Natascha, 24 2005 HIV-positiv getestet SErgej, 41 2003 HIV-positiv getestet Mascha, 27

2004 HIV-positiv getestet Lena, 37

1997 HIV-positiv getestet Tanja

gestorben am

15. Mai 2006

Spät fand das Aids-Virus seine ersten Opfer in Osteuropa. Inzwischen aber gibt es dort in fast allen Ländern deutlich höhere Infektionsraten als in Westeuropa. Dramatisch ist die Situation in der Ukraine. Hier hat sich die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen fünf Jahren verzwanzigfacht. Ein Problem, das auch die Deutschen direkt betrifft. Denn zwischen uns und dem osteuropäischen Land liegt nur Polen. So kommen aus der Ukraine jedes Jahr zahlreiche Frauen nach Deutschland und werden hier zur Prostitution gezwungen – einige von ihnen tragen das Virus schon in sich. Die Fotografin Andrea Diefenbach hat von Anfang März bis Ende Mai 2006 in der ukrainischen Hafenstadt Odessa einige HIV-positive Frauen und Männer über längere Zeit begleitet. In einem Fall bis über den Tod hinaus.

Text sigrid neudecker fotos andrea Diefenbach

Die tragödie von

nebenan

» 24 Jahre alt

» weiss von ihrer infektion seit 2005

» geschieden, zwei kinder

» lebt bei der tante ihres exmannes

» drogenabhängigAls Natascha sechs Jahre alt ist, verlässt ihre Mutter, eine Alkoholikerin, die Familie. Mit 21 beginnt Natascha Drogen zu spritzen, vor allem Baltushka, eine Mischung aus rezeptfreien Tabletten wie Grippemitteln sowie Essig und Kaliumpermanganat. 2003 bekommt sie ihr erstes Kind und schafft es, clean zu werden. Doch kurz darauf wird sie rückfällig. Als 2004 ihr Sohn geboren wird, spritzt sie während der Schwangerschaft weiter. Das Geld für die Drogen verdient sie sich durch Prostitution. Wenn sie nicht arbeiten will, verprügelt ihr Mann sie. Im Sommer 2005 erkrankt Natascha an Syphilis, kurz darauf sind ihre Beine gelähmt. Die städtische Klinik nimmt sie nicht auf, weil sie HIV-positiv ist, in der Aids-Klinik gibt es keine Neurologen für ihre Lähmungserscheinungen. Die Kinder werden ihr weggenommen und in ein Waisenhaus gesteckt. Als sie die beiden nach wochenlangem Warten in Begleitung einer Sozialarbeiterin besuchen darf (2), beendet das Personal das Treffen nach zwei Minuten wieder. Die Tochter der Sozialarbeiterin kann sie kaum trösten (3). Derzeit lebt Natascha in der Einzimmerwohnung einer Großtante ihres Exmannes und schläft dort auf dem Boden (1). Hin und wieder kommt ihr Ex, schlägt sie und gibt ihr die Schuld an allem.

» 41 Jahre alt

» weiss von seiner infektion seit 2003

» geschieden, ein sohn

» lebt bei seiner mutter

» drogenabhängigSergej beginnt bereits als Zehnjähriger zu kiffen. 1986, mit zwanzig, sitzt er zum ersten Mal wegen Drogenbesitzes im Gefängnis, danach fängt er an zu spritzen. Seitdem war er insgesamt elf Jahre lang in Haft und höchstens sechs Monate am Stück in Freiheit. Er hat zweimal geheiratet, seine zweite Frau ist an Tuberkulose gestorben. Sergejs Wirbelsäule ist durch Schläge von Polizisten angebrochen und zusätzlich von Knochentuberkulose befallen. Zehn Monate lang lag er in Tuberkulosekliniken, ohne dass er behandelt wurde – er hatte kein Geld. Immer an seiner Seite ist seine Mutter (1), die ihn auch in allen Gefängnissen besuchte. Um ihre Kinder vor der Polizei zu schützen, war sie manchmal sogar dabei, wenn er und seine Schwester Drogen kauften. Sergejs Schwester war ebenfalls HIV-positiv und starb vor zwei Jahren an Tuberkulose. Wenn seine Mutter etwas Geld für ihn hat, kauft er sich davon ein paar Packungen Fiebertabletten. Diese enthalten Codein, das im Körper zu einem Teil in Morphin umgewandelt wird. Dann kann er aufstehen und mit seinem Stock beinahe schmerzfrei durch die Stadt laufen. Sergej weiß seit 2003 durch eine Untersuchung im Gefängnis, dass er HIV-positiv ist. Um für die teure Therapie angenommen zu werden, muss er 2006 in einer Poliklinik einen Bestätigungstest machen. Eine Krankenschwester drückt ihm eine Spritze in die Hand und sagt, dass sie fünf Kubikzentimeter Blut brauche. Sergejs Venen sind durch die Drogensucht alle zerstochen. Also versucht er, sich aus der Leiste selbst Blut abzunehmen (2). Sergej lebt jetzt mit seiner Nichte bei seiner Mutter, sein 17-jähriger Sohn aus zweiter Ehe soll in Kürze zu ihnen ziehen.

» 37 und 41 Jahre alt

» wissen von ihrer infektion seit 1997

» verheiratet, zwei gemeinsame kinder, davon eines HIV-positiv

» leben in LubashovkaLena arbeitet als Krankenschwester auf einer Intensivstation, als sich eines Tages alle Mitarbeiter auf Aids testen lassen müssen. Während einer Versammlung verliest Lenas Chef öffentlich die Ergebnisse: Sie ist eine von zwei HIV-Positiven. Vermutlich hat sie sich bei einem Drogenabhängigen infiziert. Ihre Kollegen starren sie zuerst nur an, tuscheln dann und beschimpfen sie schließlich als Hure. Sie muss kündigen. Auch ihr Mann ist positiv und unterzieht sich einem Test, um zu beweisen, dass er keine Drogen nimmt. Vergeblich, die Anfeindungen gehen weiter. Kurze Zeit später wird Lena schwanger, das Kondom ist gerissen. Bei der Entbindung weigert sich das Klinikpersonal, sie anzufassen. Valery muss seine Tochter selbst auf die Welt holen, während eine Krankenschwester ihm im Seuchenanzug Anweisungen zuruft. Danach muss er den Kreißsaal reinigen. Tochter Kristina ist heute sieben Jahre alt (1) und auch HIV-positiv. Als Zeugin Jehovas weigerte sich Lena, während der Schwangerschaft Prophylaxemedikamente zu nehmen. Anders bei Nikita, ihrem vierjährigen Sohn: Er ist HIV-negativ. Im Wohnzimmer hängt der Therapieplan für Lena und Kristina (2). Valery wird wohl ebenfalls bald mit der Therapie beginnen. Er und Lena haben in Lubashovka, 140 Kilometer von Odessa entfernt, eine Selbsthilfegruppe gegründet (3). Offiziell sind hier 56 Menschen infiziert. Lena schätzt, dass es hundertmal mehr sind. Eine davon ist die achtjährige Nachbarstochter, die auch Lena heißt (4).

» 27 Jahre alt

» weiss von ihrer infektion seit 2004

» verwitwet

» lebt allein

» drogenabhängigAls Mascha 13 Jahre alt ist, muss sie die Versorgung ihres neugeborenen Bruders übernehmen. Ihre Mutter kümmert sich nicht um ihn. Zu ihrem Vater hat Mascha ein besonders enges Verhältnis. Alles, was sie kann und weiß, hat sie von ihm gelernt, sagt sie. Als sie 15 ist, stirbt er bei einem Unfall: Er ist Jagdtaucher, unter dem Eis reißt sein Anzug. Mit 17 beginnt Mascha zu spritzen. Davor fand sie, Drogenabhängige seien »schreckliche Menschen«. Nach dem Schulabschluss studiert sie an der Kunstschule, gleichzeitig wird ihre tägliche Dosis an Opium und Heroin immer größer. Um das Geld dafür zu verdienen, gibt sie Mal-unterricht und arbeitet hin und wieder als Prostituierte. Mit Anfang 20 lernt sie ihren Mann kennen, der ihrem Vater sehr ähnlich ist. Er bringt Mascha immer wieder dazu, zu entziehen. 2005 stirbt er an einer Überdosis. Er hatte zum ersten Mal Heroin gespritzt. Sein Bild hängt in ihrer Wohnung (1). Kurz darauf sterben ihre beiden besten Freunde. Einer, weil sie für ihn in ihrer Wohnung Heroin liegen ließ, als sie wieder einmal zum Entzug fuhr. Der Freund konnte damit nicht umgehen und nahm alles auf einmal. Die wichtigsten Menschen in ihrem Leben sind nun tot. Ihre Mutter erfährt von ihrem Doppelleben und holt Maschas Bruder, der bis dahin bei ihr wohnte, zu sich nach Spanien. Derzeit spritzt Mascha täglich Opium (2). Das Geld dafür bekommt sie immer wieder durch einen »unwirklichen Zufall«, sagt ein Freund. Seit etwa sechs Jahren ist sie auch mit Hepatitis C infiziert.

» Mit 43 Jahren gestorben

» wusste von ihrer infektion seit 1995

» War liiert mit Jura

» lebte in einer kleinen hütte ohne Wasseranschluss

» war drogenabhängig

In den 80er Jahren nimmt Tanja gelegentlich Drogen. Erst als ihre Tochter bei einem Unfall ums Leben kommt, beginnt die ehemalige Friseurin regelmäßig zu spritzen. Ihr Freund Jura hat sich durch sie infiziert. Zuerst plagen Tanja Schuldgefühle, doch bald verbindet die gemeinsame Diagnose beide noch mehr. Ende 2005 bekommt sie Probleme mit dem Fuß (2), im Februar 2006 wird Knochentuberkulose festgestellt. Jura lag davor selbst in einer Tuberkulose-Klinik und später in einem Aids-Krankenhaus, doch seit Tanja krank ist, kümmert er sich nur noch um sie. Sie leben mit zwei Katzen in einer kleinen, dunklen Hütte ohne fließendes Wasser, der ehemaligen Schreinerei von Tanjas Schwager (5). Dennoch achtet Tanja bis zuletzt sehr auf ihr Äußeres und lackiert sich die Nägel (1). Vor Ostern 2006 wird sie immer müder und depressiver. Die Feiertage verbringt sie noch zu Hause mit Freunden. Im Krankenhaus aber will sie dann niemanden mehr sehen. Jura lässt ihre Lunge röntgen (3). Sie wollen sie ins Aids-Krankenhaus verlegen lassen, doch das nimmt keine Patienten mit Tuberkulose auf. Es stellt sich heraus, dass Tanja zusätzlich an einer schweren Hirnhautentzündung leidet. Zwei Wochen nach Ostern geht es ihr so schlecht, dass sie die Augen nicht mehr öffnet (4 + 6). Am 15. Mai 2006 stirbt Tanja gegen fünf Uhr früh. Als Andrea Diefenbach um zehn Uhr in die Klinik kommt, sind Tanjas Sachen bereits gepackt (7).

Im Jahr 1987 wurde der erste HIV-Fall in der Ukraine registriert, von dort breitete sich Aids über Russland aus. Bis dahin war die Krankheit in Osteuropa kein Thema. Heute sind Estland, Russland und die Ukraine die Länder mit den höchsten Neuansteckungsraten. In Deutschland infizierten sich 2005 laut Statistiken der Organisation EuroHIV 29,6 Personen pro Million Einwohner mit HIV, in der Ukraine waren es 242,5 Personen (siehe Karte).

In der Ukraine sind 1,4 Prozent der 15- bis 49-Jährigen mit dem Virus infiziert, in Estland 1,3 Prozent, in Russland 1,1 Prozent. In Odessa sind laut Schätzungen 20 bis 30 Prozent der Prostituierten und Drogenabhängigen HIV-positiv – Zahlen, die mit denen aus Afrika vergleichbar sind.

Nach der Unabhängigkeit wurde die Ukraine zum Transitland für Drogen und Menschenschmuggel. Rund 70 Prozent der registrierten HIV-Fälle sind Drogenabhängige, deren Zahl seit den 90er Jahren explosionsartig angestiegen ist. Mittlerweile hat die zunächst auf Prostituierte und Drogenabhängige konzentrierte Epidemie die gesamte Bevölkerung erfasst. Vor allem solche jungen Menschen stecken sich an, die keine Familie als Rückhalt haben. Auch der Staat kann keine Sicherheit bieten, er ist noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Oft wissen die Betroffenen gar nicht, dass sie HIV-positiv sind oder dass sie sich behandeln lassen können. In der Ukraine sind die Straßenkinder sehr häufig infiziert. Ihre Zahl steigt rapide. Straßenkinder gab es zwar schon vor der Unabhängigkeit, damals wurden sie allerdings meist in Heimen untergebracht und waren besser versorgt.

Lange Zeit nahmen die osteuropäischen Regierungen zwar Hilfsgelder aus dem Ausland an, lehnten aber jede Ein- mischung in innere Angelegenheiten ab. Mit dem Resultat, dass nichts passierte. Inzwischen werden Förderungen an Bedingungen geknüpft. Zum Beispiel muss die ukrainische Regierung nachweisen, auch eigenes Geld sinnvoll eingesetzt zu haben.

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TADSCHIKISTANKIRGISISTANUSBEKISTANTURKMENISTANASERBAJDSCHANARMENIENGEORGIENKASACHSTANRUSSLANDESTLANDLETTLANDLITAUENWEISSRUSSLANDMOLDAWIENUKRAINE Neuansteckungen im Jahr 2005 pro Million Einwohner (Quelle: EuroHIV) 05051–100101–150 :201–250 :451–500

 
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    • Quelle ZEIT Wissen 02/2007
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