probanden besser bewältigen, mehr aber nicht. Wer also permanent Wortlisten auswendig lernt, merkt sich vielleicht auch Telefonnummern besser, aber nicht unbedingt die Gesichter und Namen dazu. Wer regelmäßig jongliert, fängt wahrscheinlich schneller einen Schlüssel auf, der vom Tisch rutscht, kann deshalb aber nicht unbedingt besser rechnen.
»Bei unserem breiten Intensivtraining«, sagt Schmiedek, »können wir uns aber vorstellen, dass wir weiterreichende Transfers beobachten können.« Einige Probanden würden deshalb zusätzlich mit Transferaufgaben konfrontiert. Das können Übungen sein, die ähnlich gebaut sind wie bereits bekannte, aber aus anderen Bausteinen bestehen - Zahlen werden zum Beispiel durch Objekte ersetzt -, aber auch ganz andere Übungen aus fremden IQ-Tests.
Ein Mittel, das Gehirn auf Trab zu bringen, wirkt sehr zuverlässig: Bewegung. Das heißt nicht, dass Sportler den hellsten Kopf haben, auch nicht die durchtrainierten Versuchsmäuse aus Kempermanns Labor. Ein Leben im Laufrad lässt zwar neue Nervenzellen im Hippocampus sprießen. Um sie funktionstüchtig in das Nervengeflecht der Hirnregion einzubinden, bedarf es aber geistiger Stimulation durch Spielzeug und regelmäßigen Austausch mit Artgenossen.
Vielleicht lässt sich aus diesen Erkenntnissen eines Tages ein umfangreiches Trainingsprogramm entwickeln, mit dem das Hirn ein Leben lang fit bleibt. Ein Patentrezept für jedermann, so Schmiedek, werde es aber wohl nicht geben. »Hirne sind so verschieden wie die Menschen selbst.« Gerade bei Älteren scheint jedoch körperliche Aktivität der Schlüssel zur geistigen zu sein. Weil das Hirn besser durchblutet und mit Sauerstoff versorgt wird und weil Senioren, die sicher über Bordsteine steigen, mehr geistige Kapazität fürs Denken haben. Verkümmerte Sinne dagegen schlagen auf mentale Fitness. Ebenso Stress und Angst.
Für Jüngere lohnt es sich aber ebenso, den inneren Schweinehund zu überwinden. Gemeinsames Joggen und Gruppen-Aerobic helfen ihrem Geist wahrscheinlich eher auf die Sprünge als einsames Hantelstemmen - wegen der guten Durchblutung beim Quatschen. Und täglich ein einfaches Sudoku in der U-Bahn zu lösen bringt mehr, als sich einmal pro Woche durch das Kreuzworträtsel der Süddeutschen zu quälen, vorausgesetzt, man will sein Arbeitsgedächtnis und nicht seine Allgemeinbildung aufpeppen. Tageslicht und Koffein regen Konzentration und Denkvermögen zusätzlich an, Siegfried Lehrl empfiehlt seinen Studenten vier Tassen Kaffee täglich.
Der Hamburger Neurologe Arne May ist womöglich zufällig über eine weitere Trainingsmethode mit Transferpotenzial gestolpert, ausgerechnet das Auswendiglernen. Das ist zwar alles andere als aufregend, offensichtlich aber zu Unrecht als stumpfsinnig verpönt, wie Kernspinaufnahmen von Regensburger Medizinstudenten zeigen. Drei Monate lang hatten diese Tausende chemische Formeln, Namen von Knochen und Muskelansätzen fürs Physikum gepaukt. Dadurch war die graue Substanz im Hippocampus und in den Arealen für Aufmerksamkeit und visuelle Wahrnehmung am Hinterkopf dichter geworden. Noch wichtiger: Sie war auch noch drei Monate nach der Prüfung nicht wieder verschwunden. »Die Fakten sind dann vielleicht vergessen«, sagt May, »aber das Gehirn behält offenbar die Fähigkeit, lange und intensiv zu arbeiten.« Mehr noch: Im Hippocampus verdickte sich die graue Masse in den Semesterferien zusätzlich. May vermutet, dass sich die Synapsen erst dank der Ruhe nach dem Prüfungsstress richtig entfalten konnten.
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Probetraining:
Übungen für den Kopf von Intelligenzforscher Siegfried Lehrl
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Trainingsplan für das Gehirn:
Wie Sie Ihre grauen Zellen in einer Woche auf Trab bringen
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- Datum 19.03.2008 - 03:33 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen 06/2006
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Aus solchen Erkenntnissen sollten auch die Konsequenzen gezogen werden. Lebenslanges Lernen ist angesagt. Zudem scheint es wohl besser zu sein, schon früher mit dem Arbeitsleben zu beginnen, dafür aber immer wieder zwischendurch oder am besten parallel ein bisschen zu studieren.
Je nun, das Gehirn scheint wie jeder andere Muskel, jedes andere Organ: Benutzt man's nicht, so erschlafft es halt. Mit weltweit zunehmendem Durchschnittslebensalter gibt es mehr und mehr Senioren, die noch einmal von vorn beginnen. Eine Kanadierin promovierte letztes Jahr mit 90; ein bekannter bereits emeritierter Physiker entschloss sich, nochmal in Kunstgeschichte zu promovieren. Gewiss sind dies noch Ausnahmen, doch sind aktive Intellektuelle in den achtzigern und neunzigern schon lange keine Seltenheit mehr.
.... vor allem gegen die gängige Altersdiskriminierung oder auch die Verherrlichung der Jungend : "Jeder ist seines Glückes Schmied", oder "wer rastet, der rostet", viele rasten ja schon vor 25 :-)
Es muss ja nicht immer trockenes Gehirnjogging sein, Klavierspielen z.B., was auch immer.
Leider ist auch in diesem Beitrag die IMHO allerwichtigste Regel nur nebensächlich erwähnt:
Da das Gehirn in sehr verschiedene Bereiche aufteilbar ist, die wiederum durch besondera aufgebaute Zellen verbunden sind,
ist die Erkenntnis, dass es eben NICHT reicht, nur einzelne Bereiche zu trainieren,
im Gegenteil gerade das Belasten dieser Verbindungen das Wichtigste sein soll,
auch hier viel zu wenig gewürdigt (immerhin aber extrahierbar).
Also, im Klartext:
Jedes "Benutzen" von "Gehirnmasse" ist umso nachhaltiger als Training mit Erfolg gekrönt, je mehr Bereiche GLEICHZEITIG trainiert werden.
Also z.B. nicht stures Auswendiglernen oder Abrufen akkumulierter Informationen ist nachhaltig
(wie es ja im gleichzeitig in der "Zeit" angebotenen Vorschlag für das Training favorisiert wird!),
sondern das Üben GEMEINSAM mit Anderen, mit Freunden, mit der Familie fff,
oder zumindest immer auch verbunden mit z.B. Emotionen, wenn z.B. rationales Wissen geübt wird - das kann Musik sein, sogar gläubiges Beten (für den/die, die es braucht), oder das Verbinden mit Erinnerungen an Menschen (für Einsame).
Das Gehirn jedes Menschen hat immer große Bereiche, die überhaupt nicht genutzt werden, die aber durchaus aktiviert werden können, wenn andere Teile absterben.
Aber der sensibelste Teil ist dabei immer der jeweilge Verbindungsweg zwischen den Gehirnbereichen.
Werden diese Verbindungen nicht gleichzeitig mittrainiert, nutzen funktionierende Teilbereiche dem Anwender eben nichts.
Auch das in der "Zeit" angebotene Gehirntrainig soll offenbar nur Autisten motivieren bzw. die Teilnehmer zu Autisten profilieren. Das ist zumindest anachronistisch.
Im Gegensatz zu den meisten Berichten zu diesem Thema wird hier erfreulicherweise auf die notwendige und wirkungsvolle Eigeninitiative eingegangen. Üblicherweise wird eher ausschließlich über Medikamentenforschung berichtet.
Was zu kurz kommt, ist der emotionale Aspekt: Beispielsweise nimmt das Volumen des Hippokampus nachweislich ab bei schweren, unverarbeiteten Traumata.
ORTAD
Leider ist auch in diesem Beitrag die IMHO allerwichtigste Regel nur nebensächlich erwähnt:
Da das Gehirn in sehr verschiedene Bereiche aufteilbar ist, die wiederum durch besondera aufgebaute Zellen verbunden sind,
ist die Erkenntnis, dass es eben NICHT reicht, nur einzelne Bereiche zu trainieren,
im Gegenteil gerade das Belasten dieser Verbindungen das Wichtigste sein soll,
auch hier viel zu wenig gewürdigt (immerhin aber extrahierbar).
Also, im Klartext:
Jedes "Benutzen" von "Gehirnmasse" ist umso nachhaltiger als Training mit Erfolg gekrönt, je mehr Bereiche GLEICHZEITIG trainiert werden.
Also z.B. nicht stures Auswendiglernen oder Abrufen akkumulierter Informationen ist nachhaltig
(wie es ja im gleichzeitig in der "Zeit" angebotenen Vorschlag für das Training favorisiert wird!),
sondern das Üben GEMEINSAM mit Anderen, mit Freunden, mit der Familie fff,
oder zumindest immer auch verbunden mit z.B. Emotionen, wenn z.B. rationales Wissen geübt wird - das kann Musik sein, sogar gläubiges Beten (für den/die, die es braucht), oder das Verbinden mit Erinnerungen an Menschen (für Einsame).
Das Gehirn jedes Menschen hat immer große Bereiche, die überhaupt nicht genutzt werden, die aber durchaus aktiviert werden können, wenn andere Teile absterben.
Aber der sensibelste Teil ist dabei immer der jeweilge Verbindungsweg zwischen den Gehirnbereichen.
Werden diese Verbindungen nicht gleichzeitig mittrainiert, nutzen funktionierende Teilbereiche dem Anwender eben nichts.
Auch das in der "Zeit" angebotene Gehirntrainig soll offenbar nur Autisten motivieren bzw. die Teilnehmer zu Autisten profilieren. Das ist zumindest anachronistisch.
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