Strand Meer wissen
Keine Bikinifigur, kein Waschbrettbauch? Protzen Sie doch mit Fachkenntnissen aus der Strandforschung!
Als Sandlückenfauna bezeichnen Biologen die mikroskopisch kleinen Tierchen, die zwischen den Sandkörnern leben. Im Sand unterhalb eines Fußabdrucks krabbeln etwa 100 000 davon herum. Die Artenvielfalt im Sylter Oststrand entspricht damit der eines Laubwaldes. Die Floh-krebse, Borstenwürmer, Wimperntierchen und Bauchhärlinge sind perfekt an die wechselnden Bedingungen ihres Habitats angepasst. Sie ernähren sich von Bakterien, einzelligen Algen, aber auch von Resten wie Eis und Brötchenkrümeln - und lassen sich von Wind und Gezeiten nicht stören. Das 0,2 Millimeter große Bärtierchen, das aussieht wie ein achtarmiges Gummi- bärchen, kann sich in stürmischen Zeiten mit seinen Saugnäpfen an einem einzelnen Sandkorn festhalten.
Psychologie am Strand hat eine lange Tradition. Schon Mitte der 70er Jahre untersuchte Edward T. Hall die Frage, ob Flirtversuche am Strand Aussicht auf Erfolg haben. Sein Ergebnis: Tatsächlich hatte jede zehnte Befragte ihren aktuellen Partner beim Sonnenbad kennen gelernt. Das Bedürfnis nach interpersonaler Distanz scheint an Meer und Baggersee also teilweise aufgehoben zu sein, obwohl die Annäherung von einem anderen Faktor erschwert wird, wie der Architektursoziologe Bernd Schäfers von der Universität Karlsruhe sagt: Nacktheit macht uns verletzlich und empfindlich. Deshalb nehmen wir um uns herum einen größeren »persönlichen Raum« als sonst in Anspruch. Wird diese imaginäre Grenze verletzt, reagieren die meisten ängstlich und abweisend. Warum vor allem die Deutschen Weltmeister darin sind, ihr Revier durch sehr reale Sandwälle abzugrenzen, müssen die Sozialwissenschaftler allerdings noch abschließend klären.
Für Strandburgen verbauen Profis Flusssand. Der ist scharfkantiger als der ältere, abgeschliffenere Sand aus dem Meer. Das vergrößert die Reibung zwischen den Körnern, sie haften besser aneinander. Wichtig ist ein ausgewogenes Sand- Wasser-Verhältnis, damit sich stabile Wasserbrücken zwischen den Körnchen bilden können. Ist er zu trocken, rieselt der Sand, vermischt man ihn mit zu viel Wasser, suppt er... Was Strandburgenbauer aus Erfahrung wissen, versuchen Physiker im Labor von Grund auf zu verstehen. Die komplexe Physik granularer Materie spielt auch bei Erdrutschen und der Lagerung von Kaffeebohnen eine Rolle.
Zwei Eisverkäufer am Strand bilden ein beliebtes Modell der Spieltheorie. Es zeigt, wie Konkurrenz das Geschäft lahmlegen kann, anstatt es zu beleben. Rücken nämlich beide immer näher zusammen, um dem Widersacher einen Teil der Kunden abzuwerben, sinkt auch der Umsatz, weil manche Badegäste zu weit laufen müssen. Teilen sich die Verkäufer den Stttttrand dagegen gerecht auf, sodass jeder seinen Wagen in der Mitte eines Abschnitts platziert, profitieren beide - denn mehr Badegäste haben nun einen der Händler in Reichweite. Diiie Politikwissenschaft erklärt mit diesem Modell etwa Wählerwanderungen: Enttäuscht über schwindende Unterschiede zwischen Schwarz und Rot, wenden sich Protestwähler dem linken und rechten Rand des Parteienspektrums zu.
Sonnenlicht lässt die Haut altern und kann Hautkrebs verursachen. Dafür sind die unsichtbaren UV-Strahlen verantwortlich. Ein Sonnenschirm reicht nicht, um sie abzuwehren: Rund 50 Prozent des UV-Lichts, dem man am Strand ausgesetzt ist, werden von Wasser und Sand reflektiert. Deshalb gut eincremen. Licht macht aber auch wach und glücklich: Unter seinem Einfluss baut der Körper das Schlafhormon Melatonin ab und schüttet Endorphine aus. Ab und zu aus dem Schatten zu treten kann daher nicht schaden. Denn glücklich macht nur das sichtbare Lichtspektrum.
Aurelia Aurita heißt die harmlose Ohrenqualle im Fachjargon, besonders häufig schwimmt sie in der Ostsee. Quallen gelten als Plankton, da sie im Wasser herumtreiben und ihre Reiseroute kaum selbst bestimmen. Sie können hell von dunkel unterscheiden und oben von unten. Schmerz empfinden sie wahrscheinlich keinen. Die sonst eher nutzlosen Glibbertiere helfen der Krebsforschung: Gene der leuchtenden Arten, etwa der pazifischen Aequorea victoria, werden dafür ver- wendet, Krebszellen in Labormäusen sichtbar zu machen.
Sanddorn wächst als Pionierpflanze überall, wo es trocken und sandig ist - etwa in der norddeutschen Dünenlandschaft. Das qualifiziert ihn für die Anpflanzung auch in anderen unwirtlichen Gebieten wie in der chinesischen Provinz Gansu nahe der Inneren Mongolei. Dort werden die zähen Bäumchen zurzeit in einer Testplantage angepflanzt, um den von Erosion bedrohten Boden zu stabilisieren. Zugleich können die ansässigen Bauern von der Pflanze profitieren, die Betacarotin, Vitamin B12 und reichlich Vitamin C enthält.
Sandrippel heißen die feinen Wellenformationen, die der Sand im seichten Wasser bildet. Wie Schneeflocken sind sie ein Beispiel für die Selbstorganisation der Natur. Dass der Sand sich wellt und nicht einfach zu einer glatten Fläche verweht, widerspricht scheinbar dem zweiten thermodynamischen Hauptsatz, demzufolge geschlossene Systeme in Richtung Unordnung streben. Als halboffene Systeme nehmen Sandrippel aber Energie aus dem Wind und aus der Brandung auf - und die sorgt für die Aufrechterhaltung des Rippelmusters.
Menschen sind Wassertiere, so lautet eine einleuchtende, aber umstrittene These zur Evolution des Menschen. Der 1960 von Sir Alister Hardy aufgestellten Wasseraffentheorie zufolge hat der Mensch das Fell abgelegt, um sich in seichten Ufergewässern optimal bewegen und auf Fischfang gehen zu können. Die Theorie kann erklären, warum wir aufrecht gehen, warum Menschen genau wie Wale ein ausgeprägtes Unterhautfett besitzen, warum Kinder so gern im Wasser plantschen - und warum Makler für Wassergrundstücke die höchsten Preise erzielen.
Strandgut
wird von Juristen als »Schatz« bezeichnet, wenn es »so lange verborgen gelegen hat, dass der Eigentümer nicht mehr zu ermitteln ist« (§ 984 BGB). Der Fund gehört je zur Hälfte dem Finder und dem Eigentümer »der Sache, in welcher der Schatz verborgen war«.
Und wenn Sie gerade am Strand waren: Schicken Sie uns das beste Bild Ihrer Sandburg an:sandburg@zeit-wissen.de
- Datum 01.07.2006 - 12:41 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen 04/2006
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