Herr Bowyer, viele nennen Sie einen Revoluzzer. Den würde man sich aber anders vorstellen.
Adrian Bowyer:Gut, dass man mir das nicht ansieht! Im Ernst: Eigentlich bin ich ein ziemlich durchschnittlicher Typ, der sich für Maschinen interessiert. Und meine Erfindung ist nun mal eine Maschine, von der die Leute netterweise behaupten, sie werde eine Revolution auslösen. Ob das wirklich passiert, kann niemand vorhersagen.
Ihre Website verspricht »Wohlstand ohne Geld« für jedermann, das klingt schon ziemlich revolutionär.
Geld ist an sich ja wertlos, es ist nur ein Mittel zum Zweck. Man kann damit beispielsweise Dinge kaufen, die andere hergestellt haben. Wir wollen Geld überflüssig und jedem die Dinge zugänglich machen, die er zum Leben braucht, selbst wenn er überhaupt kein Geld hat. Mit unserer Maschine wird jeder mit geringem Aufwand Dinge produzieren können, die heute noch aus großen Fabriken kommen. Einfache Gegenstände wie Garderobenhaken etwa, aber auch komplizierte wie MP3-Player oder Digitalkameras. Niemand wird mehr von dem enormen, zentralisierten Produktionsapparat abhängig sein, der heute die Welt beherrscht.
Das klingt nach einer Wundermaschine.
Wir nennen sie »RepRap«, das steht für »selbst replizierender Rapid Prototyper«. Ein Rapid Prototyper ist ein Gerät, das dreidimensionale Objekte herstellt. Es wird an einen Computer angeschlossen und funktioniert im Prinzip wie ein Drucker. Nur dass dieser Seiten bedruckt, also zweidimensionale Objekte erzeugt. Das Besondere am RepRap ist, dass er eines Tages seine eigenen Einzelteile herstellen soll, um sich selbst zu reproduzieren.
Kann ich mir damit auch ein schnelles Auto selbst bauen?
Die erste Version des RepRap wird nur Plastikteile bis zu einer Größe von maximal 30 Zentimetern herstellen. Eine zweite Version wird aber schon elektrische Leitungen im Plastik verlegen, sodass man damit auch Elektrogeräte bauen kann. Teile wie Computerchips, Motoren und Batterien muss man allerdings noch extra kaufen. Es gibt aber bereits Forscher, die versuchen, mit spezieller Tinte Computerchips zu drucken. Wenn diese Technik reif ist, wird man sie mit unserer verschmelzen und jedes denkbare Gerät bauen können. Das ist dann die dritte Version.
Was werde ich nie bauen können?
Sehr große Dinge, einen Supertanker zum Beispiel. Aber ein Wissenschaftler sollte niemals »nie« sagen.
Nehmen wir an, ich brauche eine neue Zahnbürste: Was muss ich tun?
Sie laden im Internet die Bauanleitung Ihrer Lieblingszahnbürste herunter. Der Computer übersetzt die Anleitung in Kommandos für den RepRap und gibt das Startsignal. Dann gehen Sie einen Kaffee trinken und lassen den RepRap wie einen Geschirrspüler seinen Job erledigen. Wenn Sie nach einer Dreiviertelstunde zurückkommen, können Sie sich die Zähne putzen.
Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Der RepRap hat in der Mitte eine flache Hebebühne. Zunächst steht sie ganz oben. Ein Druckkopf auf zwei Achsen spritzt eine hauchdünne Schicht aus geschmolzenem Plastik auf die Fläche, sodass ein zweidimensionales Bild entsteht. Sobald diese erste Lage fertig ist, wird die Hebebühne ein Stückchen nach unten gefahren und die nächste Schicht aufgetragen. Diese Schritte wiederholen sich Lage für Lage, bis die Plattform ganz unten angelangt und ein dreidimensionales Objekt entstanden ist – die Zahnbürste. Ebenso wie ein normaler Drucker mehrere Druckköpfe für verschiedene Farben hat, kann der RepRap mehrere Köpfe für verschiedene Materialien haben.
Das klingt nach einem dieser 3-D-Drucker, die heute schon in der Autoindustrie eingesetzt werden. Was ist der Unterschied?
Die Technik ist die gleiche – allerdings sind diese Maschinen Spezialisten, keine Generalisten, und kosten mindestens 25000 Euro. Sie sind so teuer, weil jemand Patente darauf angemeldet hat und jetzt davon profitieren will. Zum Glück laufen die Patente nach und nach aus, sodass unser Projekt möglich wird. Der RepRap wird wahrscheinlich nur 300 Euro kosten.
Wenn das Gerät so praktisch ist, wird es dann nicht Leute geben, die es für viel Geld verkaufen wollen?
Da unsere Maschine ihre Einzelteile selbst herstellen kann, wird sie sich exponentiell verbreiten. Immer mehr Leute werden sie kopieren, und niemand wird mehr ein Geschäft damit machen können. Das ist vergleichbar mit einfachen Getreidesorten. Mit dem Saatgut, einem Sack voll Samen, kann man nur schwer Geld verdienen. Schließlich könnte ja jeder Getreidebauer ein paar Samen für das nächste Jahr zur Seite legen.
Wenn jeder eine solche Maschine haben kann, wie wird sich die Welt verändern?
Nun, ich halte es für unwahrscheinlich, dass wir weniger arbeiten werden als heute. Am Anfang des Computerzeitalters hatte man die fixe Idee, dass wir irgendwann alle am Swimmingpool säßen oder Tennis spielen würden, während Roboter unsere Jobs erledigen. Natürlich ist es so nicht gekommen, und so wird es auch nie kommen. Die Arbeitswelt wird sich allerdings anpassen. Was das Geld angeht, so werden wir es einfach für andere Dinge ausgeben als für die, die wir mit dem RepRap produzieren können. Das ist etwa so wie mit Mobiltelefonen. Seitdem das reine Telefonieren immer billiger wird, geben die Leute ihr Geld für Klingeltöne und Bildchen aus.
Neil Gershenfeld vom Massachusetts Institute of Technology behauptet, man müsse dank Rapid Prototyping künftig weniger Kompromisse machen.
Das ist wahr. Niemand muss sich mehr mit den Produkten zufriedengeben, die irgendwelche Hersteller für massentauglich halten. Jeder kann sich genau das Produkt designen, das er sich wünscht. Zudem wird es viele Menschen geben, die ihre Bauanleitungen im Internet verbreiten, sodass die Auswahl rasant wachsen wird.
Und der amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann sagt voraus, mit dem Rapid Prototyping werde die Ära der Massenproduktion zu Ende gehen.
Ganz richtig. Charakteristisch für die Massenfertigung ist, dass sie völlig vom kreativen Prozess entkoppelt ist. Bei den Handwerkern im Mittelalter war das noch anders – sie dachten sich etwas aus und setzten es dann um. Heute stellt ein Heer von Billigarbeitern Dinge her, von denen es nicht die geringste Ahnung hat. Der RepRap vereinigt Kreativität und Produktion wieder, mit Hilfe modernster Technologie. Jeder darf Handwerker sein, MP3-Player, Kameras oder Handys erfinden und bauen. Die Massenproduktion des 19. und 20. Jahrhunderts beruhte auf der Einsicht, dass es billiger und effizienter ist, Tausende Kopien einer Sache gleichzeitig zu machen als nur eine. Der RepRap dreht den Spieß um: Er vereinfacht es, individuelle Gegenstände herzustellen.
Was bedeutet das für das Design?
Die Massenfertigung hat natürlich auch das Design geprägt. Als angesagt gelten glatte Flächen, gerade Kanten, gleichmäßige Muster – das ist das Design von Maschinen. Das Fehlen verspielter Dekoration ist eine zwingende Folge der maschinellen Produktion. Unsere Technik erlaubt es, Dinge so zu dekorieren, wie man will. Wir können von den »cleanen« Designprinzipien der Moderne endlich wieder abrücken.
Welchen Einfluss wird der RepRap auf die Industrie haben?
Wir werden eine ähnliche Entwicklung erleben wie in der Musikbranche. Musik kann heute nicht mehr nur auf CDs weitergegeben werden, sondern in digitaler Form über das Internet. So wie jeder Musik im Netz veröffentlichen kann, wird jeder Konstruktionspläne für Dinge verbreiten können. Es wird viele Leute geben, die ihre guten Ideen umsonst weitergeben. Davon werden vor allem die Armen profitieren, weil sie sich aus eigener Kraft einen angemessenen Lebensstandard schaffen können. Und die Industrie wird ihren Fokus in den Bereich des Luxus verlagern müssen.
Manche Leute behaupten, es gebe einen »Fabrication Divide«. Dass also soziale Ungleichheit entstehe, weil nur wenige Leute die Mittel hätten, Dinge herzustellen. Kann Rapid Prototyping das ändern?
Der RepRap kann diesen Graben überwinden. In Botswana zum Beispiel, wo die Ärmsten der Armen leben, gibt es kaum Produktionsmittel. Wenn dort jetzt jeder seine eigene kleine Fabrik hätte, könnte das Land auch am Weltmarkt bestehen – und die Billigproduzenten China und Indien in ihrem eigenen Spiel schlagen.
Laut den Herstellern der heutigen, mindestens 25000 Euro teuren Rapid Prototyper gibt es aber gar keinen Markt für diese Maschinen.
Früher konnte sich niemand vorstellen, wozu man eines Tages Computer brauchen würde. Meine Eltern gingen immer in einen kleinen Laden, um sich Briefpapier mit ihrem Namen und ihrer Adresse drucken zu lassen. Heute existiert dieser Laden natürlich nicht mehr, weil jeder seine Bögen selbst druckt. Wer hätte sich das vor 50 Jahren vorstellen können? Genauso wird es sein, wenn wir jedem Einzelnen erlauben, nicht nur einen Drucker zu Hause zu haben, sondern auch eine kleine Fabrik.
Müssen die Hersteller von Handys, Digitalkameras und Garderobenhaken fürchten, demnächst das Schicksal der kleinen Druckerei zu teilen?
Ja, aber die Frage ist, was sie dagegen tun wollen. Wenn jemand seine eigenen Garderobenhaken herstellt, muss der Hakenhersteller das hinnehmen, es gibt kein Patent darauf. Er muss sich ein anderes Geschäftsmodell suchen, wie alle, die von der Innovation eingeholt werden.
Wenn ich heute einen Teller oder eine Tasse kaufe, zahle ich nicht nur für die Herstellung, sondern auch für die Idee und das Material. Was ist denn damit?
Eine Idee kann jeder selbst entwickeln – und er kann sie natürlich auch kaufen. Die dritte Möglichkeit ist, dass es Bauanleitungen umsonst geben wird, die gemeinschaftlich weiterentwickelt werden. Eine Anleitung für einen Open-Source-Teller oder eine Open-Source-Tasse etwa.
Und was ist mit dem Material?
Im Moment verwenden wir noch Plastik, das aus Öl gemacht ist. Demnächst wollen wir aber stattdessen eines aus Pflanzenstärke einsetzen. Jeder, der auf ein paar Hektar Land Kartoffeln oder Getreide anbaut, hat dann auch die Rohstoffe für den RepRap. Nebenbei hat das den Vorteil, dass man die selbst gemachten Dinge einfach kompostieren kann, wenn man sie eines Tages nicht mehr braucht.
Es sind schon viele technologische Revolutionen ausgerufen worden, die dann ausblieben. Warum sollte ausgerechnet diese stattfinden?
Grundsätzlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem Forschungsprojekt wie diesem etwas wird, gering. Ich würde jedenfalls nicht darauf wetten. Aber die Chancen steigen mit jedem Schritt. Eines ist sicher: Weil sich diese Technik selbst kopieren kann, liegt es in ihrer Natur, dass sie nicht mehr aufzuhalten ist, sobald sie einmal funktioniert und auf Begeisterung stößt.
Wann könnte es so weit sein?
Die erste Maschine soll im nächsten Jahr fertig sein. Diese wird, wie gesagt, erst einmal nur Plastikgegenstände herstellen. Aber jeder kann sie verändern und verbessern. Wenn es Bedarf gibt, werden die Menschen den RepRap schnell weiterentwickeln, sodass man auch alles mögliche andere damit machen kann. Menschen verbessern ja laufend Dinge. Nehmen Sie nur die Hunde, die die Leute draußen an der Leine spazieren führen. Das sind eigentlich Wölfe, aus denen über Jahrhunderte grotesk aussehende Hunderassen gezüchtet wurden.
Und wann, glauben Sie, wird es einen wirklich fertigen RepRap geben?
Nie, das ist wie bei den Computern. Können Sie sich vorstellen, dass man irgendwann nicht mehr versuchen wird, schnellere zu bauen? ∆
Von der Zahnbürste bis zur Digitalkamera: Adrian Bowyer entwickelt eine einfache Maschine, die eines Tages all unsere materiellen Wünsche erfüllen soll. Wenn alles nach Plan läuft.
meine kleine Fabrik
Interview Jens Uehlecke fotos Jochen BraunRapid Prototyping
alles ist machbar
Schon 1974 schwärmte der Kolumnist David Jones im New Scientist, wie großartig ein Apparat wäre, der beliebige dreidimensionale Gegenstände herstellen könnte. Damals wusste er allerdings nicht, dass längst ein Patent auf eine solche Maschine angemeldet war: Der Amerikaner Wyn Kelly Swainson hatte ein Gerät erfunden, das 3-D-Objekte mit einem Laser aus einem Plastikblock fräste. Das Zeitalter des Rapid Prototyping hatte begonnen. Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, setzt vor allem die Industrie solche 3-D-Drucker ein. Sie stellt damit zum Beispiel Muster her, bevor ein Produkt in Serie geht. Obwohl Forscher wiederholt die Vision eines handlichen Volks-Rapid-Prototypers propagierten, kosten die Maschinen nach wie vor 25000 Euro und mehr. Adrian Bowyers »RepRap« (rechts) soll nur 300 Euro kosten, stellt zunächst allerdings nur Plastikteile her. Er besteht aus einer kleinen Hebebühne (1) mit flacher Oberfläche. Ein Druckkopf (2) auf zwei Achsen spritzt darauf ein zweidimensionales Bild aus geschmolzenem Kunststoff. Ist eine Lage trocken, fährt die Hebebühne ein kleines Stück an den Stangen (3) herunter, damit dann die nächste Schicht obendrauf gedruckt werden kann. Ist die Hebebühne unten, ist das Wunschobjekt fertig.
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