Für Sex nehmen sich die Erfurter 13 Minuten Zeit, die Berliner nur neun. Bier oder Saft aus Glasflaschen zu trinken bereitet den Deutschen messbar mehr Genuss als das Trinken aus Dosen oder Getränkekartons. Zwei Drittel der CDU/CSU-Wähler bevorzugen Frauen mit großer Oberweite, zwei Drittel der Grünen-Wähler finden dagegen kleine Brüste attraktiv.

Alle paar Monate erreichen Zahlen wie diese die deutsche Öffentlichkeit. Sie werden von der Bild- Zeitung zitiert, aber auch von der Süddeutschen Zeitung, der FAZ, der ZEIT, Spiegel Online, stern und dpa. Die Meldungen haben eines gemeinsam: den Absender, ein »Institut für Rationelle Psychologie« in Stuttgart. Klingt seriös, doch Wissenschaftler zweifeln an den Sensationsmeldungen. Stimmen all die kuriosen Befunde wirklich, mit denen das Institut für Rationelle Psychologie die Deutschen seit Jahrzehnten versorgt?

Im Internet präsentiert sich die Einrichtung als »multidisziplinäre Forschungsgemeinschaft mit 21 Forschungsgruppen und 5 Arbeitsgruppen«. Laut ihrer Referenzliste war die Firma bereits für gut 500 Unternehmen und Organisationen tätig – darunter viele bekannte von adidas bis ZDF.

 Die Datenbank der Wirtschaftsauskunftei Creditreform verzeichnet für die »G.R.P. Gesellschaft für Rationelle Psychologie OHG« in Stuttgart 70 Millionen Euro Umsatz (Stand 2004) bei zwei Beschäftigten (2005). Das klingt nach einem interessanten Geschäftsmodell.Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 04/2008 des Magazins ZEIT Wissen

Chefdenker der GRP ist offensichtlich Henner Ertel. Er wird in Medienberichten als »Professor für Neuropsychologie« zitiert. Ordentliche Professoren hinterlassen Spuren im wissenschaftlichen Schrifttum. Von Ertel dagegen ist in Literaturdatenbanken der Psychologie nur eine einzige Veröffentlichung zu finden: das Werk Erotika und Pornographie. Andere Psychologieprofessoren haben nie von ihm gehört. Dafür hat Ertel etliche populäre Bücher verfasst, etwa Die Kunst, aus der Hand zu lesen. Ertel räumt am Telefon ein, dass er kein ordentlicher Professor ist, sondern den Titel nur verliehen bekommen hat. Von wem, will er nicht sagen, weil das etwas mit Politik zu tun habe, und »dann heißt es Amigo oder sonst was«.

Ein Blick ins Zeitungsarchiv zeigt Ertel als Rundumexperten für alles irgendwie Psychologische. Kaum ein Thema, zu dem er und sein Institut in den vergangenen Jahrzehnten nichts beizusteuern hatten. Fernsehen mache friedlich und erhöhe die Schulleistungen der Kinder, meldete der stern 1977 unter Berufung auf die Gesellschaft für Rationelle Psychologie. Im Playboy warnte Ertel 1992 davor, »Schiedsrichter mit menschlichen Maßstäben zu messen«. Er wolle zwar nicht behaupten, sie seien ein wenig faschistoid, aber »das Persönlichkeitsprofil geht in diese Richtung«. Außerdem beschäftigt er sich mit Sex (»Mein Rat: Macht Euch scharf mit Spielchen, die Ihr gerne habt!« [1] ), Sex (Sex im Flugzeug »hat signifikant zugenommen« [2] ) und Sex (»Kreative Berufe befähigen zur Lust« [3] ).

Ertel ans Telefon zu bekommen ist nicht schwer. Ein Labor zeigen oder sich einem persönlichen Gespräch stellen will er allerdings nicht.