Missie war schon fast fünf Jahre alt, als ihre Fähigkeiten entdeckt wurden. Eines Tages fragte ihre Besitzerin Mildred Probert ein Nachbarskind nach seinem Alter. Das Kind schwieg, aber Missie bellte dreimal. Drei - das stimmte. Da wandte sich Mrs Probert an Missie: "Wie alt bist du denn selbst?" Die Terrierhündin bellte viermal. Und auf die Frage, wie alt sie nächste Woche sein werde, gab sie fünfmal Laut - ebenfalls korrekt. Von da an war Missie nicht mehr zu bremsen. Bellend las sie Registriernummern von Dollarnoten ab und erriet die Geburtsdaten der Besucher, die zu ihr nach Denver pilgerten. Sie sagte den Ausgang der Präsidentschaftswahl von 1964 voraus. Und schließlich kläffte sie ihr eigenes Todesdatum.

Missies fantastische Talente haben nur einen Haken: Außer Artikeln in PSI-Büchern und auf esoterischen Websites gibt es keine Belege für ihre übernatürlichen Fähigkeiten, auch nicht für die Wahrheitstreue von Mrs. Probert. Mangelnde Beweise diskreditieren viele Berichte über Begabungen von Tieren. Geschichten wie die von Missie gibt es viele, von rechnenden Pferden bis zu philosophierenden Gorillas. Seit es Zeitungen gibt, sind sie voll mit Berichten über Geistesgrößen im Tierreich. Im Fernsehzeitalter führt Kai Pflaume Klavier spielende Katzen und geschwätzige Papageien vor. Und via E-Mail reisen Internet-Kurzfilme über gewitzte Tiere so schnell um die Welt wie Gerüchte.

Wissenschaftliche Arbeiten über geistige Leistungen von Tieren klingen weniger schrill. Aber auch in der Welt der kühlen Fakten gibt es genug Verblüffendes: zum Beispiel Rocky. Die Seelöwin im Institut für Meeressäugetiere an der University of California in Santa Cruz kann zwar nicht wie Missie hellsehen. Aber sie kann sich 90 grafische Symbole merken. Als man ihr beibrachte, diese in willkürlich zusammengestellte Gruppen zu sortieren, kapierte sie auch das. Also zum Beispiel, dass die Kombination "Dreieck", "Auto" und "Banane" zusammengehört. Und das, obwohl diese Piktogramme für eine Robbe keinerlei Bedeutung besitzen. Obendrein begreift Rocky, dass Eigenschaften je nach Bezugsrahmen wechseln können. Dass also der gleiche Ball einmal "der große" und ein anderes Mal "der kleine" sein kann. Für den Psychologen Ronald Schusterman, der bereits seit vielen Jahren mit Rocky arbeitet, sind diese Fähigkeiten die Voraussetzung für Sprache. Nur weil Menschen diesen Denkvorgang beherrschen, können sie einen realen Ball mit dem Wort "Ball" identifizieren.

Grundsätzlich spricht kaum noch ein Wissenschaftler höheren Tieren ein gewisses Denkvermögen ab. Die meisten bezeichnen dies jedoch lieber etwas neutraler als Kognition und meiden das Wort "Intelligenz", weil das umgangssprachlich nach "Klugheit" klingt.

Die Debatte über das mentale Innenleben von Tieren findet in einem semantischen Dschungel statt. Kaum ein Begriff, der geistige Zustände und Fähigkeiten oder Empfindungen beschreibt, ist wissenschaftlich definiert. Die Bedeutungen unterliegen einem ständigen Wandel. "Intelligenz" bezeichnet meist die Fähigkeit, Probleme zu lösen und Zusammenhänge zu erkennen. Doch nicht jeder Problemlösung geht ein Denkprozess voraus. Vieles, was bei Tieren höchst intelligent erscheint, ist ihnen genetisch vorbestimmt. Außerdem gibt es nicht nur eine, sondern viele Formen von "Intelligenz". Bei technischen Herausforderungen sind andere Fähigkeiten gefragt als bei sozialen. Auch unter uns Menschen gibt es Mathematikgenies, die sich mit Fremdsprachen schwer tun.