Lebten wir in den USA oder in Großbritannien, würden wir selbstverständlich mit Ja antworten, "wir leben in einer Klassengesellschaft". Gegenstimmen gäbe es keine, überrascht wäre niemand. Working-class und upper class sind dort akzeptierte Begriffe. Anders in Deutschland: Den Begriff "Arbeiterklasse" hören wir nicht mehr, nur selten wird "Kapitalismus" in den Mund genommen, dann aber nicht als Bezeichnung einer Klassengesellschaft. Ist es tatsächlich so? Gibt es in Deutschland keine Klassen mehr?

Früher waren die Klassenbegriffe eindeutig. In der feudalen Ständegesellschaft standen Leibeigene den Adligen und dem Klerus gegenüber. Im Übergang zur kapitalistischen Gesellschaft, also im Zuge der Industrialisierung, schärfte Karl Marx als Urheber der eigentlichen Klassentheorie die Sprache: Demnach stehen sich zwei Großgruppen mit einander ausschließenden Interessen gegenüber, das Proletariat und die Bourgeoisie. Neben ihnen kann es andere Klassen geben, aber ihr Gegensatz gibt der Gesellschaft die Struktur. Entscheidendes Kriterium für die Klassenzugehörigkeit ist der Besitz von Produktionsmitteln. Die Besitzer von Produktionsmitteln leben auf Kosten der Unterdrückten.

In den folgenden Jahrzehnten differenzierten sich die Begriffe. Max Weber, Mitbegründer der deutschen Soziologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, definierte unterschiedliche soziale Lagen und Schichten, Helmut Schelsky entdeckte 1953 die "Mittelstandsgesellschaft", und in den 1980er Jahren war vom Ende der Klassengesellschaft die Rede, etwa in Ulrich Becks Klassiker Jenseits von Stand und Klasse (1983). Später kamen die Postmodernisten und die Lebensstilforscher auf, für die alles wählbar und damit beliebig ist. Sie kennen nur noch Lebensstile und subkulturelle Unterschiede.

Eine bemerkenswerte Entwicklung. Denn zugleich bestreitet niemand, dass in Deutschland erhebliche Ungleichheiten bestehen und dass diese sogar größer werden. Die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen nimmt zu, die Reichen werden reicher, die Armen mehr - die Arbeitslosigkeit liegt seit Jahren über zehn Prozent, und der Anteil der Langzeitarbeitslosen wächst. Es ist eine räumliche Verteilung der Arbeitslosigkeit entstanden. In den neuen Bundesländern hat in manchen Landstrichen ein Drittel der Erwerbspersonen keine Arbeit. Auch finanzielle Ungleichheiten zwischen Familien mit Kindern und Kinderlosen sind bekannt, zwischen Männern und Frauen, zwischen Personen aus Einwandererhaushalten und alteingesessenen Deutschen. Ist das also der Befund: Ungleichheiten ja - Klassen nein?

So könnte man es sehen, doch alles hängt davon ab, wie man Begriffe wie "Klasse" und "Schicht" definiert. Über derartige Definitionen nachzudenken ist keine akademische Spielerei, denn dabei klärt sich, was wir für bedeutend halten und was nicht.

Von einer Klasse oder Schicht können wir reden, wenn drei Kriterien erfüllt sind: Die soziale Lage ist kein Einzelschicksal, sie wird also mit anderen geteilt; sie ist dauerhaft; und sie wird an die Kinder weitergegeben. Der Unterschied von Klasse und Schicht kommt durch weitere Elemente zustande. Klassen unterscheiden sich nach ihren Interessen, die sich aus ihrer Stellung in der Gesellschaft ergeben. Aus den Klasseninteressen kann Klassenbewusstsein erwachsen, und das ist eine Größe, die schon mehrmals Geschichte gemacht hat. Stehen Klassen antagonistisch zueinander, so kann die benachteiligte Klasse auf gesellschaftliche Veränderung drängen - so kam es zu den Bauernkriegen oder zur Arbeiterbewegung. Schichten hingegen werden je nach Einkommen und gesellschaftlichem Status definiert; wer von Schichten spricht, sieht diese Menschengruppen eher als Teil eines gesellschaftlichen Ganzen; eine "Unterschichtsbewegung" gibt es nicht.

Messen wir die Kriterien anhand der deutschen Wirklichkeit:

- Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen, der auch von den Pisa-Studien eindrucksvoll belegt wird. Bildungschancen werden nach wie vor "vererbt", von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Von Kindern, deren Vater eine Hochschulreife erworben hat, nehmen 84 Prozent ein Hochschulstudium auf. Bei Kindern von Vätern mit höchstens einem Hauptschulabschluss sind es nur 21 Prozent. Aus der sozialen Herkunftsgruppe "niedrig" - ungelernte Arbeiterfamilien - schaffen gar nur 11 von 100 Kindern den Zugang zu Hochschulen. Die soziale Auslese funktioniert als "Bildungstrichter".

- Etwa zehn Prozent eines Jahrganges können als "bildungsarm" bezeichnet werden, weil die Schüler keinen Hauptschulabschluss erreichen. Mehr als zehn Prozent unserer 15-jährigen sind zudem "funktionale Analphabeten", können also lesen und schreiben, haben aber den Umgang mit Sprache verlernt und liegen unterhalb der niedrigsten "Kompetenzstufe" von Pisa. Fast ein Viertel der Altersgruppe gilt als Risikogruppe, weil es über diese Kompetenzstufe nicht hinauskommt. Stammen die Jugendlichen aus Einwandererfamilien, so liegen die Anteile wesentlich höher. Gerade hier, im unteren Bildungsbereich, wird Bildung sozial vererbt: Bereits die Eltern hatten wenig Bildung, den eigenen Söhnen und Töchtern wird es ähnlich ergehen. Die soziale Lage ist dauerhaft.

- Bildung ist nicht nur eine Chance zur Selbstentdeckung und Selbstentfaltung, sondern Bildung ist auch wesentlich für die Integration in die Arbeitswelt, die ihrerseits das Einkommen bestimmt. Und umgekehrt gilt: Arbeitslosigkeit konzentriert sich auf bestimmte Bildungsgruppen. Personen mit Fachhochschul- und Hochschulausbildung tragen von jeher das geringste Arbeitslosigkeitsrisiko und liegen mit einer Quote von vier Prozent deutlich unter dem Durchschnitt. Demgegenüber ist von den Personen ohne Ausbildung in den alten Bundesländern bald jeder Vierte arbeitslos, in den neuen Bundesländern jeder Zweite. Diese Anteile haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten mehr als verdreifacht. Die soziale Lage wird mit anderen geteilt.

Das also ist unser Befund: Nach wie vor ist es schwer, aus bildungsfernen Elternhäusern zu hohen Qualifikationen zu finden. Und je mehr Bildungsarmut und Arbeitslosigkeit einhergehen, desto schwieriger wird es für die Kinder, sich zu qualifizieren und in eine eigene Arbeitswelt hineinzufinden. Unsere Gesellschaft hat diese Form strukturierter Ungleichheit nicht hinter sich gelassen. Im Gegenteil, sie nimmt zu - und sie scheint sich zu verfestigen.

Wer hat, dem wird gegeben: Das Matthäus-Prinzip gilt noch heute. Das belegt die niedrige Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems. Übergänge von der Hauptschule in die Realschule oder gar auf das Gymnasium sind selten. Auch die Möglichkeit zur beruflichen Weiterbildung hängt vom Ausgangsniveau ab. Wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt, nimmt jeder zehnte Beschäftigte mit niedriger Qualifikation an einer betrieblichen Weiterbildung teil, unter den Hochqualifizierten ist es jeder zweite. Höher gebildete Personen sind länger erwerbstätig, sie beziehen höhere gesetzliche Renten und können diese mit einer Zusatzversicherung aufstocken. Ihre Gesundheit ist besser, ihre Lebenserwartung höher.

Kann die verfestigte Ungleichheit in Deutschland über die individuelle Betroffenheit hinaus eine kollektiv wahrgenommene Unterprivilegierung erzeugen - und damit einen Ausgangspunkt für so etwas wie Klassenbewusstsein? Werden auch in Deutschland Banlieues entstehen, brennende Vorstadtviertel wie in Paris?

Das kann schon sein. Nehmen wir nur die Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Das Risiko, arbeitslos zu werden, erfasst wachsende Teile der deutschen Gesellschaft. Aber es ist nicht in erster Linie dieses Risiko, das soziale Gruppen formt oder trennt, sondern es sind die ungleich verteilten Risiken, arbeitslos zu bleiben. Gut qualifizierte "Markt- und Beratungskunden", so die Bezeichnung der Bundesagentur für Arbeit, finden schnell den Weg zurück in die Erwerbsarbeit. In wachsendem Umfang kann Arbeitslosigkeit sogar ganz vermieden werden, was die steigende Zahl der Job-to-Job -Vermittlungen zeigt. Der Erfolg ist auch finanziell sichtbar: Die Bundesagentur für Arbeit gibt für Arbeitslosengeld I immer weniger aus. Doch auf der anderen Seite verfestigt sich die Langzeitarbeitslosigkeit: eine wachsende Zahl von Menschen findet aus ihrer Arbeitslosigkeit nicht mehr heraus.

Das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" (Hartz IV) hat die Arbeitslosenhilfe abgeschafft, also Bezüge, die sich proportional am letzten Gehalt orientieren. Eingeführt wurde stattdessen das Arbeitslosengeld II, ein Pauschalbetrag, der spätestens nach zwei Jahren für alle erwerbsfähigen hilfsbedürftigen Arbeitslosen gleich ist. Die deutsche Kultur der Statussicherung wurde bei diesem Personenkreis gebrochen. Damit werden nach zwölf Monaten der Arbeitslosigkeit alle formal gleich behandelt, ihre individuellen Biografien werden rechtlich irrelevant. Der Arbeitslose wird als Mitglied eines Kollektivs behandelt - fragt sich nur, ob darin wirklich ein Anstoß zur Solidarisierung liegt.

Leben wir also in einer "Klassengesellschaft"? Nein und ja. Nein, wenn man Klassen im Marxschen Sinne fasst, denn es existieren nicht nur zwei bestimmende Großklassen - Kapitalisten und Arbeiter. Ja indes, wenn man die drei Kriterien gemeinsame soziale Lage, Dauerhaftigkeit und Vererbung anlegt. Die Solidarisierung der von dauerhafter Ausgrenzung Betroffenen oder Bedrohten wird allerdings von der vorherrschenden gesellschaftlichen Denkweise erschwert: Die Position des Einzelnen erscheint ihm als individuelles Schicksal oder Versagen. Es ist derzeit unwahrscheinlich, dass sich aus der gemeinsamen Lage der sozial Benachteiligten ein Bewusstsein entwickelt, das zur politischen Aktion drängt.

Wollen wir, dass sich etwas an den Ungerechtigkeiten ändert, so können wir daher nicht auf die Entstehung einer von den Unterprivilegierten getragenen Dynamik hoffen. Stattdessen müssen sich die Bürger unabhängig von ihrer Schicht- oder Klassenzugehörigkeit fragen: Müssen wir soziale Ungleichheit verringern, und wenn ja, dann wie? Wie kann man den dauerhaften Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen aus dem Arbeitsmarkt und aus der Gesellschaft verhindern? Werden sie, wenn sich ihre Lage verfestigt, womöglich zu einem gesellschaftlichen Risiko? Wir sollten uns nicht zurücklehnen und abwarten, bis in Deutschland die Vorstädte brennen.

Jutta Allmendingerist Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und Professorin für Soziologie an der LMU München. Sie ist Mitglied des Wissenschaftsrats und veröffentlichte zuletzt das Buch "Karriere ohne Vorlage".
Christine Wimbauer ist promovierte Soziologin an der FAU Erlangen-Nürnberg und am IAB Nürnberg. Derzeit erforscht sie geschlechtsspezifische Ungleichheiten bei Doppelkarriere-Paaren. Sie ist Autorin des Sachbuchs "Geld und Liebe".

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