Ziemlich gemein war das Experiment, mit dem Allan Rechtschaffen Ende der 80er Jahre herausbekommen wollte, was passiert, wenn man nicht schläft. Er setzte Ratten auf einen Drehteller über einem Wasserbecken. Sobald die Tiere einzuschlafen begannen, fing der Teller an zu rotieren, sodass sie laufen mussten, um nicht ins Wasser zu fallen und zu ertrinken. Nach zweieinhalb Wochen starben die Ratten. Schlaf ist offenbar lebensnotwendig. Aber warum?

Die einfachste Antwort lautet: Im Schlaf wird weniger Energie verbraucht. Doch Menschen sparen in acht Stunden gerade mal so viele Kalorien, wie eine Tasse Milch enthält, hat die Biologin Isabella Capellini ausgerechnet. Kein Grund, so viel Zeit zu vergeuden.

Sicher ist, dass sich der Körper im Schlaf erholt: Eiweiße werden aufgebaut und freie Radikale, die beim Stoffwechsel entstehen und das Erbgut schädigen, abgebaut. Das Großreinemachen könne aber nicht der eigentliche Grund für den Schlaf sein, sagt der Psychologe Jan Born: »Dazu müsste man nicht das Bewusstsein ausschalten.« Vielmehr gehe es um Sortierarbeiten im Gehirn. Im Tiefschlaf würden Erinnerungen vom Hippocampus, wo sie im Wachzustand zwischenge-speichert werden, ins Großhirn überspielt. »Im wachen Zustand würde das die Reizverarbeitung stören. Wir würden halluzinieren«, erklärt Born.

Um zu beweisen, dass Schlaf wichtig für das Gedächtnis ist, raubte der Psychologe von der Universität Lübeck seinen Probanden versuchsweise den Tiefschlaf. Sie konnten sich tatsächlich am nächsten Tag schlechter an Gelerntes erinnern als ausgeschlafene Testpersonen. Ohne Schlaf kein Gedächtnis, folgert Born daraus. Und ohne Gedächtnis kein Bewusstsein. Denn ohne Erinnerung würde das Erleben in einzelne Momente zerbröseln. Der Psychologe sagt es so: »Schlaf ist ein Bewusstseinsverlust, der Bewusstsein schafft.«

Weitere Artikel zur Serie "12 Fragen der Wissenschaft. Bitte klicken Sie auf das Bild.© Shadowforce/photocase.deDoch es gibt Widerspruch, und zwar von Giulio Tononi: Schlafen sei nicht zum Speichern von Erinnerungen da, sondern zum Löschen, meint der Neurowissenschaftler. Im Schlaf würden die Nervenverbindungen, die sich über Tag durch Erfahrungen vermehrt haben, ausgedünnt, da das Hirn sonst schnell überlastet sei. Für Born müssen sich Speichern und Löschen aber nicht ausschließen, sondern könnten sich beim Sortieren ergänzen.

Ist das also die Lösung? Nicht wenn es nach Jerry Siegel geht. Der Schlafforscher hat die Branche mit der Behauptung aufgemischt, Schlaf habe sich keineswegs entwickelt, weil er zur Regeneration oder zur Gedächtnisbildung nötig sei – sondern vor allem, damit wir keinen Unsinn machen. Wer einen Teil des Tages bewusstlos verbringt, hat schließlich weniger Gelegenheit, Fehler zu begehen. Das ist vorteilhaft fürs Überleben.

Doch vielleicht stimmen auch beide Erklärungen: Das Hirn könnte sich in der Evolution die be-wusstlosen Schutzphasen zunutze gemacht haben, um Eindrücke zu sortieren. Vielleicht also haben wir nur ein Gedächtnis und damit ein Bewusstsein, nur weil wir schlafen.