Betrogener Patient Der betrogene Patient
Arzte wählen ihre Behandlungsmethoden oft nach Intuition und Erfahrung, selbst wenn sie unnütz sind und die Forscher eine ganz andere Therapie empfehlen.
Der 42-jährige Finanzbeamte hatte ein Problem, und es musste schnell aus der Welt geschafft werden. Er kannte auch schon die Lösung: Spritzen. Injektionen gegen die starken Rückenschmerzen, die ihn plagten. Und Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule sollten gemacht werden. Schließlich müsste man ja dort, irgendwo zwischen Wirbel, Bandscheibe und Nerven, die Ursache der Schmerzen finden. Im Laufe der nächsten Wochen konsultierte er sämtliche Spezialisten der weiteren Umgebung. Die wollten sich keine Blöße geben und wurden aktiv: Sie ordneten immer neue, teurere Untersuchungen und Therapien an; es wurde geröntgt und gespritzt und schließlich mit spitzer Nadel Ge-webe entnommen. Eine Tortur, die irgendwann auch dem Patienten zu viel wurde. Doch zu diesem Zeitpunkt war es schon zu spät: Die Schmerzen waren chronisch geworden und auch mit psychologischer Hilfe nicht mehr zu nehmen.
Das alles hätte niemals passieren dürfen. Denn eigentlich ist bekannt, was bei Rückenschmerzen zu tun ist: eher wenig. Außerdem gibt es Leitlinien, wissenschaftliche Empfehlungen, die präzise beschreiben, wie der Arzt behandeln sollte und vor allem: wie nicht. In der Fachsprache heißt das evidenzbasierte Medizin (EBM), einfach gesagt: Medizin auf aktueller und wissenschaftlicher Grundlage, also auf der Basis guter Studien. Eine Selbstverständlichkeit, dass Ärzte nach diesen Kriterien behandeln, sollte man meinen. Tatsächlich aber ist vielen Medizinern der Gedanke daran fremd. Vieles in der alltäglichen Praxis wird häufig immer noch aus einem unbestimmten Gefühl heraus gemacht. Aus internationalen Studien weiß man, dass nur etwa 30 bis 40 Prozent aller medizinischen Maßnahmen auf evidenzbasierten Ergebnissen wissenschaftlicher Studien basieren. Die eigene Erfahrung des Arztes gilt viel, die Wissenschaft eher wenig. Bauchgefühl statt Erkenntnis.
Ein gutes Beispiel für diesen alten und gut gepflegten Brauch ist die Therapie von Rückenschmerzen. Viele Ärzte greifen sofort routiniert zur Spritze, wenn ein Patient schmerzhaft gekrümmt in ihr Sprechzimmer tritt. Eine evidenzbasierte Therapie aber sähe ganz anders aus: schmerzstillende Tabletten plus Bewegung in Maßen, und auf keinen Fall sollte man sich schonen. Das verschlechtert den Zustand nur.
Und genau das empfiehlt etwa die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin in ihren Leitlinien. Sie warnt explizit vor der »intravenösen oder intramuskulären Injektion von Schmerzmitteln, insbesondere von Diclofenac«. Vor jenem Wirkstoff also, der besser bekannt ist als Voltaren und den Deutschlands Ärzte tausendfach spritzen. Außerdem rät die Gesellschaft von unbedacht angeordneten Röntgen- oder Kernspintomografieaufnahmen ab. Genau die aber werden häufig angefertigt, obwohl sie nicht viel aussagen. Selbst offensichtlich verschlissene Wirbel sind in der Regel nicht verantwortlich für die Schmerzen, die eigentliche Ursache ist auf den Bildern oft nicht zu erkennen. Schlimmer noch: Die Aufnahmen zementieren das Gefühl des Krankseins im Kopf des Patienten und verzögern die Heilung nachweislich.
- Datum 12.11.2008 - 10:08 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen 04/2007
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Auf die Intuition meines langjährigen Hausarztes würde ich mich in der Tat verlassen (wenn er nicht aus Altersgründen seine Praxis aufgegeben hätte). Aber bei den jüngeren Haus- und Fachärzten führt die "Intuition" am ehesten zu einem gut gefüllten Geldbeutel (des Arztes...), und das ist der eigentliche Grund, warum ich Ärzten nicht mehr traue.
Abgesehen davon, daß Voltaren und Diclofenac das gleiche ist, vergißt die Leitlinienmedizin die Wünsche des Patienten.
Um beim Beispiel Rückenschmerzen zu bleiben: der Patient fordert sofortige Schmerzfreiheit oder -armut und sofortige Arbeitsfähigkeit und nicht erst nach 6 Wochen.
Die Leitlinien gehen eben oft an der Realität und an den Patientenwünschen vorbei und nicht jede Symptomatik und nicht jeder Patient läßt sich in eine Leitlinie pressen. Die Forderung ist ein Verzicht auf individuelle medizinische Versorgung, es ist ein weiterer Schritt zu einer industrialisierten Medizin am Fließband, wo der Mensch bzw. Patient gar nichts mehr zählt.
Nicht jeder Patient mit Magenproblemen benötigt eine Magenspiegelung, nicht jeder Patient mit Kniebeschwerden eine Arthroskopie und nicht jeder Patient mit Brustschmerz einen Herzkatheter.
Ich wünsche jedem Patienten einen Arzt, der nicht nur Leitlinien abarbeitet, sondern auch noch etwas klinischen Verstand und Erfahrung hat und über den Tellerrand seines Fachidiotismus hinausschauen kann.
Schade, dass Sie im ZeitWissen-Magazin Nr.4/2007 einen Leitartikel veröffentlichen, der so oberflächlich und pauschal be- und verurteilt, mutmaßt und kommentiert, dass die Nebenwirkung „Vertrauensverlust“ in die wissenschaftlichen Recherchen Ihres Magazins die Folge ist und hoffentlich nicht der pauschale Vertrauensverlust in die hiesige Ärzteschaft.
Die Ärzteschaft, also „Deutschlands Praxen und Kliniken“ in denen „oft alles andere getan wird, als nach wissenschaftlichen Kriterien zu therapieren“ so darzustellen, als wäre medizinisches Handeln unter wissenschaftlichen Erkenntnissen für die dort Tätigen ein Fremdwort, ist überheblich und geradezu lächerlich. Dass neben wissenschaftlichen Erkenntnissen ebenso Erfahrung und Intuition gefragt sind, steht für jeden Patienten und jeden guten Mediziner außer Frage.
Das Wissen aus pseudo-wissenschaftlichen Artikeln ersetzt mit Sicherheit kein Medizinstudium; hier scheint eher die „Allwissenheit“ ihres Autors auf medizinischem Gebiet erstaunlich.
„Alles für nutzlos" zu erklären, wie z.B. auf Seite 23 in Ihrem Artikel das Urteil zur Krebsfrüherkennung und Mammografie ist fahrlässig und in keinster Weise hilfreich für den Patienten; und es ist auf gar keinen Fall eine wissenschaftliche Feststellung.
Schade für Patienten, Ärzte und Leser dieses Artikels.
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