Wissenschaftspolitik Schiffbruch mit Boje
Deutschland schenkt Indonesien ein Tsunami-Warnsystem. In zwei Jahren soll es funktionieren. Der Zeitplan scheint völlig utopisch.
Wenige Monate nach dem verheerenden Tsunami Weihnachten 2004 hatte Edelgard Buhlmahn ihren großen Auftritt: Die damalige Forschungsministerin unterzeichnete in Jakarta die Erklärung zum Aufbau eines Tsunami-Warnsystems »Made in Germany«. Deutschland spendiere 45 Millionen Euro, versprach sie, 2008 werde das System einsatzbereit sein. Damals klang das gut, doch heute glaubt fast niemand mehr daran.
Den Vorschlag für das Warnsystem hatte das Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) kurz nach der Katastrophe zu Papier gebracht. Meeresforscher zweifelten schon damals an der Umsetzbarkeit des Plans, ihre Bedenken stießen jedoch auf taube Ohren. Unter der Führung des GFZ begannen neun deutsche Forschungsinstitute mit der Arbeit. Das deutsche Projekt sollte der Mercedes unter den Tsunami-Warnsystemen werden. Unterhalb der zehn geplanten Bojen vor der Küste Indonesiens sollen Sensoren auf dem Meeresboden liegen, die den Wasserdruck und Stöße von Erdbeben überwachen. Die USA messen mit ihren Warnbojen im Pazifik nur den Druck. Die Signale werden mittels Schallwellen durchs Wasser an die Bojen übertragen und von dort per Satellit an Land gefunkt.
So die Theorie. Die Amerikaner haben inzwischen zehn Jahre Erfahrung gesammelt und 15 Bojen in Betrieb. Die Deutschen scheiterten schon daran, die ersten beiden Bojen richtig zu befestigen. Sie rissen sich los. Immerhin funktionierte der GPS-Sender, sodass die indonesische Marine die treibenden Tonnen wieder einsammeln konnte. Auch die Datenübertragung vom Meeresboden an die Boje funktioniert bislang nicht. Die Schallwellen werden von Warmwasserschichten zu stark reflektiert, wenn die Boje nicht senkrecht über dem Sensor schwimmt. Außerdem stören Geräusche von der Ankerleine und vom Wellenschlag den Empfang. Und dann sind auch noch die Sensorbatterien nach einem Jahr leer. Um die Wartungskosten niedrig zu halten, müssten sie mehrere Jahre durchhalten.
Das seien »Kinderkrankheiten, die für so ein neues Vorhaben nicht ungewöhnlich sind«, sagt der Projektmanager Alexander Rudloff vom GFZ. Er rechne damit, dass das Warnsystem pünktlich im November 2008 an Indonesien übergeben wird. Damit ist er weitgehend allein. Noch will kein Beteiligter das System öffentlich infrage stellen, doch intern wächst der Unmut.
Die »Landforscher« vom GFZ würden sich vieles leichter vorstellen, als es im Ozean dann ist, mosert ein Meeresforscher. »Das wird nie laufen«, prophezeit gar ein Abteilungsleiter aus einem anderen Institut. Selbst GFZ-Mitarbeiter reden von einer mission impossible . Die Seismologin Laura Kong, Direktorin des Tsunami Information Center der Unesco auf Hawaii, formuliert es diplomatischer: »Auf dem Papier sieht das System sehr einfach aus, aber in der Praxis ist der Aufbau, vor allem im tiefen Ozean, sehr schwierig.« In diesem Winter wird ein neues Design getestet. Ob es besser funktionieren wird? »Wir werden sehen.«
Der Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky von der Universität Kiel hält das deutsche Tsunami-Warnsystem noch aus einem anderen Grund »für vollkommen überflüssig«. Es seien ausreichend technische Kapazitäten für die Tsunami-Überwachung vorhanden, darunter das Messnetz der UN für Atomwaffentests. Man solle sich lieber um die »euphemistisch so genannte letzte Meile« kümmern, sagt Dombrowsky, die Frage also, wie eine Warnmeldung innerhalb von Minuten die Bevölkerung erreicht. »Das Technologische ist nur die erste Meile. Die Hunderte Meilen in der sozialen Kette sind unberücksichtigt.« Dombrowskys Vorschlag, wenn noch nicht alles Geld ausgegeben ist: »Zurückrudern.«
- Datum 16.12.2006 - 11:55 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen, 15.12.2006
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Liebe Zeitredaktion,
bitte untersuchen Sie Ihr 'Kommentar-Softwarelösung' ... mein Kommentar ist gerade wieder verschunden ... nicht zum erstem Mal! Das System scheint entweder BUGS zu haben, oder Sie wollen auf diesem Weg das Volumen gering halten ?
MfG
Ingo Lange
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