Der Psychologe Roy Baumeister von der Florida State University hat mit ganz unterschiedlichen Experimenten gezeigt, dass es für das Gehirn ein regelrechter Kraftakt ist, Gewohnheiten oder Verlockungen zu widerstehen. Bei einer dieser Untersuchungen bat er Versuchspersonen in einen Raum, in dem frisch gebackene, duftende Kekse auf dem Tisch standen. Allerdings durfte nur die eine Hälfte der Probanden davon kosten. Die andere sollte wegen eines angeblichen Geschmackstests Rettich essen, der daneben lag. Sie blieben standhaft, auch wenn sie noch so gierig nach den Plätzchen schielten.

Baumeister ließ nun beide Gruppen an einer (in Wirklichkeit nicht lösbaren) Denkaufgabe tüfteln. Und während die Rettichgruppe im Schnitt schon nach neun Minuten aufgab, hielten die in ihrer Selbstbeherrschung noch geschonten Keksesser doppelt so lange durch.

Offenbar ist Disziplin wie Muskelkraft erschöpfbar – und nach Höchstleistungen vorerst verbraucht. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir an größeren Veränderungsvorhaben wie Diäten scheitern. Kraft für dauerhafte Veränderung verspricht vor allem die Strategie der kleinen Schritte: realistisch bleiben, nicht zu viel auf einmal verändern wollen, gut erreichbare Zwischenziele stecken, sich für jeden noch so kleinen Teilerfolg belohnen. Die neue Erfahrung prägt sich schneller ein, wenn sie direkt mit guten Gefühlen verknüpft wird. Gerade diese innere Bestärkung, der Genuss der eigenen Leistung ist einer der wichtigsten Motivationsfaktoren und das Geheimnis derjenigen, die Veränderung erreichen. Ihnen hilft die Gewissheit, ihr Ziel aus eigener Kraft erreicht zu haben und auch das nächste erreichen zu können. Manche schöpfen diese Sicherheit schon aus den ersten Erfahrungen ihres Lebens und tragen sie in ihrer Persönlichkeit verankert in sich. Noch vor der Entscheidung zur Veränderung steht aber die Frage, ob der Wandel wirklich Herzenswunsch ist – oder nur den Ansprüchen anderer, womöglich einer Mode entspricht. "Was sich der Veränderung in letzter Instanz entgegensetzt, ist nicht mein bewusster Wille", sagt Gerhard Roth, "sondern vielmehr das unbewusste Selbst auf der limbischen Ebene" – und damit auch das innere Kind. "Dies ist diejenige Instanz, die sich fügen muss, falls es überhaupt zu Veränderung kommen kann." Der Motivationstrainer und Psychologe Jens-Uwe Martens sagt: "Dieses Hindernis lässt sich nicht überwinden, ohne sich über die eigene Einstellung klar zu werden: Was erwarte ich von mir, was ist wirklich wichtig? Und passen meine Ziele dazu?"

Sind die Antworten auf diese Fragen gefunden und festigen sie den Entschluss zur Veränderung, ist nichts so wirksam wie der sofortige Trainingsbeginn. "Die Entscheidung legt die Zigarette nicht unangezündet wieder in die Schachtel zurück", schreibt der Psychotherapeut Stephan Peek in seinem Buch Woher kommt die Kraft zur Veränderung?. "Die Erkenntnis schiebt den Fuß morgens noch nicht zur gewünschten Zeit aus dem Bett, und sie macht auch nicht den Mund auf, um endlich das zu sagen, was ich schon lange einmal loswerden wollte." Dazu müsse man die Hand, den Arm oder den Mund schon in Bewegung setzen: "Ich muss es tun."