Versuchskaninchen Respekt? Respekt!
Die ZEIT Wissen-Autorin begibt sich in die Hände der Wissenschaft, als Probandin. Dieses Mal war sie Versuchskaninchen bei Psychologen, die herausfinden wollen, wie das mit dem Respekt funktioniert.
Dass Anja blöd ist, habe ich gleich gemerkt. Das selbstbewusste Klack-Klack ihrer Pfennigabsätze, das alle aufblicken lässt. Das bimmelnde Handy in ihrer überdimensionierten Bast-Tasche. Endloses, gekünsteltes Nesteln, mehrere Seufzer und ein genervtes Augenverdrehen, das uns sagen soll: „Ich bin ja so gefragt.“ Endlich findet sie ihr Telefon, wirft mit Schwung die langen Haare in den Nacken und gurrt ein langes „Halloooo?“ in den Hörer. Anja ist eine Zicke, das steht fest.
Ich sitze an der Universität Kiel, Institut für Psychologie. Mit mir warten noch sieben weitere Personen auf Plastikstühlen. Es sind Probanden, die, genau wie ich, an einem Gruppenversuch teilnehmen sollen. Es geht um politische Mitbestimmung bei Jugendlichen, das behaupten zumindest der Psychologe Bernd Simon und seine Doktorandin Daniela Renger. Die beiden führen den Versuch durch. In Gruppen sollen wir Konzepte entwickeln, mit denen bei jungen Menschen das Interesse an Politik geweckt werden soll. Ich bin gespannt, ob das wirklich stimmt. Denn in meinem letzten Experiment habe ich schon feststellen müssen, dass Psychologen ihre Probanden ganz schön an der Nase herumführen können.
Acht Euro Aufwandsentschädigung gibt es für den einstündigen Versuch. Die Probanden sind ausschließlich Studenten, die die Pause zwischen zwei Vorlesungen nutzen, um ihr Bafög-Säckl ein bisschen aufzufüllen. So wie Anja, auch wenn die sich jetzt gerade wie eine Top-Managerin mit übervollem Terminkalender aufführt. Gestikulierend läuft sie den Gang auf und ab, den Telefonhörer zwischen Ohrmuschel und Schulter geklemmt, dabei sucht sie in ihrer Tasche noch Wer-weiß-was.
Der Versuchsleiter ruft uns in einen kleinen Raum. Wir sollen in zwei Gruppen arbeiten, sagt er. Erst einmal müssten wir aber in einer Kabine alleine Aufgaben lösen und uns dabei am Computer mit den anderen Gruppenmitgliedern austauschen. Dann sollen wir die Ergebnisse in der Gruppe diskutieren und diese am Ende den anderen und einer unabhängigen Jury präsentieren. Eigentlich ganz simpel, keiner hat Fragen, alle sind bereit schnell loszulegen und ihren Acht-Euro-Job zu erledigen. Alle, bis auf Anja. Die beendet gerade ihr Telefongespräch über die letzten Klausurergebnisse. „Tschuldigung, kannst Du das noch einmal wiederholen?“, bittet sie den Versuchsleiter mit einem großen Augenaufschlag. Anja nervt.
Ich sitze in meiner Kabine, nicht größer als eine Telefonzelle. Darin ein Tisch, ein Monitor und eine Tastatur und ein Stuhl. Es ist stickig, ein kleiner Tischventilator durchwirbelt die miefige Luft. Auf dem Tisch liegt ein Zettel: „Verbesserung der Mitbestimmung junger Menschen“ steht darauf und „Meine Vorschläge:“ von 1 bis 4 durchnummeriert. Damit ich diese später schneller am Computer eingeben könne, solle ich meine Ideen auf diesem Zettel notieren, erklärt mir der Versuchsleiter, als er noch einmal den Kopf in die Kabine steckt. Schon fühle ich mich unter Druck gesetzt. Aber ich kritzele schnell ein paar Antworten, und los geht’s mit den Aufgaben. Der Computerbildschirm blinkt auf und erwartet eine Eingabe.
Ich soll eine Test-Nachricht an meine Team-Mitglieder versenden, befiehlt mir der Computer als Erstes. Ich schreibe: „Hallo zusammen. Mal schauen, was wir da heute gemeinsam bewerkstelligen.“ Ein nette Geste zum Auflockern der Stimmung, denke ich eigentlich. Doch die Antworten meiner Mitstreiter sagen was anderes. Die erste Nachricht fällt eher karg aus, „Test, TEst, Test“, die zweite ist schon etwas netter „puhh, ganz schön warm hier.“ Und ich weiß jetzt schon: Die nette Nachricht, die kommt bestimmt nicht von Anja. Ich sehe sie förmlich vor mir, wie sie in ihrer Kabine sitzt und gelangweilt ihre Fingernägel inspiziert.
Der Computer teilt mir mit, dass ich als erste meine Vorschläge zur politischen Mitbestimmung den anderen unterbreiten soll. „Wahlrecht ab 16“, „Mitspracherecht bei Zukunftsfragen“ habe ich mir zuvor auf meinem Zettel notiert. Nichts womit man sich schmücken könnte, weder besonders innovativ, noch neu. Vielleicht haben meine Team-Kollegen ja mehr in petto. Schließlich soll das eine Gruppenarbeit werden. Schnell kommen die Reaktionen: „Ist ja nicht so einfallsreich“ und „ich frage mich, warum ich das lesen soll“. Na toll. Sind denn da draußen nur Anjas?
Auf dem Bildschirm erscheinen jetzt ein paar Fragen. Wie meine Einstellung zu der Gruppe ist, ob ich mich respektiert fühle und wie es mit meiner Bereitschaft zur Mitarbeit aussieht. All das soll ich auf einer Skala bewerten. Nach dem Dämpfer, den mir meine Team-Kollegen eben verpasst haben, weiß ich nicht so recht, was ich antworten soll. Aber okay, ich gebe nicht die schlechtesten Noten, schließlich soll ich mit denen später ja noch zusammenarbeiten. Außerdem hat ja jeder eine zweite Chance verdient.
Danach muss ich ein paar Geschicklichkeitstests machen. Dabei komme es nicht nur auf die richtigen Lösungen an, sondern auch auf Geschwindigkeit, sagt der Computer. Ich könne Punkte sammeln, die meiner Gruppe gutgeschrieben würden. In Quadraten, die von Linien durchzogen sind, soll ich nach „T's“ suchen. Es folgt ein ähnlicher Test, in dem ich die Buchstaben in langen Reihen anklicken muss, die unterstrichen sind. Trotz des Abwatschens durch meine Kollegen (oder gerade deswegen?) strenge ich mich besonders an. Nur ein klitzekleiner Fehler. Ich bin richtig stolz. Dass ich mich nicht bemühe, das können mir meine Teammitglieder nicht vorwerfen.
Dann aber die Überraschung: Der Bildschirm blinkt auf: „Vielen Dank für die Teilnahme ...“ Das Experiment sei abgeschlossen. Wie „abgeschlossen“? Es gehe gar nicht um Gruppenarbeit, schreibt mir der Computer auf den Bildschirm. Die Antworten meiner vermeintlichen Team-Kollegen seien computergeneriert. Verdattert krabbele ich aus meiner Kabine. Alles nur eine Täuschung?
Bernd Simon, der die Studie leitet, klärt mich auf. Um Mitbestimmung bei Jugendlichen, Politik und Gruppenarbeit gehe es bei dem Versuch gar nicht, sondern um Respekt. Ich erröte ein wenig, muss an meine bösen Gedanken über Anja denken.
Der Versuch würde nicht funktionieren, wenn die Teilnehmer vorher wüssten, dass gar nicht ihr Wissen um politische Mitbestimmung gefragt ist, erklärt Simon. Ist doch immer das Gleiche bei diesen Psychologen, denke ich: Erst ablenken und dann was ganz anderes untersuchen.
Was Simon und seine Doktorandin Daniela Renger, die den Versuch für ihre Doktorarbeit auswertet, machen, ist reine Grundlagenforschung. Die Erklärung des Wissenschaftlers klingt dann auch ein wenig abstrakt und philosophisch: Sie seien auf der Suche nach dem „aktiven Wirkstoff von Respekt,“ sagt Simon. Aha.
Respekt, so der Wissenschaftler, habe viele Facetten. Höflichkeit und Fairness gehören dazu, genauso wie Akzeptanz und eine positive Bewertung der eigenen Leistung. Simon geht davon aus, dass uns nicht alle Facetten von Respekt gleich wichtig sind. So vermutet er, dass beispielsweise die Anerkennung von Leistungen nicht so bedeutend ist, wie man vielleicht vermuten würde. Denn diese Form von Respekt kann auch schnell wieder entzogen werden, nämlich dann, wenn die Leistung nicht mehr stimmt. Und diese Möglichkeit habe der Empfänger immer im Kopf, so Simon.
Welcher Aspekt von Respekt nun aber der wichtigste ist, das wollen die Wissenschaftler mit ihren Versuchen herausfinden. Simon glaubt zu wissen, was der „aktive Wirkstoff“ ist. Er vermutet, dass vor allem Akzeptanz der Faktor ist, der einem das Gefühl vermittelt, respektiert zu werden. Es wird dabei die symbolische Botschaft mitgeteilt: „Du bist gleichwertig.“ Ein Attribut, das sich nicht so schnell revidieren lässt. Den Beweis für diese Annahme soll der Versuch liefern, an dem auch ich teilgenommen habe.
Simon malt mir eine Matrix mit einer Skala von eins bis drei auf: Auf der horizontalen Achse steht „Respekt“ und die drei Abstufungen „negativ“, „neutral“ und „positiv“, auf der vertikalen schreibt er das Wort „Akzeptanz“, versehen mit den gleichen Attributen. Daraus ergeben sich neun Kombinationsmöglichkeiten, in denen er die beiden Variablen gegenüberstellen kann. Seine Computer wählen per Zufallsgenerator aus, mit welcher Kombination der Proband behandelt werden soll. Im schlechtesten Fall ist das die Kombination „Null Akzeptanz“ und „Null Respekt“. Ich habe diesen schwarzen Peter gezogen – meine fiktiven Mitkollegen haben mich richtig rangenommen, mich respektlos behandelt und mir gezeigt, dass sie mich nicht akzeptieren.
Mit meinen Antworten auf die Fragen, wie ich mich behandelt gefühlt habe und ob ich bereit bin, weiter in der Gruppe mitzuarbeiten, möchten die Wissenschaftler herausfinden, wie ich es empfinde, nicht akzeptiert zu werden und ob sich diese negative Erfahrung auf meine Leistungsbereitschaft abfärbt. Die anschließenden Tests, in denen es darum ging, Aufgaben zügig zu lösen, könnten eine weitere These der Forscher erhärten: Wer von seiner Umgebung keine Akzeptanz erfahre, sei weniger leistungsfähig.
Ob meine Leistung tatsächlich unter der schlechten Behandlung gelitten hat, oder ob das Piesacken durch den Computer mich eher zur Höchstleistungen angestachelt hat, das können mir die Forscher nicht sagen. Jetzt müssen sie erst einmal Hunderte von Studenten belügen und schlecht behandeln lassen – vom Computer.
- Datum 05.06.2008 - 04:29 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen 01/2008
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren