Psycho-Serie Alle für einen!
Ohne die anderen wäre der Mensch nicht, was er ist. Der Drang zum Miteinander ist tief in seinem Gehirn verankert. Ein neuronales Netz ermöglicht es ihm, sich in andere einzufühlen - es kann ihn aber auch zum willenlosen Mitläufer machen. Der dritte Teil der ZEIT Wissen-Serie: Die Psychologie der Gemeinschaft.
Er und sie und es sind ich. Kein Handgriff, kein Gedanke, kein Wort funktioniert ohne die anderen, ohne die Welt da draußen. Menschen lernen zu lächeln, wenn sie andere lächeln sehen. Sie lernen zu sprechen, wenn sie andere sprechen hören. Und sie lernen, was richtig und was falsch ist, wenn andere auf ihr Verhalten reagieren. Selbst der überzeugte Einzelgänger wäre ohne Eltern und Kollegen nicht derselbe Mensch.
Wie sehr der Einzelne mit seinem sozialen Umfeld verbunden ist, überrascht immer wieder auch die, die das menschliche Miteinander untersuchen: Primatenforscher, Psychologen und Neurowissenschaftler. Immer deutlicher wird, wie eng Körper und Geist im sozialen Netz verwoben sind. Ist es sicher gespannt, hält es Herz, Kreislauf und Immunsystem fit. Der Mensch lebt länger, sein Gedächtnis funktioniert besser, und er ist zufriedener.
Das Bedürfnis nach Kontakt zu anderen sei in uns angelegt, schreibt der Psychologe Daniel Goleman in seinem Buch Soziale Intelligenz. Das haben vor allem die Studien der sozialen Neurowissenschaft gezeigt. Sie sucht nach den Grundlagen des menschlichen Gemeinsinns und fördert immer mehr über jenes System zutage, das unserer Fähigkeit zu Kooperation und Einfühlung zugrunde liegt.
»Es ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen zehn Jahre, dass ein großer Teil unseres Gehirns auf die Verarbeitung sozialer Reize ausgerichtet ist«, sagt Christian Keysers, Hirnforscher am Neuroimaging Center im niederländischen Groningen. Wie er sind viele Forscher inzwischen überzeugt: Diese neuronalen Schaltkreise bilden ein »soziales Gehirn«, das viel mächtiger ist, als man es lange für möglich hielt. An jedem Blick, den wir austauschen, an jedem Schritt, den wir machen, ist es beteiligt. Es registriert feinste Nuancen in Mimik und Tonfall des Gegenübers, sagt intuitiv dessen nächste Handlung voraus und braucht nur selten die Hilfe des bewussten Denkens, um klug zu reagieren.
Rücksicht und Mitgefühl sind im Hirn verdrahtet
Wie wichtig diese Fähigkeit für das Leben in der Gruppe ist, zeigen Untersuchungen an Rhesusaffen, denen ein Teil dieses sozialen Gehirns fehlt. Die Forscher waren nicht zimperlich: Sie entfernten den Äffchen wichtige Teile des Frontalhirns, darunter die Mandelkerne, die auch bei Menschen zur emotionalen Frühwarnzentrale gehören. Die Tiere mutierten zu asozialen Rüpeln. Sie ignorierten die Regeln der Gruppe, stopften mit gefundenem Fressen nur ihr eigenes Maul und waren sexuell enthemmt. Die Strafe blieb nicht lange aus: Die Unruhestifter wurden von ihrer Gruppe verstoßen oder sogar getötet.
Die verheerende Wirkung solcher Hirnverletzungen ist auch am Menschen erforscht. Patienten mit Schäden an bestimmten Arealen des Frontalhirns werden aus der Mimik ihrer Mitmenschen nicht mehr schlau. Menschen mit Verletzungen der sogenannten Insula, eines Bereichs in der Großhirnrinde, verlieren nicht nur jedes Ekelgefühl, sie verstehen auch den angewiderten Gesichtsausdruck anderer nicht mehr als Warnsignal – und greifen beherzt nach allem, was dem Gegenüber heftigen Würgereiz beschert. Und Patienten mit dem Williams-Beuren-Syndrom, einer seltenen Erbkrankheit, sind offenbar deshalb besonders vertrauensselig, weil ihre Mandelkerne nur wenig funken. Schon als Kleinkinder fremdeln sie kaum.
Woher jedoch das Gespür kommt, das uns im Dickicht möglicher Reaktionen und Motive der Mitmenschen den Weg weist, blieb lange ein Rätsel. Der Psychologe Edward Lee Thorndike definierte 1920 soziale Intelligenz als die Fähigkeit, »in Beziehungen klug zu handeln«. Viele Kollegen glaubten, diese Gabe sei im bewussten Denken begründet, das mit Hilfe früherer Erfahrungen die richtigen Schlüsse ziehe: Wer oft gesehen habe, dass sich unsichere Menschen am Kopf kratzen, gehe davon aus, dass ein Mensch, der sich am Kopf kratzt, unsicher ist.
Anfang der 90er Jahre kam diese Interpretation sozialer Intelligenz ins Wanken. Die italienischen Hirnforscher Giacomo Rizzolatti und Vittorio Gallese machten eine Entdeckung, die eine viel direktere Brücke zwischen dem Ich und den anderen schlägt: die Spiegelneuronen. Ganz gleich, ob die Affen in den italienischen Versuchslabors nach ihrem Futter griffen oder ob sie nur einen Artgenossen dabei beobachteten – immer waren dieselben Nervenfasern der vorderen Großhirnrinde aktiv.
In den folgenden Jahren fanden die Italiener und ihre internationalen Kollegen Hinweise darauf, dass es die Spiegelneuronen auch im menschlichen Gehirn gibt. Und zwar nicht nur in den Arealen für das Erkennen von Bewegungsabläufen, sondern auch in jenen für die Verarbeitung von Seh-, Hör- und Tastreizen und in jenen für Ekel. »Das alles verändert unsere Vorstellung davon, wie unser Gehirn die soziale Welt verarbeitet, natürlich grundlegend«, sagt Christian Keysers. »Das da draußen ist eben nicht getrennt von mir, sondern etwas, das mir ähnelt, das ich direkt auf mich übertrage und nachempfinde.« Das heißt: Wer sieht, dass sich ein anderer am Kopf kratzt, weiß bereits, dass er unsicher ist – ohne überhaupt darüber nachzudenken.
Auf den Schultern von Giganten
Die Spiegelneuronen könnten eine Erklärung für die kleinen Wunder bieten, die sich im täglichen Miteinander ereignen: für wortloses Verstehen, für Empathie und selbstlose Hilfsbereitschaft. Ohne derlei biologische Zusammenhänge zu kennen, beschrieb der Psychologe Theodor Lipps bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Einfühlungsvermögen als innere Nachahmung der Gefühle anderer. Mehr als 100 Jahre später zeigt die moderne Wissenschaft, wie recht er hatte.
Die Spiegelneuronen könnten so auch einen entscheidenden Beitrag zur Evolution der menschlichen Kultur geleistet haben. Denn sie haben es den Menschen schon früh leicht gemacht, sich als einander ähnliche Wesen zu verstehen.
Diese Vorstellung von dem, was im Kopf der anderen geschieht, die »Theory of Mind«, entwickeln Kinder etwa im vierten Lebensjahr. Untersucht wird sie mit der sogenannten Maxi-Aufgabe. Dazu spielen Forscher den Kindern ein Puppentheater vor. Die Figur Maxi legt ein Stück Schokolade in einen Schrank und verschwindet dann »auf den Spielplatz«. Währenddessen versteckt ihre Mutter die Schokolade in einer Schublade. Anschließend kommt Maxi zurück. Die Kinder, die all das beobachtet haben, sollen nun beantworten: Wird Maxi die Schokolade im Schrank oder in der Schublade suchen? Fast alle Kinder unter drei Jahren rufen noch falsch: »In der Schublade!« Sie können noch nicht zwischen Maxis Wissen und ihrem eigenen unterscheiden.
Mit jedem weiteren Lebensmonat sinkt die Quote jedoch rapide: Schon die Hälfte der Vier- bis Fünfjährigen weiß, dass Maxi im Schrank suchen wird, sie können Maxis Denken nachvollziehen. Sechs- bis Siebenjährige sind kaum noch verwirrt. »Dieses Verständnis ermöglicht es ihnen, sich in die geistige Welt einer anderen Person hineinzuversetzen, so dass sie nicht nur vom anderen, sondern auch durch den anderen lernen können«, schreibt Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig.
Wer durch bloßes Beobachten bereits die Hirnareale aktivieren kann, die zum Hausbau oder Fischfang nötig sind, lernt viel nebenbei. Er braucht in der Praxis nur noch ein bisschen Übung – und hat mehr Zeit für eigene Ideen und Innovationen. Erst diese Fähigkeit, kulturelles Wissen zu erschließen und aus der Erfahrung vieler Generationen zu lernen, ermöglicht dem Einzelnen Weitblick und Orientierung, als stände er, wie Isaac Newton gesagt haben soll, »auf den Schultern von Giganten«.
Doch das tief verankerte Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein, hat auch eine dunkle Seite. Es ermöglicht nicht nur Kooperation, sondern auch falsche Folgsamkeit, blinden Gehorsam und Machtmissbrauch. Die Forschung zur Gruppendynamik lehrt, dem sozialen Instinkt zu misstrauen. Einige Vertreter dieser Disziplin hatten als Opfer des nationalsozialistischen Regimes erlebt, was erst durch die wechselseitigen Einflüsse zwischen Machthabern, Machern und Mitläufern möglich wurde – und aus normalen Menschen die braune Masse machte.
Wie sehr sich der Einzelne durch das Er und Sie und Es beeinflussen lässt, zeigt ein Experiment des amerikanischen Sozialpsychologen Solomon Asch. Er legte einer vierköpfigen Gruppe Karten vor, auf denen unterschiedlich lange Geraden zu sehen waren. Die Teilnehmer sollten sich nun auf die längste Gerade einigen. Allerdings gab es nur einen wirklichen Probanden in der Runde – die drei übrigen Mitglieder waren Mitarbeiter von Asch. Wenn diese nun eine eindeutig falsche Lösung wählten, beobachtete Asch Erstaunliches: Der vierte, echte Proband schloss sich der Mehrheit in jedem dritten Fall an.
Eine ganz ähnliche Nebenwirkung des sozialen Gehirns beobachtete Muzafer Sherif. Er forderte Versuchsteilnehmer auf, sich auf die Bewegungsrichtung eines Lichtpunkts im Versuchsraum zu einigen. Nach einem kurzen Prozess der Meinungsbildung kamen sie zu einer Entscheidung. Nur hatte Sherif sie auf die falsche Fährte gesetzt, der Punkt bewegte sich in Wirklichkeit keinen Millimeter vom Fleck – das vermeintliche Wandern war nur eine Sinnestäuschung. Die Probanden aber hatten sich in kürzester Zeit von einer »eindeutigen« Bewegungsrichtung überzeugt.
Allerdings gibt es auch Forschungsergebnisse, die zeigen, dass der Einzelne nicht nur der Gruppe ausgeliefert ist. Ihnen zufolge lohnt es sich eben doch, die eigene Meinung auf vermeintlich verlorenem Posten kundzutun. Der Sozialpsychologe Serge Moscovici, der die Schrecken des Naziregimes in einem rumänischen Arbeitslager miterlebt hatte, schleuste zwei Mitarbeiter in eine Versuchsgruppe ein, deren Teilnehmer die Farbe von Karten benennen sollten. Diese beiden behaupteten von jeder grünen Karte, sie sei blau. Auf die Überzeugung der Gruppe, eine grüne Karte gesehen zu haben, hatte das zwar keinen Einfluss. Aber als Moscovici anschließend die einzelnen Probanden noch einmal befragte, stellte er fest, dass sich deren Farbwahrnehmung ein klein wenig verändert hatte: Sie ordneten Grüntöne mit Blaustich nun eher als Blau ein als zuvor.
Das soziale Gehirn nutzt seine Sinne also auch, um die Stimmen derjenigen einzufangen, die außerhalb der Gruppe stehen. Sie provozieren ein Umdenken bei der Mehrheit. Und das führt, auch das haben die Forscher oft bestätigt, zu kreativeren und besser durchdachten Gruppenentscheidungen – und ist damit eine wichtige Voraussetzung für Weiterentwicklung und Innovation.
Das soziale Gehirn macht Menschen zu Folterknechten
Allerdings scheint der Gedanke des Einzelnen seine Wirkung zu verlieren, sobald ausgeprägte Hierarchien ins Spiel kommen. Die meisten Menschen verlieren spätestens unter der Aufsicht einer dominanten Führungsperson den Mut zum eigenen Standpunkt. Am eindrucksvollsten haben das in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Stromstoß-Studien des amerikanischen Sozialpsychologen Stanley Milgram bewiesen. Mehr als 3000 Menschen haben an dem nach ihm benannten Experiment teilgenommen, die Ergebnisse erschrecken.
Milgram hatte den Probanden erklärt, er wolle untersuchen, wie sehr körperliche Bestrafung das Lernen beeinflusse. Dazu solle ein »Schüler« im Nebenraum Wortpaare richtig ergänzen, und sie selbst hätten den Part des strafenden Lehrers zu übernehmen, der jeden Fehler mit immer stärkeren Stromstößen quittiert.
Und das taten sie. Zumindest, solange sie unter der Aufsicht des strengen Versuchsleiters standen. Ein mahnendes »Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen« oder »Bitte fahren Sie fort« genügte, um zwei Drittel aller Teilnehmer bis zur tödlichen Schockstufe aufdrehen zu lassen. Selbst als die »Lehrer« ihren »Schüler« (der in Wirklichkeit ein Schauspieler war) im Nebenraum schreien und schließlich verstummen hörten, blieben 62 Prozent der Probanden bis zur höchsten Stufe von 405 Volt folgsam.
Verließ der Studienleiter jedoch den Raum, gehorchte augenblicklich nur noch jeder fünfte »Lehrer«. Gab es beisitzende »Lehrer«, die gegen das Prozedere protestierten, war sogar nur noch jeder Zehnte bereit, die grausamen Befehle des Versuchsleiters auszuführen.
Wie sich der Führungsstil darauf auswirkt, wie gut unser sozialer Geist funktioniert, hat der Sozialpsychologe Kurt Lewin untersucht. Was er herausfand, passt zu den Milgram-Ergebnissen: Wer unter autokratischer Anleitung arbeitet, zeigt unbedingten Einsatz und Gehorsam – allerdings nur, solange sein Chef anwesend ist. Sobald dieser den Raum verlässt, verfallen die Untergebenen dem unselbstständigen Nichtstun, der Feindseligkeit und der Suche nach Sündenböcken.
Weniger aggressiv, aber für einen produktiven Arbeitsablauf ähnlich unbrauchbar verhalten sich Menschen, die nach dem Motto »Laissez faire« geführt werden: Sie entwickeln sich zu unmotivierten Faulpelzen. Nur wenn Leitungspersonen ihre Leute demokratisch, das heißt unter Einbeziehung aller Interessen anleiten, laufen Gruppenmitglieder zur Höchstform auf: Sie leisten am meisten, sind einfallsreich, offen, loyal, freundlich und unterstützen sich gegenseitig.
Das soziale Gehirn entfaltet seine Fähigkeiten also erst in der richtigen Umgebung. »Zwar ist die Neigung zu Zorn, Eifersucht, Egoismus und Neid im biologischen Erbe der Menschen ebenso angelegt wie ihre Bereitschaft, grob, aggressiv, gewalttätig zu sein«, sagt der amerikanische Psychologe Jerome Kagan. Doch trügen sie ein noch stärkeres Erbe für Freundlichkeit, Mitgefühl, Kooperation, Liebe und Hilfsbereitschaft in sich. »Dieser ethische Imperativ«, so Kagan, »gehört zur biologischen Ausstattung unserer Art.«
- Datum 26.11.2007 - 04:52 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen 06/2007
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Danke für diesen tollen Artikel. Das macht Hoffnung.Interessant ist, ob man die Erkenntnis, dass ohne "Lehrer" weniger gefoltert wird, vielleicht auch auf die Behandlung autoritärer Staaten ausweiten kann. Da gibt es vielleicht solche Sachen wie gezielte Kommunikationsstörung oder so.
Auch wenn die Sache mit den Spiegelneuronen (zumindest als alleinige Ursache für Emphatie) wohl nicht ganz unumstritten ist.Sehr interessant fand ich:1) Mind. ein Drittel neigt zum Mitläufertum (Kartenspiel), sicher auch abhängig davon, wieviele Leute anderer Meinung sind, wäre interessant das noch weiter zu differenzieren.2) Zwei Drittel beugen sich einer Autorität, selbst wenn die Anweisungen menschenverachtend sind und keine Strafe zu befürchten ist, beängstigend! Das ist das Potential auf dem Diktaturen aufbauen. Mich würde brennend interessieren, wie diese Differenzen zustande kommen, ob Widerstand quasi erlernbar ist, bzw. ob in/nach einer Diktatur diese Zahlen anders aussehen und wieso (erlernt oder Selektion?).
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