Vorab eine Warnung: Weiterlesen könnte Sie unglücklich machen. Jedenfalls dann, wenn Sie bisher Leuten wie Barbara und Allan Pease oder Eva Herman geglaubt haben. Das Ehepaar Pease schreibt Bücher wie Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken und behauptet: Frauen und Männer sind komplett unterschiedlich. Männer lernen schlecht Sprachen. Frauen können nicht räumlich denken. Männer arbeiten gern hart. Frauen gehen lieber Schuhe kaufen. Und so weiter. »Typisch Frau« steckt nicht in den Genen. Weibliche Eigenschaften sind meist erlernt. Foto: Thomas Rusch BILD

Das alles sei in den Gehirnen von Geburt an felsenfest verankert, behaupten die Peases und berufen sich auf scheinbar hochwissenschaftliche Ergebnisse der Hirnforschung. Daraus leiten sie ein simples Glücksrezept ab: Frauen sollten sich erst gar nicht bemühen, Männerdomänen zu erobern – sie schaffen es ohnehin nicht. »Das Gegenteil zu behaupten ist das sicherste Rezept dafür, unglücklich, verwirrt und desillusioniert durchs Leben zu laufen.«

Eva Herman verdichtet solche Thesen zum Eva-Prinzip: Die Emanzipation sei ein »fataler Irrtum« gewesen, schreibt sie in ihrem neuen Buch, Frauen sollten die »schöpfungsgewollte Aufteilung« der Geschlechter respektieren und sich ihrer biologischen Bestimmung entsprechend verhalten. Und die amerikanische Psychiaterin Louann Brizendine landete mit ihrem Buch The Female Brain vor kurzem einen Bestseller in den USA. Ihre Botschaft lautet ebenfalls: Männer und Frauen sind zum Anderssein verdammt, weil ihre Gehirne so unterschiedlich sind.

Verkauft sich gut. Stimmt aber nicht. Die Forschungslage ist mitnichten so eindeutig, wie das Ehepaar Pease und all die anderen uns weismachen wollen. Nur wenige Unterschiede sind naturgegeben und unveränderlich. Und richtig dramatisch sind sie schon lange nicht. »Innerhalb der Geschlechter gibt es weit größere Unterschiede als zwischen den Geschlechtern«, sagt der Biopsychologe Markus Hausmann, der an der Universität Bochum über Männer und Frauen forscht. »Die Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern sind viel größer als die Differenzen.« All die Versuche der letzten Jahrzehnte, die angeblichen »Unzulänglichkeiten« der Frauen auf begehrte Soft Skills umzumünzen, waren also völlig unnötig. Ist gar ein Ende des Geschlechterkampfes in Sicht? Zur Grafik: Was denken Männer und Frauen - Klicken Sie auf das Bild BILD

Als overinflated, also absolut übertrieben, kritisiert die amerikanische Psychologin Janet S. Hyde Behauptungen wie die von Allan und Barbara Pease. Die Professorin an der University of Wisconsin hat die Daten von insgesamt 46 Metaanalysen über Geschlechterunterschiede verglichen. Rund 7000 Einzeluntersuchungen gingen in die Rechnung ein, über Sprache, mathematische Fähigkeiten, Kommunikationsmuster, Aggression oder Führungsstil.

Ein paar Unterschiede kamen tatsächlich zutage: Frauen werfen nicht so gut. Sie sind weniger aufgeschlossen für One-Night-Stands, neigen nicht so stark zu körperlicher Aggression und masturbieren seltener. Die anderen Differenzen fallen, statistisch gesehen, kaum ins Gewicht.

Warum halten sich die Vorurteile dennoch so hartnäckig? Warum stehen biologistische Erklärungen (Die Gene! Das Gehirn!) so hoch im Kurs? Und, unter uns: Haben wir die Sache mit dem Einparken nicht selber schon erlebt?

Das ist nicht ausgeschlossen, trotzdem sind die Gene unschuldig. Studien zeigen: Genau diese Vorurteile über die angeborenen Unterschiede von Mann und Frau führen dazu, dass Frauen sich bei Matheaufgaben das Hirn zermartern, mit Stoßstangenkontakt einparken und eher Germanistik als Physik studieren. Der feste Glaube an die fundamentale Verschiedenheit von Männern und Frauen reproduziert sich selbst. In Wirklichkeit ist alles ganz anders.

Vorurteil:
Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus

Es war ein Unfall, durch den die alte Idee wieder Auftrieb erhielt, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien biologisch in Körper und Gehirn verankert. Acht Monate alt war Bruce Reimer 1966, als er wegen einer Vorhautverengung beschnitten werden sollte. Doch das elektrische Skalpell verbrannte den Penis des kleinen Jungen bis auf einen winzigen Stummel. Auf Anraten des Sexualwissenschaftlers John Money entschieden die Eltern, ihr Kind mit zwei Jahren zum Mädchen umoperieren zu lassen. Doch Brenda, wie Bruce nun hieß, war während ihrer ganzen Kindheit unglücklich, trug lieber Jungensachen, raufte gern und wurde wegen ihres wilden Verhaltens von Mitschülern gehänselt. In der Pubertät erfuhr sie ihr ursprüngliches Geschlecht und ließ sich 1981 operativ wieder zum Mann machen. Sie nannte sich David, heiratete eine Frau und adoptierte ein Kind. Rollenspiel: Ein Mann kann sich stärker von einem anderen unterscheiden als von einer Frau. Foto: Thomas Rusch BILD

Die Hardware von Männern und Frauen unterscheidet sich, das ist offensichtlich. Aber was ist mit der Software? Haben wir ein Programm im Kopf, das bestimmt, ob jemand Frau oder Mann ist, entsprechend denkt und sich so verhält?

Wissenschaftler suchten nach Beweisen – und fanden Unterschiede: Das Gehirn von Frauen ist kleiner und leichter. Die Differenz zu einem gleich großen Mann beträgt etwa 100 Gramm. Dennoch schneiden Frauen in Intelligenztests genauso gut ab. Weibliche Hirne haben im Schnitt etwa elf Prozent mehr Nervenzellen in einem Bereich, der für Sprachverarbeitung zuständig ist, und ein größeres Areal für das räumliche Gedächtnis. Möglicherweise hängt Letzteres damit zusammen, dass sie sich gern anhand von Landmarken, also Häusern, Bäumen oder Ampeln, orientieren, während sich Männer lieber auf Richtungsangaben verlassen.

Auch bei der Suche nach Verhaltensunterschieden, die im Hirn verankert sein könnten, wurden die Forscher fündig. Jungen spielen oft schon mit einem Jahr lieber mit Autos, Mädchen dagegen mit Plüschtieren. Männliche Babys schauen schon sehr früh gern Dinge an, weibliche Kinder lieber Gesichter.

Das Hormon Testosteron könnte für solche Unterschiede verantwortlich sein, so die Theorie. Männliche Babys bekommen davon schon im Mutterleib höhere Dosen ab als weibliche. Der britische Psychologe Simon Baron-Cohen vermutet deshalb, dass das Gehirn von Jungen von Geburt an stärker systematisch arbeitet, das von Mädchen eher mitfühlend ist.

Doch reichen die Befunde als Beleg dafür aus, dass Mann und Frau von Natur aus anders programmiert sind? Nicht wirklich, meint Lutz Jäncke, Neuropsychologe an der Universität Zürich. Das Gehirn von Babys ist nicht fertig, wenn sie auf die Welt kommen. 90 Prozent der Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen entwickeln sich in den ersten Lebensjahren. Bis nach der Pubertät strukturieren sie sich immer wieder grundlegend um. Erfahrungen spielen dabei eine wichtige Rolle. »Die wenigsten Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind angeboren«, sagt Jäncke.

Populär ist diese Ansicht derzeit nicht. Während noch vor 20 Jahren die prinzipielle Gleichheit der Geschlechter propagiert wurde, schlägt das Pendel in der gesellschaftlichen Diskussion gerade wieder in die Gegenrichtung aus. Vor allem einzelne Forschungsergebnisse aus der Psychologie und den Neurowissenschaften dienen dazu, die angeblich evolutionär bedingten biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu betonen.

Dass Umwelteinflüsse ebenso wie die Veranlagung ihren Teil zu den unterschiedlichen Verhaltensmustern und Fähigkeiten der Geschlechter beitragen, bestreiten nur noch wenige Wissenschaftler. Streit gibt es aber immer noch darüber, wie groß der jeweilige Anteil von Umwelt und Veranlagung tatsächlich ist.

Vorurteil:
Frauen können nicht einparken

Die Frage, ob nun die Erziehung oder die Gene den Mann zum Mann und die Frau zur Frau machen, führt nicht weiter als die Frage nach Henne und Ei. »Soziale, psychische und biologische Faktoren lassen sich nicht trennen, sie wirken ständig aufeinander ein«, sagt Markus Hausmann. Die Software des Menschen ist mit der Geburt nicht fertig programmiert, sondern entwickelt sich im Laufe des Lebens weiter. Tausende Studien fahnden nach dem Unterschied. Fest steht nur: Frauen können nicht so weit werfen, Männer masturbieren häufiger. Foto: Thomas Rusch BILD

Es gibt einen Fall, der dem von Bruce Reimer fast aufs Haar gleicht – aber völlig anders ausging: Zwei Monate alt war ein anderer amerikanischer Junge, als ihm Ärzte während der Beschneidung ebenfalls den Penis verbrannten. Wie Bruce wurde er als Mädchen aufgezogen. Und fühlte sich wohl. Im Alter von 16 Jahren bestand sie darauf, vollständig zur Frau umoperiert zu werden – obwohl sie von ihrer Geburt als Junge wusste. »Die plausibelste Erklärung dafür ist, dass die Erziehung als Mädchen die möglicherweise vorhandenen vorgeburtlichen männlichen Prägungen aufhob«, sagt Susan Bradley, Psychiaterin an der University of Toronto, die das Kind untersuchte.

Denn Eltern und Umwelt vermitteln schon vom ersten Lebenstag an Geschlechterrollen, zeigen so genannte »Baby-X-Versuche«: Konfrontiert man Erwachsene mit einem neutral gekleideten Baby, behandeln sie das Kind anders, je nachdem, ob ihnen gesagt wurde, dass es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Bei »männlichen« Kindern wählen sie eher ein Auto als Spielzeug, bei »weiblichen« eine Puppe. Angebliche Jungen animieren die Versuchspersonen zu körperlicher Aktivität, mit mutmaßlichen Mädchen gehen sie fürsorglicher um. Erschrickt das Kind, interpretieren sie das bei Mädchen als Angst, bei Jungen als Ärger.

Auf diese Weise werden ein bestimmtes Verhalten und auch bestimmte Denkmuster gelernt. Lernen aber verändert die Nervenverbindungen im Gehirn.

Es ist denkbar, dass Mädchen ein größeres Sprachzentrum entwickeln, weil sie stärker angeregt werden, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren, als Jungen, die schweigend mit Autos spielen. »Aus der Neurowissenschaft weiß man, dass das Gehirn immer ein Ergebnis dessen ist, was man gelernt und erfahren hat – warum sollte diese Plastizität des Gehirns bei Geschlechterfragen keine Rolle spielen und alles vorbestimmt sein?«, fragt Sigrid Schmitz, Biologin im Kompetenzforum für Genderforschung in Informatik und Naturwissenschaften an der Universität Freiburg.

»Wir lernen uns in unsere Geschlechterrollen hinein«, sagt auch Lutz Jäncke. Gut möglich, dass die anatomischen Unterschiede im Gehirn von Männern und Frauen erst im Laufe der Zeit entstanden sind, denn untersucht wurden nur Erwachsene. Und vermutlich stellen sie mehr oder weniger eine Momentaufnahme dar. »Das Gehirn ist eine Lernmaschine. Es hat eine ungeheure Kapazität, sich immer wieder neu zu strukturieren«, sagt der Neuropsychologe. Wenn eine Frau also überzeugt ist, nicht einparken zu können, wird sie vermeiden, es zu tun, weshalb im Gehirn keine entsprechenden Nervenverbindungen sprießen. Wenn sie aber übt, hat sie irgendwann ein Hirn, dem Einparken leicht fällt.

»Zu behaupten, Männer und Frauen hätten unterschiedliche Gehirne, führt nicht weiter«, sagt Jäncke. »Vielleicht gibt es ein paar Unterschiede. Aber wir wissen nicht, wie sie mit dem Verhalten zusammenhängen, das wir beobachten.« Jäncke hält die Suche nach Unterschieden für müßig: »Man kann im Zweifel auch mit völlig unterschiedlichen Gehirnen die gleichen Leistungen erbringen.«

Vorurteil:
Frauen denken anders

Legt man einem Neuroanatomen ein Gehirn vor und fragt nach dem Geschlecht, wird er ziemlich ratlos sein. Selbst Aufschneiden hilft nicht. Und auch Psychologen fehlt ein Verfahren, das Männer und Frauen sicher auseinander hält. »Tests zeigen höchstens statistische Unterschiede zwischen Frauen- und Männergruppen«, sagt Markus Hausmann, »für den Einzelnen sind sie nicht treffsicher.« Das Hauptproblem der Mars-Venus-Bücher: Sie schließen aus statistischen Mittelwerten auf das Einparkverhalten jeder Einzelnen.

Es gibt lediglich einen Versuch, bei dem Männer und Frauen oft unterschiedliche Ergebnisse erzielen: den mentalen Rotationstest, der das räumliche Vorstellungsvermögen fordert. Dabei sollen mehrere dreidimensionale Figuren auf Übereinstimmungen überprüft werden. Dafür muss man die Figuren im Kopf drehen, was Männern leichter zu fallen scheint. Vor 20 Jahren wurde die Gleichheit der Geschlechter propagiert. Derzeit sind die Gegensätze das Thema. Foto: Thomas Rusch BILD

Die Wissenschaftler vermuten, dass Hormone dafür verantwortlich sind. Zwar sind Sexualhormone bei Männern und Frauen nicht grundverschieden. Beide Körper produzieren sowohl männertypische Hormone wie Testosteron als auch frauentypische wie Östrogen, allerdings in unterschiedlichen Konzentrationen: Männer haben durchschnittlich zehnmal so viel Testosteron im Körper wie Frauen. Das aber hilft offenbar beim mentalen Rotieren, denn Frauen mit hohen Testosteronwerten schneiden dabei ebenso wie Männer besser ab. Die »weiblichen« Östrogene dagegen blockieren die geistige Dreherei.

Die Werte ändern sich mit dem monatlichen Zyklus. Während der Menstruation, wenn die Östrogenwerte niedrig sind, beherrscht auch die Durchschnittsfrau das Rotieren besser. Mindestens einmal pro Monat, ausgerechnet während ihrer Tage, nähert sich ihr räumliches Denken also dem des Durchschnittsmanns an.

Ähnlich unstet ist die Ordnung im Gehirn selbst. Männer verarbeiten Sprache und räumliche Aufgaben eher getrennt in rechter und linker Hirnhälfte. Frauen nutzen beide Hirnhälften gleichzeitig, ihr Oberstübchen funktioniert symmetrischer. Welchen Effekt das hat, ist bisher unklar. Doch eine Studie von Hausmann zeigt: Während der Menstruation verarbeitet auch das weibliche Gehirn Aufgaben asymmetrisch – links Sprache, rechts Raum. Und nach den Wechseljahren, wenn die Konzentration an weiblichen Sexualhormonen sinkt, funktioniert das Gehirn der Frauen ebenfalls eher nach männlichem Muster. Frauen denken also nur zu ganz bestimmten Zeiten in ihrem Leben anders.

Vorurteil:
Frauen sind hormongesteuert

Die Hormonkonzentration beeinflusst nicht nur Denken und Verhalten, sondern auch umgekehrt. Markus Hausmann ließ Männer und Frauen in zwei gemischten Gruppen gegeneinander antreten: Sie sollten um die Wette mentale Rotationsaufgaben lösen. Beiden Gruppen legte Hausmann vorher einen Test vor. Mit Fragen wie »Ist jemand, der gut räumlich denken kann, eher ein Mann oder eine Frau?« ermittelte er in der einen Gruppe Stereotype über Geschlechterrollen. Die andere Gruppe bekam die gleichen Fragen, jedoch nicht mit »Mann« und »Frau«, sondern mit den ziemlich sinnfreien Alternativen »Amerikaner« oder »Deutscher«. Das Ergebnis war verblüffend. In der Gruppe mit dem Mann-Frau-Stereotyp-Test waren die Männer bei den Rotationsaufgaben deutlich besser. In der Vergleichsgruppe dagegen gab es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Eine Erklärung dafür fand Hausmann, als er nach dem Versuch die Hormonspiegel seiner Probanden maß, zumindest bei den Männern. Nach dem Stereotyptest hatten sie deutlich erhöhte Testosteronspiegel. Ihre Gedanken könnten – in Verbindung mit der Wettbewerbssituation – den Körper dazu gebracht haben, mehr Testosteron ins Blut auszuschütten, und so die Testleistung gepusht haben, vermutet Hausmann.

Auch Männer sind also hormongesteuert. Was nicht verwundert, denn Hormone vermitteln zwischen Umwelt, Körper und Gehirn. Auch bestimmte soziale Situationen können den Hormonspiegel verändern. Väter haben weniger Testosteron als Singlemänner oder Nichtväter. Rugbyspielerinnen haben vor einem Spiel einen höheren Testosteronwert als an spielfreien Tagen.

»Das alles zeigt, wie wenig es möglich ist, einzelne Studienergebnisse zu verallgemeinern«, sagt Hausmann. Studien zu Geschlechterunterschieden, in denen der Hormonstatus nicht gemessen wurde, sind nach den neuen Ergebnissen nicht allzu viel wert. Hausmann ist überzeugt: Es gibt ein paar Unterschiede im Denken zwischen Männern und Frauen. Doch wie stark die sind – und ob man überhaupt welche findet –, hängt vor allem vom Messzeitpunkt ab.

Vorurteil:
Frauen haben keinen Orientierungssinn

Frauen lösen bestimmte räumliche Aufgaben bisweilen also schlechter. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie deshalb ein schlechteres Orientierungsvermögen hätten. »Tests wie die mentale Rotation messen nur ganz spezielle Fähigkeiten«, warnt Markus Hausmann, »über den Alltag sagt das nicht viel aus.« Auch Rotationsnieten können sich im echten Leben prima orientieren. Also müssen andere Versuche her. Die Hormone beeinflussen unser Denken. Das gilt für Männer wie für Frauen. Foto: Thomas Rusch BILD

Ein Mann und eine Frau werden in einer Stadt ausgesetzt. Wer findet am schnellsten den Weg zum Bahnhof zurück? Psychologen der Universität Marburg probierten es mit Studenten aus. Der Test endete unentschieden. Männer und Frauen bewältigten ihn gleich gut. Trotzdem hielten die Frauen ihren Orientierungssinn fast durchweg für schlechter.

Diese Selbsteinschätzung könnte einen Teufelskreis in Gang setzen, mutmaßen die Wissenschaftler: Desinteresse an geografischem Wissen, keine Übung mit Landkarten und infolgedessen schlechte Erfahrungen, die das Selbstbild weiter herunterziehen. Die Durchschnittsfrau nutzt zur Navigation eher Orientierungspunkte, der Durchschnittsmann hat eher Überblickswissen, eine Art Karte im Kopf, sagen fast alle Untersuchungen. »Gehen Sie bis zur Ampel, dort rechts und am Supermarkt links« ist demnach eine eher weibliche Erklärung. »Biegen Sie nach 500 Metern nach Norden ab, 400 Meter weiter wenden Sie sich nach Osten« eine eher männliche.

Doch eine Berliner Untersuchung zeigte: Dieser Unterschied besteht gar nicht zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen guten und schlechten Navigierern. Die angeblich so fest sitzenden Geschlechterunterschiede rühren offenbar einzig daher, dass im Schnitt mehr Männer gut und mehr Frauen schlecht in Orientierung sind.

Das aber ist kein Schicksal, sondern gelernt, zeigte die Psychologin Claudia Quaiser-Pohl in einer Untersuchung mit Kindern zwischen 10 und 14 Jahren: Mädchen erkunden von klein auf weniger selbstständig die Umgebung, nutzen lieber schon bekannte Wege und werden häufiger von ihren Eltern zu entfernten Zielen gefahren als Jungen, die selbst hinradeln. Möglicherweise haben Männer zu einem gewissen Grad bessere Grundvoraussetzungen für die Orientierung. »Doch Orientieren und Kartenlesen kann man üben«, sagt die Neurobiologin Kirsten Jordan von der Abteilung für medizinische Psychologie der Universität Göttingen, die darüber forscht, wie Training das räumliche Orientierungsvermögen verbessert.

Vorurteil:
Frauen sind schlecht in Mathe

Im Januar 2005 behauptete Larry Summers, damals noch Präsident der Elite-Uni Harvard, es gebe so wenige Frauen in den Naturwissenschaften, weil sie dazu weniger begabt seien. Summers trat nach dem folgenden Skandal von seinem Amt zurück. Doch die Diskussion war damit nicht beendet. Auf den ersten Blick spricht einiges für Summers These: Denn in den Scholastical Aptitude Tests (SAT), mit denen die Leistung amerikanischer Universitätsbewerber geprüft wird, erreichen bei den mathematischen Aufgaben fast ausschließlich Männer die höchsten Punktzahlen.

Schaut man die verfügbaren Daten jedoch genauer an, sind diese längst nicht mehr so klar. Die Psychologin Janet S. Hyde sammelte 159 Studien über die mathematischen Fähigkeiten von Mädchen. In ihrer Analyse stellte sie fest: Vor der Pubertät gibt es kaum Unterschiede in den Mathematikleistungen zu den Jungen. Je älter die Probanden werden, umso größer wird jedoch der Vorsprung der Männer.

»Ich wäre sehr vorsichtig, diese Daten als angeborene mathematische Überlegenheit der Männer zu deuten«, sagt der Neuropsychologe Lutz Jäncke, der auch über Genies forscht – und inzwischen überzeugt ist, dass es keine geborenen Genies gibt. »Leistung setzt sich immer aus drei Faktoren zusammen: Begabung, Motivation und Möglichkeit. Wenn eine Frau mathematisch begabt ist, aber in der Pubertät erfährt, dass Physikerinnen aufgrund fehlender Rollenmodelle noch immer als nicht besonders attraktiv gelten, dann fehlt ihr möglicherweise die Motivation für Höchstleistungen. Sie trainiert nicht mehr.«

In entlegenen nordschwedischen Regionen sind Mädchen deutlich besser in Mathematik und Physik als ihre Mitschüler. Doch nicht Gene oder Hormone sind dafür verantwortlich, sondern soziale Gründe: Männer finden in der Region Arbeit als Fischer, Jäger oder Förster. Die Frauen dagegen wollen in die großen Städte Südschwedens ziehen – wo sie in High-Tech-Berufen mit anderen Bewerbern konkurrieren müssen. Das spornt sie an.

Unbewusste Vorurteile wie »Männer sind begabter« oder »Eine echte Frau kann nicht gut in Mathe sein« können die Motivation beträchtlich senken, zeigte der Sozialpsychologe Paul Davies von der University of California in Los Angeles. Weibliche Mathe-Cracks lösen schwierige Matheaufgaben schlechter, wenn man ihnen vorher sagt, ihre Leistungen würden mit denen von Männern verglichen. Ihre Leistung bricht auch ein, wenn sie vorher Werbespots sehen, in denen Frauen etwa eine Backmischung anpreisen – also in stereotypen Rollen auftauchen. Sogar die Berufswünsche der mathematisch begabten College-Studentinnen änderten sich nach solchen Filmen. Sie wollten dann eher Linguistik oder Journalismus studieren. Frauen in einer Vergleichsgruppe, die einen nichtstereotypen Werbespot gesehen hatten, tendierten dagegen ebenso häufig wie Männer zu Fächern, die viel Mathematik voraussetzen. Stereotype threat, Bedrohung durch Stereotype, nennt Davies diesen Effekt.

Der Neurobiologe Ben Barres von der Stanford University hat die hinderlichen Vorurteile selbst erlebt. Bis vor zehn Jahren hieß er Barbara und war eine Frau. Obwohl auf der Highschool die Beste in Mathe, riet ihr Lehrer davon ab, sich am ehrenwerten MIT zu bewerben, und schlug ein College in der Nähe vor. »Als Studentin am MIT löste ich dann als Einzige in einem Kurs eine schwierige Matheaufgabe – nur um mir vom Professor anhören zu müssen, die habe ja sicher mein Freund gelöst.« Und als er, nun Ben, einen Vortrag über Forschungen hielt, die er als Barbara gemacht hatte, hörte er Kollegen flüstern, die Arbeit von Ben Barres sei ja viel besser als die seiner Schwester. »Die wissenschaftlichen Daten liefern keinen überzeugenden Beweis dafür, dass Frauen weniger begabt für Mathematik oder Naturwissenschaften wären«, sagt Barres. »Im Gegenteil: Die Daten beweisen, dass Frauen in solchen Fächern diskriminiert werden.«

Vorurteil:
Frauen sind infolge der Evolution ganz anders als Männer

Männer robben durch den Wald, jagen nach wilden Tieren und stieren abends schweigend ins Lagerfeuer. Frauen sitzen in der Höhle, betüddeln die Kinder und sammeln ab und zu vor dem Eingang ein paar Pilze. Und natürlich reden sie dabei ununterbrochen. Gern wird eine solche Urzeitidylle heraufbeschworen, um die angeblichen biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu begründen. Schließlich stecken noch immer steinzeitliche Gene in uns. Weil Männer weite Strecken zurücklegten, können sie sich besser orientieren, Frauchen brauchten das nicht. Weil sie Tieren nachstellten, entwickelten sie die Fähigkeit zur mentalen Rotation, Frauen nicht. Und weil sie die emotionalen Aufgaben an ihre Frauen delegierten, haben sie in diesem Bereich ein Defizit.

Das Problem bei solchen evolutionsbiologischen Begründungen ist, dass man sie nicht nur nicht beweisen kann, sie sind sogar ziemlich zweifelhaft. Die Rollenaufteilung vor Tausenden von Jahren war mitnichten so strikt, hat man durch neuere archäologische Funde und die Beobachtung von Menschen herausgefunden, die heute noch als Jäger und Sammler leben. »Wahrscheinlich gingen Frauen auch mit auf die Jagd«, sagt Gerd-Christian Weniger, Direktor des Neanderthal Museums in Mettmann. »Oft unternahm man Treibjagden, bei denen jeder gebraucht wurde, der gut zu Fuß war.« Umgekehrt kümmerten sich auch die Männer um die Kinder. Die Prähistorikerin Linda R. Owen von der Universität Tübingen ist sicher: »Frauen waren auch ohne Männer sehr beweglich, sie waren oft wochenlang unterwegs, legten weite Strecken zurück und mussten sich sehr wohl orientieren.«

Hinzu kommt: Wie stark unser Verhalten überhaupt durch unsere Gene gesteuert wird, ist noch völlig unklar. »Ich halte nicht viel von solchen Rückgriffen auf die Evolution, das ist alles ziemlich spekulativ«, sagt Biopsychologe Hausmann. Denn manchmal ändern sich die Dinge schneller, als die Evolution erlaubt. Wer die Studien der vergangenen 50 Jahre vergleicht, stellt fest: Die Geschlechterdifferenzen werden immer weniger. Männer verbessern ihre verbalen Fähigkeiten, Frauen lösen räumliche Aufgaben immer fixer. Der Grund sind die massiv gewandelten Geschlechterrollen. Das alles lasse nur einen Schluss zu, sagt der Neuropsychologe Lutz Jäncke: »Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen verschwinden zunehmend.«

Das muss sich aber wohl erst noch herumsprechen. Nach einer repräsentativen Emnid-Umfrage im Auftrag von ZEIT Wissen sind immer noch nur 60,1 Prozent der befragten Frauen der Meinung, gut in Mathematik zu sein, im Gegensatz zu 77,1 Prozent der Männer. Beim Einparken ist die Differenz noch größer: 51,7 Prozent der Frauen glauben, es gut zu können, aber gleich 79,2 Prozent der Männer.

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