Zeit WISSEN: Ist ein Bioapfel gesünder als ein Apfel aus konventionellem Anbau?

Carlo Leifert: Was Vitamine angeht, kann man das im Moment nicht so pauschal nicht sagen. Der Vitamingehalt schwankt von Sorte zu Sorte in vielen Früchten und Gemüsen meist stärker als von Bio zu Nicht-Bio.

Zeit WISSEN: Irren die Supermarktkunden also, die jetzt massenweise Bioprodukte kaufen?

Urs Niggli: Wer sich einseitig von Öko-Pommes und Öko-Schnitzel ernährt, lebt weniger gesund als jemand, der viel Obst und Gemüse aus konventionellem Anbau isst. Gesundheit hängt also vor allem von der ausgewogenen Diät ab. Wenn man sich aber mit viel frischem Obst und Gemüse ernährt, dann sind Bioprodukte deutlich besser – und können ohne Bedenken genossen werden.

Zeit WISSEN: Welche Bedenken haben Sie bei der konventionellen Landwirtschaft?

Niggli: Konventionelles Obst und Gemüse enthält Rückstände von Pflanzenschutzmitteln,...

Zeit WISSEN: ... die laut Bundesinstitut für Risikobewertung selbst bei lebenslangem Verzehr ungefährlich sind.

Niggli: Ich erforsche seit 17 Jahren den Ökolandbau und habe vorher zwölf Jahre in der Zulassung von Pestiziden gearbeitet. Damals habe ich viele Substanzen zugelassen, deren Genehmigung zehn Jahre später revidiert werden musste, weil neue Informationen über deren Schädlichkeit für Mensch und Umwelt vorlagen. Der Unsicherheitsfaktor ist noch relativ hoch, und es gibt praktisch keine Langzeitstudien.

Zeit WISSEN: Andererseits gibt es keine Pestizidtoten.

Leifert: Aber verstümmelte Kinder, weil in der dritten Welt jemand ein Feld besprüht hat, neben dem schwangere Frauen wohnten. Ich kenne auch Bauern mit Golfkriegssyndrom, die ebenso wie US-Soldaten im ersten Irakkrieg mit Pestiziden in Kontakt kamen. Auch Mischungen von Pestiziden sind womöglich gesundheitsschädlich. Auf Weizen sprühen wir sechs Fungizide, über die Saison verteilt. Niemand untersucht, welche Gesundheitsschäden solche Mehrfachkombination verursachen können. Diese Art von Pflanzenschutz hat keine Zukunft.

Niggli: Die Pestizide sind zweifellos besser geworden, aber sie sind immer noch eine Risikotechnologie, und der Ökolandbau wendet aus Prinzip keine Risikotechnologien an. Ich bin undogmatisch, aber ich finde es beispielhaft, dass wenigstens eine Landwirtschaft das Vorsorgeprinzip so hoch gewichtet. Das braucht die konventionelle Landwirtschaft als permanenten Stachel im Fleisch.

Zeit WISSEN: Ist Ökolandbau denn ungefährlich? Kritiker bemängeln, Ökoweizen würde giftige Substanzen – Mykotoxine – produzieren, weil er stärker unter Stress steht. Und Biosalat sei mit E.coli-Bakterien aus dem Kuhmist verseucht.

Niggli: Diese Mythen konnten wir in unserem EU-Projekt zur Sicherheit und Qualität von Biolebensmitteln experimentell sauber widerlegen. Bioprodukte sind genauso sicher wie konventionelle Produkte, häufig noch sicherer.

Zeit WISSEN: An Ihrem Forschungsprojekt sind 31 Universitäten und Betriebe beteiligt, sie bekommen 18 Millionen Euro von der EU. Gibt es noch so viel zu erforschen?

Leifert: Als wir 2004 anfingen, gab es in der Literatur wenig verlässliches. Da sind Forscher ins Geschäft gegangen, haben Bioprodukte und Nichtbio gekauft und dann Vitamine und Mineralstoffe gemessen. Die Bioprodukte waren besser. Aber wer genauer hinschaut, wird misstrauisch. Bei Bohnen zum Beispiel hängt der Vitamingehalt stark davon ab, wie lange die nach der Ernte lagern. Es kann ja sein, dass die konventionellen Bohnen damals aus Italien importiert wurden und vier Tage alt waren, während die organischen direkt vom Erzeuger kamen. In den Veröffentlichungen wurde das aber oft nicht beschrieben. Deshalb haben wir gesagt: lasst uns von vorne anfangen. Wir müssen konventionelle Früchte zur gleichen Zeit und auf dem selben Boden ziehen wie Biofrüchte, und anschließend vergleichen.

Zeit WISSEN: Inzwischen verkaufen selbst Discounter Biomöhren, Biomangos werden aus Übersee eingeflogen. Was ist daran noch Bio?

Niggli: Für den ökologischen Anbau gelten stets die gleichen Mindestanforderungen und die werden in der Qualitätskontrolle auch überprüft. Der Kunde hat sich jedoch verändert. Der klassische Biokäufer, der lokale Kreisläufe und eine saisongerechte Produktion unterstützt, ist seltener geworden. Selbst bei diesen Konsumenten stellen wir Trends zu ökologischem Wein aus Australien und Winterkonsum von Biotomaten fest. Der Öko-Verbraucher ist heute ein Hedonist, auch er will Spezialitäten aus aller Welt und in ökologischer Qualität auf dem Tisch haben, und nebenbei eine nachhaltige Landwirtschaft unterstützen.

Leifert: Nachhaltigkeit bleibt das Ziel. Wir brauchen eine Landwirtschaft, die auch dann noch funktioniert, wenn das Öl ausgeht, wenn der Phosphor alle ist und wenn wir uns nicht mehr erlauben können, Stickstoffdünger über den energieverschwenderischen Haber Bosch-Prozess zu produzieren.

Zeit WISSEN: Was ist an eingeflogenen Biofrüchten nachhaltig?

Leifert: Bioobst aus der 3. Welt hier einzufliegen halte ich für kompletten Wahnsinn. Das mit der Notwendigkeit der Globalisierung zu begründen, ist noch größerer Wahnsinn. In Großbritannien wird diskutiert, ob man auf solche Produkte überhaupt noch ein Biosiegel kleben darf.

Niggli: Jede Gesellschaft hat ihre Grundnahrungsmittel, und die kann man lokal produzieren: in Indien Reis, bei uns Getreide oder Kartoffeln. Diese global zu transportieren ist in der Tat Nonsens, das gilt auch für Ökoprodukte. Nach der Boomphase, wo Nachfrage und Angebot nicht mehr übereinstimmen, muss eine Korrektur erfolgen, so dass alle Grundnahrungsmittel wieder lokal produziert werden. Deshalb ist es wichtig, dass mehr Landwirte in Europa auf Ökolandbau umsteigen. Das Bedürfnis, ab und zu eine Mango zu essen, ist aus der modernen Gesellschaft allerdings nicht wegzudenken. Damit werde ich die Welt nicht zerstören.

Leifert: Aber bitte im Schiff transportiert.

Zeit WISSEN: Sind Biolebensmittel aus dem Discounter schlechter als die aus dem Naturkostladen?

Niggli: In der Schweiz, in Österreich und in England haben wir bereits miterlebt, dass Supermarktketten stark in den Handel mit Bioprodukten mit einsteigen. Ich sehe nicht, dass unter diesem Billigbio die Qualität leidet. Denn auch der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel kann von ökologischen Produkten nur profitieren, solange deren Authentizität nicht in Frage gestellt ist. Rein ökonomisch gesehen sind Ökoprodukte im Supermarkt nicht der große Gewinnbringer, aber sie sind extrem wichtig fürs Image und ein starker Kundenmagnet. Wenn ich in einem Supermarkt ökologische Bananen oder Gemüse bekomme, kaufe ich dort auch mit viel besserem Gewissen konventionelle Produkte.

Zeit WISSEN: Wozu dann noch Naturkostläden?

Niggli: Der traditionelle Biofachhandel muss stärker auf regionale Produkte, auf geschmackliche Qualität, auf handwerkliche Verarbeitung und auf Vielfalt achten. Das wird man in Zukunft als Premium- oder Elite-Bio vermarkten.

Die Fragen stellte Max Rauner.

Carlo Leifert ist Professor für Ökolandbau an der Newcastle University in Großbritannien. Urs Niggli ist Direktor des Forschungsinstitut für biologischen Landbau im schweizerischen Frick. Die beiden Forscher leiten das europäische Forschungsprojekt QLIF zur Qualität und Sicherheit des Ökolandbaus, an dem 31 Universitäten und landwirtschaftliche Betriebe beteiligt sind.