Einfallsreichtum
»... und schon ist man drin im kreativen Prozess«
Verordnete Konferenzen funktionieren nicht, wenn man beim Arbeiten auf gute Ideen kommen soll, sagt der Kreativitätsexperte Ernst Pöppel. Er hält viel mehr von Gesprächen im Türrahmen.
Herr Professor Pöppel, warum kann man in einem Bürohochhaus nicht kreativ sein?
Man kann schon. Es ist nur schwieriger. Übereinandergetürmte Räume isolieren die Menschen voneinander. Wenn jeder in seinem stillen Kämmerlein vor sich hin brütet, geht kreative Energie verloren.
Wie sollte es denn sein?
Kreativität findet in einem Radius von 50 Metern statt. Größere Entfernungen bremsen den Prozess, und schon ein einziges Stock- werk kann ausreichen, um ihn ganz zu verhindern.
Aber man kann sich doch verabreden und treffen.
Ja klar, die berühmten Meetings… Da heißt es dann: Elf Uhr im großen Konferenzraum, und jetzt lasst euch bitte alle mal was Originelles einfallen. So funktioniert das nicht.
Wie dann?
Ungeplanter, zufälliger. Kreativität passiert einfach, man kann sie nicht verordnen. Wie viele gute Gespräche finden zum Beispiel im Türrahmen statt! Man will gerade wieder gehen, da fällt einem noch was ein. Und schon ist man mittendrin im kreativen Prozess.
Ein Großraumbüro wäre also ideal.
Wenn jeder dort seinen Platz hat, an dem er sich wohlfühlt, in Ruhe arbeiten und sich mit anderen austauschen kann: ja. Meistens herrscht dort aber große Unruhe, die es schwer macht, sich heimisch zu fühlen. Am schlimmsten ist es, wenn man jeden Tag seinen Platz wechseln muss.
Warum ist es wichtig, sich auch am Arbeitsplatz heimisch zu fühlen?
Weil wir ein gewisses Maß an Sicherheit brauchen, um uns zu entfalten. Auch der Ort, an dem wir arbeiten, muss darum etwas mit uns zu tun haben. Wir müssen ihn als unseren persönlichen Raum empfinden. Durch Bilder zum Beispiel oder Gegenstände, die uns etwas bedeuten. Sehr wichtig sind auch Fenster, weil sie einen Bezug zur Außenwelt herstellen. Außerdem erhöht jeder Blick nach draußen die Vielfalt, aus der man schöpfen kann.
Wie wirkt sich Zeitdruck auf die Kreativität aus?
Überwiegend negativ. Viele meinen, sie hätten unter Stress besonders gute Ideen. Studien zeigen aber meist das Gegenteil. Druck und Hetze scheinen das Gehirn in einen Angstzustand zu versetzen, der das freie Denken bremst oder sogar blockiert. Es muss aber jeder selbst heraus- finden, was ihn inspiriert. Für den einen ist es Zeitdruck, für Schiller wars ein faulender Apfel – es gibt eben kein Patentrezept.
Interview: Ruth Hoffmann
Ernst Pöppel, 68, ist einer der bekanntesten deutschen Hirnforscher. Er leitet das Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
- Datum 22.10.2008 - 13:23 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen 06/2008
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Ganz wichtig ist auch, wenn es um kreative Lösungen geht, dass nicht ständig "einer im Raum" dazwischen ruft: "So geht das nicht! Das haben wir so noch nie gemacht!" Etc. Sondern, dass ein Klima des gegenseitigen Zuhörens und Ausredens während des Meetings gegeben ist.
Wird z.B. ein Name für eine Bratpfanne gesucht, sollte keine Kollegin oder kein Kollege (schon gar nicht die Vorgesetzten!) denjenigen sofort "kritisieren", der einen Vorschlag in die Debatte bringt. Vielen Mitarbeitern kostet diese Beteiligung schon Mut und Überwindung. Negative Zwischenrufe entmutigen die Teilnehmer eher.
Natürlich ist ein aufgeschlossenes Umfeld der Kreativität eher förderlich, als wenn über die Unternehmens-Hierarchie ein entsprechendes Meeting "anberaumt" wird.
Emma
Die Bratpfanne (von Silit) wurde "Emma" getauft. Rational war dieser Vorschlag nicht zu begründen. Dem Kunden allerdings gefiel der Name. Und das war ja nicht unwichtig. Ob der "Erfinder" bei diesem Namen an einen Ringelnatz-Vers gedacht hat (alle Möwen sehen aus wie "Emma"), spielt dann gar keine Rolle mehr...
Ich lese gerne, dass eine gute Umgebung wichtig ist, um sich kreativ entfalten zu können.
Noch wichtiger ist die doppelte Wertschätzung. Einerseits die Selbstwertschätzung, die uns sagt, dass wir gut und wichtig sind in unserem Beruf. Andererseits die Wertschätzung der anderen, die nicht vergleichen, sondern jeden Menschen als einzigartig und wertvoll anschauen und behandeln.
Ich arbeite an der Idee der Wertschätzungsgesellschaft, Sikantis, in der alle Menschen die gleiche Wertschätzung erhalten - aus dem einzigen Grund, weil jeder Mensch gleich wertvoll ist. Jeder ist Mensch ist anders, mit seinen eigenen Talenten und seiner Lebensgeschichte. Aber jeder Mensch ist gleich wertvoll. Auf dieser Grundlage kann sich Kreativität entwickeln.
Und ja, in der Wertschätzungsgesellschaft sind die Räume so gebaut, dass sie den Menschen und der Arbeit dienen.
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