Alternative Medizin: Der Heiler mit dem sechsten sinn
Alternative Therapeuten und skeptische Rationalisten reden meist aneinander vorbei. Die einen verweisen auf ihre Heilerfolge, die anderen verlangen objektive Beweise. Nach einem Aufruf in ZEIT Wissen wollte sich der »Atlas-Mediziner« Herbert Koerner dem Test stellen. Ein Protokoll.
»Ich bin ein Sender«, sagt Herbert Koerner. Er glaubt, eine neue Form von Energie entdeckt zu haben - aber er selbst kann sie nicht empfangen. Dafür kann er sie anderen zuteil werden lassen, die dafür sensibel sind. »Jeder Mensch hat eine Ausstrahlung, die mit bisherigen Methoden nicht messbar ist«, sagt Koerner. Diese Ausstrahlung übertrage Information von Mensch zu Mensch und auch vom Menschen auf Gegenstände, etwa ein Glas Wasser.
Aber auch beim herkömmlichen Informationsaustausch ist Herbert Koerner ein Sender und kein guter Empfänger. Er redet viel, ereifert sich, aber es ist schwer, von ihm Antworten auf einfache Fragen zu bekommen. Herr Koerner, Sie haben im Vorgespräch gesagt, dass Sie Ihre Fähigkeiten auch im Blindversuch demonstrieren können, durch eine geschlossene Tür hindurch. Werden Sie das heute unter Beweis stellen? Als Antwort kommt eine Belehrung darüber, warum der berühmte Versuch mit dem Homöopathen Jacques Benveniste und dem Skeptiker James Randi zur »Informationsspeicherung« in Wasser Ende der 80er Jahre schief gegangen ist. Macht Koerner den Blindtest? Wir werden sehen.
In ZEIT Wissen 2/06 hatte der Physiker Martin Lambeck unter der Überschrift Harter Test für sanfte Heiler Alternativmediziner herausgefordert, die behaupten, von außen mit bisher unbekannten Kräften auf den Körper einwirken zu können. Insbesondere die Verfechter von Praktiken wie »Kinesiologie«, »Bioresonanz« und »Elektroakupunktur« forderte Lambeck auf, die Wirksamkeit ihrer Verfahren in einem öffentlichen Test unter Beweis zu stellen.
Der Rücklauf war bescheiden. Zwar erhielt Lambeck viele Zuschriften, auch von den offiziellen Verbandsvertretern dieser Heilmethoden - aber den Blindtest wollte niemand antreten. Niemand außer Herbert Koerner.
Neun Menschen haben sich am 21. April in Koerners Praxis zusammengefunden, einer alten Villa im Ostberliner Stadtteil Karlshorst: Neben den beiden Kontrahenten Lambeck und Koerner, der Fotografin und zwei Journalisten sind da Angela und Thomas Andersen von der Gesellschaft für die wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), gleichsam als Sekundanten Lambecks, außerdem dessen Schulfreund Wolfgang-Werner Maennig. Auf der anderen Seite: die ehemalige Schwimm-Nationaltrainerin Beate Ludewig, mit der Koerner eng zusammenarbeitet, der Schwimmer Stev Theloke, der in Sydney Bronze gewann, außerdem Koerners Patientin Susanne Walther.
Es ist eng im Behandlungszimmer. Herbert Koerner, der Ingenieur und Arzt, beginnt mit einem Vortrag: wie er seine Fähigkeiten entdeckte. Dass er mehr als 1500 Patienten mit Informationsenergie behandelte, vor allem Schmerzpatienten, denen kein Schulmediziner mehr helfen konnte. »Ich kann den Schmerz regelrecht abschalten«, erklärt er. Und wie er nicht ruhte, bis er eine Erklärung für die Phänomene gefunden hatte. Er verliest den Dankesbrief einer Mutter, deren Tochter durch Koerners Hilfe von chronischen Schmerzen in der rechten Hand geheilt wurde. Dass das alles Suggestion und Placebo sei, kommt für Koerner nicht infrage. Schließlich ist da ja auch noch der Apparat zur Informationsübertragung, für den er eine Patentschrift eingereicht hat.
Dann sagt Martin Lambeck ein paar Worte. Er beglückwünscht Koerner zu seinen Heilerfolgen, stellt aber auch fest, dass die heute nicht Gegenstand der Untersuchung seien. Bei seinen Behandlungen berührt Koerner die Patienten, er redet mit ihnen - also genug Wege, die Menschen durch Worte und Taten über die herkömmlichen Sinne zu beeinflussen. Um den behaupteten »sechsten Sinn« nachzuweisen, müsse man jedoch jegliche andere Wirkung ausschalten - daher die Notwendigkeit von Blindversuchen.
Als Erstes will Koerner aber die Behandlungsmethoden seiner »Atlas-Medizin« demonstrieren. Susanne Walther nimmt auf einem Stuhl in der Mitte des Raumes Platz. Sie muss die Hände von sich strecken und spreizen, dann stellt sich Koerner frontal vor sie. Die Informationsenergie, die angeblich keulenförmig von Koerners Vorderseite ausgeht, soll sich durch ein Kribbeln in den Fingern zeigen. Und nachlassen, wenn der Arzt sich um 90 Grad dreht und der Patientin die Seite zuwendet.
Bei fast jedem Menschen kribbelt es nach einigen Sekunden in den Fingern, wenn er diese ungewohnte Körperhaltung einnimmt. Aber ändert sich das, wenn der Arzt sich dreht? Frau Walther sitzt auf dem Stuhl, schließt die Augen, Koerner steht in etwa eineinhalb Metern Abstand frontal vor ihr. Nach einigen Momenten berichtet sie von Kribbelgefühl. Als der Arzt sich (geräuschvoll) zur Seite dreht, dauert es eine Weile, dann lässt das Gefühl nach. Koerner dreht sich zurück. »Und jetzt?« Das Kribbeln ist wieder da.
Als Nächstes will Herbert Koerner psychische Probleme lindern, indem er mit seiner Energie kurzzeitig die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften der Patientin unterbricht. »Gibt es etwas, das Sie traurig macht oder ärgert?«, fragt er. »Zur Genüge!«, kommt die Antwort. Koerner stellt sich frontal vor die sitzende Patientin, legt ihren Kopf an seinen Brustkorb. Dann stößt er einen unterdrückten Schrei aus, sein Körper verkrampft sich für einen Moment. Und siehe da - die Patientin berichtet, dass das Problem zwar noch existiert, das belastende Gefühl aber verschwunden ist.
Schließlich zeigt Koerner noch seine Schmerztherapie. Frau Walter hat sich heute morgen den Fuß verletzt, sie hat Schmerzen am linken Knöchel. Koerner will den »Schmerz herausschießen«, aber der Erfolg bleibt aus. Dann will er ihn vom Knöchel ins Knie verlagern. »Machense keen Quatsch!«, sagt Frau Walther, halb belustigt. Der Arzt drückt mit den Fingern am Knöchel herum, aber der Schmerz verschwindet nicht, landet auch nicht im Knie.
Nun kommen zwei der eher skeptischen Probanden auf den Stuhl. Aber bei Herrn Maennig und Herrn Andersen zeigen sich weder beim Kribbel-Versuch noch bei der Schmerz- und Psychotherapie eindeutige Ergebnisse. Mal fühlen sich die Männer ein bisschen besser, dann wieder nicht.
Langsam werden die skeptischen Beobachter unruhig, das alles soll ja nur ein Vorspiel sein für den eigentlichen Test. Martin Lambeck erklärt den Versuchsaufbau: Koerner soll hinter der Tür stehen und den Probanden nach einem zufälligen Muster, das mit einem Kartenspiel ermittelt wird, entweder die Vorderseite zuwenden oder seitlich stehen. Die Versuchsperson soll nun jeweils sagen, ob sie etwas spürt oder nicht. Um Zufall auszuschließen und die in der Wissenschaft übliche Signifikanz zu erreichen, müssten die Patienten in acht von zehn Fällen die korrekte Antwort geben.
Der Arzt windet sich. Erstens sei ja nur jeder zweite für seine Energie empfänglich. Und zweitens: Selbst die sensiblen Personen seien sozusagen für den Rest des Tages »verbraucht«, wenn er sie einmal behandelt habe. Langsam wird klar: Der angekündigte Blindversuch findet heute nicht statt.
Die Stimmung im Raum wird angespannter. Die Skeptiker sind sichtlich enttäuscht, die Anhänger Koerners sind ungehalten wegen der überzogenen Anforderungen an den Heiler. Sie brauchen keine solchen Versuche, haben sie doch die Wahrheit der Behauptungen am eigenen Körper vielfach erfahren. Oder an anderen: Beate Ludewig, die Schwimmtrainerin, will mit eigenen Augen gesehen haben, dass die Athleten höher im Wasser liegen, wenn Koerner ihnen den Stress genommen hat. Fast die gesamte deutsche Schwimmelite vertraut auf den Heiler. »Wenn die Sandra Völker einen Wettkampf schwimmt, weiß sie genau, wo der Koerner sitzt«, sagt Ludewig.
Als dann auch noch Martin Lambeck die Schrift für den Informationsapparat hochhält und mit lauter Stimme sagt: »Dies ist keine Patentschrift!«, droht die Stimmung zu kippen - Zeit, erst einmal eine Pause einzulegen, während der Apparat aufgebaut wird.
Die »Maschine« besteht aus zwei mit Wasser gefüllten Pilsgläsern, in denen je ein Kölschglas frei schwebt. Auf dem kleineren Glas ist jeweils eine Skala aufgetragen, sodass man auch kleinste Bewegungen gut erkennen kann. Die Gläser stehen etwa 40 Zentimeter voneinander entfernt auf dem Tisch. Koerner demonstriert die geheimnisvolle Informationsübertragung: Er gibt einem der kleineren Gläser einen leichten Dreh im Uhrzeigersinn. Das Glas rotiert langsam, fast reibungslos im Wasserbad. Nach einer Weile wird die Drehung langsamer, aber dafür passiert Erstaunliches im anderen Glas: Es beginnt, sich in derselben Richtung zu drehen - ein paar Grad nur, aber ein Zweifel ist ausgeschlossen. Koerner erklärt das so: Die Dreh-Information des einen Glases wird über das Wasser auf die Anwesenden übertragen und von denen auf das zweite Glas. Das wäre tatsächlich ein Phänomen, das die Physik nicht erklären kann.
Martin Lambeck, der Physiker, ist allerdings nicht sonderlich beeindruckt. »Gekoppelte Oszillatoren«, sagt er nur. Ein in der Physik wohlbekanntes Phänomen: Sind zum Beispiel zwei Pendel nebeneinander an einer starren Stange aufgehängt und das eine von ihnen schwingt hin und her, so beginnt nach einer Weile auch das andere zu schwingen. In unserem Fall überträgt der Tisch die Schwingungen. Herbert Koerner ist überrascht, er hat von diesen Oszillatoren noch nie etwas gehört. Um die Übertragung der Drehung durch die Tischplatte auszuschalten, werden die Gläser nun auf einen herangerückten zweiten Tisch gestellt. Wieder wird das erste Glas gedreht - doch die Reaktion des zweiten Glases bleibt aus.
Die Skeptiker fragen: Warum hat sich Koerner nicht um eine »herkömmliche« Erklärung des Phänomens bemüht? Warum hat er nicht einen Versuch gemacht, bei dem kein Mensch im Raum war und der Vorgang per Video beobachtet wurde? Koerner will das nachholen, eine Schülergruppe eines Berliner Gymnasiums soll die Versuche im Rahmen von »Jugend forscht« machen.
»Warum können Sie nicht einfach mit Ihren Heilerfolgen zufrieden sein?«, fragt Angela Andersen. »Mein Hirn ist ein Ingenieur, und ich will wissen, warum es passiert!«, antwortet Koerner. Und so hat er sich ein Erklärungssystem für sehr unterschiedliche Phänomene zurechtgelegt. Geheilte Schmerzpatienten, schnellere Schwimmer, die seltsame Informationsübertragungsmaschine - alles zurückzuführen auf den sechsten Sinn? Dass Glaube durch seine psychische Wirkung heilen kann, dass stressfreie Schwimmer womöglich tiefer einatmen und deshalb höher im Wasser liegen, dass starre physikalische Verbindungen Schwingungen übertragen - all das lässt Koerner nicht gelten.
Und natürlich hat er auch für jeden Fehlschlag eine Erklärung. Dass die entkoppelten Gläser sich nicht so drehen, wie sie sollen, liegt an dem chaotischen psychischen Potenzial, das den Raum erfüllt. Und die Blindversuche? Die will er als Nächstes angehen, erklärt Herbert Koerner eifrig. Mit zehn seiner Patienten. Er selber will die Versuche protokollieren.
Martin Lambeck hat die Gläser keinen Moment lang aus den Augen gelassen. »Da«, ruft er, »es hat sich bewegt!«






