Déjà-vu Alles schon mal da gewesen

Zwei von drei Menschen kennen das Gefühl, eine unbekannte Situation bereits einmal erlebt zu haben. Der Hollywood-Film »Déjà-vu« wird uns erzählen, dass wir Botschaften aus der Vergangenheit empfangen. Neurowissenschaftler vermuten, dass die Chemie im Gehirn verrückt spielt.

Arthur Funkhousers merkwürdigster Fall beginnt mit der E-Mail einer Unbekannten. Am 15. Februar 2003 schreibt ihm Diana E. Zimmerman* aus New Mexico: »Was Sie da sagen, wie Sie es beschreiben, das erlebe ich jeden Tag.«

Kurz zuvor hatte Funkhouser einen Fachartikel über Déjà-vus veröffentlicht, über das Gefühl also, eine Situation schon einmal erlebt zu haben oder eine fremde Person zu kennen, in der Gewissheit, dass das nicht sein kann. »In jedem einzelnen Moment empfinde ich genau das!«, schreibt ihm Zimmerman, 53 Jahre alt. Seit 34 Jahren lebt sie in einer Art Endlosschleife.

Funkhouser hat in seiner Laufbahn als Psychotherapeut einiges behandelt: Persönlichkeitsstörungen und Depressionen, Schizophrenie, Neurosen, Psychosen. Aber ein Mensch mit Dauer-Déjà-vu ist ihm in seinen 22 Jahren Berufserfahrung noch nicht begegnet.

Ein halbes Jahr nach Dianas erster E-Mail trifft sich Funkhouser mit ihr. »Dianas Mail hatte mich neugierig gemacht«, sagt er heute. »Ich wollte wissen: Wie fühlen sich ständige Déjà-vus an? Und wie lebt es sich damit?«

Über ihre Erfahrungen korrespondiert Zimmerman mit Außenstehenden nur anonym, per Mail. »Angefangen hat es, kurz bevor ich 19 wurde«, schreibt sie. »Davor erlebte ich ganz normale Déjà-vus, gelegentlich, flüchtig, so wie die meisten anderen Menschen auch. Mit einem Mal wurde das Déjà-vu dauerhaft, unausweichlich.« Alles, was sie denke, sehe und höre, scheint seitdem eine Wiederholung zu sein, »wie ein alter Film, der immer wieder abläuft«. Sie arbeitet für eine Umweltorganisation. Besonders eindrücklich, schreibt sie, erlebte sie es bei der Geburt ihrer Tochter. Selbst diese Ausnahmesituation schien ihr gespenstisch vertraut.

Zwei von drei Erwachsenen berichten, schon mindestens ein Déjà-vu erlebt zu haben, viele haben das seltsame Gefühl häufiger, wenn auch nicht am laufenden Band wie Diana Zimmerman. Im Schnitt kommt es etwa einmal im Jahr vor und dauert normalerweise höchstens wenige Sekunden.

Über die Ursachen wird fleißig spekuliert. Sigmund Freud betrachtete Déjà-vus – wie so vieles – als Spiegel frühkindlicher Erinnerungen und Traumata. Esoteriker vermuten dahinter Erinnerungen an ein früheres Leben. Neurologen glauben an eine Fehlschaltung im Gehirn. Und auch Hollywood macht sich so seine Gedanken. Die Filmhelden der Matrix, die über das Rückenmark an eine Fantasiewelt angedockt sind, erleben immer dann ein Déjà-vu, wenn die Programmierer der Fantasiewelt etwas verändern. Und in dem neuen Film Déjà-vu – Wettlauf gegen die Zeit, der am 27. Dezember ins Kino kommt, enthalten Déjà-vus Warnungen aus der Vergangenheit und Hinweise auf die Zukunft. Das Drehbuch stützt sich auf nichts Geringeres als die physikalische Annahme, dass es eine unendliche Zahl von Paralleluniversen gibt. Laut dieser Theorie treten Déjà-vus immer dann auf, wenn die Raumzeit durcheinander gerät und sich Paralleluniversen dadurch überkreuzen.

Das klingt fantastisch. Doch wer seriöse Wissenschaftler nach der Ursache von Déjà-vus fragt, muss feststellen: Viel besser wissen die es auch nicht.

Alan Brown, Psychologieprofessor an der Southern Methodist University in Dallas und einer der wenigen, die sich derzeit hauptberuflich mit dem Phänomen auseinander setzen, hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien seiner Kollegen miteinander verglichen. Sein Fazit ist deprimierend: Erklärungen scheint es so viele zu geben wie Wissenschaftler, die sich daran versuchen. Brown nimmt es sportlich: »Ich finde es gut, dass so viele kreative und intelligente Menschen an diesem Thema arbeiten. Es ist eine komplexe Materie.«

Immerhin lassen sich die Forscher grob zwei Lagern zuordnen. Die einen nehmen an, dass einem Déjà-vu eine ganz reale Erinnerung zugrunde liegt. Demnach haben wir die vermeintlich vertraute Situation tatsächlich schon einmal erlebt, aber nur unbewusst gespeichert. Die anderen betrachten Déjà-vus als Resultat von kurzzeitigen Störungen oder Mini-Anfällen im Gehirn. Ihnen zufolge haben Déjà-vus genauso wie Halluzinationen nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

Folgt man den Anhängern der Störungstheorie, so entsteht das Déjà-vu, weil eine bestimmte Hirnwindung spontan ein Vertrautheitsgefühl auslöst. Normalerweise geschieht dies im Schläfenlappen, dem Zentrum des bewussten Erinnerns. Dort ordnet der Hippocampus, eine seepferdchenförmige Struktur, jeden Sinneseindruck als bekannt oder unbekannt ein. Ist der Sinneseindruck bekannt, feuern die Neuronen in einem anderen Teil des Schläfenlappens, dem parahippocampalen Gyrus, und rufen das Gefühl der Vertrautheit hervor. Bei einem Déjà-vu, so lautet die Annahme, feuern die Neuronen im parahippocampalen Gyrus jedoch, ohne dass zuvor etwas tatsächlich Bekanntes wahrgenommen wurde. Das Hirn täuscht uns, das Gefühl der Vertrautheit trügt. Einem solchen Ausrutscher könnte Müdigkeit zugrunde liegen oder eine kurzzeitige Panne im Hirnstoffwechsel.

Argumente für die Störungstheorie liefern Epilepsiepatienten, deren Anfallsherd im Schläfenlappen liegt. Sie erleben besonders häufig Déjà-vus. Klaus Göcke aus Berlin zum Beispiel. 1980 wurde ihm ein Hirntumor entfernt. Zwei Monate später erlebte er Seltsames: »In der U-Bahn hatte ich das Gefühl, jeden Menschen zu kennen.« Er fragte im Krankenhaus nach: »Was ist los mit mir? Das ist doch nicht normal!« In seinem Kopf hatte sich nach der Operation eine Epilepsie entwickelt. Vor jedem Anfall kamen die Déjà-vus, viele Male hintereinander an einem einzigen Tag. Ob im Restaurant, in der Oper oder bei einer Kunstausstellung, plötzlich kamen Göcke alle Anwesenden vertraut vor. »Zuerst war das merkwürdig. Später fand ich es ganz unterhaltsam«, sagt Göcke heute.

Neurologen können den Zustand sogar per Knopfdruck auslösen, indem sie den parahippocampalen Gyrus mit elektrischen Signalen stimulieren. Anschließend berichten die Patienten von entsprechenden Erlebnissen. Auch Medikamente beeinflussen die Erfahrung. Klaus Göcke erlebt keine extremen Déjà-vus mehr, seitdem er Carbamazepin gegen seine Epilepsie nimmt. »Ich habe die Dosis Stück für Stück gesenkt«, sagt er. »Bei 600 Milligramm ist Schluss. Sobald ich es mit weniger probiere, kommen die Déjà-vus und die Anfälle wieder.« Umgekehrt können Medikamente das Erinnerungsphänomen erst hervorrufen. Ein finnisches Forscherteam berichtete 2001 von einem Mann, der gleichzeitig ein Parkinson-Medikament und einen Appetitzügler einnahm und daraufhin intensive Déjà-vus erlebte.

Solche Fälle liefern starke Indizien dafür, dass sie durch Fehlschaltungen im Kopf ausgelöst werden. Doch auch die Gegenseite hat gute Argumente.

Alan Brown sucht nach Beweisen für die Erinnerungstheorien. Was uns bekannt vorkommt, haben wir demnach entweder vor langer Zeit so ähnlich schon einmal gesehen und wieder vergessen. Oder wir glauben, eine Situation zu kennen, weil wir sie wenige Millisekunden zuvor unterschwellig mitbekommen haben.

Tatsächlich nehmen wir ständig viel mehr Eindrücke wahr, als uns bewusst wird. Das Gehirn entscheidet, welche Informationen unsere Aufmerksamkeit verdienen und welche wir vernachlässigen können. Wenn wir ein Kind den Bürgersteig entlanglaufen sehen und dabei plötzlich ein Déjà-vu erleben, kann es sein, dass wir kurz zuvor den Blick haben schweifen lassen und das Kind zunächst nicht beachtet haben.

Déjà-vus können demnach, siehe Hollywoods Interpretation, tatsächlich Botschaften aus der Vergangenheit sein, wenn auch ihr Ursprung vielleicht nur wenige Sekunden oder Minuten zurückliegt.

Schuld an den Filmrissen könnte die Art und Weise sein, wie unser Gehirn Informationen speichert. Ein Eindruck aus der Außenwelt nimmt unterschiedliche Wege durchs Gehirn. Erst in den hierarchisch höheren Hirnzentren werden die Teilinformationen zu einem Ganzen zusammengesetzt. Möglicherweise blitzt ein Déjà-vu auf, wenn eine Teilinformation leicht verspätet ihr Ziel erreicht. So mag der Eindruck entstehen, die Information sei bereits bekannt, irgendwie aber auch nicht.

Déjà-vus sind viel schwieriger zu erforschen als etwa Depressionen oder Epilepsien. Denn man sieht einer Person nicht an, ob sie gerade ein Déjà-vu erlebt, sondern muss sich auf ihre Ehrlichkeit und Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung verlassen. Und während Psychologen in Testlabors ihre Versuchspersonen mit einfachen Mitteln frustrieren, sexuell erregen oder zum Lachen bringen können, entstehen Déjà-vus spontan, ohne Vorwarnung und in der Regel äußerst selten.

Die einfachste Möglichkeit, Daten zu sammeln, sind Fragebögen, die an möglichst viele und repräsentativ ausgewählte Menschen verteilt werden. Aus solchen Studien scheinen immerhin ein paar Fakten gesichert: Von Déjà-vus sind Männer wie Frauen gleichermaßen betroffen, Menschen mit Abitur häufiger als Menschen mit Hauptschulabschluss. Die Häufigkeit von Déjà-vu-Erlebnissen steigt mit dem Einkommen, der Häufigkeit von Reisen und mit der Fähigkeit, sich an Träume zu erinnern. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass Menschen mit einem Hang zur Esoterik besonders viele Déjà-vus erleben – oder zumindest davon berichten.

Auch war man sich lange Zeit darüber einig, dass sie am häufigsten im frühen Erwachsenenalter auftreten und mit dem Alter weniger werden. Es fällt aber auf, dass die Frequenz nicht nur bei jedem Einzelnen mit der Zeit abnimmt, sondern dass auch mehr jüngere als ältere Menschen angeben, überhaupt jemals ein Déjà-vu erlebt zu haben. Geraten die Déjà-vus mit der Zeit in Vergessenheit? Befürchten ältere Menschen, als verrückt abgestempelt zu werden? Oder dichten die Jüngeren gern eine aufregende Erfahrung hinzu?

Weil Fragebögen immer nur so zuverlässig sind wie das Erinnerungsvermögen und die Kooperationsbereitschaft der Befragten, versuchen manche Forscher, die Erinnerungstäuschungen im Labor experimentell zu erzeugen und daraus Rückschlüsse auf ihre Ursache zu ziehen. Alan Brown suchte auf diese Weise Belege dafür, dass einem Déjà-vu eine reale Wahrnehmung vorausgeht. Er zeigte 135 Probanden Fotos von Orten, an denen sie noch nie gewesen waren. Unter dem Vorwand eines Wahrnehmungstests sollten sie kleine Kreuzchen finden, die auf den Bildern versteckt waren. Wenn die Probanden nach einer Woche dieselben Fotos gezeigt bekamen, gaben sie fälschlicherweise an, die Orte schon einmal besucht zu haben. Und etwa die Hälfte der Probanden berichtete später, während der Versuchsreihe mindestens ein Déjà-vu erlebt zu haben. Doch war das wirklich eines oder nur eine falsche Erinnerung? Letztere ist reine Illusion, während wir im Déjà-vu Gewissheit fühlen und gleichzeitig spüren, dass diese Gewissheit eine Täuschung sein muss.

Dauer-Déjà-vus könnten die Forschung weiterbringen, hofft nun der Psychologe Arthur Funkhouser. Dass die Endlosschleife im Kopf von Diana Zimmerman womöglich kein Einzelfall ist, dämmerte ihm, als er mittels Fragebögen im Internet nach Déjà-vu-Fällen fahndete. Sechs Prozent der insgesamt 1055 Befragten gaben dabei an, mindestens einmal täglich ein Déjà-vu zu erleben.

Der Psychologe Christopher Moulin von der Universität Leeds hat rund ein Dutzend Menschen ausfindig gemacht, die in einer permanenten Wiederholungsschleife leben. Unter ihnen ist der 80-jährige »AKP«, der es nicht erträgt fernzusehen und dann immer schimpft: »Das haben die doch alles schon gezeigt!« Auf Spaziergängen langweilt er sich: Jedes Auto ist schon einmal an ihm vorbeigefahren, jeder Vogel, den er hört, hat schon gesungen, jeder Baum sich schon genau so im Wind bewegt. Auch weigerte er sich zunächst, in die Klinik zu kommen. Nicht weil er die Untersuchungen scheute, sondern weil er der festen Überzeugung war, schon da gewesen zu sein. Moulins Patientin »Case 3«, eine 65-jährige Dame, küsste eine Mitarbeiterin Moulins bei ihrem ersten Zusammentreffen herzlich auf die Wange. Sie war der Meinung, eine alte Bekannte vor sich zu haben, die sie schon Hunderte Male getroffen hatte.

Moulins Patienten mit Dauer-Déjà-vu sind dement oder leiden an schweren Epilepsien. Dennoch, so hofft Moulin, können sie uns auf die Spur jener Erinnerungsblitze führen, die auch gesunde Menschen hin und wieder haben. »Meine Patienten erleben eine extremere Form als wir,« sagt Moulin. »Aber das neurologische Muster der Entstehung ist bei uns allen dasselbe.« Es sei unerheblich, ob das Déjà-vu nur gelegentlich oder aber chronisch auftrete. In allen Fällen schlage der parahippocampale Gyrus Alarm und rufe das Gefühl falscher Vertrautheit hervor.

Vielleicht aber ist der Versuch, eine alles erklärende Ursache zu finden, zum Scheitern verurteilt. Der Neurologe Vernon Neppe vom Pacific Neuropsychiatric Institute in Seattle zählt allein 27 Varianten des »Déjà-Erlebens« und leitet daraus vier mögliche Vorkommensweisen ab: gewöhnliche, epileptische, psychotische und paranormale. Letztere in Verbindung mit vermeintlichen hellseherischen Fähigkeiten. Moulins Patienten würden je nach ursprünglicher Diagnose in die Kategorien »epileptisch« oder »psychotisch« fallen.

Dauer-Déjà-vus hält Neppe für psychotisch. Sein Kollege Arthur Funkhouser würde dagegen gern eine fünfte Schublade einrichten: »Kontinuierliches Déjà-vu-Erleben, ohne dass eine psychische oder neurologische Störung vorliegt«. In diese Kategorie falle Diana, glaubt er. Doch die hat sich noch nie psychologisch untersuchen lassen.

Wozu auch? »Ich führe ein ganz normales Leben«, schreibt Diana. »Die Schwierigkeiten, die ich habe, sind die, die fast jeder erwachsene Mensch kennt: arbeiten, Verantwortung tragen, ein Kind großziehen.« Und: »andere Menschen verstehen.«

* Name geändert

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    • Quelle ZEIT Wissen 01/2007
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