Interview

»Ich bin der lebende Beweis«

Thea Dorn über Weiblichkeit, Hitler und Eva Herman.

Thea Dorn war Hochschuldozentin für Moralphilosophie an der Universität Frankfurt. In ihrem aktuellen Buch »Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird« diskutiert sie mit elf Frauen über deren persönliche Rollenbilder.

Frau Dorn, können Sie Karten lesen?

Das konnte ich, noch bevor ich Bücher lesen konnte. Meine Mutter ist eine Landkartenfanatikerin, ich bin damit aufgewachsen, dass wir in jedem Urlaub Unmengen Karten dabeihatten und meine Mutter sich mit leuchtenden Augen darüberbeugte.

Angeblich können Frauen das nicht.

Mit solchen Scheinargumenten redet man sich heraus und macht sich selbst schwach. Natürlich haben wir bestimmte biologische Anlagen. Aber das Wunderbare am Menschsein ist ja: Wir haben im Gegensatz zum Känguru oder zur Giraffe einen freien Willen. Wir können entscheiden, welche Anlagen wir an uns mögen und fördern und welche wir lieber klein halten wollen. Die Biologie bestimmt uns nicht. Ich bin der lebende Beweis, dass die These, Frauen könnten aufgrund ihrer »Biologie« nicht einparken, schlichtweg falsch ist.

Vermutlich, weil Sie es beherrschen?

Weil ich es in der Tat nicht »von Natur aus« konnte – wohingegen der Mann ja angeblich schon als Supereinparker auf die Welt kommt. Irgendwann hatte ich es satt, stundenlang herumzufahren und einen XXL-Parkplatz zu suchen. Deshalb habe ich gezielt geübt. Und schon nach ein paar Tagen ging es wunderbar. Heute komme ich in Parklücken, an denen mein Freund scheitert.

Warum sind biologische Begründungen für solche Schwächen trotzdem so in?

Die Unübersichtlichkeit der Welt verunsichert die Menschen. Sie drücken sich vor komplizierten Fragen wie »Wer kann ich sein?« oder »Wie wollen wir in der Gesellschaft zusammenleben?« und delegieren die Antworten an die scheinbar objektiven Naturwissenschaften. Die Natur, so argumentieren sie, ist ja das Urälteste, die ewige Wahrheit, sie gibt Sicherheit. Das ist gefährlich.

Warum?

Die Sehnsucht nach der Natur als Wahrheitskriterium bedeutet letztlich eine totalitäre Abkehr vom Konzept von Freiheit und Individualität. Wenn alles biologisch ist, ist der Einzelne ja nicht mehr für sein Leben verantwortlich. Wie weit das geht, zeigt ein Vergleich von Eva Hermans Eva-Prinzip mit Hitlers Mein Kampf. Bei einem Satz wie »Indem der Mensch versucht, sich gegen die eiserne Logik der Natur aufzubäumen, gerät er in Kampf mit den Grundsätzen, denen auch er selber sein Dasein als Mensch allein verdankt« ist nicht so leicht zu entscheiden, aus welchem Buch er ist.

Und? Hitler oder Herman?

Hitler. Bei Herman heißt es: »Nur wenn wir uns im Einklang mit den Gesetzen der Natur befinden, wenn wir sie erkennen und akzeptieren, kann das segensreiche Schöpfungsprinzip der menschlichen Zweigeschlechtlichkeit förderlich für uns und unsere Gesellschaft wirken.« Das ist nicht so weit weg.

In Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich selbst mit dem Frausein. Was ist für Sie weiblich?

Das zu definieren bringt nichts. Je älter ich werde, desto mehr interessiert mich: Was ist mein Weg? Was sind meine An- lagen, und was mache ich daraus? In meinem Buch führe ich Gespräche mit Frauen, die ich als Vorbilder betrachte. Bei ihnen können wir sehen, wie aufregend der Prozess ist, seinen eigenen Weg zu suchen. Ich finde einen Menschen umso spannender, je mehr sich angeblich typisch männliche und weibliche Eigenschaften mischen. Dann ist er nämlich kein Vertreter seines Geschlechts mehr. Sondern wirklich ein Individuum.

Interview: Eva-Maria Schnurr

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Leser-Kommentare

  1. Die Sehnsucht nach einem Leben ohne Arbeit, ohne Verantwortung, nach einem Leben auf Kosten von anderen, nach einem Leben, in dem der fanatische Ideologe verzehrt, was andere erarbeiten, bringt eigenartige Stilblüten hervor.

    Nehmen wir die Verwendung der (nur beispielhaft) Termini:
    - und
    - mein
    - unser
    - wir.

    Es ist nicht so leicht zu entscheiden, wer sich dieser Phrasologie bediente, Hitler oder Dorn?
    Beide tun es.

    Und damit nicht genug.
    Beide haben in der Schule das kleine Einmaleins gelernt, vermutlich die gemeinsame Wurzel ihrer totalitären Anschauungen.

    ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

    Die unfruchtbare Thea Dorn hat uns schon mit mancherlei Unfug erfreut.
    Der Vergleich Hermann-Hitler ist bei dieser Person nicht verwunderlich, im Gegenteil, es passt zu deren Demagogie.

    ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

    Ach so, noch was:
    Dorn ist der lebende Beweis, dass Frauen genauso gut wie Männer über Moralphilosophie dozieren können. Ein schöner Erfolg des feministischen Befreiungskampfes.
    Wer hätte das gedacht – vor 3000 Jahren?

    • 16.12.2006 um 15:52 Uhr
    • keox

    'Ich finde einen Menschen umso spannender, je mehr sich angeblich typisch männliche und weibliche Eigenschaften mischen. Dann ist er nämlich kein Vertreter seines Geschlechts mehr. Sondern wirklich ein Individuum.'

    dem ist nichts hinzuzufügen

  2. Jetzt fehlt nur noch, daß Thea Dorn den entscheidenden Todesstoß gegen Eva Hermans Thesen führt und den unwiderleglichen Nachweis erbringt, daß – ebenso wie die Autorin des „Eva-Prinzips“ - auch Hitler mit Messer und Gabel gegessen hat.
    Wann knüpft Dorn sich endlich auch die Vegetarier vor, wann die Liebhaber von Wagner-Opern, wann die Freunde des Deutschen Schäferhundes? Da warten noch große Aufgaben auf die scharfsinnige Fernsehmoderatorin!
    Es zeugt nicht nur von großer Hilflosigkeit, sondern zudem von einem außergewöhnlichen Maß an Perfidität, mangels substantieller Gegenargumente Parallelen zur Ideologie eines verbrecherischen Regimes herzustellen, das den Tod von Millionen Menschen zu verantworten hat. Was nützt es dem Menschen, über Moral zu philosophieren, wenn er nicht einmal die einfachsten Regeln des Anstands respektiert?

  3. der sollte nicht solche Sätze sprechen wie 'Wir haben im Gegensatz zum Känguru oder zur Giraffe einen freien Willen.' Der Geist Schopenhauers könnte aus seinem Grab aufsteigen und die Sprecherin zur H(...) tragen...

  4. 5.

    Wobei ich diese Aussage Dorns mehr als fragwürdig finde, denn sie spricht Menschen, die den Stereotypen der Geschlechter nahe kommen, eine eigene Individualität ab.

    • 14.01.2007 um 18:39 Uhr
    • BennoS
    6.

    Arthur Schopenhauer,
    Die Kunst, Recht zu behalten, 1830

    Schopenhauer beschrieb 37 Kunstgriffe, um in einer Diskussion Recht zu behalten.

    Zum Abschluß

    Letzter Kunstgriff
    Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Das Persönlichwerden besteht darin, daß man von dem Gegenstand des Streites (weil man da verlornes Spiel hat) abgeht auf den Streitenden und seine Person irgend wie angreift : man könnte es nennen argumentum ad personam, zum Unterschied vom argumentum ad hominem : dieses geht vom rein objektiven Gegenstand ab, um sich an das zu halten, was der Gegner darüber gesagt oder zugegeben hat. Beim Persönlichwerden aber verläßt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners : man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit. Diese Regel ist sehr beliebt, weil jeder zur Ausführung tauglich ist, und wird daher häufig angewandt...

    Hätte Schopenhauer schon Hitler und 'Godwins Law' gekannt, hätte er den Kunstgriff 38 hinzugefügt:

    Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so flechte man einen Vergleich mit Hitler ein. Man stellt damit unter Beweis, dass man poltisch korrekt argumentiert und würgt damit die Diskussion endgültig ab. Welcher Gegner würde sich schon trauen, zu bestätigen, dass die eigene Argumentation auch nur annähernd mit der von Hitler vergleichbar ist?

  5. 7.

    Das Entscheidende bei der ständigen Negierung des Natürlichen, was in der heutigen Zeit allzu schnell mit biologisch, sprich Hormonell und dem ganzen Gerappel und Gezappel der Moleküle gleichgesetzt wird, anstatt anzuerkennen, dass unter 'natürlich' auch der meschliche Geist fällt, erfüllt sich bei Damen wie Drau Dorn darin, dass die Natur auch hier, wie es ihr ganz eigentümlich scheint, das auswählt, was ihr in die Hände spielt, während sie das aussortiert, was ihr gegenläufig ist: Alle großen Feministinnen, die ich kenne, haben nie Nachwuchs gezeugt!

    • 21.07.2007 um 14:14 Uhr
    • Belaze

    Das Wort „stereotyp“ impliziert eine nicht vorhandene Individualität. Jede aber noch so kleine Unterschiedlichkeit stellt den Menschen als individuell dar.
    Menschen die sich vom „stereotyp“ trennen, beinhalten bereits beide Geschlechter.
    Auf ein genaues Mischverhältnis kommt es dabei nicht an, sondern auf die Erkenntnis dass wir beide Geschlechter in uns vereinen.
    In so einem Fall kann man jedoch nicht mehr vom Geschlecht sprechen, sondern muss den Begriff des „Menschen“ einführen.
    Einem Menschen Verhaltensmerkmale aufzuoktroyieren und diese als „natürlich gegeben“ zu betrachten, beschneidet ihn in seiner Freiheit. Dieses kann in sofern als „gefährlich“ angesehen werden, da dieses schon oft in der Geschichte zu einem „Menschenrechtsverletzendem Handeln“ geführt hat.
    Auf diesem Hintergrund ist der Vergleich mit einem Diktator vielleicht gewagt, aber nicht falsch.

    Ich glaube Frau Dorn hat dieses Verständnis ihrem Vergleich zugrunde gelegt.

    Ferner dogmatisiert sie ihr „Geschlechterverständnis“ nicht, sondern spricht lediglich von ihren „Vorlieben“. Sie ist, wie sie sagt, ein Individuum.

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  • Von Eva-Maria Schnurr
  • Datum 12.12.2006 - 06:48 Uhr
  • Quelle ZEIT Wissen 01/2007
  • Kommentare 8
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