Medizin in Afrika So fern und doch so nah
In Uganda können die Ärzte kranken Kindern nur mit einfachen Mitteln helfen, in Deutschland wird mit modernen Maschinen und teuren Medikamenten behandelt. Was auf den ersten Blick unvergleichbar scheint, hat jedoch überraschende Parallelen
Wenn alles vorbei ist, landet ein Zettel in einer Pappschachtel. In der Box wurden einmal Gipsbinden aus Deutschland angeliefert, jetzt kommen die Krankenbögen der Verstorbenen hinein. Die Schachtel ist fast voll. In weniger als einem Monat sind im St. Mary’s Hospital Lacor im Norden Ugandas 19 Kinder an Lungenentzündung gestorben, 15 durch Malariaschübe, und 11 erlagen einer Blutvergiftung. Es riecht säuerlich nach Schweiß, das Schreien und Wimmern von mehr als 200 Kindern erfüllt die Luft.
Der Arzt Opio Martin Otyek untersucht auf der kleinen Intensivstation Sylvie. Sie ist zwei Wochen und sechs Tage alt. Ihre Haare sind nass geschwitzt, ihr Brustkorb hebt und senkt sich in kurzen Abständen. Das Mädchen muss sich noch immer ins Leben kämpfen – in seiner Lunge haben sich Bakterien ausgebreitet. Die nächsten Tage werden über Sylvies Schicksal entscheiden.
6000 Kilometer nordwestlich, kurz nach der Morgenvisite im Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg. Draußen fröstelt es, drinnen hält die Elektronik für den kleinen Max einen transparenten Brutkasten auf konstant 36 Grad Celsius. Max ist zu früh geboren. Über Plastikschläuche gelangen Nahrung, Sauerstoff und Medikamente in den winzigen Körper. Max wird sehr wahrscheinlich überleben.
In Deutschland und in anderen reichen Ländern geben Ärzte Kindern, die deutlich zu früh geboren wurden, einen Stoff namens Surfactant. Diese körpereigene Substanz wird erst ab der 30. Schwangerschaftswoche gebildet, sie hält die Lungenbläschen der Neugeborenen offen. Ohne Surfactant sterben viele Neugeborene. Seitdem Ärzte das Mittel verabreichen können, haben sich die Chancen für die frühgeborenen Kinder drastisch verbessert.
Doch Surfactant ist teuer. Zu teuer für die meisten Krankenhäuser in Afrika. Und so zeigen zwei Zahlen den Unterschied zwischen einem europäischen Land wie Deutschland und einem afrikanischen wie Uganda: »Ab der vollendeten 23. Schwangerschaftswoche haben die Kinder hier eine reelle Überlebenschance«, sagt Axel Hennenberger, Oberarzt der Intensivstation im Wilhelmstift. »In Afrika ist die 32. Woche wohl das Äußerste.«
Auf den ersten Blick scheint alles wie gewohnt. Hier die gut ausgestattete deutsche Klinik, in der Geld keine Rolle spielt, in der Ärzte dank teurer Medikamente und Apparate selbst Kindern mit schwersten Krankheiten das Leben retten. Dort das karge, überfüllte afrikanische Hospital, in dem die Krankheiten die Möglichkeiten schnell überfordern. Im Vergleich mit einem Kind aus dem reichen Deutschland ist das Risiko für Sylvie aus Uganda 25-mal höher, das fünfte Lebensjahr nicht zu erreichen.
Arme Ugander, glückliche Deutsche? Wer genauer hinsieht, dem bietet sich ein differenzierteres Bild. Was so unvergleichbar erscheint, hat überraschende Parallelen. In beiden Ländern ließen sich Leiden von Kindern verhindern und Kosten sparen, wenn Eltern und Angehörige – und hierzulande auch Jugendämter – über manche Krankheiten besser aufgeklärt wären. Hier wie dort werden Krankenhäuser zu sehr als Reparaturbetriebe verstanden, zuständig für die Gesundheit wie die Autowerkstatt für einen kaputten Motor.
Mitunter offenbart sich sogar eine verkehrte Welt. In Uganda ist der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft stärker als in Deutschland. Dass ein Kind stirbt, weil es von den Eltern vernachlässigt wurde wie zuletzt die fünfjährige Lea-Sophie in Schwerin, scheint dort unvorstellbar. Und so widerlegt auch der Vergleich einer ugandischen und einer deutschen Kinderstation so manches Klischee.
Er lässt erahnen, wo Entwicklungspolitik dort und Sozialpolitik hier ansetzen müsste, um die medizinische Versorgung zu verbessern. Und er zeigt: Das Wissen darüber, wann ein Kind wirklich Hilfe braucht, ist nicht zwangsläufig eine Frage von Reichtum und Wohlstand.
Im Raum direkt neben dem Schwesternzimmer im Lacor Hospital sind durch eine große Glasscheibe sechs Kinder zu sehen – mehrere teilen sich ein Bett. Für sie ist vor allem eines überlebenswichtig: Sauerstoff. Sie leiden an einer schweren Lungenentzündung oder einer Malaria, die ihre sauerstofftragenden roten Blutkörperchen zerstört. Für sie kann Sauerstoff den lebensrettenden Unterschied bedeuten. Doch woher nimmt man das wertvolle Gas, wenn der konstante Nachschub aus der Hauptstadt Kampala nicht gesichert ist?
Ein Brummen liegt in der schwülwarmen Luft. Graue Konzentratoren, so groß wie eine Kühlbox, saugen die Umgebungsluft an und filtern den Sauerstoff heraus. An jedem Gerät verteilt ein Plastikaufsatz das Gas an jeweils vier kleine Patienten. Einer der dünnen Plastikschläuche führt auch zu Sylvies Nase. »Wir brauchten eine für Afrika angepasste Technik«, sagt Raymond Towey, der britische Gast-Anästhesist. Als die Preise für die Geräte auf 2000 Dollar sanken, kaufte der britische Arzt gleich ein ganzes Dutzend Aggregate. Sie dienen nicht nur als Sauerstoffspender, mit ihrer Druckluft lassen sich auch einfache Narkosegeräte antreiben.
Das Beispiel zeigt, dass es nicht immer Hightech sein muss. Oft reicht eine pragmatische Idee, um die medizinische Versorgung an westliche Standards zumindest anzunähern. Umgekehrt gilt: Selbst die beste Technik ist kein Garant für gute Gesundheit. Manchmal fehlt es an etwas ganz anderem.
Im Wilhelmstift sorgt ein ganzer Maschinenpark auf der Intensivstation dafür, dass selten ein Patient stirbt. Und trotzdem macht sich Hennenberger Sorgen. Er spricht von »vollgekifften« Müttern, die ihr Kind abgeben und sich dann nicht mehr sehen lassen. Und er deutet auf ein 800 Gramm leichtes Baby, das in seinem Brutkasten strampelt. »Eigentlich wäre es besser, wenn die Mutter da wäre und das Kind auf ihrem Busen läge. Decke darüber, und alles wäre gut«, sagt Hennenberger. »Aber leider sind die sozialen Verhältnisse schwierig. Das Kind bekommt kaum Besuch. Zu Hause wacht der strenge türkische Ehemann darüber, dass die Frau nicht allein aus dem Haus geht. Und die Schwiegermutter hat keine Lust, vor die Tür zu gehen.«
Die Intensivstation rettet das Leben der Kinder, gut geht es ihnen deshalb noch lange nicht. Immer wieder zeigt sich, dass Intensivstation und Krankenhaus nur die letzten Glieder sind. Viel wichtiger sind die Eltern. Nur sie können verhindern, dass das Kind überhaupt krank wird. Und sie müssen im Ernstfall entscheiden, ob sie das Kind selbst behandeln oder es besser behandeln lassen. Es ist ein Prozess, der von Bildungsstand, Erfahrungen und Kultur abhängt.
Oft wird in Deutschland auch versucht, mit teurer Medizin gesunden Menschenverstand zu ersetzen. Ist ein Kind etwa mit einem speziellen Erreger der Hirnhautentzündung infiziert, kommt ein Stoff namens Protein C zum Einsatz. »Die Flasche ist so groß«, sagt Hennenberger und deutet mit den Händen die Dimension einer Milchtüte an, »die Menge ist für Erwachsene gedacht. Weil wir aber für die Kinder nur zehn Prozent davon brauchen und der Rest sich nicht hält, werfen wir ihn weg.« Die Behandlung mit dem teuren Medikament kostet 20000 Euro, die Sterblichkeit lässt sich damit um bis zu 15 Prozent senken – unbestritten ein großer und wichtiger Erfolg.
Allerdings könnte man durch eine einfache Methode noch mehr Todesfälle durch Hirnhautentzündungen verhindern und vielen Kindern unnötiges Leid ersparen. Hennenberger verweist auf den Kinderarzt Andrew Pollard von der University of Oxford. Er hat in Großbritannien eine massive Aufklärungskampagne in allen Krankenhäusern, Praxen, Notarztstellen und in der Öffentlichkeit initiiert. »Wenn dort ein Kind Nackensteife und Einblutungen hat, wird es jetzt rasend schnell in die Klinik transportiert«, sagt der Hamburger Arzt. Die Sterblichkeit an Hirnhautentzündung sank so auf fünf bis zehn Prozent – in Deutschland beträgt sie noch immer 20 bis 30 Prozent. Allein durch eine Aufklärungskampagne ließe sich auch hierzulande der Effekt der teuren Protein-C-Therapie erreichen. Nur weil ja genug Geld vorhanden ist, denkt kaum jemand darüber nach.
Es ist später Vormittag. Der Reihe nach treten die Frauen an den Holztisch auf der Veranda des Gesundheitszentrums Amuru und strecken dem Medizinstudenten Kenneth Omona wortlos ihre kranken Säuglinge entgegen. Manche Babys schreien, viele geben gar keinen Laut mehr von sich. Omona stellt geduldig immer dieselben Fragen, drückt kurz das Stethoskop auf den Brustkorb der kleinen Patienten, legt die Hand auf ihre Stirn, betastet den Bauch und klappt ein Unterlid der Kinder herunter. Ist die Schleimhaut sehr blass, notiert Omona »Anämie«. Das verschlechtert die Prognose der Krankheiten, die er sonst noch auf den zerknitterten Zetteln vermerkt: Malaria, Lungenentzündung oder Durchfall – und nicht selten alles zusammen.
Viel wäre schon gewonnen, könnte man die Malaria zurückdrängen. Und so schärft man jeder Schwangeren ein, dass sie ihr Kind in der Nacht unter ein Moskitonetz legen soll, das man ihr mitgibt. Es ist eigentlich der richtige Ansatz: einzugreifen, bevor es zu spät ist, bevor die Kinder an Malaria erkrankt sind und in den Kliniken nur noch mit sehr viel Aufwand und oft bescheidenem Erfolg behandelt werden können.
Doch die Zahl der Malariafälle ist nicht entscheidend gesunken. Ja, sagt eine Mutter nach der anderen, sie habe ein kostenloses Moskitonetz erhalten. Und, ja, sie benutze es auch. Doch ein Blick in die Rundhütten offenbart: In neun von zehn Behausungen hängt keines. »Die Netze«, weiß der Leiter des Gesundheitszentrums, Francis Ottange, »werden oft verkauft für etwas Seife, ein paar Zwiebeln oder Tomaten.« Die Verteilung von Netzen allein reicht nicht, nützlich wäre die Beigabe von Dingen des täglichen Bedarfs, für die die Mütter kein Geld haben.
In der Nähe des Gesundheitszentrums ist ein weiteres Beispiel zu besichtigen, wie man mit einfachen Maßnahmen viel Leid verhindern könnte. Anstatt ständig Kinder mit blutigen und wässrigen Durchfällen zu behandeln, wäre es nützlicher, die große Rinderherde zu verlegen, die nur wenige Meter neben dem Vertriebenenlager Amuru mit seinen 24000 Bewohnern steht.
Die umherschwirrenden Fliegen kontaminieren das Trinkwasser mit Keimen. »Die Herde stört mich schon lange«, sagt Ottange. Er habe versucht, die Gemeinde dazu zu bewegen, die Tiere außerhalb des Lagers zu halten, aber ohne Erfolg. »Die politischen Führer wollen das nicht«, sagt Ottange. Erst kommen eben die eigenen Interessen, dann eine vernünftige Gesundheitsplanung für die Gemeinschaft.
Also bleiben Durchfälle bei den Kleinen ein Dauerzustand. Zudem wissen die Frauen nicht, dass ein Kind mit Durchfall viel Flüssigkeit benötigt. Deshalb hat das Lacor Hospital alle Hände voll zu tun, und obwohl es eines der besten Krankenhäuser im Land ist, erleben bis zu 20 Prozent der Kinder das fünfte Lebensjahr nicht.
Im Wilhelmstift in Hamburg sitzt etwas verschüchtert Alisa, zehn Jahre alt, leicht übergewichtig. Sie hat unerklärliche Bauchschmerzen. Immer wieder zwickt es. Die Diagnose ist schnell gestellt: harmlose Magen-Darm-Beschwerden.
Wie die meisten anderen Kinder an diesem Abend schicken die Ärztinnen auch Alisa wieder nach Hause. Die Eltern haben übervorsichtig reagiert – wie so oft. Trotz der guten Ausstattung gibt es in Hamburg ein ähnliches Problem wie in Uganda: Die Eltern haben kein Gefühl dafür, wie es ihren Kindern geht. »Sie können überhaupt nicht mehr abschätzen, was eigentlich Krankheit ist«, sagt die Ärztin Elisabeth Korcsak-Gorzo. Einerseits warteten Eltern eines völlig erschöpften Kindes mit Bronchitis fünf Tage, bis sie in die Klinik kommen, während andere die Ambulanz schon aufsuchten, wenn das Kind nur eine leicht erhöhte Temperatur habe. Und so sitzen auch an diesem Abend auf den Liegen in den Aufnahmeräumen propere, breit grinsende Säuglinge wie aus der Zwiebackwerbung, die ein paar Mal dünnen Stuhl hatten – mehr nicht. Die größte Schwierigkeit für die Ärztinnen besteht darin, unter lauter Lappalien nicht den einen schweren Fall zu übersehen.
Eine gute Intensivstation und das neueste technische Gerät, das ist offensichtlich, reichen nicht. Wer Kinder gut versorgen will, muss schon weit vor den Krankenhausmauern damit anfangen. Mit Aufklärungskampagnen, Sozialarbeit, Gemeindeschwestern, die alle Familien kennen. Im Hamburger Wilhelmstift möchte man das jetzt versuchen. Mit dem Projekt »Babylotse« will der Kinderarzt Sönke Siefert Familien in schwierigen sozialen Verhältnissen nach der Geburt eines Kindes zur Seite stehen, sie begleiten und frühzeitig Probleme identifizieren. Anderswo in Deutschland gibt es kein Geld für so etwas. Das Land ist so reich, dass man sich Fehler leisten kann. Im Notfall werden sie eben teuer behandelt.
Auch Opio Martin Otyek im Lacor Hospital muss ausputzen, was an anderer Stelle schieflief. Nur dass hier Probleme außerhalb des Krankenhauses viel häufiger tödlich enden. Er deutet auf einen sehr stillen Säugling, das drei Monate alte Mädchen Lucky Ange. Lucky ist fiebrig, der Nacken steif, wie bei einer Hirnhautentzündung, ihre Lungen klingen entzündet. Auf der Brust des Kindes sind zwei Schnitte zu erkennen. »Tea Tea«, sagt Otyek, »ein Medizinmann ritzt den Patienten mehr oder minder tief. Ist es die Lunge, sind die Schnitte über der Brust, ist es der Magen, sind sie über dem Bauch.«
Ebino heißt die Prozedur: Sie trägt oft zur Blutarmut bei, die Wunden infizieren sich. Zudem verzögert die Zwischenstation beim Medizinmann die Einlieferung ins Krankenhaus. »Die Narben von Lucky waren ungefähr fünf Tage alt«, sagt Otyek, »das Kind hat jetzt keine guten Chancen mehr.« Nur wenige Stunden später liegt Luckys Krankenakte an oberster Stelle in der Pappschachtel. »Died at 7:45 pm« steht quer über das Blatt geschrieben.
Auch in Deutschland sorgen mythische Vorstellungen mitunter für ernste Gesundheitsprobleme. Es kursiert die Angst vor Impfschäden. Überall kommt es deshalb zu Krankheitsausbrüchen. »Wir hatten hier in Ahrensburg ein paar Masernfälle, weil die Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen wollten. Ein Kind hatte deshalb sogar eine Lungenentzündung«, sagt Axel Hennenberger. Dass Masern zu Lungen- und Hirnentzündungen und zum Tod führen können, haben die Eltern nie aus eigener Anschauung erfahren.
Im Norden Ugandas liefen die Impfprogramme selbst in den Kriegswirren. Masern sind so gut wie ausgerottet, Polio ebenfalls. Jeder in der Gegend weiß noch, wie gefährlich Masern sein können. Die Eltern reisen auch aus großen Entfernungen für die Impfungen an. Mit Erfolg: Die Isolierstation für die Masernfälle im Lacor ist schon seit ein paar Monaten geschlossen. »Es ist eben nicht alles schlecht für die Kinder von Gulu«, sagt Opio Martin Otyek.
Seine kleine Patientin Sylvie hat die Lungenentzündung überstanden. Sie liegt inzwischen ohne Sauerstoffschlauch in den Armen ihrer Mutter.
- Datum 01.04.2008 - 06:55 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen Magazin
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