Interview "Öko zu sein tut nicht weh"

"Wir fangen dann schon einmal an", ist das Motto des Internet-Portals utopia.de. Es ist eine der Plattformen der neuen grünen Welle. Ein Interview mit der utopia.de-Gründerin Claudia Langer

ZEIT Wissen: Frau Langer, wir sind ja jetzt in Berlin, Sie kommen aus München. Wie sind Sie angereist?

Claudia Langer: Ich bin mit dem Flugzeug hierher gekommen, fliege noch nach Zürich und fahre dann aber mit dem Zug zurück.

ZEIT Wissen: Können Sie das mit ihrem Ökogewissen vereinbaren?

Langer: Nein. Das sind für mich immer sehr schwierige Situationen. Ich versuche, meinen Flugkonsum extrem zu reduzieren. Es wird immer dann zum Dilemma, wenn klar ist, dass ich abends meine Kinder nicht mehr sehe, wenn ich mit dem Zug fahre. Und dann nervt es mich auch manchmal, dass ich utopia.de mache, weil ich dadurch sicher ein noch schlechteres Gewissen in solchen Fragen habe.

ZEIT Wissen: Sie sündigen also auch?

Langer: Ich sündige non-stop. Wenn ich morgen spät abends am Bahnhof ankomme, fahre ich wahrscheinlich mit dem Taxi und nicht mit der S-Bahn, weil ich todmüde bin. Und ich gehe auch mal mit meinen Kindern zu McDonald's. Es ist immer wieder schwierig, mit seinem Gewissen ins Reine zu kommen. Trotzdem: Ich bin unterm Strich sehr viel bewusster geworden und habe viele Dinge in meinem Leben verändert. Darauf bin ich stolz.

ZEIT Wissen: Für den Verbraucher ist es häufig sehr schwierig zu entscheiden, was tatsächlich ökologisch ist. Geht Ihnen das auch so?

Langer: Ständig. Es ist unglaublich schwierig, Orientierung zu finden und verlässliche Information zu kriegen. Oft stellen diese Informationen sich im Nachhinein als falsch heraus. Ich habe versucht, ein Haus ökologisch zu bauen, und das war sehr kompliziert. Man stellt fest, dass viele Informationsquellen sehr ideologisch sind. Ich fand es sehr schwierig zu entscheiden, wem man tatsächlich vertrauen kann. Deswegen glaube ich ja auch an das Wissen der Vielen. Und an den Austausch zwischen den Experten und den Verbrauchern. Die Experten können uns sagen, was ökologisch gut ist. Ob das Produkt dann aber auch alltagstauglich ist, das können nur die Verbraucher entscheiden.

ZEIT Wissen: Haben Sie schon einmal Empfehlungen, die Sie auf utopia.de gegeben haben, revidieren müssen?

Langer: Nein, bisher keine einzige. Das ist wirklich erstaunlich. Bei uns kommt im redaktionellen Teil nichts rein, was nicht von Experten gecheckt wurde. Darüber sichern wir uns ein stückweit ab. Aber die Fragestellungen sind ja häufig so komplex, dass wir eigentlich nur drauf warten, dass wir auch mal einen Fehler machen.

ZEIT Wissen: Was meinen Sie: Wie sieht der typische Utopist aus?

Langer: Den gibt es nicht. Wir haben Omas und junge Kinder in der Community, Ökobauern und konventionelle Landwirte, Großunternehmer und Kleinunternehmer. Wir haben einfach einen unglaublich großen Querschnitt. Und über diese Vielfalt bin ich sehr froh.

ZEIT Wissen: In Ihrer Aufzählung fehlen aber noch die LOHAS ... (Anm. d. Red.: LOHAS steht für „Lifestyle of Health and Sustainability“. Unter Marketingfachleuten wird so eine Konsumentengruppe bezeichnet, die durch bewussten Konsum Nachhaltigkeit fördern will. Meist sind es Menschen mit überdurschnittlich hohem Einkommen, die für die Werbewirtschaft sehr interessant sind.)

Langer: Ja, da gibt es sicherlich große Schnittmengen. Die Utopisten treffen sich aber mehr über eine Einstellung und eine gemeinsame Frage und nicht über eine soziodemografische Kategorisierung. Das ist keine homogene, sondern eine sehr breite, interessante Gruppe.

ZEIT Wissen: Sie lehnen die LOHAS also konsequent ab ...

Langer: Nein, aber das beschreibt unsere Community eben nur zu einem Teil. Der LOHAS ist ja ein Marketingbegriff, und ich will nicht mehr in Zielgruppen denken. Ich habe eine Aversion gegen Schubladen aller Art. Ich will selbst kein LOHAS sein. Ich weiß, woher der Begriff kommt, die Marketingleute sind in der Not einen Kategorisierung zu finden. Umso mehr könnte ich jede Bäuerin oder jeden Normalo knutschen, die sich bei uns anmeldet und aus dieser Kategorie herausfällt.

ZEIT Wissen: Aber ökologisch zu leben ist nicht ganz günstig. Sind es dann nicht doch eher die Besserverdiener, die bei utopia.de anzutreffen sind?

Langer: In allen Bereichen konsequent ökologisch zu leben ist sicherlich ein Kostenfaktor. Zum Beispiel wenn man Biofleisch essen will. Aber in vielen Punkten hilft es auch, Geld zu sparen. Denn wenn man bewusster isst, isst man zum Beispiel auch weniger Fleisch. Und die Energiesparlampe ist erst einmal teuer, rentiert sich dann aber.

ZEIT Wissen: Ist die Utopisten-Community groß genug, um in der Wirtschaft was zu verändern?

Langer: Ja und nein. Wir sind sehr laut und werden als Meinungsführer wahrgenommen. Groß genug sind wir aber noch nicht. Eine Community von 14.000 Leuten kann durch bewusste Kaufentscheidungen noch nicht genug verändern. Aber wir wachsen ja täglich.

ZEIT Wissen: Was ist denn an den Tipps neu, die sie auf auf utopia.de geben? Manches, wie das Putzen mit Zitronensaft, hat man doch schon von der Öko-Bewegung in den Achtzigern gehört.

Langer: Neu ist das nicht, was wir da anbieten. All das Wissen gibt es bereits, nur die zentrale Anlaufstelle fehlte bisher. Wir versuchen, das Wissen neu zu sortieren und einzuordnen. Und wir sagen den Leuten: Es tut auch nicht weh, ökologisch zu handeln, und es ist sogar „schick“. Die Leute erwarten von uns, dass wir ihnen die Sachen vereinfachen. Wir sollen Empfehlungen aussprechen, was sie tun sollen. Je kürzer unsere Ratgeber-Seiten sind, desto mehr werden sie geklickt. Manchmal vereinfachen wir Informationen „sträflich“, aber darüber sind die Leute ganz dankbar. Die wollen, dass man ihnen die Arbeit abnimmt. Das ist fast unser Auftrag geworden.

ZEIT Wissen: Können wir unsere Erde ganz ohne Verzicht retten?

Langer: Nein, ganz sicher nicht. Wir versuchen zu vermitteln, dass es aber kein Verzicht ist, sondern ein Gewinn. Das kann man nicht erzählen, das muss jeder selbst erleben. Ich nenne mal ein Beispiel: Für mich waren früher Fernreisen das Tollste überhaupt, jetzt ist für mich eine Fahrradtour durch Oberbayern mit meinen Kindern ein viel intensiveres Abenteuer. Man muss es realistisch betrachten: Erkenntnis hat nicht funktioniert, denn keiner verzichtet gern. Ich habe es an mir und meinem Umfeld gesehen, dass man es einfach ausprobieren muss. So entstehen neue Verhaltens- und Konsummuster.

Das Interview führte Annick Eimer.

 
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    • Quelle ZEIT Wissen 04/2008
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