Der Angriff kommt zumeist aus der nächsten Umgebung, von Mutter, Geschwistern, Kindergartenfreunden. Häufig unerwartet, manchmal jedoch – und das ist fast noch schlimmer – genussvoll angekündigt: die gemeine Kitzelattacke. Das Opfer krümmt sich, kichert und kreischt, geht zum Gegenangriff über. Ein wildes Gekugel kommt in Gang und endet erst, wenn einer von beiden erschöpft und laut winselnd um Gnade fleht. Zwischen Lachen und Leiden liegen meist nur ein paar Minuten.

Gargalesis nennt die Wissenschaft unsere Neigung, auf ein wenig kille, kille mit heftigen Lachanfällen zu reagieren, begleitet von unkontrollierten Zuckungen. Seit Jahrzehnten schon versuchen Forscher herauszufinden, wozu die Natur das Kitzeligsein erfunden hat. Ihre erste Erkenntnis lautet: Wir können uns nicht selbst kitzeln. Das vermutete zwar schon Aristoteles, und die meisten wissen es aus eigener Erfahrung, doch erst Hirnforscher des University College in London erbrachten mit Hilfe modernster Technik den Beweis. Sie schoben Probanden in einen Kernspintomografen und zeichneten deren Hirnaktivitäten auf, während ihre Fußsohlen mit einem Schwamm gekitzelt wurden. Und zwar entweder von den Testpersonen selbst oder von den Wissenschaftlern. Ergebnis: Nur Fremdkitzeln ist echtes Kitzeln. Das Gehirn erkennt sofort, wenn man selbst Hand anlegt, und signalisiert: Immer mit der Ruhe, das bist du doch selbst. Diese Reaktion ist eine Art Selbstschutz. Denn auf unseren Körper strömen andauernd dermaßen viele Reize ein, dass das Gehirn mit der Zeit lernen musste, die harmlosen von den potenziell gefährlichen zu unterscheiden. Alles, was von uns selbst kommt, können wir also beruhigt ausblenden.

Welche Funktion jedoch das Lachen während des Kitzelns hat, konnten die Wissenschaftler trotz intensiver Forschung noch nicht genau ermitteln. Liegt darin der Ursprung des Humors, wie Charles Darwin in seinem 1872 erschienenen Buch über den Ausdruck der Emotionen bei Mensch und Tier vermutete? Oder stärkt es die sozialen Bindungen? Das glaubt etwa der Psychologe Robert Provine von der University of Maryland, der im Interesse der Forschung schon einmal ein paar Affen durchkitzelte. Die können zwar nicht lachen, aber ihr trockenes Hecheln gilt Humorforschern als tierische Variante unseres Gekichers. Und mit genau diesem Hecheln reagieren die Primaten, wenn sie von Artgenossen oder eben menschlichen Forschern gekitzelt werden.

Die Psychologin Christine Harris von der University of California in San Diego bezweifelt jedoch, dass die Tiere die Attacken allzu spaßig finden. Sie glaubt, unsere Kitzeligkeit sei ein Schutzreflex, der uns einst lehren sollte, empfindliche Körperstellen zu schützen. Rippen und Taille beispielsweise, unter denen die wichtigen Organe liegen, oder die Fußsohlen, die wir zum Weglaufen brauchen. Im spielerischen Gekitzel wurde die Reaktion dann innerhalb der Gruppe trainiert, und die heftigen Lachanfälle sorgten dafür, dass auch die Übungspartner etwas davon hatten. Denn wer spielt schon gern mit anderen, wenn er sie dadurch zum Heulen bringt?

Diese Theorie würde zumindest erklären, warum wir bei einer Kitzelattacke zwar wild losprusten, uns gleichzeitig aber nichts sehnlicher wünschen, als dass sie endlich vorbei ist. Lachen und Leiden liegen nah beieinander. Wie nah genau, verdeutlichte Christine Harris mit einem Test. Sie fotografierte die Gesichtsausdrücke mehrerer Versuchspersonen. Manchen hatte man gerade einen Witz erzählt, einige gekitzelt, andere mussten ihre Hände in Eiswasser legen, bis es schmerzte. Die Bilder waren eindeutig: Wirklich glücklich wirkten nur die Teilnehmer, die über den Scherz lachten. Die Gesichtsausdrücke der anderen beiden Gruppen ähnelten einander stark. Das Lachen eines Gekitzelten ist auch das eines Gequälten. Deshalb solle man es nicht als Ausdruck von Freude deuten, sagt Harris. Eher sei es mit dem Weinen beim Schneiden einer Zwiebel zu vergleichen: ein körperlicher Reflex auf einen äußeren Reiz. Der Überlieferung zufolge wusste man dies bereits im Mittelalter und machte das Kitzeln zur grausamen Strafe. Festgebundenen Missetätern streuten die Richter demnach Salz auf die Fußsohlen, das dann von Ziegen angeblich so lange abgeleckt wurde, bis sich der Verurteilte zu Tode gelacht hatte. Totgekitzelt eben. Dass solcherlei Folter allerdings wirklich möglich ist (und auch angewandt wurde), konnten die Historiker bislang noch nicht belegen.