Vorurteile : Frauen sind auch nur Männer

Frauen können nicht einparken, Männer nicht zuhören. Aus solchen Thesen werden Bestseller gemacht. Die Autoren berufen sich auf die Wissenschaft. Zu Unrecht.

Vorab eine Warnung: Weiterlesen könnte Sie unglücklich machen. Jedenfalls dann, wenn Sie bisher Leuten wie Barbara und Allan Pease oder Eva Herman geglaubt haben. Das Ehepaar Pease schreibt Bücher wie Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken und behauptet: Frauen und Männer sind komplett unterschiedlich. Männer lernen schlecht Sprachen. Frauen können nicht räumlich denken. Männer arbeiten gern hart. Frauen gehen lieber Schuhe kaufen. Und so weiter. »Typisch Frau« steckt nicht in den Genen. Weibliche Eigenschaften sind meist erlernt. Foto: Thomas Rusch BILD

Das alles sei in den Gehirnen von Geburt an felsenfest verankert, behaupten die Peases und berufen sich auf scheinbar hochwissenschaftliche Ergebnisse der Hirnforschung. Daraus leiten sie ein simples Glücksrezept ab: Frauen sollten sich erst gar nicht bemühen, Männerdomänen zu erobern – sie schaffen es ohnehin nicht. »Das Gegenteil zu behaupten ist das sicherste Rezept dafür, unglücklich, verwirrt und desillusioniert durchs Leben zu laufen.«

Eva Herman verdichtet solche Thesen zum Eva-Prinzip: Die Emanzipation sei ein »fataler Irrtum« gewesen, schreibt sie in ihrem neuen Buch, Frauen sollten die »schöpfungsgewollte Aufteilung« der Geschlechter respektieren und sich ihrer biologischen Bestimmung entsprechend verhalten. Und die amerikanische Psychiaterin Louann Brizendine landete mit ihrem Buch The Female Brain vor kurzem einen Bestseller in den USA. Ihre Botschaft lautet ebenfalls: Männer und Frauen sind zum Anderssein verdammt, weil ihre Gehirne so unterschiedlich sind.

Verkauft sich gut. Stimmt aber nicht. Die Forschungslage ist mitnichten so eindeutig, wie das Ehepaar Pease und all die anderen uns weismachen wollen. Nur wenige Unterschiede sind naturgegeben und unveränderlich. Und richtig dramatisch sind sie schon lange nicht. »Innerhalb der Geschlechter gibt es weit größere Unterschiede als zwischen den Geschlechtern«, sagt der Biopsychologe Markus Hausmann, der an der Universität Bochum über Männer und Frauen forscht. »Die Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern sind viel größer als die Differenzen.« All die Versuche der letzten Jahrzehnte, die angeblichen »Unzulänglichkeiten« der Frauen auf begehrte Soft Skills umzumünzen, waren also völlig unnötig. Ist gar ein Ende des Geschlechterkampfes in Sicht? Zur Grafik: Was denken Männer und Frauen - Klicken Sie auf das Bild BILD

Als overinflated, also absolut übertrieben, kritisiert die amerikanische Psychologin Janet S. Hyde Behauptungen wie die von Allan und Barbara Pease. Die Professorin an der University of Wisconsin hat die Daten von insgesamt 46 Metaanalysen über Geschlechterunterschiede verglichen. Rund 7000 Einzeluntersuchungen gingen in die Rechnung ein, über Sprache, mathematische Fähigkeiten, Kommunikationsmuster, Aggression oder Führungsstil.

Ein paar Unterschiede kamen tatsächlich zutage: Frauen werfen nicht so gut. Sie sind weniger aufgeschlossen für One-Night-Stands, neigen nicht so stark zu körperlicher Aggression und masturbieren seltener. Die anderen Differenzen fallen, statistisch gesehen, kaum ins Gewicht.

Warum halten sich die Vorurteile dennoch so hartnäckig? Warum stehen biologistische Erklärungen (Die Gene! Das Gehirn!) so hoch im Kurs? Und, unter uns: Haben wir die Sache mit dem Einparken nicht selber schon erlebt?

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