Johannes Werner stottert, seit er sprechen kann. »Sorry, heute habe ich es mit dem m«, entschuldigt er sich. Dass sein Leistungskurs in der Schule »Mathe« ist, kann man auch nach einer halben Minute nur erahnen. Immer wieder fällt ihm das Haar in die Stirn, während er versucht, das Wort am Stück herauszupressen. © Rene Neumann

»Noch vor drei Jahren war es gar nicht so schlimm, da hat's kaum einer gemerkt«, erzählt der Abiturient. »Aber heute schicke ich lieber meine Freunde los, damit sie mir ein Bier holen.« Vor Fremden schämt er sich besonders für seinen Sprachfehler. »Ich muss immer daran denken, für wie bescheuert die mich wohl alle halten, wenn ich so rumstammle.«

Das Stottern bestimmt das Leben des 18-Jährigen. Alltägliche Dinge sind für ihn der Horror: eine Fahrkarte am Schalter kaufen, im Restaurant bestellen, vor Mitschülern reden. Mädchen anzusprechen traut sich Johannes schon lange nicht mehr. Und fragen ihn Passanten nach dem Weg oder der Uhrzeit, zuckt er bloß mit den Schultern.

An sein mündliches Abitur und daran, was danach kommt, möchte Johannes am liebsten noch nicht denken. Was mag wohl unangenehmer sein - eine Ausbildung, für die er mehrere Bewerbungsgespräche überstehen muss? Oder ein Studium, in dem nichts ohne Kolloquien geht? »Am besten sollte ich irgendeinen Verwaltungsjob machen«, sagt Johannes. »Da müsste ich nicht viel reden.« Doch eigentlich träumt er von einem Beruf, in dem er möglichst viel quasseln kann. Von einem Leben, in dem er nicht mehr Opfer seines Stotterns ist, sondern frei und flüssig spricht, ohne ständig an Grenzen zu stoßen.

Fünf Prozent aller Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren stottern. Bei den Erwachsenen ist es jeder Hundertste - das entspricht 800 000 Menschen bundesweit und 65 Millionen auf der ganzen Welt.

Im Vorschulalter treten »Sprechunflüssigkeiten« bei Jungen und Mädchen noch etwa gleich oft auf. Von den 70 Prozent der Kinder, die dann von selbst aufhören, sind allerdings die meisten Mädchen. Später sind daher Männer viermal häufiger betroffen als Frauen.

Wenn ein Kind beim Sprechen stockt, urteilen Großeltern, Erzieher oder Fremde oft vorschnell: »Das ist bestimmt wegen der Probleme zu Hause«, oder: »Das Kind hat irgendein Erlebnis nicht richtig verarbeitet.« Als Auslöser müssen dann die Geburt des Geschwisterchens, ein Wasserrohrbruch oder ein Umzug herhalten.