Welt 2050 Das Orakel
James Lovelock: »Kauft Land in der Arktis!«
Das Weltklima des Jahres 2050 ist schwerer zu prognostizieren als das von 2100. Am Ende des Jahrhunderts wird die Erde so heiß sein wie seit 55 Millionen Jahren nicht mehr, in den Tropen ungefähr fünf Grad wärmer als heute, auf der Nordhalbkugel acht Grad. Das Jahr 2050 aber liegt mitten in der Phase des Klimaumschwungs, dessen Eintreffen von mehreren Faktoren abhängt. Sicher ist nur: Er wird heftig sein.
Könnten wir eine Zeitreise ins Jahr 2050 unternehmen, dann fielen uns zuerst die Veränderungen in der Arktis auf. Weil es im Polarmeer kein schwimmendes Eis mehr geben wird, könnten wir mit dem Segelboot bis zum Nordpol fahren. Die Meeresspiegel werden noch längst nicht ihren Höchststand erreicht haben. Aber Sturmfluten wie die von New Orleans werden häufiger und heftiger sein. Es wird große Ströme von Klimaflüchtlingen geben. Bangladesch, ein Land mit 150 Millionen Menschen, wird womöglich unbewohnbar sein. Indien wird diese Flüchtlinge nicht aufnehmen wollen, und viele von ihnen werden nach Europa kommen.
Wenn es schlimm kommt, wird der Klimawandel die Menschheit an den Rand des Aussterbens bringen: Ein paar Überlebende werden sich in die bewohnbaren Gebiete am Polarkreis flüchten und eine neue Zivilisation gründen. Wird es eine industrialisierte Gesellschaft sein? Ich bezweifle es. Gut möglich, dass sie wieder als Bauern, Jäger und Sammler leben.
Der Einzelne kann sich kaum auf die Klimakatastrophe vorbereiten. Die Reichen werden beginnen, Grundbesitz in der Arktis zu kaufen. Die Mehrheit der Menschen ist jedoch bei der Klimavorsorge von den Politikern abhängig, und die tun so gut wie nichts. Sie sollten einmal hinüber in die Niederlande schauen: Dort werden schon jetzt Notfallpläne ausgearbeitet, und man überlegt, welche Landesteile dem steigenden Meer überlassen werden und wo die Deiche verstärkt werden. Deutschland und Großbritannien sind dagegen kaum vorbereitet auf Flüchtlingsbewegungen und ökonomische Verwerfungen. Millionenstädte wie Hamburg und London könnten in einigen Jahrzehnten überflutet sein. Warum gibt es noch keine Umsiedlungspläne?
Immerhin hat jetzt sogar US-Präsident Bush zugegeben, dass sich die Erde erwärmt, und ich warte darauf, dass er oder seine Nachfolger das Klimaproblem als Herausforderung annehmen - wie einst das Rennen zum Mond.
Aber was wir auch tun - es geht nur noch darum, die Klimakatastrophe zu überstehen, nicht mehr darum, sie zu verhindern. Für Europa bedeutet das: Es muss schleunigst von Energie- und Nahrungsmittelimporten unabhängig werden. Dafür gibt es nur eine Möglichkeit: die verstärkte Nutzung der Kernenergie. Ein Atomausstieg ausgerechnet zum jetzigen Zeitpunkt kommt mir vor, wie wenn man auf einem Flug über den Atlantik die Triebwerke ausschaltet, nur weil man sie für unsicher und umweltschädlich hält.
Ich sage voraus, dass der Klimawandel sogar Kriege auslösen wird. Vielleicht wird sich irgendwann um 2050 die chinesische Führung gezwungen sehen, Sibirien zu besetzen - eine Gegend, wo das Klima immer besser werden wird. In Afrika wird womöglich nur noch das zentralafrikanische Hochland bewohnbar bleiben. Welche Ironie: Gerade dorthin, wo ihr Ursprung lag, wird die Menschheit vor der selbstverschuldeten Klimakatastrophe flüchten müssen.
Die Erde gleicht einer schwer kranken Patientin vor dem Organversagen. Heilen können wir sie nicht, aber wenn wir schnell handeln, können wir ihr Leiden lindern. Der Klimawandel ist auch eine Chance. Denn die Menschheit hat in ihrer Entwicklung bereits andere Klimaumschwünge durchlitten und ist gestärkt daraus hervorgegangen. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Enkel auch die kommende Katastrophe meistern. Unsere Zivilisation wird sterben, die Menschheit nicht.
Aufgezeichnet von Tobias Hürter
Zu Teil 3 der ZEIT Wissen Serie: Welt 2050: Klima und Umwelt »
- Datum 09.08.2006 - 05:25 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen 04/2006
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