Wissenschaft Der Forscher mit dem Schuhfetisch
Peter Hlavacek erforscht Schuhe. Er ergründet warum Napoleon seinen Siegeszug durch Eropa starten konnte oder die ägyptische Armee den Sechstagekrieg verlor. Inzwischen weiß er auch, warum wir überhaupt Schuhe tragen. Obwohl sie uns eigentlich nur schaden.
Was hat sich der Mensch nicht schon alles an die Füße gezogen! Chopinen etwa. Bis zu 50 Zentimeter dick waren die Plateausohlen dieser Schuhe, mit denen sich vor allem feine Damen im Venedig des 16. Jahrhunderts ausstaffierten. Laufen konnten sie damit kaum. Allenfalls torkeln. Dennoch waren die Chopinen ein Modehit.
Unvergessen auch die Schnabelschuhe des Mittelalters. Deren abstrus verlängerte Spitzen ragten bei manchem Edelmann gleich zwei Handlängen vorneweg. Mit einem Kettchen musste das phallische Konstrukt am Knie hochgebunden werden, damit die Herren nicht ständig stolperten.
Man ist versucht, Petr Hlaváček in seiner derzeitigen Lage an solche Lächerlichkeiten zu erinnern. Doch er sieht gar nicht aus, als hätte er Trost nötig. Mögen die hinter ihren Computern verbarrikadierten Studenten auch noch so feixen.
Taps, taps, taps, links, rechts, links, stapft Hlaváček tapfer über das elektrische Laufband, das in einem Gemeinschaftsbüro der Universität Zlín untergebracht ist. Oberhalb der Kniekehlen wirkt er durchaus seriös. Beigefarbene Jeans, weinrotes Hemd, geometrisch gemusterte Krawatte. Glatt rasiert, Brille. Aber selbst wenn er sich konzentriert, kann er das Schelmenhafte nicht aus seinem Blick bannen.
Der 57-Jährige hat die Hosenbeine hochgerollt und fahle Professorenwaden entblößt. Das studentische Feixen aber gilt den Gebilden, die seine Füße umhüllen. Sie ähneln einer Kreuzung aus Clownschuhen und Osternestern: klobige Körbchen aus Leder und Schnur, ausgestopft mit trockenem Gras. Wenn Hlaváček darin auftritt, raschelt es, und Heu bröckelt auf das Laufband.
Schuhe wie diese waren zuletzt in der Jungsteinzeit vor rund 5300 Jahren in Mode. Das wissen wir von einem Mann: Ötzi. Als man ihn 1991 im Eis der Alpen fand, hatte er eine Pfeilspitze in der Brust, ein Mahl aus Wildbret und Getreide im Magen und um seine Füße geschlungen die Reste von Leder und Gräsern. Sobald Hlaváček davon erfuhr, ließ er keine Ruhe, bis er Ötzis Schuhe mit eigenen Augen gesehen hatte. Er stiftete einen Kollegen an, sie für ihn nachzubauen. Und jetzt geht er darin spazieren.
Warum? Hlaváček ist besessen von Schuhen. Er ist Professor für Fußbekleidungstechnik und -hygiene im tschechischen Zlín, und Schuhe sind für ihn weit mehr als sexy Ausgeh-Accessoires oder ausgelatschte Fußwärmer – sie sind geradezu mächtige Gebilde, die über das Wohl und Wehe ganzer Kulturen mitentscheiden.
Napoleons Siegeszug durch Europa? Habe auch seinen Grund im besonders geschmeidigen Leder der französischen Soldatenstiefel gehabt, sagt der Schuhforscher. Ägyptens Niederlage im Sechstagekrieg? Lag laut Hlaváček auch daran, dass das Land elf Jahre zuvor die britischen und französischen Schuster hinausgeworfen hatte. Deswegen mussten Ägyptens Soldaten mit Stiefeln in die Wüste ziehen, deren Sohlen primitiv angenietet waren. Mit jedem Schritt heizten sich die Nägel auf und bohrten sich tiefer in den Schuh, bis es sich angefühlt haben muss, als liefen die Soldaten auf glühenden Kohlen. Als sie den Kampf aufgaben, ließen sie nicht nur schweres Gerät zurück, sondern auch Hunderte von Schuhen.
Hlaváček verbringt seine Tage damit, über Dinge wie Einlegsohlen und Druckstellen nachzugrübeln. Er leitet Forschungsprojekte, für die seine Studenten Tausende von Füßen vermessen – und so etwa feststellen, dass deutsche schneller wachsen als türkische. Er hat der Polizei bei Mordfällen geholfen, indem er das Fußwerk der Opfer identifizierte. Er kann erstaunliche Dinge aus Schuhen ablesen. Einst etwa sah er in einem Museum ein Paar Stiefel des österreichischen Generals Albrecht von Wallenstein. Aus der Art, wie die Absätze abgetreten waren, schloss Hlaváček, dass der General Syphilis hatte. Eine Knochenuntersuchung bestätigte dies später. Seine Neugier auf Schuhe treibt Hlaváček durch die ganze Welt. Er untersucht 10000 Jahre alte Sandalen aus Oregon genauso wie moderne Kunstlederstilettos made in Vietnam.
Seine Studien haben ihn von zweierlei überzeugt. Erstens: Unsere Füße sind in Gefahr. So hat in Tschechien bereits jede zweite 15-Jährige und jeder zweite 16-Jährige Füße, die von Schuhen deformiert sind. Anderswo sieht es nicht besser aus. »Und die Zahlen steigen.« Zweitens: Wenn es um fußgerechtes Schuhwerk geht, waren uns unsere Vorfahren weit voraus. Die Osternester des Ötzi? Besser als vieles, was wir an Wanderschuhen beim Outdoorspezialisten kaufen können, stellte Hlaváček in seinen Untersuchungen fest. So ist das mit Schuhen: Sie stecken voller Überraschungen.
Aber: Warum tragen wir überhaupt welche? Vielleicht deswegen, weil Schuhe unsere Füße bedecken, um sie vor kantigem Geröll, heißem Sand und frostigem Eis zu schützen? Der Gedanke liegt nahe, zumal der Mensch zu den wenigen Zweibeinern des Tierreichs zählt und seine Füße darum besonders gefordert sind.
Glaubt man Anthropologen, spielte der Wechsel zum aufrechten Gang eine Schlüsselrolle in unserer Geschichte. Zweibeinigkeit erlaubte, besser nach Feinden Ausschau halten zu können, erschloss neue Nahrungsquellen und machte die Hände frei für Werkzeuge. Das wiederum führte zu einem stetig größeren Gehirn, welches seinerseits die Basis bot für Sprache, Technologie oder Kultur. Der aufrechte Gang, schreibt der Paläobiologe Stephen Jay Gould, »war der Hauptauslöser der menschlichen Evolution«.
Biomechanisch aber ist Zweibeinigkeit eine Herausforderung – »der Unterschied, ob man einen Würfel balanciert oder einen Bleistift auf dessen Spitze«, wie es der amerikanische Fußspezialist William Rossi beschreibt. Allein zum Laufen und Stehen benötigen wir rund die Hälfte unserer Muskeln. Der Fuß selber hat davon 32, dazu kommen 107 Sehnen, 37 Gelenke und 28 Knochen. Unsere Sohlen sind bestückt mit über 200000 Nervenenden, die kontinuierlich Informationen sammeln. Ist der Untergrund flach oder uneben, hart oder federnd? Sollten wir mehr Gewicht nach rechts verlagern, weil der Stein links kippelt?
Schuhe stören dabei eigentlich nur. Sie verhindern den direkten Kontakt zum Boden und beeinträchtigen so unser Gleichgewichtsvermögen. Ihre steife Sohle mindert die natürliche Federung der Füße. Ihre Absätze verschieben den schwersten Druckpunkt des Körpergewichts von der stabilen Ferse auf den Mittelfuß, der dafür nicht ausgelegt ist und sich dadurch oft unwiderruflich senkt. Schuhe quetschen Zehen durch vermeintlich elegante Spitzen derart zusammen, dass die Sehnen kürzer werden. Schuhe sperren unsere Füße in ein oft luftdicht versiegeltes und darum feuchtes Gehäuse, in dem Bakterien und Pilze gedeihen. Und das an vielen Enden scheuert, bis Druckstellen und Hühneraugen entstehen.
Das alles schwächt die Füße. Weltweit lebt fast eine Milliarde Menschen noch immer weitgehend barfuß, und Fußärzte berichten, dass sie in solchen Regionen sehr viel seltener umgeknickte und gebrochene Knöchel sehen als in den Industrieländern. Hierzulande macht jahrzehntelanges Schuhetragen die Füße dagegen oft so steif, dass etwa ältere Menschen kaum noch die Treppe hochkommen. »Schuhe sind gefährlich«, sagt Hlaváček.
Dass seine Leidenschaft ausgerechnet in Zlín erblühte, ist kein Zufall. Die 80000-Einwohner-Kommune, 250 Kilometer südöstlich von Prag, war jahrzehntelang eine Hochburg der Schuhkultur. 1894 gründete Tomas Bata hier eine erfolgreiche Schuhfabrik – bis heute wird ein Sneaker in Teilen Afrikas »Bata« genannt. Auch nachdem die Batas vor den Nazis nach Kanada geflüchtet und die Fabriken nationalisiert worden waren, produzierten bis zu 30000 Angestellte in Zlín bis zu 60 Millionen Schuhe im Jahr. Die 16-stöckige Werkszentrale galt einmal als der höchste Wolkenkratzer Europas. Und an der Universität der Stadt – benannt nach dem Lokalhelden Tomas Bata – beschäftigte sich fast jede Abteilung in irgendeiner Form mit Fußwerk.
Doch das Abwandern der Schuhferti-gung ins billige Asien hat nicht nur viele Zlíner Fabrikshallen stillgelegt. Verzeichnete Hlaváčeks Schuhtechnologieabteilung einst bis zu 120 Absolventen jährlich, hat er derzeit gerade zehn Studenten. Im nächsten Jahr werden es wohl sechs sein. Im geräumigen Werkraum mit den altmodisch hohen Fenstern und dem zentralen Tisch ist es heute über weite Teile des Tages so still, dass man die Leuchtstoffröhren summen hört.
Einer der wenigen, der hier noch werkelt, ist Václav Gřešák, ein stiller 53-Jähriger. Er war es, der Ötzis Schuhe gemäß Petr Hlaváčeks Vorgaben möglichst authentisch nachbaute – eine überraschend komplexe Aufgabe.
Laboranalysen hatten ergeben, dass drei Sorten Leder in den Schuhen verarbeitet worden waren: Hirsch für die Haube, Kalb für die Bänder und – das war ein Problem – Bär für die Sohle. Mit einiger Mühe trieben Hlaváček und Gřešák einen Jäger in Kanada auf, der ihnen ein Bärenfell schickte. Rund 300 Euro zahlten sie ihm dafür, etwa ein Drittel eines Monatsgehalts.
Nun galt es, die Häute mit Fett zu gerben. Gřešák fand ein altes Rezept eines Indianerstammes. In seiner Hütte in den Bergen kochte Gřešák Schweinelebern aus und vermengte sie mit Schweinehirn. Den Mix strich er auf die Tierhäute. Sie stanken derart penetrant, »dass alle Fliegen aus fünf Kilometer Umkreis zusammenkamen. Minimum«, sagte Hlaváček in einem Interview. Immerhin: Nach drei Tagen war das Leder weich. Gřešák schnitt es mit einem scharfkantigen Stein in Form, nähte die Stücke mit einer Knochennadel zusammen, flocht ein Gehäuse aus Lindenbast und füllte es mit getrocknetem Gras, das er zuvor im Vorgebirge gesammelt hatte. Sechs Stunden benötigte er pro Schuh.
Hlaváček organisierte derweil eine Testexpedition, die klären sollte, wie gebirgstauglich die Ötzi-Schuhe waren. Am 17. September 2001 zog das Grüppchen von vier Personen in die Alpen. Neben Hlaváček selber war Václav Pátek dabei, ein bekannter tschechischer Bergsteiger und Designer von Kletterschuhen. Jeder Teilnehmer trug ein Paar von Gřešáks Ötzi-Replikaten.
Das Wetter war abschreckend. Der Wind toste, es herrschten Temperaturen von minus fünf Grad, und der Nebel war so dick, dass die vier tschechischen Wanderer teilweise nur zwanzig Meter weit sehen konnten. Doch tapfer kraxelten sie auf 2200 Meter Höhe, übernachteten in einer Hütte und marschierten dann noch einmal drei Stunden weiter. Sie trugen keine Socken, und abgesehen vom Heu trennten nur ein paar dünne Lederschichten ihre Füße vom kalten Gestein.
Zu ihrer Überraschung stellten sie fest, dass die dünnen Sohlen exzellenten Halt auf den Felsen boten. Das Heu verteilte sich automatisch so, dass es den Druck des Körpergewichts effizient auffing. Und die im Gras gefangene Luft sorgte für angenehm warme, aber gut ventilierte Füße.
Anfangs bemühten sich die Expeditionsteilnehmer, trockene Wege zu finden. Doch schnell erwies es sich als unvermeidlich, in Bergbäche zu steigen. Dabei offenbarten Ötzis Schuhe ihren einzigen Nachteil. Sie strömten sofort voll mit Wasser. »Aber schon nach ein paar Schritten wurde es wieder warm«, versichert Hlaváček. Krusten aus Eis überzogen die Lederhaube des Schuhs. Und aus den Ritzen dampfte die Wärme des Fußes heraus.
Labormessungen bestätigten, dass Ötzis Schuhe in Sachen Federung, Griffigkeit und Temperaturausgleich kommerziell erhältlichen Wanderstiefeln überlegen waren. Er würde in diesen Schuhen jeden Berg besteigen, verkündete Pátek.
Doch Hlaváček ist überzeugt: Ötzi – so wie wir alle – hätte eigentlich keine Schuhe gebraucht. Nicht einmal in Schnee und Eis. Männer in Tibet etwa klettern barfuß bis hoch auf verschneite Gebirgsgipfel. »Der Fuß kann sich an unterschiedlichste Klimabedingungen anpassen«, sagt er.
Hlaváček glaubt, dass Schuhe sich allein aus sozialen Gründen durchgesetzt haben. In einer Höhle in Missouri etwa entdeckten Archäologen 8000 Jahre alte Sandalen aus Bast, die individuell gestaltet schienen. Wissenschaftler spekulierten daraufhin, dass ihre Besitzer bereits damals versuchten, sich mit Hilfe ihres Schuhwerks voneinander abzusetzen. »Ein Schuh ist Teil der Person, er stützt das Image, die soziale Position«, sagt Hlaváček.
Das führt manchmal zu Schuhen, die das Laufen sogar erschweren. Eine Frau, die etwa im 16. Jahrhundert auf Chopinen durch Venedig torkelte, signalisierte ihren Mitbürgern nicht nur, dass sie sich für niemanden abhetzen muss, sondern auch, dass sie es sich leisten konnte, sich einen Bediensteten an den Ellbogen zu kommandieren. Allein dessen stützender Griff nämlich verhinderte, dass die so hoch Besohlte in den proletarischen Matsch plumpste.
Angesichts solcher Paradoxe sieht Hlaváček keine kommerzielle Zukunft für fußfreundliche Ötzi-Replikate voraus. »Man könnte sie schon bauen, aber es würde sie ja keiner anziehen.«
- Datum 29.11.2007 - 10:59 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen 06/2007
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Diese Frage sehe ich hier nicht so ganz klar beantwortet, angesichts der Passage über Ötzi, wo die Schuhe ja recht gut abschneiden. Auch: Erhöht das stete Barfussgehen vielleicht doch die Rate an Infektionen? Zieht man sich so nicht doch leicht Dornenstiche, heute wohl eher Glasverletzungen zu, die sich dann leicht infizieren können?
Was hat es eigentlich mit den MBT-Schuhen (Massai-Barfuß-Technologie) auf sich, die ja selbst sehr gut federn (wenn auch nur 1 Mio Schritte lang!), so die Gelenke (es gibt ja auch noch einige oberhalb der Fußgelenke, die ja durchaus auch von Interesse sind) schonen sollen und zudem die Beinmuskulatur stärken sollen, die dem Barfuss-Gang der Massai nachempfunden sein sollen? Wir sind, als Wald- und Steppenbewohner, vielleicht ja auch nicht so sehr gut für das ständig Laufen auf Steinböden ausgelegt - auf dem meist ja sogar die begehrten roten Teppiche liegen. Die heute noch barfuss laufenden Urvölker sind vielleicht vor allem in den Urlandschaften und auch in wärmeren Regionen angesiedelt. (Die Tscherpas scheinen hier ja dagegen zu sprechen - schwer vorstellbar, für mich überraschend, dass dies auch im Himalaja und seiner (Winter-)Kälte ohne weitere Risiken möglich ist.)
Interessant in diesem Zusammenhang vielleicht auch, dass es in der Mongolei, der mongolischen Steppe, ein nomadisches Ur-Volk gibt (wohl immer noch), welches sich nie wäscht. Ja, auch die Haut erneuert sich kontinuierlich und einmal im Monat ist die Haut dann ja (außer an Hand- und Fußsohlen) komplett ausgewechselt. Ob man dort nun aber weniger Hautprobleme hat, oder nicht eher mehr, ich weiß dies nicht, auch nicht, ob dies schon mal untersucht worden ist oder ob man sich anderweitig, mit Fetten und Ölen vielleicht, behilft und wie das bei den Tieren geht. (Ja, die Frage der Geruchsbelästigung spielt bei dieser Lebensweise und Bevölkerungsdichte wohl nicht die Rolle wie bei uns).
(Interessant in diesem kulturkritischem Zusammenhang vielleicht auch, dass es z.B. noch keinem aufgefallen ist, dass ich mir die letzten 20 Jahre vielleicht 5 Mal die Haare gewaschen habe, mit Shampoo, oder beim Friseur waschen ließ, sonst beim Duschen stets aber nur mit Wasser.) Man merkt das - bei mir - wirklich nicht (habe normale, also weder trockene noch fettige Haare, arbeite aber auch in sauberen Räumen). Die Kosmetik-Industrie wird solche Dinge wohl nicht weiter untersuchen und propagieren.)
Also: Back to the roots - ab in den Urwald....(Nur gibt es den ja kaum noch...).
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