Natürlich, möchte man als fortschrittsgläubiger Mensch sofort antworten. Hätten wir beliebig viel Zeit und Geld und ginge man davon aus, dass alle Krankheiten eine Ursache haben, die Forscher finden und Ärzte beheben lernen können, dann müsste man alle Leiden therapieren können. Irgendwann, für alle Ewigkeit. Amen.

Der frisch gekürte deutsche Nobelpreisträger für Medizin ist jedoch skeptisch: »Durch mehr Grundlagenforschung könnten wir bei einigen Krankheiten sicher schneller vorwärtskommen.« Aber für die »vorausseh-bare Zukunft« hält es der Krebsforscher Harald zur Hausen für »absolut illusionär, mit unbegrenzten Mitteln auch nur das Krebsproblem zu lösen«.

Weitere Artikel zur Serie "12 Fragen der Wissenschaft. Bitte klicken Sie auf das Bild.

Können wir durch die Erfolge der Medizin wenigstens dauerhaft gesünder werden? Würden mehr Menschen beherzigen, was bekannt ist, könnten 80 Prozent der Herz-Kreislauf-Todesfälle vermieden werden: durch gesunde Ernährung, mehr Bewegung und Verzicht aufs Rauchen. Wenn zusätzlich eine Wundermedizin jedes kaputte Herz und Gefäß reparieren könnte, dann würden zwar immer weniger Menschen an Herzleiden sterben, aber sie erkrankten häufiger an Krebs. Wäre auch der besiegt, würden Alzheimer oder Rheuma ihren Tribut fordern. Und verlören auch sie ihren Schrecken, drohten bisher unbekannte Leiden. Zudem sind die Menschen dem Ansturm immer neuer Erreger ausgesetzt. Wir können schon froh sein, wenn wir einen Schritt schneller bleiben als die Angreifer.

Der zweite Feind lauert in unserem Erbgut. Selbst wenn Forscher lernen könnten, krank machende Mutationen von einer normalen Variation zu unterscheiden und das Erbgut von ihnen zu befreien – niemand könnte vorhersagen, welche Gene die Menschheit in Zukunft benötigen wird. Wer die oft schmerzhafte und immer tödliche Conditio humana abschaffen will, der riskiert am Ende womöglich nur eines: das Überleben der Menschheit.