"In the future, we will treat users just as computers: both are programmable." So lautete ein internes Memo eines Software-Riesen. Doch was in 50 Jahren sein wird, wissen nur die Götter. Seit im Schlund von Delphi das Orakel raunte, hat sich daran nichts geändert. Großrechner sagen zwar Gewitter übermorgen sicherer voraus als einst Auguren, nicht aber, von wo Zeus in 50 Jahren blitzt.

Wer also zu erraten sucht, was im Jahr 2050 Kommunikation besagt, spielt den blinden Seher. Denn die Computerindustrie plant bestenfalls für ein Jahrzehnt. Auf ihren so genannten Roadmaps zeichnet sich der vorgesehene Fortschritt als steile Wachstumskurve ab: Alle 18 Monate soll sich die Transistorzahl pro Prozessor weiterhin verdoppeln. Das hat mit Gesetzen der Physik nichts mehr zu tun. Das Moore-Gesetz spielt vielmehr auf reines Risiko. Die Industrie weiß sehr genau, dass ihre Roadmaps zwar den Erwartungen des Pentagons entsprechen, jedoch in absehbarer Zeit auf physikalisch harte Grenzen stoßen werden: Strukturen auf Siliziumbasis sind nicht beliebig zu verkleinern.

Deshalb schwant der Industrie schon heute, dass in zehn, zwölf Jahren ein großer Wechsel ansteht, soll sie nicht wie alle Medien zuvor im Sättigungsbereich verenden. Wie die Kernkrafttechnik eines fernen Tages von der Spaltung auf Fusion umschalten muss, so auch die Halbleiterindustrie. Mit Photonen rechnende Quantencomputer, die es im nutzlosen Prinzip schon gibt, würden nicht nur sehr viel schneller schalten, sondern könnten gleichzeitig berechnen, was heute langsam nacheinander abläuft. Fusion statt Spaltung einzelner Aufgaben hieße, dass Schaltelemente endlich miteinander denken würden – wie seit Jahrmillionen die Milliarden Zellen im Gehirn.

Heute orakelt die Informatik von Techniken, die ihre Rechenzeiten drastisch senken würden, aber unverfügbar sind. Erst in 30 oder 50 Jahren dürfte es dank Nanotechniken so weit sein, dass Quantencomputer auf dem aktuellen Stand der Evolution sind: Unter allen Tieren, sagte Aristoteles, hat nur der Mensch das Wort; das eben müssten die Maschinen lernen. Vorher wird wohl nicht damit zu rechnen sein, dass sie mit uns "kommunizieren", also selber in den vielen Alltagssprachen heimisch sind. Denn die heutigen Versuche, durch Verdrahtung von Siliziumchips mit Nervenenden umstandslos zum Cyborg zu gelangen, dürften sämtlich daran scheitern, dass auf den Chips noch so gut wie nichts parallel läuft.

Vorderhand bleibt es mithin beim Stand, den alle kennen, aber kaum begreifen. Wir Endbenutzer werden quälend langsam in Programmen und Maschinen heimisch, die ihrerseits kein Wort verstehen, nur Kommandozeilen, Mausklicks und seit neuestem Befehle per Mikrofon. Darüber hilft auch die Erfolgsgeschichte von Moores Gesetz nicht hinweg, schon weil die Software dem Wachstum der Transistoranzahl kaum nachkommt. Wir "kommunizieren" gar nicht mit Programmen, sondern fügen uns in ihre Dummheit. Solange Quantencomputer bloß als Prototypen laufen, wird das auch so bleiben.

Für diese lange Zwischenzeit gibt es zum Trost das Internet, ein Kabelwirrwarr ohne die gekoppelten Photonen der Quantenphysiker. Endbenutzer dürfen daran glauben, dass sie selbst "kommunizieren", wo doch nur Computer ihre strengen Protokolle tauschen. In diesem Schein schläft sichs seit langem. "Kommunikation", unterstellen Tag um Tag die Massenmedien, sei für uns Menschen da. Sonst würden wir sie ja nicht kaufen. Nun lösen vernetzte Server diese Massenmedien ab, "kommunizieren" aber weiterhin die frohe Botschaft, sie seien für uns da. Das sagt sich so leichthin, dass viele es noch glauben. Das glauben noch so viele, weil es Christenglaube war, dass Gott im Abendmahl sich mitteilte oder (auf Latein) "kommunizierte". In 50 Jahren mögen unsere Kindeskinder eine andere Zukunft grüßen. Was heut unmögliches Orakel heißt, wird wahr.

Friedrich Kittler , geboren 1943, ist einer der bedeutendsten Medientheoretiker Deutschlands. Er lehrt an der Berliner Humboldt-Universität.

Zu Teil 6 der ZEIT Wissen Serie Welt 2050: Kommunikation "

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