Es war eine kleine Anzeige auf der Internetseite der Universität Kiel, die mich aufmerksam werden ließ. „Übergewichtige Frauen zwischen 18 und 40 Jahren mit einem Body-Mass-Index von mehr als 30 gesucht.“ Damit man weiß, ob sie infrage kommt, kann sie besagten BMI auch gleich auf der Seite berechnen lassen. Ich passe nicht ins Versuchsdesign, mein BMI liegt eindeutig drunter. „Das macht nichts“, sagt die Studienleiterin Neele Lehmann, die ich trotzdem anrufe. Sie braucht ja auch noch eine Kontrollgruppe.

Universität Kiel, Institut für Physiologie, 5. Stock. „Labor“ steht an der Tür. Drinnen stehen ein paar plastikbeschichtete Tische, an der Wand hängt ein wissenschaftliches Poster, das schwarze Rollo vor dem Fenster ist ausgefranst. Nur in der Mitte des Raums steht ein Gerät, das aussieht, als ob es Hightech kann.

„Bitte schminken Sie sich nicht, vor allem keinen Eyeliner und keine Wimperntusche“, hat mich Neele Lehmann ermahnt. Gerade an diesem Morgen hätte ich mir gerne das Gesicht ein wenig zugekleistert, denn die Nacht zuvor hat ihre Spuren hinterlassen. Aber für die Wissenschaft sitze ich nun ungeschminkt auf einem unbequemen Drehstuhl.

Ich solle mir Porträts von Menschen anschauen. Anschließend müsse ich entscheiden, welche von sechs Emotionen mimisch dargestellt wurde. Währenddessen würde meine Pupillengröße gemessen.

Mir ist ein bisschen mulmig zumute. In welche Abgründe meiner Seele kann sie mit diesem Test blicken? Werden meine Pupillen ganz groß, wenn ich mir lasziv guckende, dunkelhaarige Männer mit markantem Kinn anschaue? Weiß sie dann auch, dass ich blonde Frauen mit griesgrämigem Blick gleich in die Kategorie „Zicke“ stecke? Kann man die Pupillen daran hindern, größer oder kleiner zu werden? Ich will mich ungern als sexlüsternes Ekelpaket outen. Und was, bitteschön, hat meine Pupillengröße mit meinem Body-Mass-Index zu tun?

Es geht los. In kurzer Abfolge erscheinen auf dem Monitor zwei Bilder. Das erste Bild zeigt das Gesicht eines Mannes, vielleicht Anfang 30. Ganz traurig schaut er drein, die Mundwinkel weit nach unten gezogen. Es folgt ein Bild von dem gleichen Typen, diesmal starrt er trübselig mit leerem Blick in die Gegend. Wie die Menschen, die man frühmorgens in öffentlichen Verkehrsmitteln trifft. Ein bisschen müde, ein bisschen mürrisch und noch nicht ganz im morgendlichen Geschehen angekommen. „Freude“, „Ärger“, „Traurigkeit“, „Angst“, „Überraschung“ und „Ekel“ - ich soll auswählen, wie er dreingeschaut hat. Ich klicke „Traurigkeit“ an. Es folgen weitere Bilder.

Entsetzen? Oder doch eher Überraschung? Die grünen Linien zeigen den Weg des Blickes des Betrachters.© Lundqvist, Flykt & Öhman Manchmal ist es schwierig zu erkennen, wie die Person guckt. Ist das jetzt eher Ekel, oder doch ängstliches Entsetzen? Ist die junge Frau freudig überrascht oder doch eher nur erfreut? Oft sind es die kleinen Fältchen um die Augen, die einem sagen: „Dieser Mensch ist fröhlich.“ Aber auch die tiefen Gruben links und rechts der Nase verraten einiges. Nach einiger Zeit tränen mir die Augen vor Anstrengung.