Leesn Sie enimal deiesn Txet. Wtteen, Sie vetsehern ihn, owbhol er egitenilch uverntsädnilch ist? Mit solchen Leseexperimenten hat der Linguist Graham Rawlinson nachgewiesen, dass man Texte auch versteht, wenn die Buchstaben vertauscht sind.

Der Versuch zeigt, wie sehr unser Leseverständnis von unserem Vorwissen geprägt ist, und belegt damit: Sehen heißt konstruieren. Statt die Wirklichkeit objektiv wahrzunehmen, sind wir ständig dabei, sie zu interpretieren. Was wir naiverweise für real halten, hängt deshalb stark von unserer persönlichen Deutung ab.

Im Licht der Entwicklungsgeschichte sind solche Realitätsverzerrungen verständlich. Unser Wahrnehmungsapparat ist ein evolutionäres Produkt. Das menschliche Gehirn hatte dabei nie die Aufgabe, die Außenwelt vollständig und objektiv abzubilden, sondern so, wie es die Bedürfnisse des Homo sapiens erfordern.

Ein schönes Beispiel für unser subjektives Rea-litätsempfinden ist das Phänomen der Zeit. Auf dem Zahnarztstuhl dehnen sich Minuten zu Stunden. Aber je mehr wir die Zeit auskosten wollen, desto schneller rast sie dahin. Für dieses schwankende Zeitgefühl haben Psychologen eine Fülle von Faktoren zutage gefördert – zum Beispiel: Je unangenehmer und monotoner eine Situation ist und je weniger wir aktiv sind, desto langsamer scheint die Zeit zu vergehen.

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Aber was ist mit der physikalischen Zeit? Gibt es nicht doch einen unverrückbaren Takt des Universums? Einstein definierte pragmatisch: »Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.« Und in seiner Relativitätstheorie zeigte er, dass jede Zeitmessung von der Bewegung des Betrachters abhängt. Von der Erde aus gesehen, geht eine Uhr in einem schnellen Raumschiff etwas langsamer. Das wurde mit Atomuhren tatsächlich nachgewiesen.

Und auch was die Wirklichkeit der Materie angeht, stoßen die Physiker an Grenzen. In der Dimension von Atomen lässt sich die Realität nie ungestört beobachten, sondern wird durch jede Messung beeinflusst. Der Grund für dieses »Beobachterproblem«: In der Welt des ganz Kleinen ist das Mittel der Beobachtung (Licht- oder Röntgenstrahlen) notgedrungen von derselben Größenordnung wie das beobachtete Objekt. Atomphysiker sind daher permanent in der Situation von Blinden, die ihre Umgebung ertasten müssen, um sich von ihr ein Bild machen zu können – und die mit jeder Berührung ihre Umwelt verändern.

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Überdies bestehen Atome zu über 99 Prozent aus leerem Raum. Und die restlichen Bestandteile wie Elektronen und Atomkerne lassen sich in noch elementarere Partikel zerlegen, darunter die Quarks und das ominöse Higgs-Teilchen. So mussten ausgerechnet die materiell denkenden Physiker in den vergangenen Jahrzehnten erleben, wie ihnen die Materie gleichsam unter der Hand zerbröselte.

Wie man es auch dreht und wendet: Bei der Frage nach der Realität landen wir am Ende bei uns selbst, bei den Begrenzungen und kulturellen Prägungen der menschlichen Wahrnehmung. Vielleicht lautet die beste Antwort auf die Frage nach der Realität daher einfach so: Realität ist stets das, was wir dafür halten.