Interview "Jede zweite Meldung ist falsch"

Falschmeldungen sind auf den Wissenschaftsseiten der Zeitungen keine Seltenheit. Der Journalistik-Professor Michael Haller erklärt warum und beklagt die wenig kritische Berichterstattung

Michael Haller ist Professor für Journalistik an der Universität Leipzig. Der promovierte Politikwissenschaftler war vor seinem Ruf an die Universität als Redakteur bei verschiedenen überregionalen Zeitungen und Zeitschriften tätig, unter anderem als Ressortleiter bei der ZEIT. Seine Forschungsgebiete sind unter anderem Medienethik und Qualitätssicherung im Journalismus.

ZEIT Wissen: Frauen reden viel mehr als Männer, konnte man lange Zeit in den Medien lesen. Dann kam die Meldung, dass dem doch nicht so sei. Wie kommt es, dass solche Mythen immer wieder von den Medien aufgegriffen werden?
Michael Haller: Jede Epoche hat ihre Mega-Themen. Dazu gehört zum Glück in unserer Gesellschaft auch das veränderte Verhältnis von Mann und Frau. Diese Veränderung verunsichert die Menschen aber auch, und sie wünschen sich Hilfe und Orientierung. entsprechende Pseudo-Wissenschaftsmeldungen befriedigen mitunter solche Wünsche.

ZEIT Wissen: Sie sagen „Pseudo-Wissenschaftsmeldung“ ...

Haller: Ja. Sie kommen in der Verkleidung der Wissenschaft daher und vermitteln so den Eindruck, Orientierung geben zu können. Wissenschaftlich belegt sind deren Befunde häufig nicht. Ein angeblich wissenschaftlich arbeitendes Institut sondert Ergebnisse auf Basis einer angeblichen Studie ab. Aber schon die Basis der Datenerhebung ist völlig unklar. Ebenso die Methode: Ist es eine Befragung? Ist es ein Laborexperiment? Mit welchen Verfahren wurde erhoben? Das erfahren die Redaktionen nicht, und häufig fragen sie leider auch nicht nach. Sie übernehmen die Meldung, weil sie witzig oder skurril ist. Oder weil sie ein Vorurteil bedient. Auch das ist ein Grund, weshalb diese „Frau-Mann“-Meldungen so gut laufen.

ZEIT Wissen: Kann sich ein Journalist vor solchen Falschmeldungen schützen?

Haller: Sicher kann er das. Er muss zunächst einmal die Ausgangsinformation überprüfen. Das ist bei Wissenschaftsmeldungen manchmal aufwendiger als im tagesaktuellen Geschehen. Er muss sich das Design der Studie genau anschauen, dafür braucht er Methodenkenntnisse. Das entbindet ihn aber nicht von der Pflicht, sein Handwerk genauso ernst zu nehmen wie ein Politikredakteur.

ZEIT Wissen: Gibt es Forschungsbereiche, bei denen besondere Vorsicht geboten ist, weil sie besonders anfällig sind für Falschmeldungen?

Haller: Ja, in den Sozial- und Geisteswissenschaften tritt das besonders häufig auf. In den Naturwissenschaften fällt es leichter zu überprüfen, ob Forschungsergebnisse reproduzierbar sind. So wurden ja auch schon einige Forschungsskandale aufgedeckt. Das ist in den Sozial- und Geisteswissenschaften viel schwieriger, weil oft sehr viele Variablen in der Erhebung eine Rolle spielen. Schauen Sie sich das Beispiel „Frauen schwätzen mehr als Männer“ an. Wie wollen Sie das überprüfen? Da müssen Sie erst einmal fragen, was Schwätzen eigentlich ist. Wie kann man das messen? Welche Probanden nehme ich? Habe ich eine repräsentative Stichprobe? Was gibt es noch für Einflussfaktoren, die die Menschen zum Reden oder zum Schweigen bringen? Das sind so komplizierte Fragen, die man nicht einfach in einem Labor klären kann.

ZEIT Wissen: Sind Publikationen in Wissenschaftszeitungen ein Garant für Qualität?

Haller: Ich meine, dass die Berichterstattung aus Fachzeitschriften, die eine hohe fachliche Reputation haben, in Ordnung ist. Aber eben nur für eine Berichterstattung. In der Zeitung müsste es dann eben heißen: „Wie die Fachzeitschrift XY berichtet, hat das Forscherteam Sowieso …“. Im journalistischen Sinne ist das eine Kolportage. Es wird kolportiert, aber man gibt die Quelle genau an. Dann weiß der informierte Leser, wie er damit umgehen soll.

ZEIT Wissen: Passiert es, dass etwas völlig Falsches über viele Medien hinweg kolportiert wurde?

Haller: Natürlich. Da gibt es einen riesigen Berg an Quatsch-Meldungen. Nur ein Beispiel: Singles werden weniger alt als Verheiratete, hieß das Ergebnis einer Studie. Daraus wurde die Meldung: Wer heiratet, der lebt länger. Dieser Zusammenhang ist falsch. Man könnte es zum Beispiel auch so formulieren: Nur diejenigen, die über eine entsprechende Lebensvitalität verfügen, leben mit einer Partnerin oder einem Partner zusammen. Einer der Hauptfehler, die man immer wieder in solchen Berichterstattungen findet, ist eine Ursachenbehauptung. Die Studien liefern lediglich eine Korrelation. Doch dann wird daraus ein Kausalzusammenhang gemacht. Das passiert bei Untersuchungen zum Sozialverhalten sehr häufig. Meiner Schätzung nach ist in diesem Bereich jede zweite Meldung falsch.

ZEIT Wissen: Wo liegt denn die Fehlerursache? Beim Wissenschaftler, der diese Daten publiziert, in der Pressestelle, die sie weiterverbreitet, oder beim Journalisten?

Haller: Es sind verschiedene Ursachen. Die müsste man genauer untersuchen, ehe man eine allgemeingültige Aussage ableiten kann. Ich kann darum nur über meine persönlichen Eindrücke und Einschätzungen sprechen. Also den ersten Fehler macht oft derjenige, der die Daten produziert. Das kann ein kommerzielles Institut sein oder eine öffentlich geförderte Forschungseinrichtung. Oft geht es nur darum, ein Forschungsergebnis zu pushen, um im Markt wahrgenommen zu werden. Das funktioniert wie Produktmarketing, genauso, als wenn Schuhe oder Kosmetik beworben würden. In der akademischen Forschung wiederum herrschen andere Regeln und Erfolgskriterien. Dort müssen Wissenschaftler publizieren, um mit ihrer Forschung wahrgenommen zu werden. Jeder Forscher muss sein Forschungsgebiet markieren wie der Hund sein Revier, um Forschungsgelder abzusichern. Hier gibt es durchaus Parallelen zu den kommerziellen Instituten. Eine weitere mögliche Fehlerquelle ist die Pressestelle. Die halte ich aber für weniger bedeutend. Eine viel größere, nächste Fehlerquelle sind die Nachrichtenagenturen.

ZEIT Wissen: Nämlich welche?

Haller: In der Regionalpresse werden Wissenschaftsmeldungen fast ausschließlich von Nachrichtenagenturen übernommen, weil sich eine kleinere Regionalzeitung keinen Wissenschaftsjournalisten leisten kann. Die Nachrichtenagenturen sind also echte Multiplikatoren. Wenn sich dort ein Fehler einschleicht, findet der sich gleich in einer Gesamtauflage von vielen Hunderttausend wieder. Außerdem gibt es zahlreiche Regional-Medien, die Wissenschaftsthemen nur auf der bunten Seite bringen. Dort werden die Themen nicht wirklich kompetent bearbeitet, sondern nach ihrem Unterhaltungswert verwertet.

ZEIT Wissen: Forschungskritische Berichterstattung findet man relativ selten. Woran liegt das?

Haller: Der Wissenschaftsjournalismus hat mehrere Funktionen. Zum einen muss er Wissenschaft populär machen. Zum anderen muss er Expertenwissen heranziehen, um Fragestellungen einzuordnen. Eine weitere wichtige Aufgabe, nämlich die Kontrolle der Forschung, findet kaum statt. Sie wird delegiert an Semi-Fachmedien - und von denen nur bedingt erfüllt. Man muss konstatieren: Eine wissenschaftskritische Berichterstattung gibt es im deutschen Sprachraum kaum. Meist werden die Themen bierernst oder nur nachrichtlich - oder auch spielerisch angegangen. Das ist im angloamerikanischen Raum deutlich anders.

Die Fragen stellte Annick Eimer.

 
Leser-Kommentare
  1. Häufig beobachtet man auch, nicht nur bei Wissenschaftsthemen, dass die Überschriften von Artikeln Aussagen enthalten, die der Artikel gar nicht hergibt. Hier auch: Aus "Nach meiner Schätzung ist jede zweite Meldung aus dem Bereich `Untersuchungen zum Sozialverhalten´ falsch"  wird die Überschrift "Jede zweite Meldung ist falsch" gebastelt. Wenigstens kann man sich die zweite Aussage besser merken...

  2. Es gibt so viele falsche Meldungen.
    Schlimm ist es auch, heute wird gemeldet, es geht nur links herum und morgen heißt es, eine Studie besagt, es geht nur rechts herum und übermorgen kann man in beide Richtungen und beides ist richtig. Es ist eigentümlich. 
    Eines aber kann ich mit Sicherheit sagen, wenn ein großes Forschungsinstitut dahinter steckt, dann wird das Ergebnis so wie der Auftraggeber es wünscht. Auch wenn es scheinbar nicht zu seinen Gunsten ist, ist es so wie es sein soll.
    Die Fragen, sind so präzise gestellt, dass kein anderes Ergebnis rauskommen kann. Die Interviewer wissen es. Man kommt genau dort hin wo man soll. Diese Meinungsumfragen werden dann veröffentlicht und schon ist die Meinungsmache in Gange. Auch wenn sie falsch ist.
    Eine Veröffentlichung solch einer Meldung in den Nachrichten oder in einer großen Tageszeitung kann da schon Wunder bewirken.
    Viele Grüße von talkletts

    • JOB-GG
    • 05.03.2009 um 2:46 Uhr

    34.21231234576% aller Statistiken geben Ergebnisse in einer Genauigkeit an, wie sie die verwendete Methode nicht rechtfertigt.

    142% aller Statistiken geben völlig unrealistische Werte an

    1,xaw234% aller Statistiken sind gänzlich unverständlich

    Ich erzähl hier nur blöde witze weil mich das Kernthema zusehr aufregt.

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  • Quelle ZEIT Wissen 04/2008
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