Portrait Gleichung mit vielen Unbekannten

Die Mathematikerin Olga Holtz war ihr Leben lang eine Überfliegerin, die es nirgendwo lange aushielt. Nun hat man sie mit einer Million Euro nach Berlin gelockt. Geht sie bald wieder?

Volker Mehrmann wirbt um eine Frau. Sie ist schön und dazu gut zwanzig Jahre jünger als er. Einige Jahre geht das nun schon so, mit wechselhaftem Erfolg. Vor einiger Zeit hatte er es schon einmal geschafft, sie zu sich zu holen. Dann verschwand sie wieder, nach Amerika. Doch jetzt könnte mehr daraus werden: Sie hat sich bereit erklärt, für vier Jahre zu ihm nach Berlin zu kommen. Vielleicht kann er sie ja sogar darüber hinaus halten.

Mehrmanns Werben ist rein beruflicher Natur: Der Mathematikprofessor von der Technischen Universität Berlin entdeckte Olga Holtz, als er auf ihre Doktorarbeit stieß. »Ich hatte in meiner eigenen Promotion an einem alten Problem aus den 50er Jahren gearbeitet und es nicht rausbekommen«, erzählt Mehrmann, »Frau Holtz hat es dann mal kurz von der Platte geputzt. Das ist schon erste Sahne.«

Ein Seminarraum der Universität an einem grauen Dienstagnachmittag im Februar. Fünf Männer, eine Frau. Die Männer, vier jüngere Studenten und ein älterer Kollege, tragen akademische Einheitskluft: Sweatshirt und Jeans in Grau- und Blautönen, die Professorin hingegen erscheint im leuchtend gelben Pullover – auffallend anders. Einer der Studenten trägt vor, bekritzelt die Tafel mit langen Formeln. Es geht um einen Fachartikel über rationale Funktionen mit vielen Variablen, den er zusammen mit Olga Holtz veröffentlichen möchte. Die Professorin ist ernst, aufmerksam, hat auf jede Frage eine Antwort, auch auf die etwas jovialen Bemerkungen des älteren Kollegen. Sie lässt keinen Zweifel daran, wer hier das Sagen hat. Wenn sie die Brille aufsetzt, wirkt sie streng.

Später im Café sitzt eine andere Olga Holtz, und man versteht, warum sie mit ihren 34 Jahren auf Kongressen immer noch für eine Studentin gehalten wird. Sie redet wie ein Wasserfall und gewinnt mit ihrem offenen Lachen.

Olga Holtz stammt aus der russischen Industriestadt Tscheljabinsk im Ural. Eine Millionenstadt, die in Deutschland kaum jemand kennt. Im Zweiten Weltkrieg ließ Stalin hier Raketenwerfer und T-34-Panzer bauen. Ihre Eltern, beide Wissenschaftler, gehörten zur Intelligenzija, der Familie ging es bis zur Auflösung der Sowjetunion gut. Die Mutter hatte einmal Atomforscherin werden wollen, entschloss sich dann aber ebenso wie der Vater für das aufregende neue Gebiet der Computertechnik. Die kleine Olga begleitete ihre Eltern manchmal ins Büro und hatte ihren Spaß an den blinkenden Lämpchen der Maschinen, vor allem aber an den Lochkarten, die damals den Programmcode trugen und die man so schön durcheinanderwirbeln konnte.

Von allen Seiten wurde das Mädchen ermuntert, seine Talente auszuleben. Mathematisch-technische Literatur gab es zu Hause ohnehin, aber auch ihre Musiklehrer ermunterten sie, das Hobby zum Beruf zu machen, als Pianistin oder Komponistin. Und die Literaturlehrerin wollte sie zum kreativen Schreiben animieren.

Warum wurde es schließlich die Mathematik? Vielleicht, weil die Eltern für eine Künstlerin in der Provinz wenig Chancen sahen und ihr rieten, etwas Vernünftiges zu tun – was für sie natürlich Wissenschaft bedeutete. Aber der letzte Anstoß kam bei ihr von innen. »Du musst es mit dem Herzen fühlen«, sagt Olga Holtz, »du musst spüren: Das ist mein Ding! Und das war für mich die Mathematik.«

Die 90er Jahre sind für die Familie Holtz nicht mehr so rosig. Die Software-Firma, für die Holtz’ Eltern arbeiteten, muss Konkurs anmelden. »Ich kann nicht sagen, dass wir je so weit waren, dass wir verhungert wären«, erinnert sich Olga Holtz, »aber wir waren nahe dran.« Sie studiert mit einem Stipendium an der örtlichen Hochschule, deren Qualität sie auch heute noch lobt, und bekommt eine solide Ausbildung in Mathematik und Informatik.

1996 macht sie dann zum ersten Mal das, was später zu ihrer Spezialität wird: eine Gelegenheit beim Schopf packen, wenn sie sich bietet. Springen, ohne sich umzuschauen. »Letztlich wird Erfolg oder Misserfolg nicht davon bestimmt, ob man klug ist«, sagt Holtz. »Der Unterschied liegt darin, ob man Möglichkeiten, die sich bieten, erkennt oder nicht.«

Diese Möglichkeit ist 1996: Amerika. Belächelt von ihren Kommilitonen, bewirbt sich die Frau aus der Provinz nach dem Diplom an drei amerikanischen Universitäten für ein Promotionsstudium – und bekommt zwei Zusagen. Sie geht an die University of Wisconsin in Madison und schreibt dort die Promotion, die dann auch Volker Mehrmann in Berlin in die Finger bekommt. Seitdem hat Olga Holtz keine Jobsorgen mehr und kann sich die nächsten Stationen aussuchen: Mehrmann holt sie das erste Mal mit einem Humboldt-Stipendium nach Berlin, die weitere Karriere führt sie nach Berkeley bei San Francisco, wo sie schließlich 2007 ihre erste Professur bekommt – um dann gleich wieder zu verschwinden. Mehrmann hatte nämlich ein neues Lockmittel gefunden, das kaum ein Forscher ausschlagen würde: den Sofja-Kovalevskaja-Preis der Humboldt-Stiftung, mit dem alle zwei Jahre bis zu acht Nachwuchswissenschaftler nach Deutschland eingeladen werden. Eine Million Euro an Forschungsmitteln gibt es, die, verteilt über vier Jahre, fast völlig frei ausgegeben werden können, etwa für Mitarbeiter, Forschungsreisen oder Gastprofessuren. Einzige Bedingung: Man muss ein Forschungsprojekt an einer deutschen Universität haben – und auch wirklich dorthin kommen. Olga Holtz nannte ihr Projekt »Direkte und inverse Probleme in Algebra und Analysis« und bekam den Zuschlag.

Ein mathematisches Spezialgebiet hat Olga Holtz allerdings nicht. Fragt man sie danach, antwortet sie: »Mathematik« und kichert. Mit der traditionellen Trennung in angewandte und reine Mathematik kann sie wenig anfangen. Was wohl mit ihrer Herkunft zu tun hat (in Russland wurden auch die theoretischen Zweige der Mathematik schon immer recht bodenständig gelehrt), aber auch mit ihrer Überzeugung, dass Überspezialisierung nicht unbedingt etwas Gutes ist: »Ich glaube, es läuft etwas falsch, wenn es nur fünf Leute auf der Welt gibt, die deine Arbeit verstehen.« So wandert sie zwischen den mathematischen Welten, wechselt von Projekt zu Projekt schon mal radikal die Richtung.

In ihrem Kovalevskaja-Projekt geht es um Matrizen, Zahlenquadrate, mit denen man Gleichungssysteme mit teilweise Millionen von Unbekannten löst. Ein sehr theoretisches Gebiet, das andererseits aber auch viele praktische Anwendungen hat: Jede Wettersimulation und jeder Crashtest im Computer führt letztlich zu solchen Gleichungssystemen, die möglichst effektiv gelöst werden müssen. Holtz hat eine Vermutung zu der Frage, wie viele Rechenoperationen man mindestens braucht, um zwei Matrizen zu multiplizieren, und die gilt es nun zu beweisen.

Olga Holtz ist längst als Mathematikerin etabliert, und trotzdem muss sie sich immer wieder mit typischen Vorurteilen auseinandersetzen. Auch wenn Mathematiker mitunter so sanft und testosteronarm erscheinen – ihre Welt ist eine Männerwelt, in der harte Konkurrenz herrscht. Ein »nicht-triviales Problem« nennt Holtz das. Sie hat immer noch das Gefühl, dass männliche Kollegen sie als Girlie sehen. Und erstaunt reagieren, wenn eine junge Frau einen respektablen Vortrag hält.

Die Vorstellung einer spezifisch weiblichen Mathematik hält sie für »bullshit«, Schwachsinn – wie fast alle Mathematiker ist sie davon überzeugt, dass sie Dinge entdeckt und nicht erfindet oder konstruiert und dass selbst außerirdische Zivilisationen letztlich dieselbe Mathematik entwickeln würden wie Menschen. Trotzdem – eine Mathematikerin scheint für manche männliche Kollegen exotischer zu sein als ein Marsmensch, der ein komplexes Theorem beweist.

In Berlin fühlt sich Olga Holtz wohl. Nach den zwei Jahren, die sie bisher hier verbracht hat, spricht sie fast akzentfrei deutsch. Nur einen Partner zum Tanzen – eines ihrer Hobbys – findet sie einfach nicht. Die deutschen Turniertänzer wollten sich immer gleich für mehrere Jahre binden. Das aber kann sie nicht, es ist einfach noch zu früh, sesshaft zu werden. Auch ein Leben mit Partner kann sie sich derzeit kaum vorstellen. »Ich weiß nicht, ob man unter diesen Umständen ein befriedigendes Privatleben führen kann. Und ich habe sehr spezifische Vorstellungen davon, wann ich einen Mann interessant finden würde.« Nur die Eltern in Tscheljabinsk werden langsam ungeduldig.

Kann es Volker Mehrmann gelingen, einen so unsteten Geist auf eine deutsche Professorenstelle mit der Aussicht auf Verbeamtung zu locken, trotz der wahrscheinlich besseren Bezahlung in den USA? »Berlin ist als Stadt interessanter als Berkeley«, sagt Mehrmann, »vor allem für Frau Holtz. Die singt ja hier im Philharmonischen Chor, das kann San Francisco nicht bieten.« Der Mann hat einen unerschütterlichen Optimismus.

 
Leser-Kommentare
  1. Solche Frauen sind der Hit ! Solange Sie nicht anfangen,eingebildet zu sein und sich für was besseres zu halten ! Davon sollte es noch mehr geben !!!

    • WITCH
    • 16.04.2008 um 18:02 Uhr
    2. Aber

    sie IST etwas Besseres!

  2. 3. Aber

    warum ist sie etwas Besseres?Anstatt etwas sinnvolles zu machen, arbeitet sie unermüdlich an ihrer Karriere und brütet Luftgebilde in ihrem Kopf aus. Sie sollte sich einen netten Partner suchen und ein paar hübsche Kinderchen in die Welt setzen :-). Aber das ist nicht so einfach wie Gleichungen lösen...

  3. [...][Gelöscht. Bitte unterlassen Sie sexistische und herabwürdigende Bemerkungen. /Die Redaktion pt.]

  4. Wie kommt es dass Frauen noch immer als Minderwertige Menschen betrachtet werden? Ist es moeglich dass Frauen mehr als Sexobjecte oder Hausfrauen sind? Es ist traurig dass Maenner noch immer in ihren limitierenden Denkmuster feststecken, die nicht nur Minderheiten diskriminieren sondern auch ihnen selbst die Menschlichkeit abspricht. 

  5. Das wuerde ich nicht sagen. Um Erfolg zu haben, muss jeder im Leben das machen, was er am besten kann und wobei er am meisten Spass hat.

  6. Sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber die meisten Frauen interessieren sich leider nicht für Mathematik, höchstens noch für Informatik und auch das ist selten.Schön, dass es solche Frauen gibt. Ada Lovelace freut sich sicher.

    • ezhik
    • 17.04.2008 um 2:18 Uhr
    8. Aber

    Ich verzeihe Frau Holtz ihre Arroganz, wenn sie denn existiert, gerne. Sie ist zweifellos jemand, der einen großen Beitrag für die Wissenschaft und damit auch für uns leistet. Jemand, der in seinem Leben nie über das Lösen von quadratischen Gleichungen hinausgekommen ist, wird an dieser Stelle sichelich Einspruch erheben. Aber dieser jemand hat sich bei den vielen Stunden, die er vor dem PC verbracht hat, anscheinend nie gefragt, wie dieser funktioniert. Also, was soll's! Ich verstehe nicht ganz, warum sich Frau Holtz Sorgen um die Kinderchen machen sollte? Es scheint doch, Männer zu geben, die Intellegenz anziehend finden. Ich würde zwar vermuten, dass diese eine Anna Nicole Smith nicht weniger anziehend finden. Aber immerhin! Und dann gibt es Menschen, die sich großspurig titulieren und sinnentleerte Kommentare schreiben. Ob ich solchen ihre Arroganz verzeihe? Eher nicht!

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