Computer Neustart ohne Bill
Microsoft Gründer und Visionär Bill Gates zieht sich aus dem Konzern zurück. Er hinterlässt ein durch und durch gesundes Unternehmen - nur leider mit veraltetem Geschäftsmodell. Können seine Nachfolger Microsoft neu erfinden?
Auf der Pressekonferenz wirkte Bill Gates wie ausgetauscht. Diesmal nannte er Windows nicht das sicherste Betriebssystem aller Zeiten, bezeichnete seine Mitarbeiter nicht als die klügsten Köpfe der Welt. Und betonte auch nicht, dass die Ideen aus den Microsoft-Laboren die brillantesten, innovativsten oder nur schlicht die besten seien.
Am 15. Juni 2006 gab sich Gates bescheidener als sonst. Er stieg aufs Podium, stellte sich vor die große orange Wand mit dem Microsoft-Logo und versuchte die Neuigkeit herunterzuspielen. Fast beiläufig verkündete er, dass er sich in zwei Jahren aus dem Tagesgeschäft zurückziehen wolle, um sich seiner wohltätigen Stiftung zu widmen. Und als würde er sich selbst ohnehin wenig Bedeutung beimessen, ergänzte er: »Microsofts Zukunft ist glänzend wie immer.«
Tatsächlich kündigte Gates den tiefsten Einschnitt in der Geschichte Microsofts an. Der größte Softwarehersteller der Welt verliert 2008 seinen Vordenker – und sein Gesicht. Die Lücke, die Gates nach drei Jahrzehnten hinterlässt, ist so gewaltig, dass gleich zwei Männer sie füllen sollen: Ray Ozzie als Softwarechef und Craig Mundie als Chef für Forschung und Strategie. Sie sollen den Konzern wieder so innovativ machen wie früher – die alte Tante Microsoft soll gelenkiger werden.
Niemand weiß, ob das ohne Gates gelingen kann. Sicher, er hinterlässt einen kerngesunden Konzern. Umgerechnet zehn Milliarden Euro hat Microsoft im vergangenen Geschäftsjahr verdient, zwölf Prozent mehr als zuvor. Fast eine Milliarde Menschen lassen heute Windows oder Office auf ihren Computern laufen. Und auch das neue Windows Vista verkauft sich mittlerweile ganz passabel. Doch der Erfolg basiert auf einem Geschäftsmodell, das bald überholt sein könnte. Microsoft muss sich neu erfinden, will es nicht als vorübergehende Episode in die Computergeschichte eingehen.
Kurz nach der Gründung des Unternehmens orakelte Gates einmal, eines Tages werde auf jedem Schreibtisch ein PC stehen. So kam es, und Microsoft verdient bis heute an fast jedem davon mit. Nur haben die meisten Computer inzwischen auch einen schnellen Internetanschluss, und das ändert vieles. Die Ära, in der man alle paar Jahre einen Pappkarton mit einer neuen, noch massigeren Version des Betriebssystems oder der Bürosoftware kauft, neigt sich dem Ende zu.
Mehr und mehr Menschen verwenden lieber schlanke, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Onlineprogramme. Sie rufen ihre E-Mails im Webbrowser ab und speichern Daten auf virtuellen Festplatten im Netz. Auch Textverarbeitung und Tabellenkalkulationen gibt es längst im Internet. Sie sind einfach zu bedienen und stets auf dem neusten Stand. Und schließlich sind da unzählige Web-2.0-Anwendungen, die nur online denkbar sind: das Videoportal Youtube etwa oder soziale Netzwerke wie Myspace und Facebook, auf deren Seiten Abermillionen ihr digitales Poesiealbum pflegen.
Das wissen Microsofts Strategen natürlich schon lange. Aber warum haben sie sich dann nur halbherzig darum gekümmert? Während sich Tausende Entwickler fünf Jahre lang in Redmond eingeschlossen und auf das neue Windows Vista konzentriert haben, haben sie die Welt draußen aus den Augen verloren. Sie bewegt sich nicht mehr im Takt neuer Windows-Versionen, Mammutsoftware ist vom Aussterben bedroht. Vor allem Google legt jetzt ein höheres Tempo vor, bringt fast täglich neue Ideen ins Netz: den Mars-Atlas, die Taxi-Suchmaschine, Google für Blinde. Und fast immer gibt es Beifall.
Gut, man könnte argumentieren, die ganzen Googles und Youtubes sollen ihr Geschäft machen – und Microsoft mache das seine. Doch so einfach ist es nicht. Die bewährte Strategie des »schnellen Zweiten«, der gute Ideen anderer aufgreift, sie mit viel Fleiß und Geld massen-tauglich macht und teuer verkauft, geht nicht mehr auf. Das funktionierte in den 80ern, als Microsoft von Apple die grafische Oberfläche für Windows abschaute. Und in den 90ern, als es mit dem Internet Explorer die Netscape-Kopie herausbrachte. Heute aber funktioniert es nicht mehr. Microsoft hat weniger Biss, und jeder weiß es. »Früher hatte die Konkurrenz Angst und Respekt«, sagt der Zukunftsforscher Paul Saffo aus der Nähe von San Francisco, »heute hat sie nur noch Respekt – vor dem Lebenswerk«.
Zur Internet-Ära passt eine neue Strategie: Vermiete deine Programme gegen eine kleine Abogebühr oder – noch besser – verschenke sie! Auf diese Weise erreichst du so viele Menschen wie möglich und kannst viel Geld mit Werbung am Bildschirmrand verdienen.
Perfektioniert hat diese Strategie Google: erst mit seiner Suchmaschine, dann mit anderen Programmen. Der Konzern wurde zum größten Widersacher, den Microsoft je hatte. Nun dringt er immer tiefer in Microsofts Territorium ein. Erst vor Kurzem schmiedete er eine Allianz in der Mobilfunkbranche, die nun die neue Handysoftware Android weiterentwickelt, einen Konkurrenten für Windows Mobile. Das Bedrohliche: Google will mit Android nicht direkt Geld verdienen, es möchte Werbung auf Millionen Telefondisplays bringen.
Kein Unternehmen hat so viel zu verlieren wie Microsoft. Ray Ozzie, Craig Mundie und Microsoft-Chef Steve Ballmer haben die härtesten Jobs, die es derzeit in der Softwarebranche gibt. Sie stecken in einer Zwickmühle: Einerseits wollen sie ihr altes Geschäft retten, vier Fünftel des Gewinns macht Microsoft mit Windows und Office. Andererseits müssen sie vielleicht einen Teil davon opfern, um im Werbegeschäft mitzumischen. Die Reaktion auf das Dilemma klang lange trotzig: Software im Netz könne lokale Programme nicht ersetzen – schließlich brauche man ja auch eine Textverarbeitung, wenn gerade kein Internetanschluss in der Nähe ist.
Das stimmt zwar, aber so langsam dämmert auch Microsoft, dass es gar nicht darum geht, ob die Offline- oder die Onlinewelt siegt. Die große Frage ist, wem es zuerst gelingt, beide zu einen. Es könnte Google sein, wenn es mit der Open-Source-Gemeinschaft paktiert und seine Onlinedienste mit deren kostenlosen PC-Programmen verschmilzt – dass Open-Source-Programme Microsoft das Leben schwer machen können, haben schließlich schon Linux und Firefox bewiesen.
Es könnte aber auch Microsoft sein, falls es die Kurve kriegt und Teile seiner Evergreens ins Netz stellt. Alle Blicke richten sich nun auf Ray Ozzie. Der neue Softwarechef hatte einst Lotus Notes erfolgreich gemacht – eine Datenbank, mit der sich Teams online vernetzen können. Zwar propagiert Ozzie unter den Namen Windows Live und Office Live bereits eigene Dienste im Netz, die Googles Angeboten ähnlich und manchmal sogar besser sind. Ein Word für unterwegs zum Beispiel fehlt jedoch. Fürchtet Ozzie die eigene Courage?
Aber selbst wenn Microsoft alles riskieren und den Einstieg in die Werbefinanzierung wagen würde, wäre es nicht automatisch der Sieger. Denn die Firma hat ein Problem: Sie ist nicht mehr hip. Sie ist so etwas wie der Thomas Gottschalk der Softwarebranche. Der erreicht mit seiner alten Show zwar noch ein Rekordpublikum, eine neue würde man ihm aber nicht mehr zutrauen.
Zwar behauptet Chefstratege Craig Mundie, zu viel Coolness wäre ohnehin hinderlich, schließlich mache Microsoft ja auch Geschäfte mit Behörden und Großkonzernen – und die liebten es nun mal seriös. Doch ist das eben die alte Denke. Wer mit dem Internet Geld verdienen will, muss ein Star sein, sonst bekommt er keine Aufmerksamkeit. Und auch in der Unterhaltungselektronik ist Coolness gefragt – in einem Bereich, den Microsoft jetzt mit aller Macht erobern will. Apple hat vorgemacht, wie einträglich die Verbindung von iPod und Online-Musikshop ist. »Microsoft wird Apple auch mit der neuen, zweiten Version der Zune-Player nie einholen«, sagt der Technologieexperte Marc Stahlman von Gartner Invest, »aber es hat eine Chance, wenn in der nächsten Runde das Online-Filmgeschäft aufgeteilt wird.«
Schließlich ist Coolness auch wichtig, um neue Talente anzulocken und alte zu halten. Ohne Frage arbeiten großartige Entwickler mit großartigen Ideen für Microsoft. Das weiß jeder, der einmal das Großraumbüro des neuen Robotik-Teams auf dem Campus in Redmond besucht hat. Zwischen getunten Staubsaugern und Plüschrobotern forscht hier ein Dutzend Menschen an den Maschinen von morgen, überall wimmelt und rattert es. Die Bedingungen sind ideal, jährlich gibt Microsoft rund fünf Milliarden Euro für Forschung aus.
»Doch irgendwo zwischen Labor und Markt bleiben viele Ideen auf der Strecke«, sagt IDC-Analyst Rüdiger Spies, »Microsoft ist eine schwerfällige Organisation.« Es klingt paradox, aber ausgerechnet das, was viele Microsofties schätzen, erweist sich als Flaschenhals: Es gibt unzählige Treffen. Jeder darf mitreden, alles zerreden. Ozzie und Mundie werden aufräumen müssen.
Zumindest ein Treffen wird es bald nicht mehr geben: den Bill Review. Wann immer Microsoft an einem neuen Produkt arbeitet, eines Tages werden die Entwickler in den Gates-Flügel in Gebäude 34 bestellt. Gates ist berüchtigt dafür, seine Untergebenen zu grillen, bis jede Unklarheit beseitigt ist. Was er für ausgemachten Schwachsinn hält, tut er lautstark mit
»fuck!«
ab. Schon manche Karriere scheiterte an zu vielen
fucks.
Vielleicht sind es aber ja ausgerechnet diese Treffen, die Microsoft nun dringender braucht als je zuvor.
Der Microsoft-Gründer tritt ab. Ein Erinnere Dich-Spiel »
- Datum 09.01.2008 - 05:09 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen 01/2008
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.. und hoffentlich hat es sich dann mit Microsoft auch bald erledigt.Allein die illegale Unterwanderung der "International Organization for Standardization" mit Microsoft-Vasallen, die dafür sorgen sollen, dass das proprietäre und überflüssige OOXML-Format von MS doch noch ISO-Weihen erhält untersteicht die schmutzigen Praktiken des Unternehmens.Aber wie der Autor richtig schreibt, die Zukunft wird von Diensten und nicht von einzelnen Betriebssystemen oder Anwendungen bestimmt. Insofern darf man sich sehr wohl fragen, ob der Wert eines vollwertigen Windows überhaupt über 20 € liegen dürfte.Jeder, der eine Weile mit Linux gearbeitet hat wird sich bei der nächsten Windows-Benutzung wundern, das man für so ein Krüppel-System überhaupt noch Geld bezahlen muss - allein die Orgien mit dem Hoch- und Runter-fahren nach jedem möglichen Update/Installation - zum Totlachen ..Nein, für die 100-1000 € erhält ein Kunde tatsächlich nichts, was diesen Preis rechtfertigen könnte - und muss zudem noch viel Zeit in die vielen Eigenwilligkeiten des Systems investieren.Gut, dass wir Gates los sind!F. Mayer
OpenOffice ist doch schon jetzt mehr als ausreichend und sogar besser als MS-Office.
In der Entwicklergemeinde sieht es nicht anders aus: Eclipse, Java, UML2.0, MDA alles wird mittlerweile so groß und komplex, weil es eine kritische Innovationsmasse erreicht hat, die Ideen geradezu explodieren läßt, daß ein einzelnes Unternehmen dagegen gar nicht konkurrieren KANN.
So steckt MS in der Sackgasse. Apple degegen konnte sich frühzeitig retten. Zwar sind auch deren Produkte oftmals nicht wirklich besser, aber das Marketing ist dermassen ausgfuchst, daß die Produkte schlicht als besser wahrgenommen werden. Selbst wenn Steve Jobs nur Blähungen hätte, würden die wohl bei heute, Tagesschau, RTL News , Spiegel, Zeit, Focus, etc. als "innovativste Dinner-Rezepte aller Zeiten, Revolution im Gewürzgeschäft" umsonst in den News verbreitet werden, und die Leute stehen am nächsten morgen ab 4 Uhr nachts Schlange , um die Rezepte zu erhaschen, weshalb am nächsten Tag dann gleich noch mal darüber berichtet werden würde und noch mehr Leute anstehen.....
Derart hip ist MS nunmal nicht und auch nie gewesen. Hier ging es immer darum, so viel Komfort und Freiheit für den User wie nur möglich zu geben, damit er aber genau in einem wichtigen Punkt doch noch an der "Nadel" bleibt, weil die weiter unter der Kontrolle von MS bleibt.
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