Max Rauner ist für diesen Artikel mit dem Acatech-Preis für Technik-Journalisten 2007 in der Sparte "Magazin/Zeitschrift" ausgezeichnet worden (Anm. d. Red.)

Es ist kein Geheimnis: Angela Merkel wohnt mit ihrem Mann Joachim Sauer gegenüber dem Pergamon-Museum, im vierten Stock eines gelb gestrichenen Mietshauses, Am Kupfergraben 6, 10117 Berlin. Steht alles online, mit einem Foto von der Haustür, einfach »Kupfergraben« und »Merkel« googeln. Grafik: infographic.de BILD Eine interaktive Karte von Berlin aus Sicht der Marktforscher sehen Sie, wenn Sie auf das Bild klicken. Erstellt wurde die Karte vom Fraunhofer Institut Autonome Intelligente Systeme

Seit Google Earth das Herumfliegen in Satellitenfotos erlaubt, kann man der Bundeskanzlerin auch aufs Dach schauen. Eine Überwachungskamera des Pergamon-Museums spähte unlängst versehentlich durch die Fenster der Merkel-Sauer-Wohnung.

Wer wirklich hinter die Fassade des Kanzlerin-Hauses blicken möchte, der begibt sich am besten in den Westen Deutschlands, nach Bonn-Bad Godesberg. Hier hat die Firma infas Geodaten in der ehemaligen Residenz des indischen Botschafters Quartier bezogen. Geschäftsführer Michael Herter, ein rheinländischer Jungunternehmer mit New-Economy-Erfahrung und amerikanischem Optimismus, hat im Konferenzsaal seinen Laptop samt Beamer aufgebaut. Auf Wunsch tippt er die Adresse von Frau Merkel ein.

An der Wand erscheint ein Stadtplanausschnitt von Berlin-Mitte mit der Straße der Bundeskanzlerin. Über dieses Haus weiß Herters Computer eine Menge: vor 1900 gebaut, sechs Haushalte, Bauweise befriedigend, kein Garten vorhanden, keine Ausländer, Affinität für Kundenkarten: mittel, Affinität für private Krankenversicherung: mittel, Bewohner: desinteressierter Finanztyp, klassische Festnetznutzer, kaum Internet-Poweruser, dominierendes Alter: 51 bis 60 Jahre, Diabetes und Arthrose überdurchschnittlich, Fitness unterdurchschnittlich, viel Audi, Mercedes und BMW, wenig Volkswagen.

Deutschland intim im Jahr 2006. Es geht nicht um die Bundeskanzlerin, es geht um uns alle. Für 19 Millionen Gebäude in Deutschland - das sind fast alle Wohnhäuser - kann Michael Herter Dutzende von Daten abrufen, vom Nettoeinkommen der Bewohner über häufige Volkskrankheiten bis zur Kaufkraft. Wer will das wissen? Zum Beispiel E-Plus, die Postbank, AOL, T-Mobile, Rossmann, Vorwerk, Arcor, der ADAC, Novartis, E.on. Ihnen verkauft infas Geodaten Landkarten, auf denen die anonymisierten Konsum- und Milieudaten der Deutschen detailgenau eingezeichnet sind. Eine Topografie des Konsums.

Es ist der Albtraum der Datenschützer und der Traum von Marketing- und Werbestrategen. Umfangreiche Datenbanken mit Kundeninformationen gibt es zwar schon länger, sie füllen die Festplatten von Adresshändlern, Behörden, Banken und Versicherungen. Nun jedoch kommt eine neue Dimension ins Spiel: die Verknüpfung der Daten mit digitalen Stadtplänen und Landkarten, in die man hineinzoomen kann wie der Spanner mit dem Fernglas in einen FKK-Strand. »Geomarketing« nennt sich das, wenn abstrakte Zahlenkolonnen zu begehbaren Kundenlandschaften werden.