Es hatte den Anschein, als wollte David Gross seine Kollegen piesacken und hätte auch noch Spaß daran. Kaum hatte er den Nobelpreis für Physik bekommen, präsentierte er ihnen eine Liste der wichtigsten offenen Fragen seines Fachs. Er habe die anderen Physiker aber nicht ärgern wollen, sagt Gross: »Fundamentale Fragen spornen die Leute an.«

Große Rätsel befeuern nicht nur die Neugier von Wissenschaftlern aller Disziplinen, sie weisen ihnen auch den Weg. Wissenslücken sind deshalb kein Versagen der Forschung, sondern im Gegenteil großartige Gelegenheiten: Hier gibt es noch etwas zu entdecken!

Immer wieder haben Wissenschaftler gedacht, sie hätten alle grundlegenden Fragen beantwortet. Bis jetzt lagen sie damit jedes Mal falsch. Im Jahr 1900 behauptete der Physiker William Thomson noch, in seinem Fach sei eigentlich alles geklärt bis auf zwei kleine Wölkchen, die den strahlend blauen Himmel der Erkenntnis trübten: das Rätsel der Lichteigenschaften und das Problem der Schwarzkörperstrahlung. Fünf Jahre später fand Albert Einstein revolutionäre Lösungen für beides, die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik. Sie beantworteten nicht nur die offenen Fragen, sondern warfen das fast fertige Weltbild der Physiker über den Haufen.

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Heute ergeht es den Biologen ähnlich wie Einsteins Kollegen vor 100 Jahren: Ihr Wissen über den Menschen ist plötzlich nicht mehr viel wert. Als im Jahr 2003 die Entzifferung des menschlichen Genoms gefeiert wurde, dachten viele Wissenschaftler, sie könnten nun einfach im »Buch des Lebens« lesen, alle Buchstaben waren ja da! Sie hatten sich zu früh gefreut – aus neuen Antworten ergeben sich eben neue Fragen. Heute sind die Genetiker ratloser denn je: Statt einer übersichtlichen Aufreihung fanden sie im Genom eine konfuse Sammlung von Erbinformationen, deren Zusammenspiel noch niemand versteht.

Die Fragen der Biologie haben wohl die größte Bedeutung für jeden Einzelnen von uns. Denn davon, ob die Wissenschaftler die fundamentalen Prozesse des Lebens entschlüsseln, hängen Antworten auf große Rätsel der Menschheit ab – wie etwa auf die Frage, ob wir alle Krankheiten besiegen können.

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Man muss jedoch nicht bis in Genlabore vordringen, um auf ungeklärte Phänomene zu stoßen. Es reicht, ins Bett zu gehen. Denn selbst warum wir ein Drittel unseres Lebens schlafend verbringen, wissen die Forscher noch nicht. Eine Antwort könnte Menschen mit Schlafproblemen helfen, vielleicht aber auch dazu beitragen, ein weit größeres Geheimnis zu lüften: Wie funktioniert das Bewusstsein?

Manche Fragen spielen im Alltag keine so große Rolle – etwa, was vor dem Urknall war oder woraus das Universum besteht. In ihnen liegt vor allem der Reiz des Rätsels, sie sind Antrieb für Generationen von Forschern. Und selbst wenn die Wissenschaftler nicht die großen Antworten finden, so machen sie auf der Suche danach immer wieder wichtige Entdeckungen.