Antidepressiva Gefährliche Helfer

Medikamente gegen Depressionen sollen die Biochemie der Psyche wieder zurecht rücken. Ob sie das wirklich können oder gar müssen, das wird sogar von Ärzten bezweifelt

Der Botenstoff Serotonin hat eine erstaunliche Karriere als Glückshormon hingelegt. Maßgeblich beteiligt daran waren Werbemaßnahmen für Medikamente. Seit 1965 verdächtigen Ärzte einen niedrigen Serotonin-Spiegel im Gehirn, für Depressionen verantwortlich zu sein. Doch die große Zeit des Botenstoffs begann in den 80er Jahren. Damals wurde eine neue Art von Antidepressiva entwickelt, die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI, berühmt wurde vor allem Prozac, in Deutschland unter dem Namen Fluctin im Handel). Diese sollen verhindern, dass die Nervenzellen im Gehirn das ausgeschüttete Serotonin zu schnell wieder aufnehmen.

Auf der deutschen Internetseite des Pharmaherstellers Pfizer steht nach wie vor: »Bei einer Depression besteht ein Mangel an Sero-tonin.« Doch dies konnte bis heute keine Studie nachweisen . Manche Depressive haben sogar einen höheren Serotonin-Spiegel als Gesunde. Was ein normaler Wert ist, weiß ohnehin niemand. Außerdem dauert es in der Regel mehrere Wochen, bis die SSRI bei Patienten Wirkung zeigen, obwohl die Wiederaufnahme-Hemmung schon nach den ersten Tabletten einsetzt.

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Viele Forscher vermuten inzwischen, dass Serotonin nur indirekt mit der Depression zu tun hat. Die irische Medikamenten-Aufsichtsbehörde jedenfalls untersagte 2003 einem Pharmahersteller, in Informationsbroschüren zu behaupten, das Antidepressivum korrigiere ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn.

Womöglich überschätzten auch die Ärzte die Wirksamkeit von Antidepressiva, heißt es im aktuellen Arzneiverordnungs-Report, in dem die in Deutschland am häufigsten verkauften Medikamente unter die Lupe genommen werden. Bei leichten Depressionen konnte bisher nicht eindeutig belegt werden, dass sie entscheidend besser wirken als Placebos. Sport war in einigen Studien ähnlich effektiv, ebenso wie spezielle Massagen.

In den neuen Leitlinien zur Behandlung der Depression werden Medikamente bei leichten Fällen deshalb nicht mehr empfohlen. Doch auch einige deutsche Wissenschaftler befürworten den Einsatz bei »unterschwelligen« Depressionen, also bei Menschen, die weniger als die zur Diagnose einer leichten Depression geforderten vier Symptome haben.

 Angesichts der Nebenwirkungen ein gefährlicher Rat. Zu den häufigsten gehören Störungen der Sexualfunktion, Schlaflosigkeit, Übelkeit oder Durchfall; nehmen Frauen die Medikamente während der Schwangerschaft, erhöht sich das Risiko von Fehlbildungen. Besondere Beachtung fand in den vergangenen Jahren das erhöhte Suizidrisiko: Vor allem bei Kindern und Jugendlichen zeigten Studien einen so hohen Anstieg der Selbsttötungsversuche während der Tabletteneinnahme, dass die Hersteller in den USA inzwischen auffällige Warnhinweise auf die Beipackzettel drucken müssen. Hinzu kommen Symptome, die nach plötzlichem Absetzen der Antidepressiva auftreten, wie innere Unruhe und Spannung, Reizbarkeit, Angstzustände, Appetitverlust. Die Medikamente müssen deshalb mit langsam reduzierten Dosierungen »ausgeschlichen« werden. 

 
Leser-Kommentare
  1. Na also, es geht doch. Angesichts der stellenweise äußerst tendenziösen Art und Weise, wie in Zeit Wissen über Depressionen berichtet wurde ist das ja noch recht neutral formuliert. SSRIs helfen also nicht bei leichten Depressionen. Was lernen wir daraus? SSRIs sind keine Glückspillen für jedermann, sondern wirken nur bei schwer depressiven Menschen. Aus der klinischen Praxis weiß man, dass die meisten Depressiven die in Behandlung sind eine deutliche Verbesserung ihres Zustands unter SSRIs spüren. Das könnte daraufhinwiesen, dass die Mehrheit der Menschen die wegen Depressionen behandelt werden tatsächlich schwer krank sind. Wer hätte das gedacht!Damit dürften jetzt zwei Thesen, die ja auch in der Berichterstattung von Zeit Wissen aufscheinen, vom Tisch sein: 1. SSRIs sind lustige Drogen für Hinz und Kunz und werden von den Betroffenen vor allem wegen des Spaßfaktors konsumiert. 2. Depressive Menschen bilden sich ihre Krankheit mehrheitlich nur ein, nur ganz wenige sind wirklich betroffen.

    • Cranus
    • 27.02.2008 um 16:21 Uhr

    Logisch hat nicht jeder ein Serotoninmangel, nur weil er depressiv ist. Man sollte lieber versuchen, die Biochemie auf normalen Weg wieder zur regulieren, z.B. mit einer Zuführung der Mikronährstoffe die wirklich fehlen. Bestimmte Aminosäuren sind wichtig für die Bildung von Botenstoffen. Dazu muss man dann natürlich eine Laboranalyse machen. 

  2. Trotz berechtigter Kritik an der Werbemaschine der Pharma-Industrie: Die neue Übersichtsarbeit von Erick Turner und Kollegen im Fachblatt New England Journal of Medicine zeigt eine Wirkung der Antidepressiva - auch wenn der Effekt geringer ist als angenommen. Mit Ihrem Beitrag werden Sie viele Menschen verunsichern, die diese Medikamente einnehmen.

  3. "Der Botenstoff Serotonin hat eine erstaunliche Karriere als Glückshormon hingelegt". Schon der erste Satz ist grundfalsch. Serotonin ist kein Hormon, sondern ein Botenstoff. Er findet sich im Nervensystem an verschiedenen Stellen, auch im Verdauungstrakt. Auch in den Blutplättchen, die zur Gerinnung beitragen. Auch in Einzellern. So ist es medizinterminologisch festgelegt. Das Wort "Glückshormon" findet sich am häufigsten in Presse und Medien. Journalisten schreiben unkritisch voneinander ab. Frau Schnurr hält sich einerseits nicht an diese wissenschaftliche Klassifikation, andererseits fabuliert sie drauflos und sagt nicht, wie ihr eigenes Weltbild aussieht. Funktioniert so Kommunikation? Wir sollten doch wenigstens ein gemeinsames Begriffssystem verwenden oder definieren, wie wir welche Begriffe interpretieren.Allerdings sprechen die Patienten, die solche Medikamente einnehmen, oft von einer wiederhergestellten Lebensfreude, von dem Glück, wieder so zu sein wie früher. Das betrifft Menschen mit depressiven Beschwerden, mit Ängsten, mit Zwängen und mit Bulimie. Das ist die Realität einer psychiatrischen Praxis, die ich diesem Artikel und den vielen Menschen entgegenhalten möchte, die sich durch journalistische Begriffsverwirrung ängstigen lassen.Menschen sind Zeichendeuter. Zeichendeuter sind Beobachter mit Voreinstellungen, die sich beim Beobachten verändern. Liebe Patienten, prüfen Sie die Realität! Lesen Sie weder den Beipackzettel noch andere Publikationen. Prüfen Sie, was eintritt, wenn das Medikament Ihren Körper erreicht! Dann erst haben Sie die Realität, die für Sie und Ihre Beschwerden Gültigkeit hat. Und: Realität ist gesund.

  4. Deckt sich mich meinen Erfahrungen, die Jahre meines Lebens gekostet haben: Anti-Depressiva nützen nix, sie sind dafür, dass hilflose Ärtze sich Hilfe einbilden können.Was hilft ist: Zeit für Menschen, Körperkontakt, Stärkung des Glaubens, wie in den 12-Schritte-Kliniken gelehrt. Dort werden die AD abgesetzt und das Leben kann beginnen. So gehts mir ausgesprochen GUT!

  5. Wie schön dass es auch noch Stimmen jenseits des Mainstreams gibt. Wenn ich schon diesen tollen - wohl von den Medien als "führenden Depressionsforscher" auserkorenen Florian Holsboer höre: bevorzugt Psychopharmaka und Verhaltenstherapie (man beachte die Reihenfolge) Oder: es spielen genetische Faktoren und sowohl auch Umweltfaktoren eine Rolle (man beachte die Reihenfolge).
    Man muss nicht immer gegen alles sein und es gibt sicherlich Menschen oder Phasen im Leben für die solche Medikamente ein Segen darstellen. Jedoch habe ich selber während einer harten Phase auch schon solche Präperate ausprobiert, mit dem Ergebnis, dass die Wirkung keineswegs so toll war wie einige Ärzte mit leuchtenen Augen es immer herausstellen wollen. Was oft in den Medien verschwiegen wird sind die scheiß Nebenwirkungen, die doch ihrerseits selber wieder depressiv machen können: man darf wählen zwischen teilweise massiver Gewichtszunahme oder sexuellen Funktionsstörungen - beim Mann z.B. Ejakulationsschwierigkeiten. Beides Dinge die einem ohnehin schon oft kaputten Selbstwertgefühl noch einen weiteren Stoß gibt (aber das interessiert die technokratische Ärtzeschaft in ihrer Betriebsblindheit ja nicht)
    Das einzige Psychopharmaka, welches besser verträglich ist, ist Johanniskraut. Dieses ist nämlich ein natürlicher SSRI aber auch ein Noradrenalin- und Dopaminwiederaufnahmehemmer. Aber auch hier handelt es sich bei diesem Präparat auch nicht um Bonbons und man sollte es auch nicht romantisieren.

  6. Was Holsboer und Co bei Hirn-verdrahteten, genmanipulierten Ratten und Mäusen messen, nachdem selbige mit ausgeklügelten Foltermethoden in Angst und Schrecken versetzt wurden, ist die Grundlage für die Psycho-Pillen, die nach klinischen Tests (wo sich die beim Tier gezeigten Symptome im Idealfall bestätigen) beim Menschen eingesetzt werden, deren seelisches Gleichgewicht aus dem Lot geraten ist. An den Ursachen für dieses Ungleichgewicht "wirken" diese Pillen vorbei: Sie können nicht mehr leisten als der gruselige Forschungsansatz aus dem 19. Jahrhundert, der ihrer Entwicklung zugrunde liegt. Symptome werden "erfolgreich" unterdrückt und die wichtigeren Fragen und Hilfemöglichkeiten (Beitrag Nr. 5 bringt es zum Ausdruck) beiseitegeschoben.

    So wird das Gold gescheffelt, andernfalls würde die Pharmaindustrie die Forschung von Herrn Hoelsboer und Co kaum mit mehreren hundert Millionen Euro anschieben. Das Dogma besteht darin, die aus den Elektroden gestresster Tiere abgeleiteten Antworten grundlegend auf den Menschen zu übertragen: Alles ist messbar. Entsprechend setzt Florian Holsboer seine Prioritäen: erst Psychopharmaka, dann Verhaltenstherapie.

    Hier ist die Menschheit vor über 100 Jahren mit ihrem Experimentierwahn falsch abgebogen.

    Im "stern" hat er die Hoffnung geäußert, dass man Vergewaltigungsopfer medikamentös in der Notaufnahme so behandeln kann, dass sich das Erlebte gar nicht erst einprägt.

    Bis dahin wird er zweifellos noch eine Menge Tiere quälen müssen . . .

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  • Quelle ZEIT Wissen 2/2008
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  • Schlagworte Pfizer | Sozialpolitik | Depression | USA | Medikament | Placebo | Gehirn
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