EsoterikDer Magier von Bludenz

Im österreichischen Vorarlberg liegt die »Todesstrecke« S 16, auf der viele Autofahrer verunglücken. Die Behörden heuerten einen Pendler an. Der kam und entschärfte geheimnisvolle Kraftfelder. Jetzt befreit er ein ganzes Dorf von negativer Energie und entdeckt eine Kultstätte nach der anderen.

Bei Tempo 140, vorn ein Lastwagen, rechts und links Alpen, fummelt Gerhard Pirchl eine rote Plastikkugel an einem dünnen Faden aus der Hosentasche. Den Ellenbogen auf die Armlehne seines Geländewagens gestützt, lässt er das Pendel über der Mittelkonsole baumeln. Aufgeregt baumelt es hin und her.

»Ein hoch interessantes Kraftfeld«, sagt Pirchl und steuert den Touareg kurzerhand über die Mittelspur bis auf den Standstreifen, wo nur die Leitplanke weitere Nachforschungen in Richtung Kuhweide verhindert.

Im österreichischen Bludenz, der Hauptstadt der Milka-Schokolade, eine halbe Stunde vom Bodensee entfernt, biegt Pirchl auf die Todesstrecke ab. So nennen Einheimische die Schnellstraße S16, weil Autofahrer hier über Jahre hinweg immer wieder ohne erkennbaren Grund in den Gegenverkehr rasten, keinerlei Bremsspuren hinterlassend. Rätselhaft. »Sogar Selbstmörder treten im letzten Moment auf die Bremse«, sagt Pirchl. Die S16 ist eine Art Bermudadreieck der Alpen.

»Unfallstrecke 14 km« steht auf einem Schild, daneben leuchtet ein rotes Warndreieck. Pirchl hält das Pendel über die Gangschaltung, auf der Gegenspur rauschen in schnellem Takt Lkw und Urlauberbusse vorbei. Er sieht zufrieden aus. »Da goat nix, da ist alles entstört.«

Im Auftrag der österreichischen Straßenbaugesellschaft Asfinag hat Pirchl die S16 im vergangenen Jahr von gefährlichen »längsdrehenden Kraftfeldern« befreit, Feldern, die kein Physiker messen und kein Geologe erklären kann und von denen Pirchl behauptet, dass sie bei »adernsensitiven« Menschen Blutdruckabfall und Blackouts verursachen.

Die »Adern« sind ein Zentralbegriff der Pendelei. Pirchl weiß von unterirdischen Wasserflüssen und Kraftsteinen, Phänomenen, die der Geo- und Hydrophysik unbekannt sind. Hunderte magischer Steine hat er rechts und links der Straße vergraben, um die Felder unschädlich zu machen, mehrere Monate lang kniete er neben dem Asphalt und pickte mit einer Hacke den Boden auf, im Oktober 2005 war er fertig.

Seine Arbeit ist von Erfolg gekrönt, glaubt die Asfinag. »Seit der Entstörung ist lediglich ein leichter Unfall zu verzeichnen, obwohl in den letzten zehn Jahren dort insgesamt 33 Tote und über hundert Unfälle zu verzeichnen waren«, heißt es auf ihrer Website www.asfinag.at unter dem Stichpunkt »Verkehrssicherheit durch esoterische Maßnahmen bei Unfallhäufungsstellen«.

Die Polizei zählt etwas anders, sie registrierte zwischen November 2005 und Ende Juli 2006 19 Unfälle, davon drei mit schweren Verletzungen. Tote gab es keine. Das könnte aber auch neuen Warnschildern zu verdanken sein, dem Doppelstreifen, der vor einigen Jahren gezogen wurde, oder es könnte sich um eine zufällige statistische Schwankung handeln. »Für uns ist es irrsinnig schwierig zu sagen: Das lag jetzt an den Steinen«, gibt Asfinag-Sprecher Harald Dirnbacher zu. Trotzdem wolle man an den esoterischen Maßnahmen festhalten. »Wir tun alles, was man tun kann.«

Ein zweiter Pendler ist für die Asfinag in der Osthälfte Österreichs unterwegs. Dirnbacher rechtfertigt die Verwendung von Mautgeldern für die esoterischen Maßnahmen, schließlich seien die Pendler extrem günstig. Pirchl kostete 3000 Euro.

Der Pendler von Bludenz will allerdings nicht als Esoteriker gelten, er wähnt sich als Pionier eines viel größeren Projekts: Die meisten Kraftfelder kommen nicht von Wasseradern, glaubt er, sondern von Energie aussendenden Steinen, klein wie Kartoffeln, verlegt von Kulturvölkern Hunderte bis Tausende Jahre vor Christus. Als Orientierungshilfe für Wanderer und Seefahrer, ist seine Theorie.

Nicht nur neben der S16, auch unter Kirchen in der Umgebung, in Stonehenge, am Kölner Dom und im Ulmer Münster will er Steinreihen mit kilometerlangen Kraftfeldern erpendelt haben. Schon Ötzi habe eine durchlöcherte Steinscheibe zum Pendeln solcher Felder benutzt, sagt Pirchl, »ein GPS der Steinzeit«. Heutzutage seien die Felder leider schädlich, etwa wenn jemand zu schnell hindurchfahre oder sein Bett zufällig im »Kreuzungspunkt« der Felder aufgestellt habe. Deshalb wird Pirchl in Bludenz und Umgebung auch zur Entstörung von Häusern gebucht.

Die S16 ist nur der Anfang. Auf einer Alm in der Gemeinde Bürserberg bei Bludenz hat Pirchl mit Geldern der EU und aus seinem Privatvermögen Steinkreise ausgependelt und aufgebaut, vor denen nun verdutzte Touristen neben pendelnden Pilgern stehen. Und vor wenigen Wochen vollendete er die Entstörung eines ganzen Bergdorfs, Vorderstoder in Oberösterreich. Der Tourismusrat hat rund 16.000 Euro für die Aktion ausgegeben und will mit dem feldfreien Ortskern nun gesundheitsbewusste Touristen anlocken. Strahlung sei keine greifbare Angelegenheit, sagt Bürgermeister Alfred Retschitzegger, »aber ich bin positiv eingestellt«.

Gerhard Pirchl, der Herr der Steine, hat in den Alpen eine Parallelwelt geschaffen, besiedelt von adernsensitiven Urvölkern und übersät mit Kraftsteinen und Adernsternen. Seriöse Forscher wollen davon nichts wissen, aber Behörden und Gemeinden machen mit. Schon früher legten sich die Leute hier Kupfergitter unters Bett, um Erdstrahlen abzuschirmen, und noch heute bestellen Häuslebauer Wünschelrutengänger oder Pendler, um ihr Grundstück zu entstören, 300 Euro für 100 Quadratmeter.

Pirchl hat ein Buch über seine Steinfunde drucken lassen, 3sat und der ORF haben eine Dokumentation über die Steinkreise ausgestrahlt, die praktischerweise von Pirchl koproduziert wurde.

Der Mann hat eine Mission, und manche feiern ihn wie einen Heiligen. Für andere ist er ein Scharlatan. Rüdiger Krause, Professor für Archäologie an der Universität Frankfurt und regelmäßig auf den Spuren der Bronzezeit in Vorarlberg unterwegs, hält die Saga von den frühzeitlichen Steinzeichen für »eine Riesenverarschung«. Im Rheintal sei der Fluss früher ein wildes Gewässer gewesen, da hätten sich keine noch so planmäßig angeordneten Kiesel unter der Grasnarbe halten können, und in der Gemeinde Bürserberg seien die »prähistorischen« Steine mit dem Bagger aufgestellt und mit Lkw rangekarrt worden. »Die Leute werden an der Nase herumgeführt, das ist Betrug.«

Pirchl bremst, Ausfahrt Dalaas. Rechts auf der Wiese liegt ein großer Steinbrocken. Der Entstörer ortet einen prähistorischen Steinkreis und beginnt den Boden aufzuhacken. Unter der Grasnarbe trifft die Hacke auf Geröll, ein Regenwurm flieht in den Untergrund. Zwei faustgroße Steine kommen zum Vorschein, das Pendel bringt Gewissheit: Kraftsteine. Nächster Anschlag, diesmal finden sich nur kleinere Kiesel. Doch auch von denen sind zwei energetisiert. Behauptet Pirchl.

Leider kann das keiner nachprüfen. Deshalb arbeite er mit der Schweizer Therapeutin Elisabeth Dornbierer zusammen, die ein von russischen Physikern entwickeltes Gerät zum Nachweis von »Biofeldern« verkauft. Am Abend will er es vorführen.

Pirchl ist ein Pendler mit Maschinenbau-Diplom. In Liechtenstein führte er ein Unternehmen für Autospezialbleche mit 500 Angestellten. Vier-Schichten-Betrieb, dauernd Stress. Vor sechs Jahren bekam er Herzprobleme und verbrachte Monate auf der Intensivstation. Heute ist er 65 und hat ein fremdes Herz, muss täglich Medikamente schlucken. Die Firma ist verkauft, er lebt von den Zinsen seines Vermögens.

Erst wollte er sich der Kunst widmen, Pirchl besitzt die größte Sammlung des Zeichners Paul Flora. Doch dann probierte er in einem Sizilienurlaub das Pendeln. Von seinem Vater, einem Brunnenmacher, habe er die Adernfühligkeit geerbt, glaubt Pirchl. Er knotete sein Schweizer Taschenmesser an einen Bindfaden und ging damit durch die Tempel. Das Messer fing an zu schwingen.

Seitdem ist Pirchl besessen. Überall spürt er Kraftfelder. Er sei so sensitiv, dass ihm die Fußsohlen schmerzten, wenn er zu lange auf den Wiesen in Vorarlberg herumstapfe. Dann muss er geladenes Wasser trinken und in seinem Bett schlafen, um das er ein Iglu aus Kraftfeldern gebaut hat – »mit nur vier Steinen«.

Auf dem Rückweg nach Bludenz steuert er seinen Wagen auf eine Wiese neben der S16. Kein Ort, an dem man picknicken würde. Der Fahrtwind der Lkw zerzaust sein weißes Haar, der Lärm dröhnt in den Ohren. Pirchl nimmt eine Gartenschaufel und sticht ins Geröll, durchtrennt Unkraut und holt Kiesel hervor. Über einem grauen Stein, der aussieht wie alle anderen, lässt er das Pendel schwingen. Den habe er schräg in den Boden gesetzt, um die negativen Kraftfelder in die Erde zu lenken.

In der Bezirksregierung von Bludenz, einem rosa gestrichenen ehemaligen Schloss, gibt es die Akte III-9200-02 zur »Entstörung von Erdstrahlen«. Bezirkshauptmann Leo Walser, der Verwaltungschef, legt sie vor sich auf den Konferenztisch. Der rot-weiße Landeswimpel steht neben seiner Kaffeetasse, die Sekretärin serviert ein Stück Milka-Schokolade.

»Wenn man die Unfallbilanz seit der Maßnahme Pirchl zusammenfasst«, sagt Walser, »hat es seit der Entstörung keinen tödlichen Unfall gegeben.« Man wolle das weiter beobachten. »Je länger das anhält, umso eher kann man der Ansicht sein, dass…« Er beendet den Satz nicht. Es gebe viele Scharlatane, Leute, die nicht ganz richtig sind im Kopf, aber der Pirchl Gerhard wolle seine Entdeckung wissenschaftlich beweisen. »Das rechne ich ihm hoch an.«

»Egal, wie man dazu steht«, sagt Walser, »es kann sein, dass wir mit geringem Aufwand etwas bewirkt haben.« Schaden kann’s ja nicht. Außerdem hat er selbst mal im Klostertal verdächtige Steine gesehen. Er holte den Pirchl hinzu, und der fand im Boden tatsächlich Kraftsteine. Walser selbst kann nicht pendeln. Nur seine Frau, die hatte mal ein Pendel in der Hand. »Da hat sich was bewegt.«

Die Milka ist aufgegessen, der Bezirkshauptmann hat aus der Hülle ein Papierknöllchen gerollt, mit dem er auf die Akte tippt. Hat er keine Bedenken, dass sich Vorarlberg lächerlich macht? Er sagt: »Carnac und Stonehenge sind auch touristische Attraktionen.«

Leo Walser kann die Gemeinde Bürserberg von seinem Fenster aus sehen. Die Fahrt auf die Alm dauert 20 Minuten, Wegweiser führen zu den Steinkreisen. Rund 65.000 Euro EU-Fördermittel hat die verschuldete Berggemeinde ausgegeben, um die zumeist hüfthohen Steine nach den Anweisungen von Pirchl auszugraben und aufzustellen. »Folgenreicher als die Entdeckung des Ötzi!«, heißt es dafür jetzt auf der offiziellen Gemeinde-Website.

Inzwischen will Gerhard Pirchl 44 Steinkreise geortet haben. Ja, man habe die tonnenschweren Steine mit einem Bagger aufgestellt, sagt er, aber nur dort, wo sie auch unterm Gras lagen. Und man habe drei Steine hinzugeholt, aber nur, um das System sichtbar zu machen.

Vor drei Jahren bestellte der damalige Bürgermeister einen Landesarchäologen auf die Alm, um die Kraftkiesel im Boden zu untersuchen. Aber der räumte das Geröll einfach beiseite, um nach Knochen zu suchen. Danach kam nur noch der private Archäologie-Service argis ins Dorf, dem Pirchl mehr als 10.000 Euro für ein Gutachten zahlte und dessen Gutachter er erst im Pendeln ausbilden musste.

Trotzdem wollte der neue Gemeinderat die Attraktion nicht weiterfördern, sondern lieber Geld für neue Schneekanonen ausgeben. Die Pflege der Steinkreise will nun der Verein Steinspuren übernehmen, Vorsitz: Gerhard Pirchl. Schautafeln sollen Besucher dann auf die Bedeutung des Orts hinweisen, geplant sind auch ein Gebäude für Tagungen und eine kleine Sternwarte.

Dann fehlt Pirchl nur noch die Anerkennung seiner Feldforschung durch die Wissenschaftler einer Universität. Die prominente Architektin Vera Purtscher, Mitglied im siebenköpfigen Aufsichtsrat der Universität Innsbruck, hat den Pendler während einer Ausstellung kennen gelernt und hilft ihm jetzt beim Verfassen eines »physikalischen Berichts«. Pirchl hat sie mit dem Entwurf des Tagungshauses beauftragt.

Purtscher ist traurig über »das Maß der Ablehnung« vonseiten der akademischen Forschung: »Einstein hat man anfangs auch nicht geglaubt.« Immerhin will sich der Vizerektor für Forschung von der Uni Innsbruck den Bericht mal anschauen. Auch Anton Zeilinger, Österreichs oberster Quantenphysiker, soll eine Kopie an die Universität Wien bekommen. Und gemeinsam mit einem pensionierten Physiker arbeitet Pirchl an einem Blindversuch, in dem er seine Fähigkeiten unter Beweis stellen will.

Wenn das alles nichts hilft, dann werde man wohl mit amerikanischen und kanadischen Forschungsinstituten zusammenarbeiten müssen, sagt Purtscher, erste Kontakte gebe es bereits. Und wenn dort eines Tages eine Nachweismethode für die Kraftfelder entwickelt werden sollte, dann müsse man das Gerät fairerweise Pirchlmeter nennen.

Es ist spät geworden, die Sonne hat sich hinter den Bergen verkrochen. Gerhard Pirchl und die Therapeutin Elisabeth Dornbierer führen das Gerät aus russischer Entwicklung vor, das nach einer Stunde Aufwärmzeit und Kalibrierung irgendwie alles bestätigt. »Hut ab«, sagt Pirchl, »die Leute vor 1000 Jahren müssten den Nobelpreis kriegen.«

Am nächsten Tag zeigen die Vorarlberger Nachrichten im Lokalteil ein großes Foto von einem Auto mit Totalschaden. »Ungebremst ist eine 26-jährige Feldkircherin gestern in Dalaas auf der S16 in eine Baustelle gefahren«, meldet die Zeitung. »Die Frau hatte aus noch ungeklärter Ursache das Bewusstsein verloren.«

 
Leserkommentare
  1. ...kommt das Christuskind. Oder sind es doch die Eltern, die die Geschenke unter den Baum legen? Na egal, es geht darum woran man glaubt, nicht wahr? Diese im Artikel zitierten Leute koennen doch glauben, woran sie wollen. Nur mit Wissenschaft und Realitaet hat das nichts zu tun. Die Wissenschaft ist als Instrument auch nicht perfekt, aber sie ist das beste Instrument zur Verifizierung oder Falsifizierung von Hypothesen. Bisherige Untersuchungen haben immer wieder gezeigt, dass es so etwas wie Energiefelder oder Kraftlinien oder whatever nicht gibt. Ockhams Rasiermesser: Von zwei gegebenen Erklaerungsversuchen ist immer der einfachere zu nehmen. Na? Nicht genaue Nachweismethode, immer noch nicht (nach zig Untersuchungen) oder einfach hahnebuechener Aberglaube? Ich lasse jeden selbst das Messer ansetzen. Sofern er es halten kann und will.

  2. ist, daß sie felsenfest von ihren eigenen Kräften überzeugt sind. Felsenfest!

    Der ein oder andere kennt vielleicht den Zauberkünstler Randi. Er hat einen Preis ausgesetzt: 1 Million Dollar für die erfolgreiche Demonstration übernatürlicher Fähigkeiten unter einverständlichen wissenschaftlichen Testbedingungen. Das heißt: Doppelblindversuche, auf die sich der Proband und Randi - bzw. im Vortest dessen Vertreter - einigen. Einvernehmlich!

    Ein Schwindler würde sich so einem Test niemals unterziehen. Immer wieder aber tun Probanden dies - und bisher sind alle kläglich gescheitert. Ihre Fähigkeiten bestanden nur in ihrer Phantasie - aber sie glaubten daran, gestählt durch jahrelange 'Erfahrungen', die nichts als Illusionen waren.

    Traurig ist nur, daß öffentlicher Gelder - EU Fördermittel etc - auf solchen Unfug verwendet werden. Der Herr möge sich dem Randi-Test unterziehen!

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  • Quelle ZEIT Wissen 01/2007
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