Interview "Es geht nicht um die Natur"
Im Mai findet in Bonn die UN-Artenschutzkonferenz statt. Es geht um nichts weniger als die Rettung der Biodiversität auf dem Planeten Erde. Wie dies geschehen soll, darüber besteht noch kein Konsens. Der Biologe Michael Succow, Träger des alternativen Nobelpreises, hat eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie Natur- und Artenschutz in Zukunft aussehen könnten.
Michael Succow ist Biologie und Agrarwissenschaftler. Seit 1997 ist er außerdem Träger des alternativen Nobelpreises. Der emeritierte Professor für Botanik an der Universität Greifswald hat sich vor allem im Naturschutz einen Namen gemacht. 1990 war er kurzzeitig Stellvertreter des letzten DDR-Umweltministers. Auf sein Drängen hin wurde auf der letzten Ministerratssitzung der DDR kurzerhand mit einem Mal sieben Prozent der Fläche der DDR unter strengen Naturschutz gestellt. Auch heute kämpft er immer noch mit seiner Stiftung, die er mit dem Preisgeld aus dem alternativen Nobelpreis gegründet hat, für den Erhalt unberührter Natur.
ZEIT Wissen:
Herr Professor Succow, im Mai findet in Bonn die große UN-Artenschutzkonferenz statt, was möchten Sie den Politikern dort mit auf den Weg geben?
Michael Succow:
Der Name der Konferenz ist etwas irreführend. Es geht nicht um den Erhalt einzelner Arten, sondern um den Erhalt der Funktionstüchtigkeit des Naturhaushalts. Die durch den Menschen global dramatisch veränderten Umweltrahmenbedingungen führen zwangsläufig zu tief greifenden Veränderungen der menschlichen Zivilisation. Der Schutz der Natur, unserer natürlichen Lebensgrundlagen, ist von fundamentaler Bedeutung, einfach im Interesse der Menschen. Um es einfach zu formulieren: Wir müssen nicht um jeden Preis den Goldregenpfeifer schützen, weil er ein Sympathieträger ist. Das macht die Natur schon allein, wenn wir ihm ausreichend Lebensräume erhalten. Im Fall des Goldregenpfeifers sind es die Hochmoore. Worum es also gehen muss, ist zum Beispiel der Schutz wachsender Moore. Denen, die auf dieser Konferenz Entscheidungen fällen, muss außerdem klar sein: Es geht nicht um die Natur, es geht letztendlich um uns. Die Natur wird in irgendeiner Form weiterexistieren, das Projekt Mensch aber hat einen unbestimmten Ausgang.
ZEIT Wissen:
Das hört sich bedrohlich an, was aber hat der Naturschutz damit zu tun? Warum müssen wir uns dafür interessieren?
Succow:
Momentan wird die Funktionstüchtigkeit der Biosphäre der Erde entscheidend durch die bislang noch nicht genutzten, noch nicht wesentlich beeinträchtigten Ökosysteme gewährleistet. Das, was diese Ökosysteme leisten, ist enorm: Recycling und Kohlenstofffestlegung, Grundwasserbildung und Kühlung, Mehrung der Fruchtbarkeit und kontinuierliche Erhöhung der Biodiversität. In diesen Gebieten müssen wir nichts reparieren oder renaturieren. Deshalb muss bei allen Formen der Landschaftsnutzung der Erhalt der Funktionstüchtigkeit dieser Ökosysteme absolute Priorität haben. Es gibt keinen Grund, den Naturschutz, also die Sicherung unserer Lebensgrundlagen, als Konfliktfeld der Gesellschaft zu kultivieren und zu instrumentalisieren.
ZEIT Wissen:
Was sollten wir also tun?
Succow:
Ein entscheidender Schlüssel zur Zukunftssicherung wäre, endlich die ökologischen Leistungen und insbesondere die Leistungen der natürlichen Ökosysteme in Wert zu setzen, also in unser Preissystem einzubeziehen. Vorläufig bleibt uns nur der Weg, die noch verbliebenen natürlichen Ökosysteme durch weiträumige Schutzgebiete zu sichern, in denen bewusst auf jede materielle menschliche Nutzung und Gestaltung verzichtet wird. Diese unberührten Ökosysteme umfassen kaum mehr als 15 bis 20 Prozent der Landflächen. In Mitteleuropa muss also das vorrangige Ziel sein, Naturentwicklungsgebieten mit werdender Wildnis mehr Raum zu geben. Das jetzt in Deutschland auf den Weg gebrachte „Nationale Naturerbe“ eröffnet erstmals die Möglichkeit, wenigstens fünf Prozent der Landesfläche nutzungsfrei zu halten. Damit leistet Deutschland jetzt seinen längst überfälligen Beitrag zur Erfüllung der Biodiversitätskonvention. Es geht also auch um unsere Glaubwürdigkeit.
ZEIT Wissen:
Wildnis auch in Mitteleuropa?
Succow:
Der bewusste Verzicht auf Nutzung, das Zulassen von Wildnis, ist zumindest für das westliche Europa eine weitgehend neue Naturschutzstrategie. Das 20. Jahrhundert war stärker als irgendein Jahrhundert zuvor von einer noch nie da gewesenen Naturentfremdung geprägt. Andererseits aber auch von einer Sehnsucht nach unreglementierter Natur, nach einem Miteinander von Zivilisation und Wildnis. Wildnis braucht den Menschen nicht, aber der Mensch der technisierten Welt braucht Wildnis. Wildnis ist eine Alternative zur zunehmend urbanisierten Welt. In einer Zeit wachsender Orientierungslosigkeit und Entwurzelung können wir im Erleben unverletzter „heiler“ Natur zu geistig-seelischem Wohlbefinden, zu künstlerischer Inspiration, zu Hoffnung oder auch zu tiefer Religiosität und zu mehr Bescheidenheit finden. In diesem Sinne ist der Erhalt von Wildnis kein Luxus, sondern eine Kulturaufgabe der menschlichen Gesellschaft.
ZEIT Wissen:
Was würde das konkret für Deutschland bedeuten?
Succow:
Wir brauchen zwei Dinge: Das sind zum einen dauerhaft tragfähige, umweltgerechte Formen der Landschaftsnutzung und zum anderen Natur in Eigendynamik. Den höchsten Naturschutzwert haben die sogenannten Stammlebensräume, Ökosysteme, in denen sich Lebensgemeinschaften entwickelt haben, die es anderswo auf der Erde so nicht wieder gibt. In Mitteleuropa sind dies Laubwälder, darin eingebettet Moore, Seen und Fließgewässer mit ihren Auen, sowie die Naturräume der Küsten von Nord- und Ostsee. Der Erhalt dieser Lebensräume im möglichst ungestörten Zustand muss Schwerpunkt unserer Naturschutzarbeit sein.
ZEIT Wissen:
In Deutschland ist Umwelt- und Artenschutz Ländersache. Wird man damit dem Thema gerecht?
Succow:
Nein, das ist ein großes Dilemma. Schauen Sie: Mecklenburg-Vorpommern ist eines der ärmsten Bundesländer. Es unterhält aber drei Nationalparks und drei Biosphärenreservate. Allein der bewusste Verzicht auf die Nutzung großer Waldgebiete ist hoch anzurechnen und von gesamtdeutscher Bedeutung. Das kostet viel Geld. Das reiche Baden-Württemberg hingegen leistet sich nicht einen einzigen Nationalpark. Vom Naturpotenzial wäre es sogar sinnvoll, in Mecklenburg-Vorpommern noch einen vierten Nationalpark auszuweisen: Die Wasserwildnis des Peenetals, Deutschlands besterhaltenes Flusstalmoor. Das scheitert aber am angespannten Finanzhaushalt dieses Bundeslandes. Um den Kapitalstock Natur ausreichend und ausgewogen zu sichern, wäre ein ökologischer Finanzausgleich dringend angebracht. Aber das werde ich wohl nicht mehr erleben.
Die Fragen stellte Annick Eimer.
- Datum 03.06.2009 - 18:43 Uhr
- Serie Umwelt
- Quelle ZEIT Wissen 03/2008
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"... endlich die ökologischen Leistungen und insbesondere die Leistungen der
natürlichen Ökosysteme in Wert zu setzen, also in unser Preissystem
einzubeziehen.""Um den Kapitalstock Natur ausreichend und ausgewogen zu sichern, wäre ein ökologischer Finanzausgleich dringend angebracht."Wahrscheinlich die richtigen Ideen. Aber es ist immer wieder dasselbe: WIE kann das funktionieren, damit es auch wirkt?Bitte die ökonomisch Gebildeten und ökologisch Interessierten um Vorschläge!
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